Baumeister Solneß: Schauspiel in drei Aufzügen

Chapter 2

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*Herdal*. Aber wenn nun Ihre Frau --? So schwach, wie sie ist -- Wenn sie's nun nicht aushält, die Sache mitanzusehen?

*Solneß*. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein -- hätt' ich beinahe gesagt. Ich muß Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen brauchen als gerade die.

*Herdal*. Niemand anderen?

*Solneß*. Nein, niemand anderen.

*Herdal* (seinen Stuhl näher rückend). Jetzt hören Sie mal, lieber Herr Solneß. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen?

*Solneß*. Bitte.

*Herdal*. Frauenzimmer, sehen Sie -- die haben in gewissen Dingen einen verflucht feinen Spürsinn --

*Solneß*. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas. Aber --?

*Herdal*. Nun gut. Hören Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann --?

*Solneß*. Nun, was dann?

*Herdal*. Hat sie dann nicht so 'nen -- 'nen ganz winzig kleinen Grund zu dieser unwillkürlichen Abneigung?

*Solneß* (blickt ihn an und erhebt sich). Oho!

*Herdal*. Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber _hat_ sie das nicht?

*Solneß* (kurz und bestimmt). Nein.

*Herdal*. Nicht den allermindesten Grund also?

*Solneß*. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mißtrauen.

*Herdal*. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen gekannt haben.

*Solneß*. Das leugne ich nicht.

*Herdal*. Und auch, daß Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben.

*Solneß*. O ja, das auch.

*Herdal*. Aber in dieser Sache mit Fräulein Fosli --? Hier ist also nichts derartiges mit im Spiele?

*Solneß*. Nein. Absolut nichts -- _meinerseits_.

*Herdal*. Aber von der andern Seite?

*Solneß*. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen, Doktor.

*Herdal*. Es war der Spürsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen.

*Solneß*. Richtig. Und insofern -- (Er senkt die Stimme.) Alines Spürsinn, wie Sie's nennen -- der hat sich denn auch gewissermaßen erprobt.

*Herdal*. Na -- sehen Sie wohl!

*Solneß* (setzt sich). Doktor Herdal -- jetzt will ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen. Wenn Sie sie anhören wollen, heißt das.

*Herdal*. Sonderbare Geschichten höre ich immer gern.

*Solneß*. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, daß ich Knut Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm -- damals, als es mit dem Alten so sehr bergab gegangen war.

*Herdal*. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl.

*Solneß*. Denn sie sind im Grunde ein paar tüchtige Kerle, die beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natürlich, wollte er auch heiraten -- und anfangen selber zu baumeistern. Denn alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die jungen Leute.

*Herdal* (lachend). Sie haben in der That die üble Gewohnheit, daß sie gern einander kriegen wollen.

*Solneß*. Gut. Damit konnte aber _mir_ nicht gedient sein. Denn Ragnar hatte ich ja selber nötig. Und den Alten auch. Der ist nämlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfähigkeit und Kubikinhalt -- und all dem Teufelszeug, wissen Sie.

*Herdal*. Nun ja, das gehört wohl auch mit dazu.

*Solneß*. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst.

*Herdal*. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen.

*Solneß*. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War früher nie hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander vergafft waren, da kam mir plötzlich der Gedanke: hätte ich nur das Mädchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir sitzen.

*Herdal*. Das war ein ganz erklärlicher Gedanke.

*Solneß*. Gewiß. Damals aber ließ ich keine Silbe von so etwas fallen. Ich stand nur da und sah sie an -- und wünschte so recht beharrlich, ich hätte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar freundliche Worte -- sprach von ganz gleichgültigen Dingen. Und darauf ging sie.

*Herdal*. Nun?

*Solneß*. Den nächsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und benahm sich, als hätte ich mit ihr eine Abrede getroffen.

*Herdal*. Eine Abrede? Worüber?

*Solneß*. Genau über das, was ich mir nur so gewünscht hatte. Wovon mir aber kein einziges Wort entschlüpft war.

*Herdal*. Das war recht merkwürdig.

