Beatrice

Chapter 2

Chapter 24,008 wordsPublic domain

Wieder ließ ich die Zeit der Siesta vergehen, ehe ich meine Wanderung nach der Villa antrat. Aber diesmal begnügte ich mich nicht, durchs Gitter zu sehen; ich zog herzhaft an der Glocke und erschrak nicht einmal, als sie einen endlosen Lärm machte. Das Hündchen kam zornig auf den Balkon gelaufen, unten im Hause öffnete sich ein Seitenpförtchen neben der hohen Glastüre, und ein kleiner Mann, dessen gutmütiges Gesicht durch einen mächtigen grauen Knebelbart einen lächerlich martialischen Anstrich bekam, schritt in sichtbarer Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf das Gitter zu. Ich sagte das Sprüchlein, das ich mir eingeübt, ohne Stocken, daß ich ein Fremder sei, ein Reisebuch über Italien im Werk habe und auch die Landhäuser um Bologna mit aufzunehmen denke. Es sei mir darum sehr wichtig, die Erlaubnis zu erhalten, auch hier nur einen raschen Umblick zu tun, da dieses Haus im alten Stil erbaut und in vieler Hinsicht merkwürdig sei.

Der Graubart schien von alledem nicht viel zu verstehen. Es tut mir leid, sagte er, aber ich darf den Herrn durchaus nicht einlassen. Die Villa gehört dem General Alessandro P., unter dem ich selbst gedient habe, und die Schweiz, wo der Herr herstammt, kenne ich wohl, denn da bin ich selbst durchgekommen unter dem Bonaparte. Hernach, wie alles zu Ende war und ich mit meinen Wunden zu schaffen hatte, kommandierte mich mein General auf diesen Ruheposten, und da er noch einmal heiratete, gab er mir seine Tochter hier aufzuheben, denn der Herr weiß wohl, wie es geht, wenn die junge Tochter schöner ist als die junge Mutter. Nun, da leben wir hier ganz friedlich, und der Signorina fehlt es auch an nichts, denn der Papa schickt ihr fast jede Woche irgend was Hübsches, und Lehrer im Singen und in den Sprachen hat sie auch die besten und an meiner eigenen Tochter eine Gesellschaft, wie sie sie nur wünschen kann. Nur in die Stadt kommt sie nicht, und die Mutter fragt nichts nach ihr, und das macht ihr auch weiter keinen Kummer, da der Vater doch alle Monat einmal sie besuchen darf. Aber jedesmal, wenn er kommt, schärft er mir wieder ein, daß ich das Kind hüten soll wie meinen Augapfel, und sonntags, wenn sie in die Messe geht, gehn Nina und ich selbst mit ihr und lassen kein Auge von ihr. Was wollt Ihr auch in dem alten Hause sehn? Ich versichere Euch, es ist wie hundert andere, und auch im Garten wächst nichts Besonderes. Das fehlte noch, daß Ihr in einem Buch von uns erzähltet; da würde es Händel setzen mit meinem Herrn, und am Ende jagte er mich, so alt ich bin, aus dem Dienst.

Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu beruhigen, aber mehr als alle guten Worte wirkte ein Goldstück, das ich ihm durchs Gitter in die Hand drückte.--Ich sehe, Ihr seid ein honetter junger Mann, sagte er, und werdet einen alten Soldaten nicht unglücklich machen. Wenn Ihr so hitzig darauf besteht, so kommt und ich führe Euch herum, daß Ihr Eure Neugier büßt. Auch kann ich es um so eher, da die Signorina gerade Singstunde hat; so wird sie also gar nichts davon erfahren, daß ich einen Fremden eingelassen habe.

