Part 1
[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~]
Begegnisse eines jungen Thierquälers
oder
»Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.«
Eine neue Erzählung für die Jugend.
Vom Verfasser des »Glockenbuben.«
Mit einem Stahlstich.
Augsburg, 1843. von _Jenisch_ und _Stage_'sche Buchhandlung.
Erstes Kapitel.
Das Dohlen-Nest.
An einem stürmischen Tage befanden sich viele Knaben auf der Wiese nächst einem Städtchen unfern Bremen, welche alle lebhaft beschäftigt waren, einen papiernen Drachen steigen zu lassen.
Karl Daruff zeichnete sich besonders aus; er war der Besitzer des Drachen, den er triumphirend trug, während ihn seine Jugendgenossen eng umgaben, wie ein Fahnenträger eingeschlossen ist, wenn es in's Feld geht.
Das Bild des Drachen, welches mit hellen Farben von Karl auf dem Papiere entworfen war, bot den Vorübergehenden vielen Stoff zum Lachen und zu allerlei schnurrigen Bemerkungen; denn fürwahr, es machte der Phantasie des Künstlers Ehre, welcher ein Wesen erschuf, das dem Kopfe nach einem grimmigen Löwen, dem Laufe nach einem Krokodille und dem Ringelschwanze nach vollkommen einem Delphine glich.
Die Tauben auf dem Felde flüchteten sich schon von Ferne und eilten dem Schlage zu, so bald sie des Bildes gewahr wurden und ein Fuhrmann, der des Weges kam, hatte den Aufwand aller seiner Kräfte nothwendig, um die ob dem schauerlichen Anblicke scheu gewordenen Stiere an sich zu halten.
Karl suchte nun auf der Wiese eine etwas erhabene Stelle aus, die Schnur wurde so weit es nothwendig, aufgerollt, und als sich jetzt wieder der Wind stärker erhob gab er dem Drachen einen leichten Stoß nach oben, dieser schwebte allmählig empor und auf einmal stand er majestätisch oberhalb dem Städtchen und lustig war es anzusehen, wie schnell sich alle Tauben von den Dächern flüchteten, indem sie die Erscheinung wohl für einen hungerigen Geier halten mochten.
Die Knaben auf der Wiese freuten sich sehr, bis ihre Freude plötzlich dadurch gestört wurde, daß die Schnur bei einem heftigen Windstoße zerriß und der Drache nun frei in den Lüften schwebte. Aller Augen folgten den Bewegungen desselben, der sich allmählig senkte, dann wieder horizontal vom Winde fortgerissen wurde. Auf einmal erhielt er eine Richtung nach dem in der Nähe sich befindenden Walde, die Knaben aber verloren ihn nicht aus dem Auge, und eilten dem Walde zu und Karl war der Erste.
Auf einem hohen Baume ließ sich endlich der Drache nieder und verwickelte sich mit der Schnur in dem Wipfel. Karl entledigte sich sogleich seines Rockes und schickte sich an, den Baum zu ersteigen. Zwar wollten ihm einige Andere zuvorkommen, allein er als Eigenthümer des Drachen bestand darauf, daß es nur ihm zustehe, den Baum zu ersteigen. Mit vieler Fertigkeit kletterte er den Stamm empor, kam dann von Ast zu Ast immer höher, bis er den Wipfel erreichte, und so dem Drachen nahe war. Da rief er: »seht! seht! ein Vogelnest!« Die unten Stehenden vergaßen über dem Neste den Drachen und äusserten einstimmig den Wunsch, zu ersehen, was sich in dem Neste befinde.
Allein Karl griff zuerst nach dem Drachen, schnitt ihn von der Schnur, mit welcher er sich im Laubwerke verwickelt hatte, ab und stieß ihn über den Wipfel hinaus und glücklich langte der Drache unten an und wurde mit Jubel empfangen.
Hierauf machte sich Karl näher an das Nest hin und begann, dasselbe zu untersuchen.
