Baumeister Solneß: Schauspiel in drei Aufzügen
Chapter 5
*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn _das_ der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen -- ob _ich_ zu den Auserkorenen gehöre.
*Solneß*. _Allein_ wirkt einer so große Dinge nicht. O nein -- die Helfer und die Diener -- die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie.
*Hilde*. Was sind denn das für Helfer und Diener?
*Solneß*. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir jetzt bei der Geschichte mit dem Brand.
*Hilde*. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre -- wenn Sie ihn auch _nicht_ herbeigewünscht hätten?
*Solneß*. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, _dem_ wär's gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht. (Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde -- ich bin's also doch, der daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten. Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am liebsten wollte.
*Hilde*. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind, dann --?
*Solneß*. Wer rief die Helfer und Diener? Das that _ich_! Und da kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender Erregung.) _Das_ ist's, was die Leute »Glück haben« nennen. Aber _ich_ will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um _meine_ Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie -- niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt.
*Hilde* (sieht ihn aufmerksam an). Sie _sind_ krank, Baumeister. Schwer krank, glaub ich fast.
*Solneß*. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja.
*Hilde*. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts.
*Solneß*. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit!
*Hilde*. Ob die Sache nicht _die_ ist, daß Sie mit einem kränklichen Gewissen zur Welt gekommen sind.
*Solneß*. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein Teufelszeug?
*Hilde*. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich ist. So -- zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was schwer ist, nicht heben noch tragen kann.
*Solneß* (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich fragen darf?
*Hilde*. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so -- so recht robust wäre.
*Solneß*. So? Robust? Na. Haben _Sie_ vielleicht ein robustes Gewissen?
*Hilde*. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes gemerkt.
*Solneß*. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt worden, denk ich mir.
*Hilde* (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe.
*Solneß*. Ach was! Für einen Monat oder zwei --
*Hilde*. Ich komme gewiß niemals wieder heim.
*Solneß*. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort.
*Hilde* (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder vergessen, daß die zehn Jahre um sind?
*Solneß*. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun?
*Hilde* (ernsthaft). Es _war_ dieses Etwas in meinem Innern, was mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog zu gleicher Zeit.
*Solneß* (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem, sehen Sie -- der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann _muß_ man nachgeben -- man mag wollen oder nicht.
*Hilde*. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister.
*Solneß* (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde.
*Hilde*. Teufelchen auch noch?
*Solneß* (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding ganz einfach!
*Hilde* (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges, von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das _getraute_, was man am liebsten _möchte_.
*Solneß* (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube, daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich selber.
*Hilde*. Mag schon sein.
*Solneß* (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern -- Haben Sie von den alten Sagenbüchern etwas gelesen?
*Hilde*. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las --
*Solneß*. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten und Männer totschlugen --
*Hilde*. Und Weiber gefangen nahmen --
*Solneß*. Und sie bei sich behielten --
*Hilde*. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen --
*Solneß*. Und mit ihnen verfuhren wie -- wie die schlimmsten Unholde.
*Hilde* (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir scheint, das mußte spannend sein.
*Solneß* (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen? Jawohl.
*Hilde*. Gefangen zu _werden_.
*Solneß* (sieht sie einen Augenblick an). Ach so.
*Hilde* (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den Wikingern hinaus, Baumeister?
*Solneß*. Ja, sehen Sie, _die_ Kerle hatten ein robustes Gewissen! Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde?
*Hilde*. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet.
*Solneß*. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln?
*Hilde*. Warum denn nicht?
*Solneß*. Mit so einem -- Gewaltthäter zusammenleben -- freiwillig?
*Hilde*. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen hätte, dann --
*Solneß*. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen?
*Hilde*. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man lieb gewinnen soll.
*Solneß* (sieht sie nachdenklich an). Ach nein -- _das_ entscheidet wohl der Unhold, der in einem wohnt.
*Hilde* (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die blondhaarigen als die schwarzhaarigen.
*Solneß* (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde.
*Hilde*. Für mich _haben_ sie schon gewählt. Ein für allemal.
*Solneß* (blickt sie tief an). Hilde -- Sie sind wie ein wilder Waldvogel.
*Hilde*. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch.
*Solneß*. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem Raubvogel ähnlich.
*Hilde*. Das noch eher -- vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen? Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten.
