Part 2
Zuweilen kam Reue über ihn und er wünschte, seine Heimath nicht verlassen zu haben, wobei er sich umdrehte und mit Thränen im Auge nach der Gegend hin blickte, wo sein Geburts-Städtchen lag. Ach, es lag schon so weit hinter ihm, und er vermochte es nicht mehr über sich, zurückzukehren. Er gedachte den Ring, den er im zerstörten Dohlen-Neste gefunden hatte und den er von jenem Tage an stets bei sich trug, ohne Jemanden hievon Mittheilung zu machen, in Bremen vortheilhaft zu verkaufen und mit dem Erlöse die Reisekosten bis London vollkommen zu bestreiten.
In Gedanken nahm er Abschied von seinem Vater, den er wegen seiner so großen väterlichen Güte sehr liebte, aber wegen seiner Strenge auch sehr fürchtete. Er bat denselben um Verzeihung und nahm sich vor, von Bremen aus, eh' er das Schiff besteige, zu schreiben, ihm seinen ganzen Plan schriftlich mitzutheilen und ihn so außer Sorgen zu setzen wegen seiner Zukunft.
Dann erinnerte er sich seiner guten Schwester Aurelie und beschloß, auch einen Brief an sie bei zu legen. Endlich gedachte er seiner vortrefflichen Mutter, die längst im Grabe ruhte und unwillkührlich schossen ihm wieder die Thränen in die Augen.
Ja, gute Mutter! sprach er, wenn du noch lebtest, gewiß würde ich diesen Schritt nicht gethan haben; du würdest die Vermittlerin bei meinem Vater geworden seyn und hättest Alles zum Besten gelenkt. Wie oft hast du mich gewarnt, wenn ich unbarmherzig den Fliegen die Flügel heraus riß und wie oft hast du gesagt: Karl, Karl! das nimmt kein gutes Ende, wann du so fortfährst; ach, wie oft hast du mich auch deshalb gestraft und nun ist wirklich meine Thierquälerei die Ursache meiner Entfernung aus dem elterlichen Hause. Ich weiß nicht, was mir noch begegnen wird, ich weiß nicht, wie ich von meinem Onkel aufgenommen werde, allein ich will Alles geduldig ertragen, was mir auch immerhin Wiederwärtiges begegnen sollte, ich habe es nicht anders verdient.
Jetzt war ihm, als vernehme er aus der Ferne das Glockengeläute seiner Heimath, er blieb stehen und horchte, es war so; da sank er vor Wehmuth auf den Boden und schluchzte laut.
In diesem Augenblicke kam ein Metzgergeselle vorüber, der oft Fleisch in das Haus des Kaufmannes Daruff getragen und auf diese Weise den Sohn Karl kennen gelernt hatte. Er blieb stehen, betrachtete den Knaben und sprach:
»Was fehlt dir doch, Karl?«
Überrascht sah Karl auf und als er den Metzgergesellen vor sich sah, der ihm wohl bekannt war erwiederte er: ach, da hat mich mein Vater nach Bremen geschickt, nun drücken mich meine Stiefel so sehr, daß ich vor Schmerz kaum weiter kann.
Da geh' du lieber mit mir zurück, sprach der Metzgergeselle, denn unmöglich würde dir dein Vater diesen Gang zumuthen, wüßte er, daß du wunde Füße hast. Komm doch und gehe mit mir zurück.
Nein, nein, versetzte Karl, ich muß den Weg schon zurück legen; ich will nur kurze Zeit noch ausruhen und dann versuchen, weiter zu kommen. Ich müßte mich ja schämen, käme ich unverrichteter Sache nach Hause.
So reise glücklich! sprach der Metzgergeselle, meine Geschäfte leiden keinen Verzug und so setzte er seinen Weg fort.
Karl sah ihm nach, die Trennung von der Heimath schmerzte ihn auf's Neue, doch konnte er es nicht über sich gewinnen, noch zur rechter Zeit umzukehren.
Als er den Metzgergesellen aus dem Gesichte verloren hatte, erhob er sich und wanderte auf Bremen zu.