*Solneß*. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu thun bekäme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen dürfte. Und dergleichen mehr.

*Herdal*. Glauben Sie nicht, daß sie es that, um mit ihrem Bräutigam beisammen zu sein?

*Solneß*. Anfangs war das auch _meine_ Idee. Aber nein, so verhielt sich's nicht. _Ihm_ entglitt sie, sozusagen vollständig -- als sie erst hierher gekommen war zu mir.

*Herdal*. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinüber?

*Solneß*. Ganz und gar. Ich merke, daß sie es fühlt, wenn ich hinter ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in ihre Nähe komme. Was halten Sie davon?

*Herdal*. Hm -- das läßt sich schon erklären.

*Solneß*. Nun gut, aber dann das andere? Daß sie glaubte, ich hätte ihr gesagt, was ich bloß gewünscht und gewollt hatte -- so in aller Stille. Inwendig. Ganz für mich. Was sagen Sie _da_zu? Können Sie mir so etwas erklären, Herr Doktor?

*Herdal*. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.

*Solneß*. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fällt mir die Sache verdammt lästig, begreifen Sie wohl. Da muß ich tagtäglich herumgehen und thun, als ob ich -- Und es ist ja eine Sünde gegen das arme Ding. (Heftig.) Aber ich _kann_ nicht anders. Denn rennt sie von mir fort -- so macht sich auch Ragnar auf den Weg.

*Herdal*. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie erzählt?

*Solneß*. Nein.

*Herdal*. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht?

*Solneß* (sieht ihn fest an und sagt gedämpft). Weil's mir vorkommt wie -- wie so eine Art wohlthuende Selbstquälerei, wenn ich mir von Aline Unrecht geschehen lasse.

*Herdal* (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein Sterbenswörtchen.

*Solneß*. Ja, sehen Sie -- so trage ich doch gleichsam ein bißchen ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld --

*Herdal*. Ihrer Frau gegenüber?

*Solneß*. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemüt ein wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie.

*Herdal*. Nein, da begreif' ich, weiß Gott, kein Wort --

*Solneß* (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon gut -- reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlässigen Schrittes durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den Doktor mit einem launigen Lächeln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie wohl, daß Sie mich recht schön aufs Glatteis geführt haben?

*Herdal* (etwas ärgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich _auch_ nicht ein Tüpfelchen, Herr Solneß.

*Solneß*. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr wohl bemerkt, hören Sie!

*Herdal*. _Was_ haben Sie bemerkt?

*Solneß* (gedämpft, langsam). Daß Sie da so ganz harmlos herumgehen und mich im Auge behalten.

*Herdal*. Ich thäte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn _das_ thun?

*Solneß*. Weil Sie glauben, daß ich -- (Aufbrausend.) Na, zum Teufel -- weil _Sie_ von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt!

*Herdal*. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen?

*Solneß* (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben, ich wäre so -- wie soll ich sagen -- krank.

*Herdal*. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solneß?

*Solneß* (beugt sich über die Stuhllehne und flüstert). Aline geht mit der Idee herum, ich wäre verrückt. Das ist's, was sie glaubt.

*Herdal*. Aber liebster, bester Herr Solneß --!

*Solneß*. So wahr ich lebe, sie thut's --! So ist es. Und das hat sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor -- ich merke es Ihnen nur zu deutlich an. Ich laß mich nämlich nicht so leicht hinters Licht führen, will ich Ihnen sagen.

*Herdal* (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solneß, -- niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen.

*Solneß* (mit einem ungläubigen Lächeln). So? Wirklich nicht?

*Herdal*. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewiß auch nie. Darauf, glaub ich, könnte ich getrost einen Eid ablegen.

*Solneß*. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn gewissermaßen, sehen Sie, da -- da könnte sie wohl auch Grund haben, so was zu denken.

*Herdal*. Nein, da muß ich gestehen --!

*Solneß* (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut, lieber Doktor -- gehen wir auf die Sache nicht näher ein. Mag jeder seine Ansicht für sich behalten. (Er geht zu einer stillen Leutseligkeit über.) Aber hören Sie mal, Doktor -- hm --

*Herdal*. Nun?