Drei Jungen, rief er, sind in dem Neste, drei Jungen, aber noch ganz nackt! Und während er dieses sagte, entflog eine Dohle, welche das Nest gesucht hatte.
Junge Dohlen! junge Dohlen! rief Karl, und nun nahm er unbarmherzig die nackten Dohlen aus dem Neste und warf sie vom Baum.
Seine Jugend-Genossen, welche mehr Mitleid mit den jungen Vögeln hatten, riefen ihm zu, die Brut doch zu schonen und sie ruhig im Neste zu lassen; allein Karl erwiederte: ich kann von jeher die Raben und Dohlen nicht leiden, was liegt auch daran, ob drei Dohlen mehr oder weniger herum fliegen! Und mit diesen Worten warf er auch das dritte Junge aus dem Neste, dann griff er das Nest selbst an und suchte es zu zerstören; er riß es auseinander. Da sah er auf einmal etwas blinken, er langte nach dem blinkenden Gegenstande und sieh! es war ein kostbarer, goldner Ring mit einem Edelstein. Freudig betrachtete Karl den Ring und schon rief er: »was hab ich gefun -- --« da hielt er inne, und überlegte, ob es nicht besser sei, seinen Fund zu verheimlichen? Er entschied sich kurz für die Verheimlichung, steckte den Ring zu sich, warf den übrigen Theil des Nestes auch noch vom Baume und stieg dann herunter.
Da lagen nun die armen Dohlen, ihrem Ende nahe. Die Knaben hatten sich um die nackten Thierchen gestellt, und konnten nicht umhin, die Handlung Karls zu tadeln und den Vögeln ihr Mitleid zu bezeigen.
Wie wäre es denn dir gewesen, sprach Justus zu Karl, wenn man dich so aus der Wiege geworfen hätte? Geh, du solltest dich schämen und nun lachst du noch?
Ha, ha, ha! erwiederte Karl, gehöre ich denn zum Geschlechte der Dohlen?
Ich will nur damit sagen, fuhr Justus fort, daß diese armen Thierchen denselben Schmerz fühlen, den du gefühlt haben würdest, hätte man dich so unbarmherzig aus der Wiege geworfen. Zudem sind auch diese Vögel nicht ohne allen Nutzen für den Menschen, die sogar den Schafen und Schweinen das Ungeziefer vom Rücken suchen, wie ich recht gut aus der Naturgeschichte weiß.
Mit deiner Gelehrsamkeit! rief Karl und ohne sich um Justus Worte zu kümmern gieng er auf die jungen Dohlen zu, hob ein Junges auf und sagte: wie? du lebst ja noch? Und alsbald warf er dasselbe an einen Eichstamm, daß es hin ward. Er war eben im Begriffe, auch mit den andern Jungen es so zu machen, da näherte sich dem Knaben ein betagter Holzhauer, der aus der Ferne das Treiben Karls mit Unwillen bemerkt hatte.
Schämst du dich nicht, böser Bube, sprach er zu Karl, so mit den Thieren umzugehen, die der allgütige Vater im Himmel erschaffen hat? Hast du in der Schule nicht mehr gelernt und bist du denn so verwildert aufgewachsen, daß es dir gleichgültig seyn kann, ob du einen Stein oder ein Thier aus der Hand schleuderst? Ich sage dir, du böser Bube, eine schlimme Zukunft voraus, wenn du dich nicht besserst; denn wer leichtfertig Thiere quälen kann, der verhärtet immer mehr sein Herz und am Ende ist es ihm gleichgültig, ob er eine Katze, einen Hund oder einen Menschen quält oder foltert. Wärst du mein Sohn, so würde ich jetzt nicht anstehen, zum Frommen dieser übrigen Knaben und zu deinem eigenen Besten dir mit dem nächsten besten Haselstocke eindringlich die Lehre beizubringen, daß die Thiere zur Wohlfahrt der Menschen erschaffen seien, und daß sich der schwer wider Gott, den allgütigen Vater versündigt, der diesen Zweck der Thiere verkennt und sie quält und zu Tode martert. Kennst du denn den Spruch nicht, der da heißt:
»Quäle nie ein Thier aus Scherz, Denn es fühlt wie du den Schmerz.«
Und nach diesen Worten wollte sich der wohlmeinende Holzhauer wieder an seine Arbeit begeben, aber Karl, auf den diese Rede keinen Eindruck gemacht hatte, rief ihm nach: Du Kahlkopf! was geht es dich an, wenn ich ein Dohlen-Nest zerstört habe?
