Part 2
Körnt summend die Gebetzeilen ab, seine Stimme rastet mit andächtiger Mattigkeit, er geht mit seligen Schritten in der Dämmerung auf und nieder, sein gehetztes Gehirn spielt mit dem Frieden, das hebräische Lied lockt abermals seine Stimme hervor, und er singt, jammert, wie die vielen, vielen alten Leute, die zueinander die gottesfürchtigen Freuden hinübersingen, diese von Traurigkeit verängsteten Melodien.
Spazierend singt mein Vater, seine Stimme schwillt an, bebt vom Feuer der heiligen Kantoren, das Verständnis des Gelehrten verkostet einzeln die gejammerten hebräischen Worte; seine gehetzte Phantasie streift flatternd Geheimnisse der heiligen Bücher und berührt dräuende Schrecken der erschütternden Sorgen; mein Vater singt. Die Qual des Morgens, die Verheißung der Schmach, der Schrecken der Phylloxera, sieghafte Intriguen der geschickteren Feilschereien, Ungemach, Schmerz und ängstliche Feigheit spuken auch jetzt bösartig in der weißen Betäubung, doch zieht mein Vater über sein verwirrtes Herz das Gebet, singt sehnsuchtsvoll, flehentlich:
»Friede mit euch, Selah ...«
Friede mit euch, Selah ... Erschlaffe, schmerzende Ungewißheit, besänftige dich, sinnlose Drohung, zerstreue dich, niedersinkende Düsterheit, Geld, Unheil, Schreck, greint lallend, in armer Leute Heim rastet friedlich der Abend; auf dem Tisch zucken die ersterbenden Flammen; der duftende Alkohol, die dumpfen Muskaten, des Ölbaumes silbriger Zweig flattern verschlungen über dem Opfertischchen, in der Abenddunkelheit züngeln Flammen in die Höhe, mein Vater singt munter, selbstvergessen heiter:
»Der Du erschaffen die duftenden Gewürze ...«
Seine Stimme gurgelt, schwingt auf:
»Gelobet sei Dein Name ...«
Die zwei jungen, schweren Hände über die Flammen ausbreitend, mißt er mit taumelnder Müdigkeit des Käfigs Ferne, mißt und mißt; von östlichen Gewürzen singt mein Vater, über den aneinandergeschmiegten Leuten wölbt sich ungarischer Duft, am Fenster, in staubendem Regen des Essigbaums, sitzt meine träumende Mutter, Duftgewänder um den schönen, schlanken Körper. Feiertag, Abschied ist meines Vaters Gesang, im vertieften Schatten sinken seine Hände wie müde Vögel nieder; die geflochtene Wachskerze lodert, flackert, ihr spitzenzackiger Kopf wird einschläfernd in die auf dem Tisch wühlenden Flämmchen getaucht; mein Vater singt, die Stimmchen der Kinder zirpen kreisend auf, es summt der Bienenstock, im verbrämten Nest erfreuen sich zwitschernde Kindlein; auf dem Opfertischchen entflammt, verlöscht das behende Licht, flackert noch einmal auf, der ringende Glanz verkriecht sich, und der Abend verschließt sein Braun. Meines betenden Vaters langsame Hände segnen streichelnd.
Schlummernde Nacht schütze deine Geheimnisse, Dunkelheit verdichte deine Schleier; jemandes körperloses Leben geistert bereits auf dem Lebensvorhang.
Ineinanderfunkelnde Sterne tummelt euch, umherirrende Sommerwinde weht raunend ineinander, reife Bäume, offene Kelche, Blüten schwebt seufzend ineinander, heiliger David auf dem blassen Thron, spiel, spiel diese Nacht schöne jüdische Psalmen, denn heute segnet reine Freude zwei betörte Menschen. Blut, das sich an der Wärme des Euphrat gewärmt, Phantasie, vom Flüstern der Lotusblume erhitzt, Herz, das auf der Galeere des Stolzes, der Traurigkeit, der Schmach geschwommen, entbrennet; versunkenes Ahnentum, großäugige Hohepriester, Beduinenheiden, Ghettoträumer brechet auf; aus göttlicher Geheimnisse Schoß schießt zitterndes Leben hervor.
Trampelt sorglos zwischen eueren kinderduftigen Kissen, auf eueren Traumschaukeln, ihr, meine kleinen Geschwister.
Ich komme, komme.
