Chapter 5
So mochte eine Stunde vergangen sein, da war mir's, als hörte ich draußen am Gitter des Portals einen Ton, als wenn ein Schlüssel im Schloß umgedreht würde. Das Haar stand mir zu Berg; ich dachte wahrhaftig im ersten Schrecken, meine arme Geliebte habe sich umgebracht, und ihr ruheloser Geist besuche mich, um mir das Blut auszusaugen. Aber sofort faßte ich mich, stand auf und horchte sorgfältiger in die Nacht hinaus. Die Gitterpforte klang, dann kamen Schritte über den Kiesgrund, im nächsten Augenblick tastete eine Hand draußen am Griff der kleinen Saaltür, sie öffnete sich, und eine Jünglingsgestalt im schwarzen Hut und Mantel stand an der Schwelle. Nun fiel ihr der Hut in den Nacken, da erkannte ich sie. Mit einem Schrei stürzten wir uns in die Arme und umklammerten uns, als sollten wir nie wieder Brust von Brust, Mund von Mund gerissen werden.
Sie löste sich endlich aus der Umarmung und sah mich mit einem Blick, der von Tränen glänzte, lange und schweigend an. Wie du bleich bist! sagte sie dann. All das hab' ich dir zuleide getan. Aber nun ist es vorbei. Ich habe Wort gehalten: hier bin ich, dein Weib, keines Menschen sonst, und wenn ich darüber hier und dort verderben müßte! O Amadeo, warum ist die Welt so voll böser Menschen! Warum werfen sie Schmutz auf das Reinste und lästern das Heiligste! Warum zwingen sie uns vor dem Angesicht Gottes zu Lüge und Meineid, daß wir Ja mit den Lippen sagen, wenn unser Herz Nein ruft! Nun haben sie es dahin gebracht, daß ich nur zu wählen hatte zwischen zwei Sünden: mich dem zu ergeben, den ich verachte, oder wie ein Dieb in der Nacht zu dem zu schleichen, der vor der Welt nie mehr der Meine sein soll. Aber nicht wahr, Amadeo, Gott mißt mit anderem Maß als diese selbstsüchtigen Menschen? Er will nicht, daß ich dir die Treue breche. Er kann auch nicht wollen, daß wir beide zugrunde gehen, ich im Kloster vergraben, du lieblos und freudenlos in der einsamen Welt. Er hat dich für mich geschaffen, mich für dich. Nun nimm mich hin, denn dir gehöre ich! Der andere hat mich mit keinem Finger berühren dürfen. Als man uns allein gelassen, hab' ich ihm gesagt: Wenn Ihr es je versucht, mir zu nahen, heute oder wann es immer sei, so ermordet Ihr mich. Denn ich habe es Gott zugeschworen, die Stunde nicht zu überleben, wo Ihr Euch erfrecht hättet zu glauben, daß Ihr Rechte auf mich besäßet. Ich habe Euch all dies vorausgesagt. Ihr habt dennoch Euern Willen durchgesetzt. So will ich nun meinen durchsetzen.--Und damit ließ ich ihn stehen und verschloß mich in meinen Zimmern, bis ich wußte, daß alles im Hause schlief. Dann half mir Nina in diese Männerkleider--und nun bin ich hier! O Amadeo, das Glück, dir zu gehören, wäre zu groß, hätte ich es nicht durch Kampf und Gefahr erkaufen müssen!
Sie stürzte mir an den Hals und verbarg ihre glühenden Wangen an meiner Schulter. Alle Glut und Leidenschaft, die ihr Mädchenstolz in den Wochen unseres Brautstandes zurückgedrängt und kaum mit einem Blick verraten hatte, brach in hoher Flamme aus und schlug über meinem schwindelnden Haupte zusammen.