Er schloß mir mit einem schweren Schlüssel die Gittertür auf und führte mich ins Haus. Im Erdgeschoß war ein großer kühler Saal, mit Jalousien und schweren Vorhängen gegen die Sonne verwahrt. Ich bat, meiner Rolle getreu, ein Fenster zu öffnen, um die Bilder betrachten zu können, die an den Wänden hingen. Es waren Familienporträts von geringem Wert, nur eins, über dem Kamin, fesselte mich länger. Das ist die Mutter unserer Signorina, sagte der Alte; ich meine die rechte, die nun schon fünfzehn Jahr tot ist. Sie war eine schöne Frau, man nannte sie die schöne Heilige; die Tochter gleicht ihr sehr, nur daß sie lustiger ist und wie ein Vogel im Bauer beständig auf und ab springt.

Sie hat auch eine Vogelkehle, warf ich scheinbar gleichgültig hin. Ist sie das nicht, die da über uns singt?

Jawohl, sagte der Alte. Der Kapellmeister von unserem Theater kommt zweimal die Woche. Wenn darin der Papa (il babbo, sagte er) seinen Besuchstag hat--er bleibt dann immer viele Stunden--, singt sie ihm ihre neuen Arien, und dann ist der arme Herr wie im Paradiese. Er hat sonst auch wenig Freude, und ohne das Kind wäre ihm wohl besser in einer anderen Welt.

Was ist mit ihm? fragte ich. Ist er krank?

Wie man's nimmt, lieber Herr, sagte der Alte mit Achselzucken. Ich wenigstens wäre lieber tot, als so lebendig. Wer ihn gekannt hat, als er noch bei der Armee war--der Riese des Giovanni da Bologna auf dem Markt sieht nicht vornehmer und ritterlicher in die Welt, als mein General tat. Und jetzt--es ist herzbrechend. Den ganzen Tag sitzt er im Lehnstuhl am Fenster, schneidet Bilderbogen aus oder spielt Domino, und es ist, als hörte und sähe er nichts, und wenn seine Frau ihm etwas sagt, schielt er sie ganz schüchtern an und nickt ja zu allem. Nur was die Signorina angeht, da ist er noch ganz der alte, da darf ihn niemand hinters Licht führen wollen, oder er erfährt, daß der alte Löwe Tatzen hat, wenn ihm auch die Klauen beschnitten sind.

Und wie ist er in diesen Zustand gekommen?

Niemand weiß es, Herr. Es sind Dinge in dem Hause vorgefallen, von denen man nur gemunkelt hat. Ich meine immer, es muß ihm einmal von dem Weibe, will sagen Ihrer Exzellenz der jungen Frau Generalin, ein Schlag aufs Herz geschehen sein, von dem er sich nicht wieder ganz hat erholen können. Nun trägt er den Packen, den er sich selbst aufgeladen hat, wie ein alter standhafter Soldat Hunger und Durst erträgt, wenn er auch darüber zum Schatten einschrumpft. Ja, ja, das sind Geschichten!

Indessen stiegen wir die Treppe hinauf und kamen dem Gesang immer näher. Die Stimme hatte etwas Herbes, Ungeschmeidiges; ein hoher, jugendlicher Sopran, fast knabenhaft, und es schien, als singe sie nur, weil sie etwas auf dem Herzen habe, durchaus unbekümmert um ihren eigenen Wohllaut.

Wie heißt die Signorina? fragte ich, als wir oben waren.

Beatrice. Wir im Haus nennen sie Bicetta. O welch ein goldenes Herz! Meine Nina sagt oft: Vater, sagt sie, wenn sie warten soll, bis sie einen Mann findet, der sie wert ist, wird sie eine Jungfer bleiben. Seht, Herr, da ist ihr kleines Zimmer. Da liegen ihre Bücher; sie liest oft die halbe Nacht, sagt Nina, und in allen Sprachen. Da nebenan ist die Kammer, wo sie beide schlafen. Das Bild über ihrem Bett stellt meinen armen Herrn vor in der Generalsuniform, wie er uns in die Schlacht führt. Da hinten der Kleine, der die Muskete schwingt, das soll ich sein, sagt die Signorina. Sie hat ihm selbst erst den Schnurrbart gemalt, um es ähnlicher zu machen. Aber kommen Sie nur, hier ist nichts Merkwürdiges. Die Möbel sind alt, sehen Sie. Der General hat schon einmal neue herausschicken wollen, aber das Kind will es nicht leiden. Denn so sah hier alles aus, als die Selige hier ihren ersten Sommer als junge Frau zubrachte. Da auf dem Balkon saß sie immer in der Abendkühle und schaukelte die Wiege und sah nach der Stadt hinüber, ob ihr Gemahl noch nicht bald komme, wenn er Geschäfte hatte.