Einst sah ich einmal, und sah damals zum letzten Mal meiner Mutter Heimatsdorf Rád; das damalige Kinderaug lebt auch jetzt noch in meinem Auge. Eine zusammengetakelte, baufällige Hütte, kitzelnder, schwerer Stallgeruch auf dem Hof, in einem niedrigen, mit kalter Erde gepflasterten Stübchen zögern sehr alte Leute, und neben dem Herd noch ältere, eine mütterchenartige Frau und ein Riesengreis dösen, am Ende des Hofes ein Hang, und noch weiter etwas wie ein Garten, lauter Pflaumenbäume; dichte Pflaumenbäume, ihre obsttragenden Kronen neigen sich ineinander und wurzeln mit waldiger Ferne in der Wiese; wie war dieses Dickicht über mir? Ich vermag es nicht zu sagen.
Wie ein zischender Augenblick, wenn wir das in die Sonne staunende Auge schließen und um uns herum der Abend mit wildem Tumult, mit wunderlichen Bildern niedersinkt, wie die Blendung, wenn wir zum erstenmal japanische Stiche kennen lernen und Laubkronen der japanischen Bäume unsere sich fortsehnende Neugierde zu Traumreisen verlocken, wie die Decken kleiner Bauernkapellen, von denen in dicken Wogen die himmelblauen Gipswolken herabhängen ... Oft hatte hier meine Mutter geweilt, wenn sie stürmische Traurigkeit von meinem Vater fortführte, und auf den schattigen Pfaden der Ráder Pflaumenbäume sind wir Kinder, im schlummernden Nichtsein, wahrlich alle dahingewandelt, wenn wir über unsere Mutter Unheil gebracht hatten.
Reife Laube, die sich über der müden Phantasie wölbt, o, wie oft hat sie meine Mutter umschlossen? Hat die kraftlose Frucht, der sich loslösende Gedanke meine Mutter in der verzückten Stille des blauen Schattens begleitet? Zeigt die heilige Traumversunkenheit immer nur die Armut, die ihre Verlobten mit dem Zauber des Leids aufsucht? Spielt der besuchende Traum immer nur mit seinen Fragen-Prismen, die der Erwählten Bewußtsein stets lähmen? ...
Armut, schwarzer Blitz über dem Elterngefühl, entfernst du dich denn niemals? und umrankst deinen Diener, wie das Fleisch den Knochen, wie der Atem die Lebenssehnsucht? Bebst du düster im Spiegel der Augen auf, wenn sie sich selbstvergessen öffneten? Gibst Scherben durch Schreck aus unvorsichtigem Lachen? Und drohst grollend geheimer Tiefe des heiteren Augenblicks? ...
Meine Mutter träumt, und über weitem Horizont ihrer Phantasie schwingen die trägen Gedankenvögel:
»Was macht jetzt mein Mann? ...«
»Werde ich immer so leben müssen? ...«
»O, wenn er jetzt hier wäre ...«
»Immer zanken wir ...«
»In unserer Familie kommen alle Frauen wieder nach Hause ...«
»Elend, Zank, Zorn überall ...«
»Wie schön andere Familien leben ...«
»Bei uns nur Zank, Zorn ... immer nur Zorn ...«
»Wir könnten einander töten ...«
»Die Schmach ... diese Schmach ...«
»In unserer Familie war dies immer so ...«
»Wird in unserer Familie dies immer so sein? ...«
Unter hängenden Kronen der Pflaumenbäume, auf den verschwindenden Pfaden der sich blau färbenden Laube tappt ein Riesengreis dahin.