Hiedurch wurde der Holzhauer aufgebracht und er war daran, den ihn beschimpfenden Knaben zu züchtigen, aber Karl geschwinder als er hatte seinen Drachen ergriffen und begab sich auf die Flucht.
Wem steht dieser Junge zu? fragte jetzt der Holzhauer die übrigen Knaben.
Und diese erwiederten: er ist der Sohn des Kaufmanns Daruff.
Der böse Bube, sprach der Holzhauer weiter gehend, der böse Bube scheint nichts von dem guten Herzen seines Vaters zu haben.
Die Knaben folgten jetzt der Richtung welche Karl genommen hatte, der Holzhauer ging wieder seiner Arbeit zu, als er Abends aber nach Hause kehrte, da begab er sich zum Knabenlehrer des Städtchens und theilte ihm getreu den Hergang im Walde mit; denn dachte er, schweige ich still, so ist es nur zum Nachtheil dieses Knaben, der erst die armen Thierchen zu Tode quälte und dann noch seinen Spott an mir hatte.
Folgt aber seinem Vergehen zur rechten Zeit die Strafe nach, so kann das nur heilsam für denselben seyn. Er sieht dann gewiß ein, wie schlimm er gehandelt hat und auf die Worte seines Lehrers wird er mehr geben als auf meine Aeußerungen.
Der einsichtsvolle Lehrer lobte auch den Schritt des Holzhauers und versprach ihm, geeignet gegen Karl einzuschreiten.
Zweites Kapitel.
Karls Strafe.
Karl, sprach der Kaufmann Daruff zu seinem Sohne, der gerade seine Bücher zurecht gelegt hatte und sich in die Schule begeben wollte, Karl, dein Onkel Heinrich hat aus London geschrieben und sich erkundigt, wie es mit dir steht; ich sage dir das, damit du mit mehr Eifer an deine Schularbeiten gehst, und dich hauptsächlich im Schreiben und Rechnen übst, überhaupt auch die Erdbeschreibung nicht vernachläßigst, denn dein Onkel Heinrich ist gesonnen, dich mit nächstem auf sein Comptoir zu nehmen, wo du dich mehr als in meinem Hause, besonders was die Wissenschaften, die einem Kaufmanne nothwendig sind, betrifft, ausbilden kannst. Lasse dir das gesagt seyn; auch dein Betragen mußt du ändern und, höre ich noch einmal von dir, daß du nach des Nachbars Hund geworfen hast, oder höre ich von der Magd im Hause, daß du die Katze verfolgst, oder sie, wie du schon mehrmals gethan hast, in die Thür einklemmst, so will ich es nicht an empfindlichen Strafen fehlen lassen. Es ist einmal Zeit, daß du dich besserst, und deine üble Gewohnheiten, Thiere bei allen Gelegenheiten zu necken oder zu quälen, ablegst. Du bist deshalb schon so oft von mir gewarnt worden, ich habe dich schon oft darüber betroffen und sogleich gestraft, daß ich täglich der Hoffnung seyn dürfte, du werdest jetzt in dich gehen und dich bessern. Ich will dir alles dieses nur bei Gelegenheit des Briefes deines Onkels in das Gedächtniß zurück rufen, damit du dich darnach richten kannst, denn mit vollem Ernste; besserst du dich nicht, so soll es mir nie einfallen, dich dem Kaufmannsstande näher zu bringen, ich thue dich dann ohne weiter zu einem Handwerker in die Lehre.
