Chapter 3
Sie rief nach ihrer Gespielin, und das gute Kind kam mit glühendem Gesicht heran, gab mir die Hand und sagte: Ich hoffe, Ihr verdient Euch Euer Glück. Niemand als Euch hätte ich sie gegönnt. Aber wenn Ihr sie nicht glücklich macht, Herr Amadeo--wehe Euch!
Sie begleitete ihre Drohung mit einer so lebhaften tragischen Gebärde, daß wir beide lachen mußten, und sie selbst lachte mit. Auf dem Rasenplatz, wo ich die Mädchen damals belauscht hatte, ließen wir nun zu dreien den bunten Federball fliegen und waren bald so fortgerissen von unserem Spiel, als hätten wir gar keine wichtigeren Angelegenheiten und nicht vor einer halben Stunde über unser Lebensglück entschieden.
Papa Fabio ließ sich nicht blicken. Als die Schatten dichter wurden, begleiteten mich die beiden Mädchen ans Gitter. Ich ward ohne einen Kuß des lieblichsten, geliebtesten Mundes hinausgeschoben und haschte nur noch durch die Eisenstäbe ihre Hand, um eine Minute lang meine Lippen darauf ruhen zu lassen.
Welch ein Abend und welch eine Nacht! Die Leute in meinem Gasthof mochten denken, daß ich nicht recht gescheit oder ein Engländer sei, was ihnen ziemlich das Gleiche bedeutet. Ich kam mit einem großen Korbe frischer Blumen nach Hause, den mir die Verkäuferin nachtrug; die verstreute ich oben in meinem Zimmer, bestellte mir Wein und warf einem Geiger, der auf der Straße spielte, einen blanken Fünffrankentaler hinunter. Dann schlief ich bei offenen Fenstern in der gelinden Nachtkühle und entsinne mich noch deutlich, wie es mir vorkam, als fühlte ich das Schüttern und Schwingen des Erdballs bei meiner Reise durch den Sternenhimmel in meinem Herzschlag nachzittern.
Erst am folgenden Morgen besann ich mich, daß noch manches zu überwinden war, bis ich besitzen durfte, was mein war. Wie sollte ich in das Haus ihres Vaters kommen? Und würde er ebenso rasch Zutrauen zu mir fassen wie seine Tochter? Indem ich eben unter den Arkaden schlendernd darüber nachsann, kam mir wieder mein Glück zu Hilfe. Jener Geschäftsfreund begegnete mir, den ich am zweiten Tage aufgesucht, und staunte nicht wenig, mich noch hier zu finden. Ich schützte vor, daß ich Briefe meines Schwagers abwarten müsse. Der Plan sei aufgetaucht, in Italien eine Kommandite unseres Hauses zu gründen, und es sei dabei zunächst von Bologna die Rede gewesen. Jedenfalls müsse ich nun meinen Aufenthalt ins Unbestimmte verlängern und Bekanntschaften machen. Dabei nannte ich neben anderen Namen angesehener Familien das Haus des Generals. Unser Geschäftsfreund kannte ihn nicht selbst. Aber ein junger Geistlicher, sein Vetter, gehe dort ein und aus und werde mich gern einführen. Ich möge mich nur vor den gefährlichen Augen der schönen Frau in acht nehmen; denn obwohl sie nicht in dem Rufe stehe grausam zu sein, so würde ich doch gerade jetzt meine Zeit sehr fruchtlos verschwenden, da ein junger Graf ihr erklärter Galan sei und nicht geneigt scheine, so bald einem neuen Prätendenten Platz zu machen.
Ich stimmte in diesen Ton mit ein, so gut ich konnte, und wir verabredeten das Nähere. Schon am Abend dieses Tages traf ich mit dem jungen Geistlichen in einem Café zusammen und ließ mich nach dem Hause führen, das in einer stillen Straße lag; ein Palazzo, äußerlich ganz unscheinbar, im Innern mit großem Luxus ausgestattet. Über schwere Teppiche traten wir in das Zimmer, wo man allabendlich einen kleinen Kreis von Habitués empfing, Prälaten von jedem Rang, Militärs, einige alte Patrizier, immer nur Männer. Mein junger Abbate konnte nicht genug sagen, welch ein Glück es sei, in diesem Hause Zutritt zu haben. Welch eine Frau! seufzte er. Er schien die Hoffnung zu hegen, daß auch an ihn noch einmal die Reihe kommen würde.