Ich trat hinaus und bückte mich in wundersamer Bewegung, um das Hündchen zu streicheln, das mir wedelnd die Hand leckte. Jedes Wort des braven Alten war ein Tropfen Öl in mein Feuer. Und dann die Stimme nebenan, deren Hauch die Flamme hoch und höher anfachte!-Um mich nicht zu verraten, sprach ich allerlei über den Stil, in welchem der Park angelegt war, über den Mosaiktisch, der mitten in dem großen Zimmer stand, und das verblichene Freskobild am Plafond. Ich konnte mich nicht entschließen, wieder auf den Flur hinauszugehen, obwohl mein Führer ungeduldig zu werden schien. Plötzlich brach nebenan der Gesang ab, im nächsten Augenblick flog die Tür auf, und sie selbst stand, das Notenblatt in der Hand, an der Schwelle.

So nah hatte ich sie noch nicht gesehn. Aber dennoch sah ich sie nicht viel deutlicher als an den vorigen Tagen, denn es schwamm mir vor den Augen. Nur hatte ich gleich auf den ersten Blick erkannt, daß sie mein Medaillon am Halse trug.

Der Alte war einen Schritt zurückgefahren und stammelte jetzt eine linkische Entschuldigung, wobei er mich verstohlen am Rock zupfte.

Es tut nichts, Fabio, sagte sie. Führe den Herrn nur herum, wenn er das Haus sehen will und den Garten. Geh mit, Nina, wandte sie sich an ihre Freundin, die auf einem niedrigen Sessel neben dem Klavier mit einer Stickerei saß; und höre, ich will dir noch etwas sagen.

Sie flüsterte ihr ein Wort ins Ohr, immer dabei den Blick auf mich geheftet, und verneigte sich dann mit der reizendsten Anmut gegen mich, der ich kein Wort vorbringen konnte. Dabei legte sie wie unwillkürlich die rechte Hand auf das Medaillon und wandte sich dann wieder zu ihrem Lehrer, der dem ganzen Intermezzo mit neugierigen Augen zugesehen hatte.

Auch schien die Stunde ruhig ihren Fortgang zu nehmen, während wir drei, die Tochter des Alten voran, die Treppe hinunterstiegen. Das Mädchen musterte mich nachdenklich bei jeder Wendung der Stufen von neuem, sprach aber kein Wort. Erst als wir im Garten waren, wandte sie sich zu ihrem Vater.

Ich soll dem Herrn zwei Orangen pflücken, hat Bicetta mir aufgetragen. Er werde durstig sein von dem weiten Gang. Wir wollen bei der Fontäne vorübergehen, da stehen die reifsten.

Ich folgte den beiden wie im Traum und sah nach dem Hause zurück, nach dem Fenster, aus dem ihre Stimme noch immer herabklang. Die Jalousie war halb aufgezogen, da konnte ich sie im Halbschatten stehen sehen und glaubte deutlich zu erkennen, daß sie uns nachsah. Nina sah auch hinauf und dann wieder auf mich. Mir war es nicht darum zu tun, mich vor ihr zu verstecken; am liebsten hätte ich ihr mein ganzes Herz offenbart. Aber da der Vater dabei war, konnte ich ihr nur zuletzt, als wir am Gitter anlangten und sie mir die Orangen gab, zuflüstern: Grüße sie und sag ihr, sie würde von mir hören. Und diese eine Frucht gib ihr, und wenn sie sie ißt--Da kam der Alte dazwischen, der mich minder freundlich verabschiedete, als er mich eingelassen hatte. Ich wiederholte mein Versprechen, zu schweigen. Aber er schien einen anderen Argwohn zu haben, und sein ehrliches Gesicht blieb verfinstert.