Dort angekommen führte ihn der Weg an dem Laden eines Juweliers vorüber. Da will ich eintreten, dachte er und meinen Ring gegen baares Geld umsetzen.
Er trat in den Laden und mit großer Schüchternheit nahm er seinen Ring aus der Tasche, hielt solchen einem Arbeiter, den er für den Juwelier hielt, hin und sprach: kauft mir doch diesen Ring ab!
Der Mann legte den Gegenstand, an dem er bedächtig gearbeitet hatte, bei Seite, nahm den Ring zur Hand, betrachtete ihn genau und nahm dann den Verkäufer scharf in das Auge. Wie viel verlangst du für diesen Ring! fragte er dann.
Gebt mir so viel er werth ist, antwortete Karl, einen kleinen Nutzen gönne ich Euch schon.
Wie ist denn dieser Ring dir zu Handen gekommen? fragte der Mann weiter. Ich habe ihn gefun -- doch schnell änderte Karl den Satz und sprach: ich habe diesen Ring schon lange.
So, so? redete der Mann, betrachtete den Ring und den Verkäufer noch aufmerksamer, zog dann die Augenbraunen zusammen, gieng zum Tische, auf welchem mehrere Schriften lagen, nahm ein Zeitungsblatt zur Hand, suchte erst einige Zeit darin, dann las er, während er oft vom Papiere weg und auf den Ring schaute, nahm endlich Blatt und Ring zu sich, zog einen saubern Rock an und bedeutete dem Verkäufer, ihm zu folgen.
Karl konnte dieses Benehmen nicht verstehen und folgte dem Manne, während seine Verlegenheit mit jedem Schritte mehr zunahm.
Wie heißt dieses Gebäude, in welches wir jetzt gehen? fragte er seinen Begleiter.
Das ist die Polizei, entgegnete dieser trocken.
Karl entfärbte sich, denn jetzt erst durchfuhr ihn eine Ahnung, die Weise, wie er zu dem Ringe gekommen, dürfte nicht einen redlichen Erwerb begründen.
Ihr werdet mich doch nicht anklagen wollen? fragte er jetzt furchtsam seinen Begleiter.
Ich wohl nicht, versetzte dieser, aber hier der Ring und deine große Befangenheit und deine Furcht mögen wohl wider dich zeugen.
Der Juwelier ließ sich jetzt melden und trat mit Karl in die Gerichtsstube.
Ersterer näherte sich bescheiden dem Beamten und eröffnete ihm:
So eben kam dieser Knabe zu mir und bot mir diesen Ring zum Kaufe an; ich betrachte den Ring und finde sogleich Aehnlichkeit mit jenem, welcher als entwendet im Wochenblatte öffentlich ausgeschrieben ist. Ich hielt es für meine Schuldigkeit, hievon die Obrigkeit in Kenntniß zu setzen.
Der Beamte nahm die Aussagen des Juweliers zu Protokoll, gab demselben bezüglich der Anzeige seine Zufriedenheit zu verstehen und der Juwelier wurde entlassen.
Nun wurde Karl in's Verhör genommen. Er zitterte heftig und oft versagte ihm die Stimme; er mußte seinen Namen, den Tag seiner Geburt, den Stand und den Wohnort seiner Eltern angeben und dann kam es zur Erzählung bezüglich der Auffindung des Ringes im zerstörten Dohlen-Neste. So viel merkte er an der Miene des Beamten, daß seiner Erzählung wenig Glauben geschenkt wurde; auch wurde er oft ermahnt, nur die Wahrheit an zu geben. Dieses schmerzte Karl, er sagte die Wahrheit und man wollte ihm doch keinen Glauben schenken.
Das Verhör wurde geschlossen und Karl abgeführt -- in das Gefängniß.
Fünftes Kapitel.
Karl entweicht aus dem Gefängnisse.
Wie einer, dem das Todesurtheil eröffnet wurde und der dem Tage der Hinrichtung entgegen sieht, so saß Karl in dem Gefängnisse.
Wie sehr bereute er es jetzt, daß er der freundlichen Aufforderung des Metzgergesellen nicht Folge geleistet und sich mit ihm zurück in seine Heimath begeben hatte.