*Solneß*. Hilde -- wissen Sie, was Sie sind?
*Hilde*. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel.
*Solneß*. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie ansehe -- dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang.
*Hilde*. Sagen Sie mir, Baumeister -- wissen Sie bestimmt, daß Sie mich nie gerufen haben? So inwendig?
*Solneß* (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan haben.
*Hilde*. Was wollten Sie von mir?
*Solneß*. _Sie_ sind die Jugend, Hilde.
*Hilde* (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben?
*Solneß* (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich herbeiwünsche.
*Hilde* (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also --
*Solneß* (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es lange genug angesehen.
*Hilde*. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben.
*Solneß*. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht.
*Hilde*. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den Zeichnungen zu bauen.
*Solneß*. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon gesichert haben, der -- der Monsieur.
*Hilde*. Aber du lieber Gott -- wenn sich's so verhält -- können Sie dann nicht ein klein bißchen lügen?
*Solneß*. Lügen? (Wütend). Hilde -- gehen Sie weg von mir mit Ihren Teufelszeichnungen!
*Hilde* (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu -- beißen Sie mich doch nicht. -- _Sie_ reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben Sie Feder und Tinte?
*Solneß*. Giebt's nicht hier im Zimmer.
*Hilde* (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch --
*Solneß*. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! -- Ich sollte lügen, sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen geworfen.
*Hilde*. Den auch?
*Solneß*. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar -- der darf um keinen Preis in die Höhe kommen.
*Hilde*. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts taugt, dann --
*Solneß* (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in die Höhe, dann schlägt er _mich_ zu Boden. Erdrückt mich -- wie ich's mit seinem Vater that. --
*Hilde*. Erdrückt er _Sie_? Taugt er denn?
*Solneß*. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß _der_ taugt! _Der_ ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen.
*Hilde* (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister!
*Solneß*. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich durchgemacht habe. -- Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und Diener mir nicht mehr gehorchen.
*Hilde*. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts anderes zu thun.
*Solneß*. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich.
*Hilde* (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr ist als das Leben!
*Solneß*. Und was ist denn _das_?
*Hilde*. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun, jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch bei sich?
*Solneß* (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen.
*Hilde* (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt, Baumeister, setzen wir uns, wir zwei.
*Solneß* (setzt sich an den Tisch).
*Hilde* (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar -- oder wie er nun heißt.
*Solneß* (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde.
*Hilde*. Nun?
*Solneß*. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben --
*Hilde*. Was dann?
*Solneß*. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen antworten können.
*Hilde* (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben wollte.
*Solneß*. Warum nicht?
*Hilde*. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen zusammenbrechen. -- Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas hinaufschreiben, Baumeister.
*Solneß*. Ja freilich.
*Hilde* (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse -- wie ich ihn hasse, diesen Roald --
*Solneß* (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt, Hilde?
*Hilde* (hart). Was sagten Sie?
*Solneß*. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben?
*Hilde*. Jemand anderen, meinen Sie wohl?
*Solneß* (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das nie? In diesen zehn Jahren? Niemals?
*Hilde*. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil Sie nicht kamen.
*Solneß*. Da hatten Sie andere auch gern?
*Hilde*. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott, Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält.
*Solneß*. Hilde -- in welcher Absicht sind Sie hergekommen?
*Hilde*. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben.
*Solneß*. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir?
*Hilde*. Ich will mein Königreich haben.
*Solneß*. Hm -- (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu schreiben fort).
*Frau Solneß* (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete).
Siebenter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Frau Solneß*.
*Frau Solneß*. Da habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgebracht, Fräulein Wangel. Die großen Pakete werden später nachgeschickt.
*Hilde*. O das war aber _doch_ lieb von Ihnen!
*Frau Solneß*. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts.
*Solneß* (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline!
*Frau Solneß*. Ja?
*Solneß*. Sahst du, ob sie -- die Buchhalterin draußen war?
*Frau Solneß*. Ja natürlich war _die_ da.
*Solneß* (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm --
*Frau Solneß*. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut -- wenn _ich_ durchs Zimmer gehe.
*Solneß* (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen, daß --
*Hilde* (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gönnen Sie doch mir die Freude! (Sie geht zur Thür, dreht sich aber dann um.) Wie heißt sie?
*Solneß*. Sie heißt Fräulein Fosli.