Die Nacht brachte ich damit zu, einen langen Brief an sie zu schreiben, in dem ich ihr meinen ganzen Zustand schilderte und mein Wohl und Wehe in ihre Hände gab. Wenn mir dann und wann der Schritt, den ich wagte, mitten in der unsinnigsten Leidenschaft allzu abenteuerlich vorkam, nahm ich die Orange, die neben dem Blatt auf meinem Schreibtisch lag, und drückte sie gegen die Lippen, schloß dabei die Augen und dachte an sie, wie sie sich auf der Schwelle mit jenem langen holdseligen Blick verneigt und die Hand an das goldene Herz gelegt hatte.

Hernach schlief ich sehr ruhig und bis in den hellen Tag hinein, ließ aber wieder den Mittag vorübergehen, eh ich als mein eigener Briefbote den entscheidenden Gang antrat. Das Glück wollte mir wohl. Ich hatte mir eine lange eindringliche Rede ausgedacht, mit der ich den Alten gewinnen wollte, wenn er Anstand nähme, meinen Brief zu besorgen. Aber statt seiner kam, als ich läutete, Nina ans Gitter; da konnt' ich die vielen Worte sparen. Das kluge Kind schien durchaus nicht überrascht, mich wiederzusehen. Auch nahm sie den Brief unbedenklich an. Aber auf meine Frage, ob sie glaube, daß die Signorina mir antworten würde, machte sie eine diplomatische Miene und sagte: Wer kann es wissen?--Ich würde jedenfalls am anderen Tage wiederkommen, sagt' ich, genau zu derselben Zeit, und bäte sie, mich hier am Gitter zu erwarten, daß ich nicht anzuläuten und ihren Vater ins Geheimnis zu ziehen brauchte.

Der Vater? sagte sie und lachte. Den fürchten wir nicht. Er tut immer, als wäre er ein Menschenfresser, und Bicetta braucht ihn nur anzusehn, so ist er um den Finger zu wickeln. Aber kommt morgen lieber eine Stunde später. Wir haben Zeichenstunde und können Euretwegen den Professor doch nicht wegschicken. Wollt Ihr?

Eine Kutsche rollte auf der Landstraße heran, ich hatte nur Zeit, der Kleinen noch ein Ja zuzurufen, dann war sie mir schon entschlüpft, und ich selbst floh rasch die Mauer entlang, um nicht hier am Gitter betroffen zu werden. Der Wagen hielt richtig am Portal, mein alter graubärtiger Freund, der Hausverwalter, sprang vom Sitz neben dem Kutscher herab und half einem hochgewachsenen schlohweißen alten Herrn aus dem Wagen, in dem ich sogleich, an Augen, Stirn und Nase, Beatrices Vater erkannte. Er ging etwas gebückt und mit trippelnden Schritten, sich die Hände reibend und über das ganze Gesicht lachend. Ein Diener hob einen Korb mit Blumen und allerlei eingewickelten Sachen aus dem Wagen und trug ihn dem Alten nach. Ich hatte mich so an die Mauer gedrückt, daß keiner mich bemerkte. Ich selbst aber übersah die ganze Szene. Ehe noch einer geläutet hatte, flog die Gitterpforte weit auf, und die schlanke weiße Gestalt der Tochter hing sich an den Hals des alten Herrn, der sie mit einer rührenden Heftigkeit in seine Arme schloß und dann halb schwebend hineintrug. Die anderen folgten. Ich sah mit Neid das Tor hinter ihnen ins Schloß fallen.

Wie ich die Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht hinbrachte, weiß ich selber nicht. Es war ein beständiges Zwielicht um mich her, eine süße Betäubung, eine Schlaftrunkenheit, die mir die Augen zudrückte, während es beständig in mir sang und klang wie Flöten und Geigen. Denn sonderbar! so wenig zuversichtlich ich von jeher Frauen und Mädchen gegenüber mich gefühlt hatte, obwohl ich wußte, daß ich für einen schmucken jungen Mann galt, so getrost sah ich diesmal meinem Schicksal entgegen, als wäre mir das Herz dieses Mädchens so gewiß, wie daß morgen die Sonne aufgehen würde. Nur die Zeit, bis ich es von ihren Lippen hören sollte, schien unüberwindlich lang und langsam.