»Immer ... immer wird es so sein? ...«
»Auch ich werde so alt werden? ...«
»Werde auch ich hundert Jahre leben? ...«
»In unserer Familie werden alle alt ...«
»Hundert Jahre ...«
»Hundert Jahre weinen, traurig sein ... Hundert Jahre immer nur Schlechtes ... Nur Sorgen, Elend ... Hundert Jahre so leben ...«
»Mein Gott ...«
»Hundert Jahre ...«
»Und das Kind, das noch um nichts weiß, aber schon mit mir hier ist ... wird auch das alt werden? ...«
»Sich abquälen, weinen ... Hundert Jahre lang sich immer nur schämen ...«
»Wäre nicht besser der kleine Holzsarg? ...«
»Wäre nicht besser unter blauen Blümlein zu ruhn? ...«
»Und wenn es ein Mädchen wird? ...«
»Ein häßliches, altes Mädchen ... das in der Sylvesternacht Blei gießt, zur Schlafenszeit in sein Hemd beißt? ...«
»Nein, nein, es wird kein Mädchen sein ...«
Widerstand ringt die kreisenden Gedanken nieder, meine Mutter hadert verwirrt, ereifert sich im Heraufbeschwören schicksalsschwerer Geheimnisse; die dichte Pflaumenpflanzung sperrt wie ein Tor das Licht aus, und in meiner Mutter Gehirn spukt es auf:
»Man hat uns verflucht ...«
»Hat uns verflucht ... Mein Vater ... Mein Großvater ...«
»Jetzt fluchen wir ... Wie mein Vater ... Mein Großvater ...«
»Als er dort am Fenster stand ...«
»Er betete am Fenster, die weiße Kappe glitt auf seinem Kopf zurück, er schlug sich mit seinem umriemten Arm auf die Brust, und sein betender Mund verfluchte uns ...«
»Und jetzt fluchen wir ...«
»Wenn die Armut uns quält, stets fluchen wir ...«
Und das Entsetzen schnürt meiner Mutter Hirn zusammen. Ihr gehetzter Atem setzt aus, sie schwankt auf dem schwerer gewordenen Weg, und jemand, dessen Seele bereits in ihrer Seele loht, beklemmt ihr Herz; der Mensch, der ich war und der ich meiner Mutter Herzblut getrunken habe. Die Hülle, die mich einst umschließen würde, hat bereits den Platz meines Herzens festgelegt; es erwacht schon zum Sein, öffnet die verlangenden Lippen nach Leben, und meiner Mutter Herzschlag nährt treu ihren Sproß.
Meiner Mutter Herz ...
einsame Glocke, die beim Gespensterspuk böser Gefühle erschrocken tönt,
voller Kelch, den Gottes Hand mit Unerbittlichkeit der Schöpfung an die Quellen ewigen Leids führt,
umwolkter Stern, der jauchzend auffunkelt und von lauernden Schleiern der Düsterheit verdeckt wird,
meeräugige Träne, die winkend blinkt, doch quellt in ihrer Tiefe bereits sprudelndes Weinen,
Leben, Tod, Sonnenglast, Schatten, alles, erlebte Vergangenheit, unbekannte Zukunft, alles, alles: meiner Mutter Herz ...
wie oft schon hat in seinem geschlossenen, schwülen, kleinen Hof die Bahre gestanden? ...
An der Schwelle flügger Jahre, ihr winziges, frisches Herz, als es zum erstenmal gezuckt? ... Vielleicht im dumpfen, kranken Stübchen, zwischen aufbegehrenden Menschen, die einander bis ans Grab lieben und von der Armut gehetzt miteinander hadern, Fluch, kreischende Hölle, gehobene Faust, sich selbst zerfleischender Haß, der die Sonne verdüstert ... Eine längst versunkene Winterdämmerung, draußen heulen die Berge vom Kanonengedröhn, die flüchtige Familie harrt des klirrenden Urteils über Gebetbücher gebeugt, und zur Türe herein stürzt, mit blutendem Kopf, ein Kossuth-Honvéd ... meiner Mutter Herz sieht ihn ... Der Wunderrabbi ist gestorben, der schwarze Tod hat ihn fortgerafft, wahnsinnige Menschen graben in hüllender Nacht den Heiligen aus der Kalkgrube, waschen ihn, kleiden ihn an, sprechen über ihn die überlieferten Worte, und es kommt in der rechenschaftfordernden Nacht der Rächer und schlägt mit fegenden Fransen seiner furchtbaren Schleppe auch meiner Mutter Herz ... Das trostlose Heim, in dem die Eltern bereits geschwächt umherlungern, die Kleinen angstzitternd erlahmen, auf das die Barmherzigkeit nicht mehr niederblickt, wo der Zusammensturz die einander anstarrende Familie eng zusammenschnürt ... Doch schlägt das Terno ein, das Lotterieterno, schmückt mit seinen Strahlen die gebrochenen Augen, behängt die ohnmächtigen Phantasien mit ausgelassenen Kühnheiten, und die Freude, die reine, unbekannte Freude zieht bei den armen Leuten ein, und bei dem freundlichen Zusammentreffen ist auch meiner Mutter Herz zugegen ... Bittere, schwere Schmach ist der lange Fasttag, da sie in den Tempel gehen, meine Mutter neben ihrer Mutter Rock, doch steht in der Türe bereits der Tempeldiener, es sei drinnen kein Platz, den Reichen gehöre das Vorrecht, die Armen mögen draußen auf dem Hof beten ... Als mannbares Mädchen, da meine Mutter schön war wie Maiflieder, von Palmenwuchs; ihre traurigen, sammetschweren Augen, ihr stolzer Mund, ihr scharfes, klares Gesicht ließen die Jünglinge komplimentieren, und die Schwindsüchtigen, die Häßlichen, die Mausäugigen heirateten alle vor ihr, sie aber stand mit ausgebreitetem Herzen auf dem Markt, und es pochte ihr ins Gehirn:
»Ein armes Mädchen sollte nicht geboren werden ...«
»Für arme Mädchen sind die blauen Blümlein da ... dort im Friedhof, recht tief unter der Erde ...«
Und die Zeit des Genusses? da ihr Herz wie ein sich öffnender Mund um die vollkommene Liebe sich krümmte, und in ihre traumversunkenen girrenden Worte das wache Leben hineinwütete:
»Wieder eine Lizitation! ...«
»Pfui, ist das ein Leben? ...«
»Deine Kinder sind bei Handwerkern in der Lehre ...«
»Was wird man in Rád sagen ... Ich kann mit den Rangen heimgehen ...«
Erhalten wir eine Kerbe nach der anderen? von tändelnden Bewegungen schaffender Finger, derweil sie unseres Herzens Gebäude bauen, es mit Glückspflanzen beforsten, Schmerz einschneiden und Träume säen? ...