*Solneß*. Wenn Sie nun also nicht glauben, daß ich -- so -- krank bin -- und verrückt -- und toll und so weiter --

*Herdal*. Was dann, meinen Sie?

*Solneß*. Dann bilden Sie sich natürlich ein, ich wäre ein außerordentlich glücklicher Mann?

*Herdal*. Sollte das nur eine Einbildung sein?

*Solneß* (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken Sie nur -- der Baumeister Solneß zu sein! Halvard Solneß! Alle Achtung!

*Herdal*. Nun, ich muß gestehen, _mir_ kommt's vor, als hätten Sie ganz unglaubliches Glück gehabt.

*Solneß* (unterdrückt ein schwermütiges Lächeln). Das hab' ich auch. In _der_ Beziehung kann ich mich nicht beklagen.

*Herdal*. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte Räuberburg nieder. Und das war doch wirklich eine große Chance.

*Solneß* (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte. Vergessen Sie _das_ nicht.

*Herdal*. Für Ihre Frau muß es allerdings recht traurig gewesen sein.

*Solneß*. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn, vierzehn Jahren nicht.

*Herdal*. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag für sie.

*Solneß*. Beides miteinander.

*Herdal*. Aber Sie -- Sie selbst -- Sie schwangen sich dabei empor. Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande -- und jetzt stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr Solneß, _Sie_ haben wahrhaftig Glück gehabt.

*Solneß* (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's ja eben, wovor mir so entsetzlich graut.

*Herdal*. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glück haben?

*Solneß*. Früh und spät ist mir angst und bang. Denn einmal muß doch wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie.

*Herdal*. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen?

*Solneß* (fest und sicher). Der kommt von der Jugend.

*Herdal*. Pah! Die Jugend! _Sie_ sind doch wohl nicht abgenutzt, sollt ich meinen. O nein -- Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie vielleicht niemals zuvor.

*Solneß*. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fühle, daß er näher rückt. Irgend einer drängt sich heran mit der Forderung: Tritt zurück vor _mir_! Und alle die andern stürmen ihm nach und drohen und schreien: Platz gemacht -- Platz -- Platz! Jawohl, passen Sie nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft an die Thür --

*Herdal* (lachend). Na, du lieber Gott, was dann?

*Solneß*. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solneß.

(Es klopft an die Thüre links.)

*Solneß* (zusammenfahrend). Was ist denn _das_? Hörten Sie etwas?

*Herdal*. Es klopfte jemand.

*Solneß* (laut). Herein!

*Hilde Wangel* (tritt durch die Vorzimmerthür ein; sie ist von mittlerer Größe, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig gebräunt; Touristenanzug, das Kleid ein bißchen aufgeschürzt, umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshütchen auf den Kopf, Ranzen auf dem Rücken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen Bergstock).

Achter Auftritt.

*Die Vorigen*. *Hilde Wangel*.

*Hilde Wangel* (geht mit freudefunkelnden Augen auf Solneß zu). Guten Abend!

*Solneß* (sieht sie ungewiß an). Guten Abend --

*Hilde* (lachend). Ich glaube fast, Sie erkennen mich nicht wieder!

*Solneß*. Ich muß allerdings gestehen -- so im Augenblick --

*Herdal* (nähert sich). Aber ich erkenne Sie wieder, Fräulein --

*Hilde* (vergnügt). Ach, _Sie_ sind's --!

*Herdal*. Ja freilich bin ich's. (Zu Solneß.) Wir trafen uns diesen Sommer im Hochgebirge. (Zu Hilde.) Was wurde denn später aus den übrigen Damen?

*Hilde*. Ach die, die gingen nachher westwärts.

*Herdal*. Denen war's gewiß nicht recht, daß wir abends den vielen Unsinn trieben.

*Hilde*. Nein, recht wird's ihnen kaum gewesen sein.

*Herdal* (mit dem Finger drohend). Und leugnen können Sie's auch nicht, daß Sie ein bißchen mit uns kokettierten.