Als wir wieder zu denken und zu sprechen vermochten, erzählte sie mir alles, was seit der Trennung sich zugetragen hatte, die Ränke der Mutter, die hilflosen Versuche des Vaters, sich und sein Kind gegen die geistliche Obermacht zu verteidigen, ihr vergebenes Bemühen, durch unerschütterliche Wahrhaftigkeit die Feinde zu beschämen und endlich zu entwaffnen. Erst als sie gesehen, daß alles umsonst sei, daß man sie ohne Erbarmen dem Vater entreißen und in ein entlegenes Kloster einschließen würde, von wo sie nicht einmal einen Brief an mich gelangen lassen könnte, habe sie plötzlich sich entschlossen, zum Schein in alles zu willigen, um sich und mich zu retten. Sie haben es gewußt und gewollt, sagte sie. Am Ende ist es ihnen auch nur um den Schein des Sieges zu tun. Ob meine Seele darüber zugrunde geht, was liegt ihnen daran? Haben sie der Frau, der mein armer Vater den Namen gab, je darüber gezürnt, daß sie jeder Leidenschaft den Zügel schießen läßt? Sie sind alle Knechte des Scheins, weil sie den Anblick der Wahrheit, der sie beschämen würde, nicht ertragen können! O Amadeo, wie hundertmal habe ich Pläne gefaßt, zu dir zu fliehen und dann offen vor der Welt zu bekennen, daß ich dein Weib bin und sein werde bis in alle Ewigkeit. Aber du weißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn wir jetzt fortreisten Tag und Nacht, sie holten uns ein, und es wäre dein sicherer Tod. Und dann--mein armer Vater! Er überlebte es nicht, sich von mir zu trennen, und so! Aber sei nicht traurig. Wir gehören uns nun, und die darum wissen, sind treu. Vergib, daß ich dir nicht heute früh schon schrieb, ich würde kommen. Ich wußte nicht, ob ich es ausführen könnte, ob er mich nicht niederstieße, der Elende, wenn ich mich weigerte, ihn als meinen Herrn anzuerkennen. Und wäre ich dann ausgeblieben, hättest du nicht noch furchtbarer gelitten als so im Ungewissen, da du doch mein Wort hattest, ich sei dir treu und würde niemand angehören als dir? Nun komme ich jede Nacht. Nina bleibt indessen zurück und spielt meine Rolle, für den Fall, daß man mich doch einmal suchte und vermißte, und der Portier dort im Hause ist ein braver Mann und haßt seinen Herrn, und für dich wäre er durchs Feuer gegangen.
Sie sah, daß ich mitten in allem Glück, da ich mein Weib auf dem Schoße hielt, still und nachdenklich dasaß. Was hast du? fragte sie. Du bist traurig!
Daß wir uns erschleichen müssen, sagt' ich, was unser heiliges Recht ist; daß wir in Nacht und Geheimnis uns verstecken müssen, als wäre es Verbrechen, zu halten, was wir uns gelobt haben!
Denke nicht daran, sagte sie und strich mir mit der Hand über die Stirn. Was kommen mag, können wir es wissen? Wir haben nichts gewiß als diese Stunde und unser Herz. Warum sollen wir nicht Gott dafür danken, der wissen wird, daß es so besser ist? Komm, ich will hier nicht sitzen wie dein Liebchen, die Hände in den Schoß legen und anderen überlassen, für dich zu sorgen. Du wirst hungrig sein, und auch ich habe seit gestern nacht keinen Bissen genossen. Ich weiß ja noch, wo Fabio seine Vorräte hat. Laß mich von deinen Knien aufstehen, mein geliebter Mann; ich will uns einen Hochzeitsschmaus rüsten, der soll fröhlicher sein, als der andere heut, wo ich sah, wie meinem armen Vater jeder Tropfen Wein zu Galle wurde.
Sie sprang auf und eilte hinaus in Kammern und Keller. Ich rückte indes ein Tischchen mitten ins Zimmer und zündete alle Lichtstümpfchen an, die auf den verstaubten Wandleuchtern steckten. Als sie wieder hereinkam, Teller und Gläser tragend, blieb sie mit einem fröhlichen Ausruf an der Schwelle stehen. Dann eilte sie, den Tisch zu decken, und goß selbst aus der schweren Korbflasche unsere Gläser voll. Komm, sagte sie, auf unser Glück! Wenn wir doch deine Schwester hier hätten--andere Hochzeitsgäste wollt' ich gern entbehren!