Ist nicht, sprach er zu sich selbst, die Zerstörung des Dohlen-Nestes die Ursache, weshalb ich jetzt im Kerker liege? Hätte ich das Nest nicht zerstört, so würde ich den Ring nicht in demselben entdeckt haben und dieser Ring hat mich in das Gefängniß gebracht.
O Himmel, wie wird das enden? Man glaubt mir nicht, daß ich den Ring im Neste gefunden habe, man ist vielleicht gar der Ansicht, ich hätte ihn entwendet. Und habe ich nicht darin gefehlt, daß ich den Fund verheimlichte? Ach, in welches Unglück habe ich mich gestürzt!
Und mein Vater, o mein armer Vater! brach er in Wehklagen aus, wie wird ihn die Nachricht erschüttern, wenn es heißt, sein einziger Sohn sitze im Gefängnisse, des Diebstahles gezeiht!
Und meine arme Schwester; meine arme Schwester! rief er, welche Schande bringe ich über Vater und Schwester!
Er schluchzte, daß ihm die Thränen von den Wangen flossen.
Dann warf er sich auf den Strohsack und weinte bitterlich fort.
Da öffnete sich die Thüre des Gefängnisses; eine betagte Frauensperson erschien, um dem Gefangenen ein Schüßelchen mit magerer Suppe und ein Stück schwarzes Brod zu bringen.
Da junger Galgenvogel, sprach sie, nimm und iß! deine Jugend dauert mich, du fängst früh an, dich auf das große Werk vorzubereiten, einst eine Zierde des Galgens zu werden.
Hilf mir o Herr! schrie sie auf einmal, als sich Karl vom Strohsacke empor gerichtet und sie angeschaut hatte, bist denn du nicht Daruffs Karl?
Karl stand auf, er erkannte sogleich in der Person seine frühere Wärterin; er wischte sich die Thränen aus dem Gesichte, nahm taumelnd vor Freude und Ueberraschung die Person bei der Hand, sah ihr so recht mit dem innigsten Gefühle der Anhänglichkeit in das Gesicht und sprach: ihr seid's Margaretha? Ach, wie bin ich doch jetzt so froh, daß Jemand um mich ist, von dem ich gekannt bin. Ach, Margaretha, ihr könnt gewiß viel für mich thun. Ich bin unschuldig und -- hier brachen ihm die Thränen wieder hervor -- man glaubt mir nicht, daß ich unschuldig bin. Seht, gute Margaretha, so bin ich nun in dieses Gefängniß gekommen und wenn das der Vater erfährt, so darf ich ihm nicht mehr vor das Angesicht kommen. Ihr wißt ja, Margaretha, wie streng er ist. Helft mir doch, gute Margaretha, wenn ich wieder nach Hause komme, will ich es auch bei meinem Vater dahin bringen, daß er euch eine tüchtige Portion vom besten Kaffee schickt. Aber helft mir jetzt nur! Dabei drückte er Margaretha's Hand fest an sich, die ihm jetzt als die einzige Stütze erschien.
Margaretha war tief gerührt, sie ließ sich auf dem Strohsacke nieder und sprach: ach, du lieber Gott! wer hätte denken sollen, daß ich dich einmal im Gefängnisse antreffen würde. Wie lange habe ich dich doch auf meinen Armen getragen, wie viele schlummerlose Nächte hast du mir als Kind verursacht und nun muß ich alte Person noch erleben, dich im Gefängnisse zu sehen.
Und sie fuhr mit der Hand nach dem Auge, als spüre sie, daß ihr Thränen ankamen.
Aber Margaretha, sagte Karl, ich bin ja unschuldig.
Und er erzählte ihr getreulich den ganzen Hergang vom Beginne der Zerstörung des Dohlen-Nestes bis zu seiner Einkerkerung.
Ei, du lieber Gott! brach hierauf Margaretha in die Worte aus, wie dauert mich der gute Vater. Die Polizei schreibt jetzt an ihn und wenn er ein solches Schreiben empfängt -- o du lieber Gott, Karl, was hast du angestellt?