Meiner Mutter Herz fühlt nun mich ...
taucht das Sein von morgen, das mich bereits ruft, in den Schicksalen überlieferter Leben unter? altes Leid, umnebelter Schmerz, in Gott mündender Aberglaube, matte Freude, verängstigter Wille: bäumt sich dies alles jetzt auf?
meiner Mutter Herzblut ergießt sich über mein aufkeimendes Herz ...
Erstes versunkenes Evoë, das mir entgegenweht, meiner Mutter Evoë; aus welcher Pfeife des orgelnden Wissens ist es erklungen?
Schießt in die Höhe, bejahrte Pflaumenbäume, streckt euere üppigen Kronen in den Himmel; blaue Luft, welle befreiend auf. Meine Mutter steht in gestraffter Schlankheit unter Gott, steht im Kranz reifer Früchte bezaubert-bezwungen und lächelt; ihr funkelnder Blick schweift in die Unendlichkeit, und Lächeln blüht auf ihrem schönen, weißen Gesicht,
ich poche unter ihrem warmen Herzen auf.
Ausgesandter Page der schnaubenden Zukunft, mein ins Leben geschwungenes kleines Herz, in dunkler Sendung pocht es bereits, flattert im glühenden Weltall, und in Blut und Kot beschwören schon welterschaffende Strömungen die Gefühls- und Gedankenkeime.
Wenn der Zauber innehielte, und ich nichts anderes würde, als ein versunkenes Herz, das unwissender und schaudernder Weg des Blutes von den Urbächen zu neuen Lebensmeeren wäre? nichts anderes denn ein träumendes Pochen, in dem Seufzen aller versunkenen Leben atmet? eine Harfe im Freien, die vom Wehen wandernder Schmerzen und Freuden gleich ertönt?
kein Gefühl erzwänge Tränen, denn kein Licht flammte auf meine Augen? kein Beben schwänge bis zum Gedanken empor, denn noch hat die Phantasie mein Herz nicht berührt?
wenn ich so verschlossen, in badendem Blut, umarmt vom Fleische in süßer Wiege entschliefe, in mich weder Erwachen, noch Erkenntnis käme?
wenn mein kleines, verheimlichtes Herz, tik-tak, tik-tak, bloß mit flinker Emsigkeit pochte?
wenn aus Dampfdickicht des Blutes meine beiden Pupillen nicht aufäugten? keine Verständnisschnüre der blinden Instinkte Nebelvorhänge belichtend auseinander zögen?
Wachsames Mysterium des Ursprungs, düsteres Wunder, vor dessen versperrender Schwelle die dröhnende Seele niedersinkt, woher, wohin treibst du mich, im Laufe der Zeit?
sprießt aus Zellenmyriaden dampfender Kelche tatsächlich mein Leben hervor? ...
Ich weiß nicht, ist es Wirklichkeit, ist es Traum ... hinter längst geschlossenen, tausendfachen Gardinen, hinter der Dichtesten, Entferntesten, zeigt sich mir in abendlicher Dämmerung die Gestalt einer kleinen Bauernmagd.