*Hilde*. Das war doch wohl amüsanter als dazusitzen und Strümpfe zu stricken mit all' den Weibern.

*Herdal* (lachend). Darin bin ich mit Ihnen vollkommen einig.

*Solneß*. Sind Sie diesen Abend angekommen?

*Hilde*. Jawohl, soeben kam ich an.

*Herdal*. Ganz allein, Fräulein Wangel?

*Hilde*. Gewiß.

*Solneß*. Wangel? Heißen Sie Wangel?

*Hilde* (sieht ihn lustig-verwundert an). Ja freilich thu' ich das.

*Solneß*. Dann sind Sie vielleicht eine Tochter vom Bezirksarzt oben in Lysanger?

*Hilde* (wie oben). Ja, von wem sollte ich denn sonst die Tochter sein?

*Solneß*. Nun, dann haben wir uns also da oben getroffen. Den Sommer, als ich dort war und den Turm baute für die alte Kirche.

*Hilde* (etwas ernster). Ja freilich war's damals.

*Solneß*. Nun, das ist lange her.

*Hilde* (sieht ihn fest an). Genau zehn Jahre ist's her.

*Solneß*. Und damals waren Sie wohl ein reines Kind, mein' ich.

*Hilde* (leicht hinwerfend). Immerhin so zwölf, dreizehn Jahre alt.

*Herdal*. Ist's das erste Mal, daß Sie hier in der Stadt sind, Fräulein Wangel?

*Hilde*. Jawohl.

*Solneß*. Und Sie kennen vielleicht niemand hier?

*Hilde*. Niemand außer Ihnen. Und dann Ihre Frau.

*Solneß*. So, _die_ kennen Sie auch?

*Hilde*. Ein klein wenig nur. Wir waren einige Tage zusammen im Kurort --

*Solneß*. Ach, im Hochgebirge.

*Hilde*. Sie sagte, ich könnte sie besuchen, wenn ich einmal nach der Stadt käme. (Lächelnd.) Das hätte sie übrigens nicht nötig gehabt.

*Solneß*. Daß sie davon gar nicht gesprochen hat --

*Hilde* (stellt den Bergstock an den Ofen hin, schnallt den Ranzen ab und legt ihn mit dem Plaid aufs Sofa).

*Herdal* (will ihr behilflich sein).

*Solneß* (steht da und sieht sie an).

*Hilde* (auf ihn zugehend). Nun, da bitt' ich also darum, diese Nacht hier bleiben zu dürfen.

*Solneß*. Das läßt sich gewiß sehr wohl machen.

*Hilde*. Ich habe nämlich keine anderen Kleider, als die, in denen ich gehe. Das heißt, etwas Wäsche im Ranzen habe ich auch. Die muß aber gewaschen werden; denn sie ist so sehr schmutzig.

*Solneß*. Ach, da kann schon Abhilfe geschafft werden. Jetzt will ich nur gleich meiner Frau --

*Herdal*. Dann mache ich meinen Krankenbesuch derweile.

*Solneß*. Thun Sie das. Und später kommen Sie doch wieder.

*Herdal* (lustig, mit einem Blick auf Hilde). Na, darauf können Sie Ihren Kopf zum Pfand geben! (Lachend.) Sie prophezeiten dennoch richtig, Herr Solneß!

*Solneß*. Wie so!

*Herdal*. Die Jugend kam also _doch_ und klopfte bei Ihnen an.

*Solneß* (aufgeräumt). Aber freilich auf andere Art.

*Herdal*. Allerdings. Ist nicht zu leugnen! (Ab durch die Vorzimmerthür.)

Neunter Auftritt.

*Solneß*. *Hilde*. Dann *Frau Solneß*.

*Solneß* (öffnet die Thüre rechts und spricht ins Seitenzimmer hinein). Aline! Sei so gut und komm' herein. Es ist ein Fräulein Wangel da, die du kennst.