Als ich eintrat, fiel mein erster Blick auf den alten General, der in einem Lehnstuhl saß, einem alten Kanonikus gegenüber, zwischen ihnen ein Marmortischchen, auf dem die Dominosteine klapperten. Auf einem Taburett neben ihm lagen Bilderbögen und Soldatenfiguren, und die Schere, mit der er sie auszuschneiden pflegte, wenn gerade niemand da war, der eine Partie mit ihm machen wollte. Eine Lampe hing über ihm von der Decke herab, und von neuem überraschte mich in der scharfen Beleuchtung die Ähnlichkeit mit meiner Beatrice. Mein Begleiter ließ mich nicht lange bei ihm verweilen. Nach den ersten höflichen Worten meinerseits, die der Greis mit einem kindlich gutmütigen Lächeln und einem Händedruck erwiderte, mußte ich in ein kleines Kabinett nebenan treten, wo die Frau vom Hause auf einem Diwan lag, ein langer, geckenhaft geputzter junger Mann ihr gegenüber auf einem Schaukelstuhl, beide, wie es schien, von ihrem Tête-à-tête ein wenig gelangweilt. Er blätterte in einem Album, das er auf dem Schoß hatte, die schöne Frau stickte ein buntes Kissen und streichelte dann und wann mit der Spitze ihres kleinen brokatnen Pantoffels das Fell einer großen Angorakatze, die schlafend zu ihren Füßen auf dem Polster lag. Bei dem gedämpften Schein der Wandleuchter, die aus unzähligen Spiegelgläsern zurückstrahlten, sah ich nicht sogleich, daß ich die Schöne von der Frühmesse vor mir hatte, obwohl der kleine Fächer mit dem Perlmuttergriff auf einem Seitentischchen lag. Sie aber mußte mich auf den ersten Blick erkannt haben. Sie fuhr so hastig in die Höhe, daß ihr der Kamm aus den vollen Haaren fiel und sie aufgelöst über den Nacken rollten. Die Katze wachte auf und schnurrte mich an, der lange junge Mensch warf mir einen stechenden Blick zu, und ich selbst war, als ich sie erkannte, von der Überraschung so betroffen, daß ich es der Zungenfertigkeit meines kleinen Begleiters Dank wußte, als er mich nicht zu Worte kommen ließ. Auch sie sprach lange nichts, sondern sah mich nur wieder mit demselben unverwandten Blick an, der mir schon in der Kirche unheimlich gewesen war. Erst als sie die steinerne Unhöflichkeit bemerkte, mit der der Graf meine Anwesenheit völlig zu übersehen sich bemühte, belebte sich ihr Gesicht. Sie lud mich mit einer leisen schmeichelnden Stimme, die das jugendlichste an ihr war, ein, auf dem Sofa neben ihr Platz zu nehmen, nachdem sie die Katze verjagt hatte. Ihr könnt indessen die Noten durchsehen, Graf, die ich heute aus Florenz bekommen habe. Ich will hernach singen und Ihr sollt mich begleiten.
Der junge Löwe wollte ein wenig murren, aber ein fester Blick aus den blauen Augen bändigte ihn. Wir hörten bald, wie er im Saale nebenan Akkorde auf dem Flügel griff. Währenddessen mußte sich der kleine Abbate mit dem Aufschneiden neuer französischer Romane beschäftigen, und ich blieb allein übrig, der Gebieterin den Hof zu machen. Gott weiß, wie ich jeden der beiden andern, am meisten aber den Kanonikus drinnen am Dominotisch beneidete! Vom ersten Wort, das ich mit dieser Frau wechselte, fühlte ich eine feindselige Regung in mir, die sich nur verstärkte, je sichtbarer sie mir entgegenkam. Ich mußte all meine Klugheit aufbieten, um nur den Schein der Artigkeit zu wahren und wirklich auf das zu hören, was sie sagte; denn meine Gedanken waren draußen in dem Gartensaale, und durch alles gewandte, glatte Geplauder hindurch hörte ich die sanfte Stimme meiner Geliebten und sah ihre ernsten Augen traurig auf mich geheftet.