So blond, rötlich-gülden, warm-glänzend ist an ihr alles, daß selbst aus ihrem appetitlichen Fleisch, aus ihren scharfen, kleinen Augen, aus ihrer geschwätzigen, seligen Stimme jauchzende Blondheit strahlt; sie hat kein ausgeprägtes Gesicht, keine bestimmte Form, bloß auf die gespannten Äpfel ihrer offenen Brust schimmert von ihrem ausgestreckten Hals das hin- und herpendelnde goldene Kreuz, und sie erzählt. Im Kreise sitzen auf niedrigen Schemeln die Kinder, und sie verrichtet die Abendarbeit; ihre emsig-harte Faust verschwindet in den Zugstiefeletten, in ihrer rechten Hand geht die breitrückige, große Glanzbürste taktmäßig auf und ab; sie schwingt den Arm und brummt mit verschmitzter, erschreckender Stimme:
»Liebes, schönes Mägdelein ...«
Die Glanzbürste schwingt ein zweites Mal, und sie zeigt den schönen kleinen Gesichtern ein entsetztes Gesicht:
»Öffne mir dein Kämmerlein ...«
Süß-üppig steigt der Schuhwichsgeruch in der Luft auf; in dem kleinen Kreis spiegeln sich in ermüdet aufflammenden Augen die blankgeputzten schwarzen Schuhe, schlafbefallene Menschlein kriechen schaudernd, verstohlen ins Bett ...
Meine Mutter umfängt mit Andacht die Traumgesichte der erschrockenen Herzlein, breitet ihre Liebe über die Betten aus und singt ihrem verängstigten Volk:
»Blas, blas zu, mein Schäferlein ...«
»Prinzessin war auch ich einmal ...«
Ihre langen Wimpern schlagen auf wie ein schwärmerischer Kuß, in der grünen Tiefe ihres Auges brütet Staunen, ihr Blick strahlt in die Ferne, wo das Neue, die Aufregung, in Untiefen kommender Nächte, düster wartet; meine Mutter summt es, singt, beschwichtigt:
»Blas ... blas zu ...«
»Kleine, kleine Ahornflöte ...«
hartumfriedetes Leid? böses Versprechen auf hundert Jahre? armausgebreitete Sehnsucht nach der entzogenen Rast? zucken sie jetzt über den meertiefen Horizont ihrer Augen??
»Prinzessin war auch ich einmal ...«
Ihre kindliche, anmutige Stimme klingt matt ... Erschließt sich ihrem Gehirn der verborgene Gedanke? begegnen einander Leben, Tod, Zukunft im Herzen meiner Mutter? denkt sie im losgerissenen Wirbel ihrer rauschenden Schmerzen und erschütterten Vorstellungen: an mich?
»Mein Schäferlein ...«
Brennt ihr ungelenk ringender Verstand? hat ihre aufrührerische Seele die Schleusen fortgerissen? fängt ihr träumender Blick die Geheimnisse auf? und fühle, übernehme ich ihr durstiges Auge? ihre an Abgrundgrenzen taumelnde Phantasie?
Schlägt mich der Blick, wie das Licht die im Ozean versunkene Koralle trifft, die ihren tastenden Kranz öffnet, wenn die aus der Dunkelheit auftauchende Sonne sie mit Auferstehung bestrahlt? ...
Und ich werde schon gerufen, wie Straßenstaub von Gottes Hauch ... heult, lauscht, versengt, erstarrt, umarmt, zerstückt um mich herum bereits das Leben? werde ich, noch mit der Nabelschnur verknotet, bereits erweckt? Ich wehre mich mit meinen Armen im treuen Körper meiner Mutter:
»Nicht wissen ... Nicht erwachen ...«
»Nicht wissen, was schlecht ... Nicht wissen, was gut ...«
»Fern bleibe mir Gedanke, nicht versuche mich Gefühl ...«
Ein Ringen hebt an, zwischen uns beiden Scheidenden.
»Fern bleibe mir Wille, wenn ich feig ...«
»Nicht erfasse mich Ekel, wenn ich Schönes sehe ...«
und der Krampf, die Qual reißen mich durch verbannende Fügung von meiner Mutter Leib.
»Leben?! ... Leben?! ... damit ich den Tod erkenne! ...«
Der Orkan, der aus der Zeit kommt und nicht inne hält, ehe die Erde zu keimen vermag, hebt meiner lieben Mutter armen Körper; Blut, Schaum, Flut aus ihrem heiligen Fleisch ...
Und nun sitze ich hier am See, mit aufgekeulter Phantasie, in der Blendung, unter meinen zwei verschlossenen Ohren regt sich kein menschliches Leben, kein menschlicher Ton, doch strahlt mein Herz von sonatenhafter Leidenschaft ... o! wenn jeder Mensch hinkte, o! wenn jeder Mensch bucklig wäre ...
In trauriger, verwaister, wartender Lautlosigkeit stoßen klirrend Sonne und Gletscher gegeneinander.