Große Angst kam auf's Neue über Karl und er fragte mit der größten Beklommenheit: ich werde also nicht wieder frei gelassen und nach Hause geschickt?
O nein! sprach Margaretha, so geht das nicht, ach Herr im Himmel! stehe uns bei.
Karl weinte heftig und sprach: ach, gute Margaretha, laßt mich entwischen. Gute, gute Margaretha! erbarmt euch meiner und helft mir, daß ich aus dem Gefängnisse entkomme! Und er drückte wieder ihre Hand heftig an sich.
Wie kann ich das, versetzte Margaretha, ich würde mich nur unglücklich machen und du würdest bald wieder eingefangen seyn und hieher zurück gebracht werden. Und dann dürfte es erst schlimm um dich stehen.
Ach, Margaretha, fuhr Karl fort, wenn ihr macht, daß ich aus diesem Gefängnisse komme, so will ich mich gleich zu meinem Vater nach Hause begeben und ihm Alles erzählen, wie es mir erging. Und, gute Margaretha, das wird euch mein Vater gewiß nicht vergessen, daß ihr euch meiner angenommen habt.
Margaretha besann sich und sprach hierauf: aber Karl sage mir, hast du wirklich den Ring im Neste gefunden?
Gewiß Margaretha, entgegnete dieser, o! wenn ihr mir nicht glauben wollt, wie sollen mir erst fremde Menschen glauben?
Wenn du mir versprichst, sagte nun Margaretha, daß du dich eiligst und geraden Weges zurück zu deinem Vater begeben willst, so will ich es wagen und dir aus dem Gefängnisse verhelfen. Aber bedenke, wie unglücklich du mich machst, wenn du nicht Wort hältst. Ich werde dann aus dem Dienste gestoßen und verliere die Pension, auf welche ich Anspruch zu machen habe, wenn ich mich noch ein Jahr ordentlich in diesem Dienste verhalte. Dir und deinem Vater die Schande zu ersparen, daß du vielleicht mit dem Gerichtsdiener in dein elterliches Haus geliefert werdest, will ich ein Auge zudrücken; ach, ich bin eine alte Person, habe so viele Wohlthaten in deines Vaters Haus genossen, daß es mir kein Mensch verargen kann, wenn ich dir jetzt aus dem Gefängnisse helfe, zudem da du ja unschuldig bist und zu deinem Vater zurück kehren wirst. Verhalte dich also ruhig bis gegen Abend; ich werde wieder kommen und dich den Weg führen, der dich in das Freie geleitet.
Karl küßte im Uebermaße seiner Freude die alte Wärterin und drückte sie an seine Brust, daß Margaretha zu weinen anfieng.
Laßt mich nur, gute Margaretha, hub er an, einmal zu Vermögen kommen; es soll euch dann nicht schaden, wenn ihr auch die Pension einbüßet; ich komme dann mit einer Kutsche nach Bremen, hole euch ab und ihr verbringt dann eure alten Tage recht vergnügt und froh bei Karl Daruff =junior=. Aber weint doch nicht, meine gute Margaretha und er wischte ihr mit der Hand die Thränen aus dem Gesichte.
So verhalte dich nun ruhig, mein lieber Karl, sprach Margaretha, sei nicht mehr traurig, iß von der Suppe und vom Brode, wenn auch beides nicht so gut, wie in deinem väterlichen Hause ist, so mußt du dich jetzt doch damit begnügen, denn ohne Aufsehen zu erregen kann ich vor Abend nicht wieder zu dir kommen.
Und Margaretha entfernte sich.
Nun war Karl wie umgewandelt. Er freute sich, bald wieder auf dem Wege nach dem elterlichen Hause zu seyn und so ließ er sich die magere Suppe und das schwarze Brod trefflich schmecken. Dann hüpfte er im Gefängnisse umher und spähte durch das vergitterte Fensterchen, ob der Abend nicht bald heran nahe.
Ja, ja, Margaretha, sprach er vor sich hin, du sollst gut belohnt werden! dann fiel er auf die Kniee und betete: »guter Gott, ich danke dir, daß du mir in dieser Margaretha einen Engel gesandt hast, der mich aus dem Gefängnisse befreien wird. Du bist allzeit den Unschuldigen väterlich zugethan, du weißt, daß ich unschuldig bin und so bist du mir auch mit deinem Schutze nahe.