*Frau Solneß* (erscheint in der Thüröffnung). _Wer_ ist da, sagst du? (Sie erblickt Hilde.) Ach, Sie sind es, Fräulein? (Sie nähert sich und reicht ihr die Hand.) So sind Sie dennoch nach der Stadt gekommen.

*Solneß*. Fräulein Wangel ist soeben angekommen. Und da möchte sie gern die Nacht über hierbleiben.

*Frau Solneß*. Hier bei uns? Mit Vergnügen.

*Solneß*. Um Ihre Sachen ein wenig auszubessern, verstehst du.

*Frau Solneß*. Ich werde mich Ihrer annehmen, so gut ich kann. Das ist ja nur meine Pflicht. Ihr Koffer kommt wohl nach?

*Hilde*. Ich habe keinen Koffer.

*Frau Solneß*. Nun, das läßt sich schon ordnen, will ich hoffen. Jetzt müssen Sie aber hier bei meinem Mann vorlieb nehmen solange. Dann sorge ich inzwischen dafür, daß Ihnen ein Zimmer etwas behaglich hergerichtet wird.

*Solneß*. Könnten wir nicht eine von den Kinderstuben nehmen? _Die_ sind ja vollständig bereit.

*Frau Solneß*. Das ginge wohl an. _Dort_ haben wir mehr als genug Platz. (Zu Hilde.) Setzen Sie sich doch und ruhen Sie sich ein bißchen aus. (Ab nach rechts.)

Zehnter Auftritt.

*Solneß*. *Hilde Wangel*.

*Hilde* (schlendert, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer herum und sieht bald dieses, bald jenes an).

*Solneß* (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hände auf dem Rücken, und folgt ihr mit den Augen).

*Hilde* (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere Kinderstuben?

*Solneß*. Drei Kinderstuben sind im Hause.

*Hilde*. Ist's möglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder?

*Solneß*. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt können ja Sie hier das Kind sein einstweilen.

*Hilde*. Für diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will versuchen zu schlafen wie ein Stein.

*Solneß*. Sie müssen in der That sehr müde sein, denk ich mir.

*Hilde*. O nein! Aber trotzdem -- Es ist nämlich so furchtbar schön, so dazuliegen und zu träumen.

*Solneß*. Träumen Sie oft so in der Nacht?

*Hilde*. Jawohl! Fast immer.

*Solneß*. Wovon träumen Sie denn _meistens_?

*Hilde*. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal -- vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte stehen und wühlt ein wenig in den Büchern und Papieren herum.)

*Solneß* (nähert sich). Suchen Sie etwas?

*Hilde*. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um). Es ist vielleicht nicht erlaubt?

*Solneß*. O bitte.

*Hilde*. Sind Sie's, der in dem großen Protokollbuch schreibt?

*Solneß*. Nein, das thut die Buchhalterin.

*Hilde*. Ein Frauenzimmer?

*Solneß* (lächelnd). Ja freilich.

*Hilde*. So eine, die Sie hier bei sich haben?

*Solneß*. Gewiß.

*Hilde*. Ist die verheiratet?

*Solneß*. Nein, es ist ein Fräulein.

*Hilde*. Ah so.

*Solneß*. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald.

*Hilde*. Um so besser für das Fräulein.

*Solneß*. Aber nicht eigentlich für mich. Dann hab ich nämlich niemand da, um mir zu helfen.

*Hilde*. Könnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wäre.

*Solneß*. Vielleicht möchten _Sie_ hier bleiben und -- und ins Protokollbuch schreiben?

*Hilde* (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schön an! Nein, ich danke -- davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.)

*Solneß* (geht ebenfalls an den Tisch heran).

*Hilde* (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn lächelnd an). Meinen Sie nicht auch?

*Solneß*. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natürlich Einkäufe machen und sich recht schön herausputzen.

*Hilde* (lustig). Nein, _das_, glaub ich, laß ich lieber bleiben.

*Solneß*. So?

*Hilde*. Jawohl; ich habe nämlich mein ganzes Geld durchgebracht, müssen Sie wissen.

*Solneß* (lachend). Weder Koffer noch Geld also!