Karl hörte aufmerksam zu; er kannte die Güte, aber auch die Strenge seines Vaters und mit dem Vorsatze, den Ermahnungen seines Vaters nach zu kommen begab er sich in die Schule.
Seine Schwester Aurelie, die mehre Jahre älter und ein Bild aller Tugenden war, sah dem Bruder nach, und als dieser die Thüre hinter sich hatte, sprach sie zum Vater: Das weißt du noch nicht Vater, was Karl vorgestern in der Nähe des Wirthshauses zum halben Monde angestellt hatte?
Laß doch hören! entgegnete der Vater, gewiß wieder einen der vielen Streiche, die hinter meinem Rücken geschehen.
Dießmal, guter Vater, fuhr die Tochter fort, ist der Streich besser als gewöhnlich ausgefallen und der Wirth zum halben Monde, der noch ein junger Anfänger und dabei ein schlechter Pferdekenner ist, wurde durch denselben sichtlich vor Schaden bewahrt.
Schlome, der reiche Pferdhändler hielt nämlich mit einem Rappen vor dem Wirthshause, der Rappe gefiel dem Wirthe und er handelte um denselben. Eh noch der Handel abgeschlossen war, kam unser Karl des Weges; als er des Rappen ansichtig wurde, blieb er gleich stehen, wartete die Gelegenheit ab und als Schlome und der Wirth recht heftig im Gespräche begriffen waren näherte er sich dem Pferde und riß demselben mehre Haare aus dem Schweife, die er mir zu bringen gedachte. Ich habe es ihm jedesmal verwiesen, wenn er mir dergleichen Haare zu meinen Arbeiten brachte, und ihn nicht nur allein darauf aufmerksam gemacht, daß er sich der Gefahr, vom Hufe des Pferdes verletzt zu werden, aussetze, sondern daß er auch noch auf diese Weise das Thier quäle, doch umsonst, kaum sah er den Rappen, so riß er ihm wie gewöhnlich, wenn er eines Pferdes, das ruhig steht, ansichtig wird, Haare aus dem Schweife. Zwei andere Knaben sahen dieses, sie hätten auch gern Haare gehabt, getrauten sich aber nicht so nahe an das Pferd; da geht auf ihr Ersuchen Karl wiederholt hin und indem er versucht, einen etwas dickeren Strang Haare dem Pferde auszuraufen, da -- welcher Schrecken! hält Karl auf einmal den ganzen Roßschweif in der Hand.
Er besinnt sich nicht lange, wirft den Roßschweif zu Boden und sucht sein Heil in der Flucht.
Dieser Vorfall machte vor dem Wirthshause viel Aufsehen; Schlome, der Pferdhändler aber suchte die Sache zu vertuschen, denn wie sich nachher herausstellte, so war der Schweif dem Pferde künstlich eingesetzt. Der Wirth war froh, daß er Handels nicht einig geworden war und Schlome verließ gleich darauf mit seinem Rappen die Stadt.
Sieh, Vater, das hat sich erst vorgestern zugetragen, ich aber erfuhr die Geschichte heute von meiner Freundin Julie.
So macht der Junge einen Streich nach dem andern; es ist mir in der That sehr lieb, daß sich mein Bruder in London desselben annehmen und ihn auf seinem Comptoir ausbilden will, entgegnete der Vater.
Während sich so Vater und Tochter besprachen, ging Karl der Schule zu. Der Lehrer schien ihm heute nicht besonders freundlich zu seyn.
Nach dem Schlusse des Unterrichts fragte der Lehrer zu Karl gewandt: sage mir, wer waren gestern deine Gesellschafter, als du auf der Wiese deinen Drachen steigen ließest?
Karl nannte sie dem Lehrer.
Ihr bleibt noch hier, sprach dieser, die Uebrigen können sich nach Hause begeben.