Ich habe wohl gesündigt und mir selbst dieses Mißgeschick bereitet, indem ich grausam gegen deine Geschöpfe war und fremdes Gut unrechter Weise mir angeeignet habe, aber verzeihe mir guter Vater im Himmel! Ich will nie mehr in diese Fehler zurück fallen und künftig nur so leben, daß du allzeit Wohlgefallen an mir hast!«
So betete Karl aus dem Innersten seines Herzens.
Allmählich kam der Abend näher. Karl horchte aufmerksam auf jedes Geräusch und hoffte mit jedem Fußtritte, den er vernahm, den Eintritt seiner guten Margaretha.
Endlich klirrte der Riegel, die Thüre gieng langsam auf und Margaretha erschien.
Sie trug eine schmutzige Jacke und sprach: nun, mein Gefangener, ist dir die Zeit nicht lange geworden?
Ich habe euch, entgegnete Karl, kaum erwarten können.
Nun komm her, sagte sie, gieb mir deinen Rock und ziehe diese Küchen-Jacke an; es ist zur bessern Sicherheit und, fügte sie schmunzelnd bei, wenn einst mein Karl seine Margaretha vergessen sollte, so soll dieser Rock das Zeichen seyn, welches dich an mich erinnert.
Ach, erwiederte Karl, wie könnte ich euch Margaretha je vergessen!
Als nun Karl die Jacke angezogen hatte, sprach Margaretha: wenn du jetzt nach Hause kommst, so grüße deinen Vater und deine Schwester vielmal von der alten Margaretha und damit du unter Wegs nicht Noth leiden mußt, so habe ich in die Jacke ein Stück Braten, ein weißes Brod und ein Fläschchen mit Wein gesteckt. Lasse dir Alles recht wohl schmecken und komme glücklich nach Hause!
Mit dankbarem Herzen küßte Karl wiederholt seine Wohlthäterin, welcher er dann aus dem Gefängnisse folgte. Margaretha geleitete ihn nun durch mehre dunkle Gänge, führte ihn dann über einen großen, freien Platz, öffnete mühsam ein großes Thor, Karl sah sie nochmals mit einem dankbaren Blicke an, entfernte sich durch das Thor und unbeschreiblich war ihm zu Muthe, als er das Thor hinter sich wieder schließen hörte.
Sechstes Kapitel.
Karl zu Schiffe.
Die Nacht brach ein und es wurde allmählig dunkler in den Strassen von Bremen. Karl eilte auf das Thor zu, durch welches er gekommen war, und wie leicht war es ihm jetzt um das Herz, als er die Stadt hinter sich hatte, in welcher er des Diebstahls verdächtig und in das Gefängniß gebracht wurde.
Er eilte rastlos seiner Heimath zu, doch hatte er noch keine große Strecke zurück gelegt, da blieb er auf einmal stehen und wie von einem bösen Geiste wurde er vom Gedanken ergriffen, welchen Empfang er zu Hause zu gewärtigen habe?
Darf ich denn auch, fragte er sich, meinem Vater unter die Augen kommen?
Habe ich nicht Strafe zu befürchten, weil ich mich so lange vom Hause ohne Wissen und Willen meines Vaters entfernt? Zudem hat er jetzt die ganze Geschichte mit dem Hunde im Garten erfahren, er ist sicher heftig gegen mich aufgebracht, was habe ich nicht Alles zu befürchten?
Er war unschlüssig, ob er seinen Weg fortsetzen solle, da fiel ihm die alte Margaretha ein, der er es so fest versprochen hatte, sich auf geradem Wege nach Hause zu begeben.
Begehe ich nicht einen neuen Fehler, sagte er, wenn ich mein Wort nicht halte und nicht eilig heimkehre? Und mache ich die gute Margaretha nicht unglücklich, wenn ich meinem Versprechen nicht nachkomme?