Dann trank sie und fing darauf an, mich zu bedienen, indem sie mir Fleisch und Oliven auf den Teller legte und das Brot schnitt und mir zuredete, zu essen, wie ein Hausmütterchen. Ich genoß ihretwegen von allem ein weniges, obwohl mich nicht nach Essen verlangte. Auch sie naschte nur, bis ich sie fütterte wie ein Kind und ihr die zartesten Schnitten des kalten Geflügels an den Mund hielt. Sie öffnete ihn lachend und ließ mich gewähren. Nun aber bin ich wirklich satt, sagte sie und stand auf. Nun will ich noch dafür sorgen, daß du ein besseres Bett bekommst als die Polster da am Boden. Denn Fabio denkt an so etwas nicht. So ein alter Soldat fühlt kaum, ob er auf der nackten Erde liegt oder auf Federn. Das klügste freilich wird sein, du schläfst in meinem Zimmer droben, wo noch mein Bett steht, statt hier unten zu hausen, wo doch einmal einer hereinsieht und dich verrät.
Sie hing sich an mich und führte mich, nachdem wir die Lichter ausgelöscht hatten, in ihr kleines Zimmerchen hinauf. Als wir an Fabios Schlafkammer vorbeikamen, horchte ich, ob er sich rühre. Sei unbesorgt, flüsterte sie. Er weiß, daß ich hier bin. Vorhin, als ich den Wein holte, begegnete ich ihm, wie er aus dem Garten kam, und da hatte er die Früchte für unser Hochzeitsessen gepflückt. Er weinte und küßte mir wie außer sich die Hände. Aber er kommt jetzt nicht zum Vorschein, um uns nicht zu stören.--Der Morgen graute noch nicht, als sie selbst daran erinnerte, daß wir uns trennen müßten. Ich bestand darauf, sie in die Stadt zu begleiten, und als sie mich in der Vermummung sah, in der ich mich schon bei Tage hinausgewagt hatte, ließ sie es geschehen. Sie selbst drückte sich wieder den breiten Hut in die Stirn, und ich wickelte sie dicht in ihren Mantel ein. So verließen wir das Gittertor und wanderten der Stadt zu. Kein Mensch war auf den Straßen zu sehen, kein Licht brannte, am Himmel stand nur der Morgenstern im fahlen Blau, und der Wind kam frisch von Norden. Wir sprachen kaum ein Wort auf dem ganzen Weg. Mein Herz war beklommen, und auch sie schien das Unnatürliche unserer Lage jetzt erst zu empfinden, da wir uns trennen sollten. Als wir an ihrem Hause angekommen waren, hielt sie mich lange mit Tränen an sich gepreßt, ehe sie dem Pförtner das verabredete Zeichen gab. Auf morgen! sagte sie und löste sich von meinem Halse. Dann glitt sie in die halbgeöffnete Tür, und ich stand in der Finsternis allein.
Ein bitteres Gefühl überkam mich. So hatte ich sie wieder hingeben müssen, die Meine, die niemand als mir gehören wollte, in ein fremdes Haus, dessen Tür mir ewig verschlossen bleiben sollte. Hier an der Schwelle mußt' ich stehen und, wenn der Hausherr zufällig herausgetreten wäre, mich in einen Winkel drücken wie ein Dieb, der dem Häscher ausweicht. Und was sollte daraus werden? wie das Leben ertragen werden, das solche Schleichwege ging? War das noch ein Glück, das täglich mit Qual und Sorge erkauft werden mußte?
Ich war noch nicht wieder in der Villa angelangt, als mein Entschluß, dem Unerträglichen ein Ende zu machen, schon unerschütterlich in mir feststand. Sofort wurde mir leicht ums Herz, und ich konnte, während ich im Morgengrauen auf der öden Straße dahinschritt, nun erst mich meines Glückes freuen und bis ins kleinste alles überlegen, was zu tun war, um es mir nie wieder entreißen zu lassen. Draußen fand ich den Alten schon im Garten beschäftigt. Ich weihte ihn in mein Vorhaben ein, und obwohl er es schwieriger ansah als ich, willigte er doch endlich in alles, was ich von ihm verlangte: keine leichten Opfer, in seinen Jahren, und da er sich von seiner Tochter trennen sollte. Er hatte aber geradezu keinen Willen, wo es sich um Bicetta handelte.