Noch muß ich hier eine seltsame Begegnung erwähnen, die ich am anderen Tage in einer Kirche hatte. Ich war absichtslos hineingetreten, bloß um den Ort meiner Ungeduld zu verändern. Denn weder Bilder noch Säulen, noch die Menschen, die vor den Altären knieten, interessierten mich nur im geringsten. Ich war so zerstreut, daß ich meinen Schritt zu dämpfen vergaß, da doch eben Messe war. Erst ein unwilliges Gemurmel eines alten Weibes erinnerte mich, daß ich mich unschicklich betrug. Da blieb ich am ersten besten Pfeiler stehen, horchte auf das Gesumme der Orgel und das Klingeln des Glöckchens und atmete den Weihrauch behaglich ein. Aber wie ich so die Augen mit abwesendem Geist über die kniende Menge schweifen lasse--ich selbst als Sohn eines strengen Calvinisten enthielt mich natürlich dieses andächtigen Brauches--, bemerke ich in einem Seitenstuhl mir gerade gegenüber zwei dunkelblaue Augen unter einer weißen, von lichtbraunem Haar überhangenen Stirn, die sich unbeweglich auf mich heften und auch nicht ihre Richtung ändern, solange die Messe dauerte. Ich gestehe, daß mir zu jeder anderen Zeit diese stumme Anrede eine Erwiderung abgelockt hätte. An jenem Morgen blieb ich ganz unempfindlich und wäre am liebsten fortgegangen, wenn ich nicht eine neue Störung hätte vermeiden wollen. Als aber alles sich erhob, sah ich, wie die schöne Frau rasch aufstand, den schwarzen Spitzenschleier über den Kopf zog und durch den schmalen Gang gerade auf mich zu kam. Sie war tadellos gewachsen, ein wenig zu voll, aber von einer Leichtigkeit der Bewegungen, die sie noch jugendlich erscheinen ließ. In ihrer weißen Hand, die ohne Handschuh den Schleier zusammenhielt, trug sie einen kleinen Fächer mit Perlmuttergriff. Den öffnete sie halb und bewegte ihn nachlässig, als sie in meine Nähe kam, und sah mir dabei mit einem ruhigen, aber vielsagenden Blick voll ins Gesicht. Dann, da ich keine Miene machte, als ob ich irgend etwas zu verstehen glaubte, warf sie den Kopf ein wenig zurück, lächelte vornehm, daß ihre schönen Zähne schimmerten, und rauschte an mir vorbei.

Im nächsten Augenblick schon hatte ich dies Intermezzo vergessen. Aber meine Freudigkeit war plötzlich verschwunden. Je näher der Abend rückte, je bänger wurde mir der Mut, und in der verabredeten Stunde schleppte ich, wie ein schwerer Verbrecher, der vor seinen Richter treten soll, meine Schritte nach der Villa hinaus.

Ich erschrak heftig, als ich statt der Nina, die ich am Gitter zu treffen dachte, ihren Vater am Portal stehen sah. Aber der Alte, obwohl er mürrisch genug aussah, nickte mir doch schon von weitem zu und machte ein Zeichen, daß ich nähertreten sollte.

Ihr habt der Signorina einen Brief geschrieben, sagte er, den Kopf schüttelnd. Ei, ei, warum habt Ihr das getan? Wenn ich das von Euch gedacht hätte, mit meinem Willen hättet Ihr keinen Fuß in das Haus gesetzt. Und mein armer Herr, und alles, was ich ihm versprochen habe, und was alles noch kommen kann--ich darf gar nicht daran denken!