Aber trotz meiner Geistes- und Herzensabwesenheit schien die schöne Frau nicht unzufrieden mit diesem ersten Gespräch. Sie mochte meinem beklommenen Wesen ganz andere Gründe unterschieben, und die Tatsache, daß ich überhaupt mich hatte bei ihr einführen lassen, deutete sie jedenfalls zu ihren Gunsten. Sie lobte mein Italienisch, nur habe es einen piemontesischen Anflug, den ich nicht besser verlieren könne, als wenn ich oft käme, jeden freien Abend, ihr Haus ganz wie das meine betrachtete. Sie selbst habe traurige Pflichten zu erfüllen, seufzte sie, mit einem Blick auf das Zimmer nebenan, von wo man eben das gutmütige Lachen des alten Herrn über eine gewonnene Partie hörte. Ihr Leben beginne erst in diesen Abendstunden. Ich sei freilich jung, und die Unterhaltung einer melancholischen, früh schon ernst gewordenen Frau könne kaum einen Reiz für mich haben. Aber eine aufrichtige Freundschaft, wie ich sie hier fände, sei wohl ein Opfer wert. Ich gliche einem ihrer Brüder, den sie sehr geliebt und früh verloren habe. Das sei ihr schon in der Kirche aufgefallen, und darum danke sie mir so innig, daß ich ihr Haus betreten.
Sie schlug mit einer sehr fein gespielten Verwirrung die Augen nieder. Dabei reichte sie mir lächelnd die Hand, die ich flüchtig an meine Lippen drückte. Auf gute Freundschaft! sagte sie halblaut. Zum Glück überhob mich das Eintreten neuer Besucher einer Antwort, die nicht von Herzen gekommen wäre. Es waren einige Geistliche, vollendete Weltmänner, die mich sogleich wie einen alten Bekannten behandelten. Auch der Graf trat wieder herein und flüsterte ihr einige Worte zu. Man erhob sich und ging in den Saal, wo der Flügel stand. Nun sang sie die neuen Sachen durch, während ihr Cicisbeo akkompagnierte. Ihre schöne Stimme erging sich in den glänzendsten Läufen und Trillern, und zwischendurch bemerkte ich wohl, wie sie nach der dunklen Ecke hinübersah, wo ich an der Wand lehnte und mechanisch, sobald eine Arie zu Ende war, in den allgemeinen Applaus einstimmte. Ich dachte beständig an die andere Stimme, die ich draußen in der Villa gehört hatte.
Diener in Livree traten leise herein und trugen auf silbernen Brettchen Sorbett und Gefrornes. Der Gesang hörte auf, man plauderte und lachte; der General erschien, auf seinen Stock gestützt, erzählte vergnügt, daß er sechs Partien hintereinander gewonnen habe, und fragte mich, ob ich auch spiele. Als ich es bejahte, lud er mich auf morgen ein, seinen Gegner zu machen, und rief darin dem Kammerdiener, da seine Schlafenszeit gekommen sei. Das war das Signal zum Aufbruch. Ich erhielt noch ein bedeutsames Lächeln von der Frau vom Hause und eilte, den Saal früher als die andern zu verlassen, da ich danach schmachtete, in der Einsamkeit die widrigen Empfindungen, die mich hier bestürmt, von mir abzuschütteln.