Und als sich nun Karl mit seiner gestrigen Gesellschaft dem Lehrer gegenüber befand, da schien ihm sein Gewissen schon zu sagen, worauf es jetzt an zu kommen habe.
Ist es wahr, fragte jetzt der Lehrer mit Ernst und Würde, daß du gestern ein Dohlen-Nest zerstört hast? Ja, daß du in deiner Grausamkeit sogar so weit gegangen bist, die nackten Vögel aus dem Neste zu schleudern?
Kaum hörbar und mit niedergeschlagenen Augen antwortete Karl: ich habe es gethan, Herr Lehrer, aber verzeihen Sie mir nur noch dießmal, ich will es gewiß nie mehr thun! Dann brach er in ein Schluchzen aus und fuhr fort: ich bin, Herr Lehrer, nicht in der Absicht, das Dohlen-Nest zu zerstören, auf den Baum gestiegen, ich wollte nur wieder zu meinem Drachen kommen und da ich nun des Nestes gewahr wurde, ergriff mich auch sogleich die Lust, dasselbe zu zerstören. Ich habe gefehlt Herr Lehrer, aber ich will mich eines solchen Fehlers gewiß nicht mehr schuldig machen, verzeihen Sie mir nur diesesmal noch.
Und als jener redliche Holzhauer, fuhr der Lehrer fort, dir deine grausame Handlung vorhielt, hast du ihm nicht mit Schimpfworten erwidert?
Ich that es auch, Herr Lehrer, sprach Karl und bereue auch dieses.
Seht ihr, wandte sich jetzt der Lehrer an die übrigen Knaben, wie eine böse Handlung immer eine andere böse Handlung nach sich zieht? Erst zerstörte Karl das Vogelnest und tödtete grausam die nackten Jungen und verfehlte sich so gegen das Gebot, welches uns vorschreibt, auch menschlich gegen Thiere zu seyn, nach den Worten: »der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes;« dann begegnete er einem alten Manne mit beschimpfenden Aeußerungen und machte sich so eines weiteren Vergehens schuldig. Ihr seht, wer Ein Gebot nicht beachtet, der setzt sich auch über das andere hinweg.
Dann könnt ihr auch noch hieraus ersehen, wie verderblich der Hang zur Thierquälerei wird, und wie derjenige blind demselben fröhnt, der nicht frühzeitig sein Herz bewacht, und diesen Trieb zu ersticken sucht. Karl stieg nicht in der Absicht auf den Baum, um das Nest zu zerstören, er konnte nur dem Hange nicht widerstehen, da sich ihm eine so schöne Gelegenheit, Thiere zu quälen, ergab. Wie oft habe ich euch nicht schon gesagt, daß das Kind, welches eine Lust daran findet, Fliegen zu quälen durch das Abschneiden der Flügeln oder Herausreißen der Beine; wenn dieser Hang in ihm nicht getödtet wird, leicht als Knabe der Quäler größerer Thiere wird, und an die Stelle der Fliegen, Bienen und Käfer treten Katzen und Hunde. Wie die Kräfte des Thierquälers zunehmen, so nimmt auch sein Hang zur Thierquälerei zu und ach! wenn es dann noch bei den Thieren blieb. Ein solcher unglücklicher Mensch, dessen Gefühl für das Wohl und Weh der Thiere erstorben ist, dessen Herz ist auch für seine Mitmenschen verhärtet, und nur zu oft wird ein solcher eine Geißel der Menschheit. Deshalb prägt es euch heute fest in eure Herzen, wie gefährlich der Hang zur Thierquälerei wird, nehmt euch fest vor, nie ein Thier zu quälen und seht ihr, daß ein solches Vergehen von Anderen verübt wird, so tretet mit aller Festigkeit und mit allem Muthe auf und duldet solchen Frevel nicht! Erinnert euch des wackeren Holzhauers, handelt in ähnlichem Falle wie dieser und kümmert euch nichts um böse Reden, die ihr deßhalb vielleicht zu erleiden habt. Ihr werdet nicht nur den Lohn in euch selbst finden, denn jede gute That belohnt sich selbst, sondern ihr werdet auch die Achtung aller guten Menschen finden.