Tapfrer alter Freund, sagt' ich, es sollte nicht hinter Eurem Rücken geschehen. Wärt Ihr gestern zu Haus gewesen, gewiß, ich hätte den Brief Euch selbst gegeben und allenfalls hättet Ihr ihn lesen können, um zu sehn, daß ich nichts als Ehrenhaftes im Sinn habe. Aber sagt um Gottes willen-Kommt, unterbrach er mich. Wir wollen die Zeit nicht verderben. Ihr seid ein honetter junger Herr, und übrigens: wie sollt' ich alter Tropf es hindern, wenn ich's auch wollte? Sie ist die Herrin, glaubt es mir, so jung sie ist. Wenn sie sagt: das will ich! so widersteht ihr niemand. Und sie will Euch sehn, sogleich, sie will selbst mit Euch sprechen.

Mir taumelten alle Sinne bei diesen Worten. Ich hatte nur auf einen Brief gehofft; nun das!

Der Alte schien selbst gerührt, als ich ihm stürmisch die Hand drückte, Er führte mich nach dem Hause und wie vorgestern durch die Seitentür hinein in den Saal des Erdgeschosses. Nur waren heut alle Läden und Vorhänge geöffnet, um das Abendrot einzulassen; zwei Sessel standen dem Kamin gegenüber, und von dem einen erhob sich, als wir eintraten, die geliebte Gestalt des Mädchens und tat einige Schritte mir entgegen. Sie hatte ein Buch in der Hand, in dem ich meinen Brief stecken sah. Ihre reichen Haare waren aufgebunden und mit einem schwarzen Samtband durchzogen. Auf ihrer Brust sah ich wieder mein Medaillon.

Fabio, sagte sie, mach die Tür nach dem Garten auf und bleib auf der Terrasse, für den Fall, daß ich dir etwas aufzutragen hätte.

Der Alte verneigte sich ehrerbietig und tat, was sie ihn geheißen hatte. Währenddessen standen wir uns unbeweglich gegenüber, und ich konnte vor Herzklopfen kein Wort hervorbringen.

Ihr Blick ruhte mit unerschütterlichem Ernste, halb fragend, halb staunend, auf meinen Augen. Endlich schien sie sich gefaßt zu haben und klar zu wissen, was ihr noch eben rätselhaft gewesen war. Sie reichte mir die Hand, die ich rasch ergriff, aber nicht an meine Lippen zu drücken wagte.

Komm, sagte sie, und setz dich. Ich habe dir viel zu sagen. Siehst du das Bild? Das ist meine liebe Mutter, die ist lange tot. Als ich deinen Brief gelesen hatte, hab' ich mich hierher gesetzt und sie gefragt, was ich dir antworten sollte. Dann schien mir's, als ob sie zu nichts ihre Zustimmung geben könnte, als zu der Wahrheit. Und die Wahrheit ist, daß ich, seit ich dich damals im Wagen gesehn, keinen anderen Gedanken gehabt habe als an dich, und daß ich bis an meinen Tod nicht aufhören werde, an dich zu denken.

Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich diese schlichten Worte hörte. Ich stürzte nieder neben ihrem Sessel, ergriff ihre beiden Hände und bedeckte sie mit Küssen und Tränen.

Warum weinst du nun? sagte sie und suchte mich aufzuheben. Bist du nicht glücklich? Ich bin es. Ich habe schon viel Schmerzen gehabt, aber in diesem Augenblick ist alles ausgelöscht; ich weiß nur, daß du bei mir bist und ich bei dir, und daß ich nun nie mehr unglücklich werden kann.