Dann verbrachten wir den Tag mit Vorbereitungen, und ich hatte mehr als einmal die Umsicht und Vorsorglichkeit des alten Soldaten zu bewundern. Den Nachmittag verschlief ich.--Nachts, schon von zehn Uhr an, war ich auf meinem Posten in der Nähe des Stadttores, durch das sie kommen mußte. Wir hatten es nicht verabredet, daß ich ihr entgegengehen sollte. Als ich darum aus meinem Lauerwinkel hervortrat und leise ihren Namen rief, sah ich sie heftig zusammenfahren und nahm rasch den Hut vom Kopf, und da erkannte sie mich und reichte mir unter dem Mantel die Hand, die noch zitterte, und so gingen wir, uns stumm anblickend, unseres Weges. Denn noch kamen einzelne Leute, die nach der Stadt heimkehrten, an uns vorbei und hätten Verdacht schöpfen können, wenn unter dem breiten Männerhut die zarte Stimme hervorgeklungen wäre. Erst draußen in dem Gartensaal, wo es hell und traulich war und ein ländliches Essen, von Fabio hergerichtet, uns erwartete, löste sich ihre Zunge. Sie erzählte, wie ihr der Tag vergangen war, wie langsam und unheimlich. Richino habe eine starre Kälte zur Schau getragen, vielleicht in der Hoffnung, sie dadurch zu demütigen und ihr ein Entgegenkommen abzutrotzen. Vor der Welt, den Eltern, den vielen Besuchern spiele er die Rolle des glücklichen jungen Ehemanns. Am Abend aber habe er sich, ohne eine Silbe zu sprechen, gegen sie verneigt und sich sofort in sein Zimmer zurückgezogen.
So kann es nicht fortgehen, sagte ich plötzlich, nachdem ich lange geschwiegen hatte. Es ist deiner so unwürdig wie meiner. Wir müssen ein Ende machen; es kostet nichts mehr als deinen Entschluß; der meine ist schon gefaßt.
Amadeo! sagte sie und sah mich groß an. Was kannst du meinen? Trennung? Lieber töte mich!
Nein, sagt' ich; du darfst nicht erschrecken. Ich mute uns nichts Übermenschliches zu, weder dir noch mir. Dich verlassen--mein Weib--mein anderes Ich--, du hast recht, das wäre der Tod! Aber was wir jetzt haben, ist schlimmer als Tod, ist ein Leben, das die Freiheit und den Adel unserer Seele mordet und uns beide, früher oder später, zugrunde richten wird. Und wenn es glückte, was undenkbar ist, daß ich hier verborgen bliebe, Jahr für Jahr, in welchem Zustande schleppte ich meine Tage hin, müßig und öde, von allen Menschen, außer dir, abgeschnitten, von meinen Lebenszielen verbannt, verzehrt von der Qual, in dieser Verschollenheit ein wertloses Dasein zu fristen! Aber auch unter günstigeren Umständen--wenn ich frei zu dir ins Haus kommen könnte und als dein Kavalier gelten--, ich bin nun einmal unfähig, Lüge und Halbheit zu ertragen. Was ich fühle, muß ich bekennen, was ich besitze, als mein anerkennen dürfen. Begreifst du, was ich meine?
Sie nickte und sah nachdenklich vor sich nieder.
Ich weiß, daß es dir schwer wird, fuhr ich fort und nahm ihre Hand, die ganz kalt und leblos war. Du sollst nun für immer fort, deinen Vater nie wiedersehen, wenn er sich nicht das Herz faßt, zu uns zu kommen, deine Heimat verlassen und alles, was dir von Jugend auf lieb gewesen, nicht mehr in der Kirche knien, an derselben Stelle, wo deine Mutter gebetet hat. Und nun graut dir vor der Fremde, um so mehr, da du dahin fliehen sollst, statt mit Freuden und Ehren deinen Einzug zu halten, und du glaubst, auch vor den Menschen, die dich lieben, die Augen niederschlagen zu müssen. Ist es nicht so, Beatrice?