Ich wurde sie aber nicht eher los, als bis ich am anderen Tag, wieder um die Dämmerung, nach der Villa hinauswanderte. Ich wußte wohl, daß mir der Eintritt verboten war; ich wollte auch nur durch das Gittertor hineinspähen, ob ich nicht einen Streifen ihres Kleides oder das Band ihres Strohhutes erblicken könnte. Da stand sie selbst auf dem Balkon, allein und den Blick der Straße zugekehrt, als hätte sie mich erwartet. Eine Weile begnügten wir uns, mit Augen und Händen uns zuzuwinken. Dann machte sie mir ein Zeichen, daß sie herunterkommen wolle, und gleich darauf trat sie aus der kleinen Tür und kam auf mich zu, das Gesicht dunkelglühend von Freude und Liebe. Sie reichte mir die Hand hinaus. Als ich fragte, ob ich wirklich draußen bleiben müsse, nickte sie ernsthaft und sagte, die Hand aufs Herz legend: Du bist darum doch hier drinnen!--Dann vertieften wir uns lange in ein kindisches süßes Liebesgeschwätz, bis ich ihr erzählte, daß ich gestern bei ihren Eltern gewesen war. Als ich ein herzliches Wort über ihren armen Vater sagte, ergriff sie rasch meine Hand und küßte sie, eh' ich es wehren konnte. Von der Mutter und all ihrem Unwesen sagte ich kein Wort; sie verstand mein Schweigen wohl. Geh nur wieder hin, sagte sie, und tu ihm alles zuliebe, was du kannst. Es kann nicht fehlen, daß er dich lieb gewinnt. Dann hielt sie mir, als ich sie um einen Kuß bat, die Wange dicht ans Gitter und entriß sich mir eilig, als sie Reiter heransprengen hörte. Ich mußte fort, alle ungestillte Sehnsucht im Herzen. Ich gestehe, daß mich damals zuerst Zweifel über die Wärme ihres Gefühls für mich beschlichen. Ich wußte wohl, wie streng im allgemeinen die Mädchen in Italien sich selbst im Zaum halten, um hernach als Frauen sich oft um so zügelloser gehenzulassen. Aber nicht einmal durch das Gitter hindurch mir den Mund zu gönnen! Dann dacht' ich wieder an alles, was sie mir gesagt hatte, und ihren Blick dabei, und war getröstet.
Natürlich stellte ich mich am Abend pünktlich bei meinem alten General ein, der mich sogleich an das Spieltischchen kommandierte. Es kamen heut weniger Besucher als gestern. Der alte Kanonikus saß in der Fensternische und schlief mit lautem Schnarchen, da ich ihn beim Domino ablöste. Diesmal hatte sich die Frau nicht in ihr Kabinett zurückgezogen, sondern saß auf einem Kanapee unweit unseres Tisches, der lange Galan um so übellauniger ihr gegenüber. Sie hatte ihm einen Roman in die Hand gegeben, aus dem er vorlesen mußte. Er versprach sich oft und warf endlich das Buch mit einem landesüblichen Fluch beiseite, den man sonst nicht in gute Gesellschaft mitbringt. Seine Gebieterin stand auf und winkte ihm, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, wo sich ein halblaut geführtes leidenschaftliches Gespräch entspann. Ich verstand nur so viel, daß sie ihm drohte, ihm das Haus zu verschließen, wenn er sein Betragen nicht ändere.--Der Alte, der über sein Spielglück sehr fröhlich war, horchte einen Augenblick auf. Was haben sie nur? sagte er. Ich zuckte die Achseln. Ein wunderlich ängstlicher Zug ging über sein Gesicht. Er seufzte und schien einen Augenblick unschlüssig, ob er sich einmischen solle. Dann sank er in sich zusammen und schien zu träumen.--Der Kanonikus wachte auf und nahm eine Prise und bot auch dem alten Herrn die Dose. Das brachte ihm seinen Gleichmut wieder, und wir setzten unser Spiel eifrig fort. Er sagte mir, als ich endlich ging, ich möchte ja wiederkommen, er spiele noch lieber mit mir als mit Don Vigilio, dem Kanonikus. Diese Worte begleitete er mit einem herzlichen Händedruck und der liebenswürdigsten Freundlichkeit, wie er überhaupt bei all seiner Schwäche die Formen eines Kavaliers aus der alten Schule noch immer beherrschte.--Die Frau entließ mich kälter als gestern, doch, wie mir schien, nur des Grafen wegen, mit dem inzwischen eine Aussöhnung stattgefunden hatte.