Weil du nun, Karl, wandte er sich wieder zu diesem, deine Vergehen reumüthig einbekannt, und eine Besserung versprochen hast, so will ich für diesesmal noch gelinde Strafe über dich verhängen und so werde ich heute den Tag über dich bei Wasser und Brod einsperren lassen, und von deinem Vergehen und dieser Strafe deinem Vater Nachricht geben. Nach erstandener Strafe aber begibst du dich unverzüglich zu jenem Holzhauer und bittest ihn um Verzeihung ob der ihm zugefügten Unbilde!
Mit diesen Worten des Lehrers wurden die Knaben entlassen, nachdem sie zuvor versprochen hatten, den wohlmeinenden Ermahnungen in allem getreulich nachzukommen.
Karl erstand seine Strafe und leistete nachher dem redlichen Holzhauer Abbitte, wie ihm befohlen war.
Drittes Kapitel.
Karl fällt in seinen Fehler zurück.
Der Kaufmann Daruff besaß vor dem Städtchen einen schönen, großen Garten, in welchem oft Karl mit seinen Spielgenossen die Erholungs-Stunden zubrachte.
An einem schönen Nachmittage befand sich nun Karl wieder mit seinen Gespielen in diesem Garten; er führte mit denselben allerlei Spiele auf und jugendlicher Frohsinn hatte sich ihrer in hohem Grade bemächtigt.
Auch Aurelie war im Garten und sah von Ferne, während sie sich zwischen den Blumenbeeten erging, dem lustigen Treiben der Knaben zu.
Auf einmal sah Aurelie, wie ein schöner Hühnerhund, der durch die nur beigelehnte Gartenthür sich in den Garten geschlichen hatte, eine Katze auf den Blumenbeeten verfolgte; sie rief ihrem Bruder Karl zu, den fremden Hühnerhund doch aus dem Garten zu schaffen und kaum bemerkten dieser und seine Spielgenossen den Hund, so eilten sie herbei; einer der Knaben stellte sich an die Gartenthüre und während dieser einen so großen Spalt mit der Thüre bildete, daß ein Hund zur Noth durchkommen konnte, umgaben die übrigen Knaben den Hund von allen Seiten und suchten ihn aus dem Garten zu treiben.
Der Hund lief auch sogleich auf die Gartenthüre zu und da er sich nun durch den Spalt zu winden suchte, da gedachte der Knabe an der Thüre, das Thier wegen der Verwüstung, die es auf den Blumenbeeten angerichtet, ein wenig zu strafen und ihm einen wiederholten Besuch im Garten zu verleiden; er zwängte daher den Hund mit der Thüre so an den Pfoten, daß derselbe zu heulen anfing.
Recht so, recht so! rief Karl, nahm die Gartenscheere, welche nächst einem Zaune lag, lief damit nach dem Hunde, faßte schnell mit der Scheere dessen Schweif -- einen Druck und der Schweif des Hundes lag vor der Gartenthüre, während des arme Thier mit Heulen sich davon machte.
Um Gotteswillen! rief Aurelie, Karl, was hast du gethan? Wie wird das gehen! Es war der Hund unsers Herrn Forstmeisters. Ach Karl! was hast du wieder in deiner Unbesonnenheit gethan? Karl stand bleich vor Schrecken da und die Gartenscheere entfiel seinen Händen.
Wahrhaftig, Schwester, betheuerte er, so war es nicht gemeint, ich wollte den Hund nur ein wenig kneifen.
Die übrigen Knaben erschracken auch sehr und einer verließ nach dem andern schnell den Garten.
Ach Himmel, sagte Aurelie, wie schwer, lieber Karl, machst du mir den Weg nach Hause; so unschuldig ich auch bin, so wage ich jetzt kaum das elterliche Haus zu betreten. Du weißt, wie streng der Vater ist, dieser Streich wird keine guten Früchte bringen!