Sie nickte wieder. Aber dann schlug sie die Augen zu mir auf und sagte: Ich will alles ertragen, wenn es dich glücklich macht!
Liebes Herz, sagt' ich und schloß sie in meine Arme, du traust mir zu--nicht wahr?--, daß ich sorgfältig abgewogen habe, was ich dir und mir schuldig bin, und daß mich kein Opfer schrecken würde, solange es meine Ehre nicht anficht und mich in deinen Augen nicht erniedrigt. Und hier ist nur ein Ausweg aus den Schlingen und Banden, in die uns die Feinde verstrickt haben. Du hast ganz recht gehabt, daß eine Flucht auch mit den schnellsten Pferden uns nicht gerettet haben würde. Wir müssen es behutsamer angreifen, wenn man uns nicht einholen soll. Ich habe mit Fabio gesprochen, er kennt die Wege und Stege nach Ancona so genau wie seinen Garten. Er will uns führen, wir gehen zu Fuß, nur bei der Nacht, alle drei in Bauerntracht, und schiffen uns von da nach Venedig ein. Auch er läßt alles zurück, was ihm hier lieb und teuer ist, nur um uns frei und glücklich machen zu helfen. Hast du den Mut, mein Weib, und traust dir die Kraft zu, den weiten Weg mit deinem Manne anzutreten?
Bis ans Ende der Welt! sagte sie und drückte meine Hand. Du sollst nicht über mich zu klagen haben. Ich kann alles, was du mir zutraust.
Ich umarmte sie in heftiger Bewegung. Komm! sagte ich dann und stand auf. Wir wollen etwas essen, uns für die Wanderung zu stärken.
Sie fuhr zusammen. Heute schon, Amadeo? Ich bitte dich, sosehr ich kann, fordere nur das nicht, daß ich fortgehe, ohne meinen armen Vater noch einmal gesehen zu haben, ohne die Andenken an meine Mutter, die ich zu Hause verwahre. Ich verspreche dir, daß mich nichts mehr wankend machen soll, daß ich mit keiner Träne mich verraten will, wenn ich meinen Vater zum letzten Male küsse. Aber ich fühle es: ohne das, ohne ihm wenigstens ein stummes Lebewohl zu sagen, würde ich nirgends in der Weit zur Ruhe kommen, und das Heimweh zehrte mich auf. Was ist auch dabei gewagt? Niemand ahnt, daß du hier bist, niemand sieht mich gehn und kommen. Auch der Nina will ich kein Wort sagen, und wenn ich morgen abend aus meinem Hause gehe, soll alles für immer hinter mir liegen, das verspreche ich dir. Nur die wenigen Stunden laß mir noch, mit allem fertig zu werden. Dann sollst du mich haben, als wäre ich gerade vom Himmel in deinen Arm gefallen und hätte keine Heimat als deine Liebe.
Sie sah mich mit einem Blick an, dem ich nicht widerstehen konnte, obwohl mir jeder Aufschub unheimlich war. So willigte ich ein, und ihre Heiterkeit, die darauf zurückkehrte, riß auch mich bald aus allen trüben Gedanken. Wir aßen zusammen, Fabio bediente uns, von unserem Vorhaben ward weiter kein Wort gesprochen. Dann schickte ich den Alten zu Bett und trug selbst den Nachtisch herein und eine kleine Flasche eines süßen Weins, den sie gern trank, nur fingerhutweise, aber schon wenige Tropfen röteten ihr blasses Gesichtchen. Wer uns so gesehen hätte, wie wir an dem kleinen Tisch nebeneinander saßen, sie immer noch in ihren Männerkleidern, nur das Haar frei über die Schultern herabfallend, wie sie mir das Glas vom Munde wegnahm, um daraus zu trinken, von meinem Teller aß, dann das Kätzchen, das herbeischlich, mit Orangenschalen bewarf, und wenn es sich damit jagte, mich plötzlich küßte, als hätte nun eine dritte Person den Rücken gewendet und wir brauchten uns keinen Zwang mehr anzutun--wer hätte da geglaubt, daß wir, von Gefahren umgeben, diese Stunden uns nur verstohlen erobert hatten und nur auf den Raub genossen!