Und ich täuschte mich nicht. Denn am Abend darauf, wo der Graf durch einen kleinen Ausflug von seinem Posten ferngehalten war, verdoppelte sie ihre Anstrengungen, mich in ihr Netz zu ziehen. Ich spielte die Rolle des arglosen jungen Menschen, der in aller Ehrerbietung nichts hört und sieht und versteht, und sah wohl, daß sie doch nicht ganz daran glaubte. Aber der geringe Erfolg ihrer Bemühungen mochte sie beleidigen und zu dem Vorsatz treiben, um jeden Preis meine wirkliche oder angenommene Kälte zu besiegen. Sie ließ sich von ihrem Ärger so sehr fortreißen, daß sie auch, als der Graf wiedergekehrt war, sich durchaus keinen Zwang antat. Auch die anderen Hausfreunde sahen, wie die Dinge standen. Ich hörte nur zu bald durch meinen Geschäftsfreund, daß man schon in der Stadt von mir sprach; er wünschte mir Glück zu dieser Eroberung und ahnte nicht, wie mir dabei zu Mut war. Ich sah ein, daß ich keinen Tag mehr zögern durfte, meine wahren Absichten zu erklären.
Ein Gespräch mit dem jungen Grafen gab den Ausschlag.
Er erwartete mich eines Abends, als ich in mein Hotel zurückkehrte, begrüßte mich mit eisiger Höflichkeit und bat mich kurz und bündig, entweder meine Besuche in jenem Hause einzustellen, oder mich auf ein Rencontre anderer Art gefaßt zu machen. Ich sei fremd und mit den Landessitten wohl nicht hinlänglich bekannt, sonst würde er sich nicht die Mühe genommen haben, mir erst noch diese Warnung zu erteilen.
Ich erwiderte, daß ich ihn noch vierundzwanzig Stunden zu warten bäte, er werde dann erkennen, daß nichts lächerlicher sei als eine Rivalität zwischen uns beiden. Er sah mich groß an; aber da ich keine Miene machte zu weiteren Eröffnungen, verneigte er sich und ging.
Am anderen Tag schon in der Frühe--denn ich wußte, daß der alte Herr zeitig aufstand--ließ ich mich bei ihm melden und traf ihn in seinem Schlafzimmer, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, im größten Behagen. Er hatte seinen ganzen Schatz an ausgeschnittenen Figuren in vielen Pappschachteln um sich her stehen und kramte darin herum. Als er mich sah, streckte er mir mit sichtbarer Freude die Hand entgegen, lobte mich, daß ich ihn auch einmal am Morgen besuchte, bot mir eine Pfeife an und wollte mir, da ich sie ablehnte, mit Gewalt ein paar Reiterfiguren zum Andenken verehren, auf die er besonderen Wert legte. Das Herz wurde mir schwer, da ich daran dachte, daß mein Glück in der Hand dieses armen Alten ruhe. Aber als ich das erste Wort von seiner Tochter gesagt hatte, verwandelte sich zu meinem Erstaunen der Ausdruck seines Gesichts vollständig. Er ward ernst und still; nur ein gespannter Zug auf der Stirn verriet, daß er selbst bei diesem Thema Mühe hatte, seine Gedanken zu sammeln. Ich verschwieg ihm nichts, von unserem ersten Begegnen an bis zu dieser Stunde. Er nickte dann und wann zustimmend; wenn ich von meiner Neigung sprach, glänzten ihm die Augen, und er sah gen Himmel mit einer feierlichen Rührung, die