*Hilde*. Ach, das hört sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen, meine ich?
*Solneß*. Kaja -- glaube ich.
*Hilde* (öffnet die Thür und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein. Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden.
*Kaja Fosli* (kommt herein und bleibt an der Thür stehen).
Achter Auftritt.
*Die Vorigen*. *Kaja Fosli*.
*Kaja* (sieht ihn verschüchtert an). Da bin ich --?
*Hilde* (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie können die Sachen mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben.
*Kaja*. Ach, endlich!
*Solneß*. Geben Sie's dem Alten so rasch wie möglich.
*Kaja*. Ich gehe gleich damit nach Hause.
*Solneß*. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu bauen.
*Kaja*. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken für alles, was --
*Solneß* (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir.
*Kaja*. Jawohl, das werde ich --
*Solneß*. Und sagen Sie ihm zugleich, daß ich ihn hernach nicht mehr nötig habe. Und Sie auch nicht.
*Kaja* (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht!
*Solneß*. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kümmern müssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also mit den Zeichnungen nach Hause, Fräulein Fosli. Schnell! Hören Sie!
*Kaja* (wie oben). Jawohl, Herr Solneß. (Ab.)
Neunter Auftritt.
*Solneß*. *Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Frau Solneß*. Gott, hat _die_ tückische Augen.
*Solneß*. Die! Das arme dumme Gänschen.
*Frau Solneß*. O -- mir macht sie nichts weis, Halvard. Kündigst du ihnen wirklich?
*Solneß*. Gewiß.
*Frau Solneß*. Ihr auch?
*Solneß*. Wolltest du's nicht selber so haben?
*Frau Solneß*. Daß du aber _die_ entbehren kannst --? Na, du wirst schon eine in der Hinterhand haben, Halvard.
*Hilde* (lustig). Ja, _ich_ tauge jedenfalls nicht dazu, am Schreibpult zu stehen.
*Solneß*. Na, laß gut sein, Aline -- das wird sich schon finden. Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen -- so schnell wie's geht. Heut Abend hängen wir den Kranz hinauf, (zu Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Fräulein Hilde?
*Hilde* (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich schön sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen.
*Solneß*. Mich!
*Frau Solneß*. Ach Gott, Fräulein Wangel, stellen Sie sich doch nicht so etwas vor. Mein Mann -- so _schwindelig_ wie _der_ ist!
*Hilde*. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht!
*Frau Solneß*. O doch, das ist er.
*Hilde*. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen Kirchturm gesehen!
*Frau Solneß*. Davon habe ich allerdings die Leute reden hören. Aber das ist rein unmöglich --
*Solneß* (heftig). Unmöglich -- unmöglich, jawohl! Ich stand aber _doch_ droben!
*Frau Solneß*. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du verträgst es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten Stock. So bist du ja immer gewesen.
*Solneß*. Du könntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben.
*Frau Solneß* (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich schon davon abbringen.
*Solneß*. Aber Aline --!
*Frau Solneß*. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das _kann_ ja nichts anderes sein! Ach Gott -- ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.)
Zehnter Auftritt.
*Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Hilde* (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr?
*Solneß*. Daß ich schwindelig bin?
*Hilde*. Daß _mein_ Baumeister sich nicht _getraut_ -- nicht so hoch steigen _kann_, wie er selber baut?
*Solneß*. Sehen Sie das Ding von _der_ Seite an?
*Hilde*. Ja.
*Solneß*. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor Ihnen sicher sein kann.
*Hilde* (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben --
*Solneß* (näher). In der obersten Turmkammer könnten Sie wohnen, Hilde. -- Könnten's dort haben wie eine Prinzessin.
*Hilde* (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja, das haben Sie mir ja versprochen.
*Solneß*. Hab ich das eigentlich?
*Hilde*. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden. Und daß ich von Ihnen ein Königreich bekommen sollte. Und dann faßten Sie -- Na, mehr sag' ich nicht!
*Solneß* (behutsam). Sind Sie ganz gewiß, daß es nicht so ein Traum war -- eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat?
*Hilde* (unwirsch). Sie _thaten's_ am Ende gar nicht?
*Solneß*. Weiß es kaum selber. (Leiser.) Aber _das_ weiß ich jetzt allerdings, daß ich --
*Hilde*. Daß Sie --? Sagen Sie's gleich!
*Solneß*. Daß ich's hätte thun _sollen_.