Sie stand dann auf und zog mich in den Garten hinaus. Laß mich noch Abschied nehmen, sagte sie, von meinen lieben Bäumen, dem Granatstrauch, den Orangenbäumchen und der Fontäne. Morgen ist dazu keine Zeit.--Wir gingen, Arm in Arm. Sie trank noch einmal aus dem Marmorbecken, steckte eine Orange zu sich und brach einen Granatzweig. Die müssen auch mit, sagte sie. Im Norden bei dir wächst so etwas nicht. Da lerne ich es auch wohl entbehren. Und diesen Federball--sie hob ihn auf, da sie ihn vergessen im Grase liegen sah--will ich nicht zurücklassen. Unsere Kinder, setzte sie leiser hinzu, indem sie sich an mich drückte, unsere Kinder sollen damit spielen, und dann erzählst du ihnen, daß du dein Herz gegen einen solchen Ball vertauscht hast.-Wir waren an die Stelle gekommen, wo ich damals über die Mauer gesehen hatte. Da unter den hohen Zweigen hatte sich der Rasen noch frisch und weich erhalten, und man atmete die reinste Luft, die kein Staub beschwerte. Laß uns nicht ins Haus zurückgehn, sagte ich. Ich will eine Decke bringen und hier unter dem Laubdach ausbreiten, da wird die Ruhe süßer sein als in unserm schwülen Zimmer.
Tu's, sagte sie. Ich habe hier schon als Mädchen manche Nacht geschlafen; Nina legte mir ihren Arm unter den Kopf, dann sah ich die Sterne durch die Zweige blitzen, bis mir die Augen zufielen.
Ich brachte ein paar Kissen hinaus und ihren Mantel, da legte sie sich bequem zurecht und gab mir die Hälfte von allem ab. Über uns regte sich kein Laut, die Blätter hingen müde vom Sonnenbrand an den Zweigen, nur die Fontäne plätscherte fort, und ich selbst konnte noch keinen Schlaf finden, obwohl schon längst die stillen Atemzüge meines jungen Weibes neben mir mich zur Ruhe einluden. Ein paarmal sprach sie aus dem Traum, ich konnte die Worte nicht verstehen, aber noch jetzt hör' ich den unschuldig süßen Klang und sehe dabei das Gesicht, das mit geschlossenen Augenlidern gegen die graue Luft hinaufsah, die Brauen wie fragend ein wenig gespannt, die Lippen geheimnisvoll lächelnd, als träume sie Dinge, die sie selbst überraschten, die aber seliger seien als alles, was sie je erlebt.
Zuletzt überkam auch mich der Schlaf.
Als ich aufwachte--ich weiß nicht, nach wieviel Stunden, aber der Himmel hatte sich noch nicht gerötet--, fand ich mich allein und mußte einen Augenblick mich besinnen, wie ich hier herausgekommen war. Dann erschrak ich, daß sie nicht mehr neben mir ruhte. Warum hatte sie sich fortgeschlichen? Ich sprang auf, um im Hause nachzusehen, ob sie wenigstens den Alten zur Begleitung mitgenommen habe. Aber kaum hatte ich einige Schritte getan, da höre ich, wie die Glocke draußen am Portal heftig angezogen wird, und es überfiel mich im Nu die entsetzlichste Ahnung, daß ich alle Vorsicht vergaß und quer durch den Garten um das Haus herum nach dem Gitter hinstürzte. Dennoch war der Alte mir zuvorgekommen. Als ich um die Ecke des Hauses bog, sah ich ihn schon vorn am Portal, bemüht, eine dunkle Gestalt aufzuheben, die draußen vor der Schwelle zusammengesunken war. Beatrice! schrie ich und stürzte hinzu. Eben schlug sie, von Fabio gestützt, die Augen auf und sah mich mit einem Blick der tiefsten Angst und Hoffnungslosigkeit an. Gleich darauf versuchte sie wieder zu lächeln.