Karl wurde durch diese Reden seiner Schwester immer verzagter.
Komm liebe Aurelie, sprach er, wir wollen uns dort in die Laube begeben und uns berathen, was zu thun ist.
Die Geschwister giengen betrübten Herzens in die Laube.
Ich weiß keinen Rath, begann Aurelie und ließ wehmüthig die Arme in den Schooß sinken.
Wenn ich nur gleich einen andern schönen Hund hätte, sprach Karl, so würde ich zum Herrn Forstmeister gehen, ihm solchen bringen und ihn recht inständig bitten, mir den schlimmen Streich zu verzeihen und kein Wort davon meinem Vater zu sagen. Aber wo einen Hund hernehmen?
Gehe so gleich hin zum Herrn Forstmeister, sagte Aurelie, bitte ihn um Verzeihung, vielleicht sieht er die Unbesonnenheit deiner Jugend nach; er ist ein sehr begüterter Mann, wer weiß, ob er nicht den Verlust mit Stillschweigen erträgt, wenn er deine Angst und Reue sieht. Ich aber will mich indessen nach Hause begeben und dich dort erwarten. Gebe Gott, daß die Sache zu deinem Besten sich wende!
Nun verließen die Geschwister den Garten, nachdem noch zuvor Karl den Schweif des Hundes nächst einem Baume vergraben hatte und während Aurelie mit bedrängtem Herzen der elterlichen Wohnung zugieng begab sich Karl nach dem Hause des Forstmeisters.
Eduard, der Sohn des Forstmeisters hatte bereits den Hergang der Verstümmlung des Hundes von einem der im Garten gegenwärtig gewesenen Knaben ausführlich vernommen und da der Hund sein Liebling war und ihm deshalb sehr zu Herzen ging, daß er nicht nur muthwilliger Weise so gequält, sondern auch noch verstümmelt wurde, so brach er beim Ansichtigwerden Karls in heftige Vorwürfe aus.
Du kommst gerade recht, rief er, mein Vater hat die Hundspeitsche schon zur Hand; es soll dich dein Leben lang gereuen, unsern Achill so gequält und am Ende noch verstümmelt zu haben! du bist schon als der größte Thierquäler allgemein bekannt, aber mein Vater wird dich zurecht weisen, daß es dir gewiß nie mehr einfallen wird, mit einem Hunde so zu spielen. Geh nur hinauf zu meinem Vater, der dich gehörig empfangen wird!
Durch diese Anrede verlor Karl vollends allen Muth. Er hätte so gerne die härteste Strafe erstanden, wäre es nur damit auch abgethan gewesen. Er machte sich lebhaft die beunruhigendsten Vorstellungen; erst sah er den Forstmeister mit der Hundspeitsche auf sich zukommen, dann sah er auch noch seinen Vater, wie ihn derselbe erbittert in Empfang nahm und ihm mit der größten Entrüstung die härtesten Strafen bereitete.
Er stand mehrere Augenblicke unschlüssig da, da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, er könne ja allen diesen Unannehmlichkeiten durch die Flucht sich entziehen und sogleich war auch sein Vorsatz gefaßt.
Hat mir, sprach er zu sich selbst mein Vater neulich nicht erst gesagt, daß mich mein Onkel Heinrich zu London in's Comptoir zu nehmen gesonnen sei? Ich will mich zu ihm begeben und kehre ich dann nach Jahren heim in meine Heimath, so wird sicher die schlimme Geschichte mit dem Hunde vergessen seyn.
Und ohne noch einmal in das elterliche Haus zurück zu kehren machte er sich aus dem Städtchen und schlug seinen Weg nach Bremen ein.
Viertes Kapitel.
Karl im Gefängnisse zu Bremen.
Es war ein stürmischer Tag, an welchem Karl den Vorsatz gefaßt hatte, nicht in das elterliche Haus zurück zu kehren, sondern sich zu seinem Onkel Heinrich nach London zu begeben.