Er that wieder einige Schritte vorwärts, blieb aber auch gleich wieder stehen und fuhr fort: hat denn aber auch Margaretha nicht gesagt: die Polizei werde an meinen Vater schreiben und ihm die Geschichte mit dem Ring, so wie meine Einsperrung mittheilen? Ach, du lieber Gott! gewiß ist schon an meinen Vater geschrieben worden und wenn ich nun nach Hause komme, werde ich als ein Dieb empfangen! Nein, nein! ich darf nicht nach Hause! Ach, gute Margaretha, verzeiht mir! Ich darf, ich darf nicht nach Hause!
Und er entschloß sich, umzukehren.
Während er nun wieder der Stadt Bremen zuging, überlegte er, wie und wo er sich aufhalten könne. Ueberall sah er Hindernisse. Er sah sich von der Polizei verfolgt und dachte mit Schauder zurück an das Gefängniß.
Endlich war er mit sich einig. Er nahm sich vor, an den Hafen zu gehen und falls ein Schiff segelfertig mit der Bestimmung nach London vor Anker liege, sich als Schiffsjungen anwerben zu lassen und zu seinem Onkel Heinrich nach London zu reisen.
Von London aus wollte er dann an seinen Vater schreiben, so wie er auch der alten Margaretha einen Brief schicken wollte, in welchem er sie um Verzeihung zu bitten und sie wegen ihrer Zukunft zu beruhigen gedachte.
So kam er an den Hafen.
Er machte mit seinem Vorhaben einen Matrosen bekannt, der sich auch seiner annahm und ihm versprach, sich für ihn beim Schiffs-Kapitain zu verwenden. Zwar macht unser Schiff, sagte der Matrose, die Fahrt nicht sogleich nach London, indem es erst mit voller Ladung nach Brasilien geht, von dort aber segeln wir ohne Aufenthalt nach London; es wird dir übrigens, mein Junge, nichts schaden, wenn du auch die Küste von Amerika siehst und zwar auf so billige Weise.
Da erblickte Karl einen Diener der Polizei, der an ihm vorüberging, als er mit dem Juwelier das Polizei-Gebäude betrat. Unendliche Angst ergriff ihn. Er bat den Matrosen, ihn doch sogleich mit auf das Schiff zu nehmen, da er bereit sei, die Fahrt nach Brasilien mit zu machen. Er befürchtete, dem Diener der Polizei in die Hände zu fallen, suchte deshalb so bald als möglich auf das Schiff zu kommen, ohne zu überlegen, welche Reise er antreten werde.
Der Matrose ergriff ihn bei der Hand und nahm ihn mit auf das Schiff. Dort stellte er ihn dem Kapitain vor.
Dich können wir schon brauchen, sagte der Kapitain zu Karl, aber sage mir, wie verträgt sich denn deine schmutzige Jacke mit der feinen Hose?
Karl betrachtete erst jetzt seine Jacke und gewahrte so den Unterschied zwischen Hose und Jacke.
Herr, sagte Karl, ein Wohlthäter hat mir die Hose geschenkt.
Wenn du sie nicht gestohlen hast, bemerkte der Kapitain. Nun sei dem, wie ihm wolle, fuhr er fort, ist er ein hergelaufener Bursche, so wird er doch nicht von unserm Schiffe laufen. Weise ihn zurecht! Jakob, wendete er sich hierauf an den Matrosen, und dieser entfernte sich mit Karl.
Sehr weh that es Karl, daß der Kapitain die Bemerkung über die Hose gemacht hatte.
Auch dieser, dachte er, hält dich für Einen, der sich dem Diebstahle ergibt; hätte ich vielleicht die Wahrheit gesagt, würde er die Bemerkung nicht gemacht haben; ich habe gelogen und wer lügt, der stiehlt auch. Der Kapitain mag mir wohl angesehen haben, daß ich ihm nicht die Wahrheit sagte, so mochte er auch wohl der Meinung werden, ich könne die Hose gestohlen haben.
Und wehmüthigen Herzens folgte er dem Matrosen, der besondere Zuneigung zu Karl gefaßt zu haben schien, denn er gab sich sehr mit ihm ab, unterrichtete ihn in diesem und jenem Geschäfte und war ihm mit Rath und That allzeit zur Hand.