seine edlen Züge wahrhaft verklärte. Dann schilderte ich ihm meine Verhältnisse, den natürlichen Wunsch, wenn er mir sein Kind anvertraute, meine junge Frau mit in meine Heimat zu nehmen, wie ich aber auch bereit sei, einige Jahre in seiner Nähe zu bleiben, um sie ihm nicht zu entreißen. Da faßte er meine beiden Hände und drückte sie mit einer Kraft, die ich dem welken Invaliden nicht mehr zugetraut hatte. Dann zog er mich an sich und küßte mich herzlich, ohne daß er ein Wort sagen konnte, bis die Kraft ihn verließ und er in den Sessel zurücksank. Aber nach einer kurzen Pause machte er mir ein Zeichen, daß ich ihn aufrichten sollte, und als er auf seinen Füßen stand, sagte er: Du sollst mein Kleinod haben, mein Sohn, und ich danke Gott, daß ich diese Stunde noch erlebt habe. Komm! ich will hinüber und es meiner Frau sagen. Es war mir gleich, als ich dich sah, als ob du ein gutes Herz haben müssest. Und wenn ich zehn Töchter hätte, ich wünschte sie nicht besser versorgt. Sieh nur, sieh! das böse Kind, die Bicetta! sich einen Liebhaber anschaffen hinter dem Rücken des babbo! Aber so sind sie alle. Wenn sich's um eine Liebschaft handelt, kann man keiner trauen, keiner!--Dabei nahm sein Gesicht einen halb kummervollen, halb ängstlichen Ausdruck an und er seufzte; vielleicht fuhr ihm eine Erinnerung durch den Kopf. Gleich darauf umarmte er mich wieder, zupfte mich am Ohr, nannte mich einen Räuber, einen Heuchler und Verräter und zog mich an der Hand hinaus, um mich zu seiner Frau zu führen, die ihre Zimmer auf dem anderen Flügel des Hauses hatte.
Eine Kammerjungfer kam uns im Vorzimmer entgegen, sah mich mit großen Augen an und ließ den General erst zu ihrer Herrin hinein, nachdem sie bei ihr angefragt hatte. Mich zu empfangen, sei es noch zu früh. Ich war sehr froh darüber, obwohl mir die Zeit des Wartens unerträglich deuchte. Ich hörte kein Wort von dem, was drinnen verhandelt wurde, nur daß die Stimme des alten Herrn mit der Zeit lauter und gebieterischer wurde, Töne, wie ich sie nie aus seinem Munde vernommen. Dann wieder ein langes, hastiges Flüstern, bis die Tür aufging und der Alte hochaufgerichtet wie nach einer gewonnenen Schlacht herauskam. Sie ist dein, mein Sohn, sagte er; es bleibt dabei. Meine Frau läßt dich grüßen. Sie kam mir erst mit dummen Einreden. Es ist da ein Vetter in Rom, ein junger Laffe, der vor einem Jahr, als er fortging, sagte: Hebt mir die Bicetta auf, ich will sie heiraten. Aber das war Spaß, und ich und du, wir meinen es im Ernst, und du sollst sie haben, Amadeo. Es ist wahr, seufzte er, ich lasse manches gehn, wie's Gott gefällt. Wenn man ein alter Mann ist, fallen einem die Zügel aus der Hand. Aber es gibt Dinge, Amadeo, die mich wieder unter Waffen bringen bis an die Zähne. Da hast du meine Hand darauf, sie wird deine Frau. Komm heute abend; du sollst sie hier finden. Umarme mich, mein Sohn! mache sie glücklich; sie hat es tausendmal um ihren alten Vater verdient.