Es ist nichts, Amadeo, hauchte sie mühsam, die Hand aufs Herz gepreßt. Ich fühle keinen Schmerz, ängstige dich nicht. Bist du mir böse, daß ich fortging, ohne dich zu wecken? Ich sah dich so sanft schlafen, und ich dachte auch, es hätte keine Gefahr. Woher sie es nur wissen, daß du zurückgekehrt bist? Ach ja, ich vergaß dir zu erzählen, daß Richino gestern mittag plötzlich sagte, auf französisch, damit es niemand als ich verstehen sollte: Glauben Sie an Gespenster, Madame? Wenn es welche gibt, so mögen sie spuken, soviel sie wollen. Aber wenn Lebende sich einfallen lassen, revenants zu spielen, bei meiner Ehre, so will ich dafür sorgen, sie zu wirklichen Schatten zu machen! --Ich dachte, es sei nur so geredet. Ach, Amadeo, nun kann ich freilich nicht reisen, nun mußt du allein fort, noch in dieser Stunde. --Die zwei, die draußen lauerten, haben freilich gedacht, du kämst vorbei. Sie riefen mich an, als ich kaum zehn Schritte vom Gitter fort war. Meinen Namen sollt' ich nennen. Als ich schwieg, taten sie, was man sie geheißen hatte. Aber es ist nicht gelungen; sieh, ich kann noch gehen und sogar sprechen. Laß mich hier ohne Sorge, ich werde gewiß nicht sterben, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist. Und dann--ich komme dir nach, sobald ich geheilt bin. Geh, mein geliebter Mann--eh' es Tag wird--deine Hand--deinen Mund-Da versagte ihr die Stimme, die Knie brachen ein, wir trugen sie bewußtlos in den Saal und legten sie auf das niedere Ruhebett. Als wir den Mantel zurückschlugen und das Röckchen öffneten, überströmte das Blut unsere Hände. Ich beugte mich über sie, da atmete sie mit einem heftigen Stöhnen auf und sah mich noch einmal an, und sank dann zurück--und war stumm für immer.
Von diesem Morgen will ich schweigen.
Als die Sonne durch die Glastür hereinschien, lag ich noch auf der Erde vor ihrem Ruhebett und starrte in ihr blasses Gesicht. Der Alte kauerte in einem Winkel und schluchzte still in sich hinein, da hörten wir draußen ihren Namen rufen, und die Nina kam hereingerannt und fiel mit einem Schrei über die Tote und gebärdete sich, wie wenn sie selbst zu Tode getroffen wäre. Dann, im heftigsten Krampf ihres Jammers, faßte sie sich gewaltsam und wandte sich zu mir. Ihr müßt fort! sagte sie. Ich bin nur herausgeeilt, sie und Euch zu warnen, denn eben ist Richino in ihr Schlafzimmer gedrungen und hat sie gesucht, jetzt weiß ich warum: um ihr zu sagen, daß ihr Geliebter nicht mehr lebe. Denn daß es so kommen würde, hat er wohl nicht gedacht. Wie er sie nicht fand, ist er totenblaß geworden und wieder gegangen. Aber glaubt mir, er wird sie auch hier suchen, und wenn er die gräßliche Spur draußen findet--horch! da kommen Schritte. Er ist es! Flieht, oder Ihr seid des Todes!
Ich antwortete ihr nicht. Ich stand auf und blieb neben meinem toten Weibe stehen. Da öffnete sich die Tür und er trat ein.
Was er auch hatte sagen wollen, als er hereinkam,--der Anblick versteinerte ihn. Er wankte zurück und mußte sich am Türpfosten halten. Sein fahles Gesicht verzerrte sich von ratlosem Entsetzen, ich sah, wie er vergebens nach Atem rang.