Siebentes Kapitel.
Kummer im elterlichen Hause.
Als Aurelie vom Garten heimgekehrt war, ging sie niedergeschlagen in das Wohnzimmer und nahm ihre weibliche Arbeit zur Hand. Sie sah oft durch das Fenster hin nach der Straße, aus welcher Karl von der Wohnung des Forstmeisters aus kommen mußte. Sie wartete mit Sehnsucht auf die Ankunft ihres Bruders und da sich diese von Stunde zu Stunde verzögerte, wurde sie immer ängstlicher, daß sie ihre Beklommenheit nicht länger mehr zu verbergen im Stande war.
Da trat der Vater in das Zimmer. Wo ist Karl? fragte er. Und was ist denn mit dir? fuhr er fort, daß du so verstört aussiehst?
Ach, lieber Vater, sagte Aurelie, werde nicht ungehalten! Karl hat wieder einen schlimmen Streich verübt, allein ich bin die Veranlassung dazu, verzeihe also ihm und mir!
Und nun erzählte sie ihm die Geschichte mit dem Hunde im Garten und schloß mit den Worten: wäre ich selbst daran gegangen, den Hund von den Blumenbeeten und aus dem Garten zu treiben, so wäre der Unfug wohl nicht geschehen, den Karl mehr in der Uebereilung als mit bösem Herzen verübt hat. Sieh ihm also, lieber Vater, noch einmal nach und verzeihe ihm und mir!
Nein, meine Tochter, sagte der Vater, hier wäre Nachsicht am unrechten Orte; Karl hat sich schon so oft in diesem Punkte verfehlt, daß ich nur mit Grund befürchten muß, sein Herz verschließe sich für alle feineren Gefühle. Ich will ihn diesesmal nachdrücklich strafen.
Und welche Unannehmlichkeit für mich, daß der Hund gerade dem Forstmeister zusteht! Welche Ansichten muß der Mann von mir gewinnen? Wird er nicht denken, daß ich mich der Erziehung meines Sohnes gar nicht annehme? oder daß ich auf seine Bildung und Veredlung des Herzens nichts verwende? Wäre der Hund einem gemeinen Manne, so könnte ich den Mann abfinden und den Schaden so gut als möglich ersetzen, wie soll ich es aber hier anfangen?
Und nachdenkend ging er im Zimmer auf und ab.
Aber wo ist denn Karl? fragte er hierauf wieder.
Er ist auf meinen Rath zum Forstmeister gegangen, erwiederte Aurelie, um ihn um Verzeihung zu bitten und sich zu erkundigen, wie der Schaden wieder gut zu machen sei.
Das ist noch löblich, sagte der Vater, aber dessen ungeachtet wird ihm eine empfindliche Strafe nicht geschenkt.
Jetzt wurde Karl zurück erwartet, allein er erschien nicht. Der Abend kam herbei, ohne daß sich Karl einstellte. Ach Gott, sagte Aurelie von einer Ahnung ergriffen, Karl wird doch nicht in der Angst des Herzens einen weiteren unüberlegten Schritt gethan und sich entfernt haben?
Ich will selbst zum Forstmeister gehen, sprach der Vater, um mich theils zu erkundigen, ob Karl dort war und wohin er sich etwa entfernte, theils um den Forstmeister wegen des Schadens zufrieden zu stellen.
Mit Verwunderung vernahm nun der Kaufmann Daruff vom Forstmeister, daß sich Karl wohl vor dem Hause habe sehen lassen, daß er dasselbe jedoch nicht betreten habe. Was übrigens den Schaden anbelangt, setzte der Forstmeister wohlwollend bei, so ist er ganz unbeträchtlich; auf der Jagd ist der Hund wegen des hohen Alters nicht mehr zu brauchen, und daß ihm durch den Verlust des Schweifes eine besondere Zierde abgegangen sei, wüßte ich gerade auch nicht, übrigens ist Achill der Liebling meines Sohnes Eduard und den zufrieden zu stellen, fuhr er lächelnd fort, wird auch nicht so schwer seyn.