Wir trennten uns, nachdem er mich noch oben an der Treppe lange an sich gedrückt hatte. Als ich dann am Abend wiederkam, fand ich das Haus heller als sonst erleuchtet, schon im Vorzimmer eine Menge Menschen, die mich neugierig betrachteten. Im Salon saß der General auf seinem gewöhnlichen Platz, der Kanonikus ihm wieder gegenüber, aber die Dominosteine lagen unangerührt auf der Marmorplatte. Denn auf dem Schoß des Vaters saß das Mädchen, ganz ohne Putz und Schmuck, nur Granatblüten im Haar, die Arme um den Hals des Alten gelegt, als sei es ihr unheimlich in diesem Kreise und sie suche Zuflucht bei ihrem einzigen Freunde. Sobald sie mich sah, glitt sie von ihrem Platz herab und stand ruhig wie eine Bildsäule da, bis ich ihr die Hand bot. Sie warf einen raschen Blick nach dem Sofa hinüber, wo die Mutter saß, in glänzender Toilette; die Haare fielen auf die schönen entblößten Schultern zurück, der volle weiße Arm stützte sich auf das rote Seidenkissen; sie hatte es offenbar darauf abgesehen, die schlanke jungfräuliche Schönheit des Mädchens zu überstrahlen. Neben ihr saß der lange Graf, wieder im phlegmatischen Hochmut des Alleinherrschers, und nickte mir gönnerhaft wohlwollend zu. Als ich, meine Braut an der Hand, zu den beiden trat, sah ich wohl, daß die Frau leicht erblaßte. Aber sie begrüßte und beglückwünschte mich mit ihrem gewinnendsten Lächeln, bot mir die Hand zum Kuß und küßte Bicetta auf die Stirn, was diese wie leblos hinnahm. Nur das Zittern ihrer Hand sagte mir, wie ihr dabei zu Mute war.
Nun hatten wir eine große Cour anzunehmen, und ich bewunderte, mit wie vollendeter Haltung meine Geliebte dieser Flut von Redensarten standhielt. Der Vater sah uns in der höchsten Glückseligkeit beständig an. Dann winkte er uns, daß wir uns in die Fensternische setzen möchten, wo zwei Sessel einander gegenüberstanden, und er selbst vertiefte sich mit Don Vigilio in seine Partie. Bald hatten wir ganz vergessen, wo wir waren. Von dem schwirrenden Geräusch um uns her drang nichts an unser Ohr. Draußen an einer über die Gasse gezogenen Kette hing eine trübe Öllaterne. Aber sie leuchtete mir genug, um meinem Glück in die Augen zu sehen und mich an seinem Lächeln zu berauschen.
Später als gewöhnlich verließ man heute das Haus. Es wurde Champagner getrunken und von einem alten Erzbischof, der gerade auf einer Hirtenreise die Stadt besuchte, das Wohl der Verlobten ausgebracht. Der würdige alte Herr schien mich ganz besonders in Affektion zu nehmen. Ich mußte in seinen Wagen steigen und mich von ihm in meinen Gasthof fahren lassen. Aber kaum waren wir allein miteinander, als der Grund dieser ausgesuchten Freundlichkeit zum Vorschein kam. Sie sind Lutheraner? fragte er. Als ich es bejahte, bemerkte er mit einem milden Lächeln: Sie werden es nicht bleiben. Sie werden durch das Liebesglück, das Sie hier gefunden, noch ein größeres Heil gewinnen. Besuchen Sie mich morgen; wir sprechen weiter davon.
Ich versäumte nicht, mich einzufinden: aber von der Linie, die ich mir vorgezeichnet hatte, ließ ich mich keinen Zollbreit abdrängen. Ich nahm für mich selbst die volle Gewissensfreiheit in Anspruch, die ich auch meiner Braut gewähren wollte. Was die Kinder betraf, so sollte die Mutter darüber entscheiden, bis sie selbst in der Frage über ihr Seelenheil eine Stimme haben würden.--Der feine alte, Herr schien einstweilen mit meiner Stimmung ganz wohl zufrieden und auf die Zukunft zu rechnen. Da er aber wieder abreisen mußte, übergab er mich einem jüngeren Seelsorger, einem Ordensgeistlichen, der die Sache viel ungeschickter und leidenschaftlicher angriff, so daß ich endlich, um nicht selbst mich zu Unartigkeiten fortreißen zu lassen, den Verkehr mit ihm ganz und gar abbrach. Man verdachte mir das schwer; ich konnte es im Salon meiner Schwiegereltern deutlich an gewissen Mienen bemerken. Aber da der Vater unverändert herzlich blieb und auch die Herrin des Hauses mir, wenigstens scheinbar, ihre kühle Freundlichkeit nicht entzog, so war das Unglück zu ertragen.