*Hilde* (mit kühner Zuversicht). _Sie_ waren in Ihrem Leben nie schwindelig!
*Solneß*. Heut Abend hängen wir also den Kranz hinauf -- Prinzessin Hilde.
*Hilde* (mit einem bittern Zug um den Mund). Über Ihr neues Heim, jawohl.
*Solneß*. Über das neue Haus. Das niemals ein _Heim_ wird für _mich_. (Ab durch die Verandathür.)
*Hilde* (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und flüstert vor sich hin; man hört nur die Worte:) Entsetzlich spannend -- --
* * * * *
Dritter Aufzug.
Eine große breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solneß.
Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links sichtbar; vor dieser rechts ein Geländer. Rückwärts, an der schmalen Seite der Veranda, führt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Große alte Bäume im Garten strecken ihre Äste über die Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bäumen, erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau das Gerüst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten Steckenzaun begrenzt. Außerhalb des Zauns eine Straße mit niedrigen verfallenen Häuschen. Auf der Veranda eine Gartenbank längs der Hauswand, und vor der Bank ein länglicher Tisch; an der anderen Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Möbel sind geflochten.
Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken.
Erster Auftritt.
*Frau Solneß*. *Hilde Wangel*.
*Frau Solneß* (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist, ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber).
*Hilde Wangel* (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen).
*Frau Solneß* (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten herumgewesen, Fräulein Wangel?
*Hilde*. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen.
*Frau Solneß*. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe.
*Hilde*. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den Büschen drin.
*Frau Solneß*. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie hinunter.
*Hilde* (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden Tag in den Garten hinunter?
*Frau Solneß* (mit einem matten Lächeln). Ich »laufe« nirgends mehr hin. Jetzt nicht mehr.
*Hilde*. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all der Herrlichkeit einen Besuch zu machen?
*Frau Solneß*. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich beinahe davor, es wiederzusehen.
*Hilde*. Ihren eigenen Garten!
*Frau Solneß*. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr _mein_ wäre.
*Hilde*. Ach, was ist denn _das_ für --!
*Frau Solneß*. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie nur -- da haben sie ihn zerstückelt -- und Häuser gebaut für fremde Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und _die_ können mich von ihren Fenstern aus beobachten.
*Hilde* (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß?
*Frau Solneß*. Ja?
*Hilde*. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?
*Frau Solneß*. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben.
*Hilde* (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah -- hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze.
*Frau Solneß* (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön von Ihnen, daß Sie bei _mir_ sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten zu meinem Mann hinein.
*Hilde*. Was sollte ich bei ihm thun?
*Frau Solneß*. Ihm helfen, dachte ich mir.
*Hilde*. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht getraute, ihn anzureden.
*Frau Solneß*. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt.
*Hilde*. _Der!_
*Frau Solneß*. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel.
*Hilde* (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins neue Haus hinüberziehen sollen?
*Frau Solneß*. Ich _sollte_ froh sein. Denn Halvard will es ja so haben --
*Hilde*. O nicht gerade aus _dem_ Grunde, scheint mir.
*Frau Solneß*. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur meine Pflicht, mich _ihm_ zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen.
*Hilde*. Ja, _das_ muß gewiß schwer fallen.
*Frau Solneß*. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein besserer Mensch ist, als ich, dann --
*Hilde*. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie --
*Frau Solneß*. Woher wissen Sie das?
*Hilde*. Ihr Mann sagte es.
*Frau Solneß*. Mir gegenüber berührt er _die_ Dinge so selten. -- Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als genug durchgemacht in meinem Leben.
*Hilde* (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand --
*Frau Solneß* (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging dabei zu Grunde.
*Hilde*. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres.
*Frau Solneß* (sieht sie fragend an). Noch schlimmer?
*Hilde*. Das Allerschlimmste.
*Frau Solneß*. _Was_, meinen Sie?
*Hilde* (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen.
*Frau Solneß*. Ach, _die_. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein.
*Hilde*. Thun Sie denn das?
*Frau Solneß*. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es meine Pflicht wäre. Aber ich _kann_ es trotzdem nicht.
*Hilde*. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor.
*Frau Solneß*. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine gerechte Strafe war --
*Hilde*. Warum denn?
*Frau Solneß*. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück.
*Hilde*. Aber ich begreife nicht, wie --