Sie stand auf und ich riß mich in die Höhe. Ich wollte sie im Taumel des Glücks in die Arme schließen, aber sie trat sanft einen Schritt zurück. Nein, Amadeo, sagte sie, das darf nicht sein. Du weißt nun, daß ich dein bin und nie eines anderen sein werde. Aber laß uns ruhig bleiben. Ich habe alles bedacht in dieser langen Nacht. Du darfst nun nicht mehr in dies Haus kommen, ich hab' es dem guten Fabio versprochen, daß ich dich heute hier zum ersten und letzten Male sehen wollte. Denn wenn du öfter kämest, hätt' ich bald keinen Willen mehr als deinen, und ich will meinem Vater keine Schande machen. Höre, du mußt zu ihm gehn, du wirst keine Mühe haben, im Hause eingeführt zu werden; es gehen ja, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, so viele junge Leute dort ein und aus, auch Fremde genug. Wenn er dich dann ein wenig kennengelernt und Zutrauen zu dir gefaßt hat, dann halte um mich an, und du magst ihm auch sagen, daß wir uns kennen und daß ich niemand zum Mann haben will als dich. Das andere überlaß nur mir, und versprich mir auch, seine Frau nicht ins Vertrauen zu ziehn. Das wäre das Allerschlimmste, weil sie mich nicht liebt und es nicht gern sähe, wenn ich glücklich würde. Ach, Amadeo, ist es denn möglich, daß du mich liebst, ganz so, wie ich dich liebe? War dir's denn auch so an jenem ersten Tage, als wenn der Blitz neben dir einschlüge und die Erde bebte und Bäume und Büsche umher stünden in Feuer? Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich der Mutwille trieb, dem Fremden, der unter dem Schirme schlief, den Zweig zuzuwerfen. Ich sah nicht einmal dein Gesicht; es war eine Kinderei, und sie reute mich fast im selben Augenblick. Aber dann zog mich's unwiderstehlich, ich mußte noch einmal über die Mauer sehen, und da standst du aufrecht im Wagen und grüßtest mich mit den Granatblüten, und da überlief es mich heiß und kalt, und seitdem stehst du immer vor mir, was ich auch tue oder lasse!

Ich hatte sie wieder zu den Sesseln geführt und hielt beständig ihre Hand, während ich ihr erzählte, wie mir diese Tage vergangen waren. Sie sah mich dabei nicht an, so daß ich nur das reizende junge Profil vor mir hatte; aber alles war ausdrucksvoll an diesem Gesicht, bis auf die seelenvolle Blässe und die zarten, bräunlichen Schatten unter den langen Wimpern. Dann schwieg ich auch wieder und fühlte nur in den feinen Adern ihres Händchens, das ich in meinen hielt, das rasche Blut klopfen. Der alte Fabio sah einmal bescheidentlich herein und fragte: ob er Früchte bringen sollte?

Hernach! sagte sie. Oder bist du durstig?

Nach deinen Lippen, flüsterte ich.

Da schüttelte sie wieder den Kopf, und ihre feinen Brauen wurden ernsthaft.

Du liebst mich nicht! sagte ich.

Viel zu sehr! erwiderte sie mit einem Seufzer. Dann stand sie auf. Wir wollen noch durch den Garten gehen, eh die Sonne ganz hinunter ist. Ich will dir Orangen pflücken. Diesmal brauch' ich es nicht der Nina aufzutragen.

So gingen wir, und sie hielt meine Hand fest und fragte allerlei, nach meiner Heimat, meinen Eltern, und ob das Haar in dem Medaillon mein eigenes sei. Als ich sagte, meine Schwester habe mir's gegeben, mußt' ich von der erzählen. Ich will sie sehen, sagte sie; sie muß mich lieben, denn ich liebe sie schon jetzt. Dann aber können wir dort nicht bleiben, weil es mein Vater nicht überlebte, sich von mir zu trennen. Er hat keine Freude außer mir. Nicht wahr, du kehrst dann wieder mit mir nach Bologna zurück?

Ich versprach, was sie nur verlangte. Was wäre mir auch unmöglich erschienen, seit sich dieses Wunder begeben und das holde Gesicht mich mit Liebesaugen ansah!--Nun wurde sie immer heiterer, wir lachten endlich zusammen wie die Kinder und warfen uns mit den Orangen, die sie von den Bäumen am Glashause gebrochen hatte. Komm, sagte sie, wir wollen Federball spielen. Nina soll mitspielen, obwohl ich fast eifersüchtig werden möchte, denn sie spricht nur von dir. Sieh, wie sie sich beiseite schleicht, weil sie glaubt, sie störe uns. Was haben wir uns zu sagen, das nicht die ganze Welt und Himmel und Erde hören könnten?