*Hilde*. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf -- mir kann's jetzt gleich sein.

*Solneß*. Sehen Sie, _das_ gefällt mir so recht an Ihnen.

*Hilde*. Nur das?

*Solneß*. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.) Lebt Ihr Vater noch?

*Hilde*. Jawohl, der Vater lebt.

*Solneß*. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren?

*Hilde*. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen.

*Solneß*. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich?

*Hilde*. Das hängt von den Umständen ab. (Sie sitzt eine Weile da und blickt ihn, während sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit unterdrücktem Lächeln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn vor sich auf den Tisch.) Baumeister?

*Solneß*. Ja?

*Hilde*. Sind etwa Sie sehr vergeßlich?

*Solneß*. Vergeßlich? Nicht daß ich wüßte.

*Hilde*. Aber wollen Sie denn _gar_ nicht mit mir reden von dem, was da droben vorfiel?

*Solneß* (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger? (Gleichgültig.) Nun, darüber ist doch nicht viel zu reden, scheint mir.

*Hilde* (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie können Sie nur so was sagen!

*Solneß*. Nun, dann reden Sie zu _mir_ darüber.

*Hilde*. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine große Feier in der Stadt.

*Solneß*. Ja, _den_ Tag vergesse ich nicht so leicht.

*Hilde* (lächelnd). Nicht? Das ist aber schön von Ihnen!

*Solneß*. Schön?

*Hilde*. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert Menschen. Wir Schulmädchen waren weiß gekleidet. Und alle miteinander hatten wir Fahnen.

*Solneß*. Ach ja, die Fahnen -- deren erinnere ich mich nur zu gut!

*Hilde*. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerüst empor. Direkt hinauf bis zur allerobersten Stelle. Und einen großen Kranz hatten Sie mit. Und den hängten Sie auf ganz oben am Wetterhahn.

*Solneß* (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist nämlich ein alter Brauch.

*Hilde*. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstürzte! Er -- der Baumeister selber!

*Solneß* (gleichsam ablenkend). Na, das hätte auch leicht geschehen können. Denn eine von den weißgekleideten Teufelsmädchen da -- die gebärdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf --

*Hilde* (freudestrahlend). »Es lebe der Baumeister Solneß!« Jawohl!

*Solneß*. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her -- daß mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen.

*Hilde* (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmädel -- das war ich!

*Solneß* (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt überzeugt. Das _müssen_ Sie gewesen sein.

*Hilde* (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schön und spannend. Ich konnte mir nicht denken, daß es in der ganzen Welt einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen könnte. Und dann, daß Sie selber droben standen, an der allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und daß Ihnen gar nicht ein bißchen schwindlig wurde! Das war's eigentlich, wovor einem am allermeisten -- so -- schwindelte.

*Solneß*. Woher wußten Sie denn so sicher, daß mir nicht --

*Hilde* (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn sonst hätten Sie ja oben nicht singen können.

*Solneß* (sie verwundert anblickend). Singen? Ich hätte gesungen?

*Hilde*. Ja, das thaten Sie doch wirklich.

*Solneß* (schüttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in meinem Leben.

*Hilde*. Doch. Damals sangen Sie. Es hörte sich an wie Harfen hoch oben.

*Solneß* (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches -- diese ganze Geschichte.

*Hilde* (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedämpft). Aber dann -- nachher -- da kam ja das _richtige_.

*Solneß*. Das richtige?

*Hilde* (funkelnd lebhaft). Ja, _daran_ brauch ich Sie wohl nicht zu erinnern?

*Solneß*. O doch, erinnern Sie mich _daran_ auch ein wenig.

*Hilde*. Entsinnen Sie sich nicht, daß für Sie ein großes Diner war im Klub?

*Solneß*. Gewiß. Das muß denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den Morgen darauf reiste ich ab.

*Hilde*. Und vom Klub her waren Sie zu uns für den Abend geladen.

*Solneß*. Das ist ganz richtig, Fräulein Wangel. Merkwürdig, wie gut Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprägt haben.

*Hilde*. Kleinigkeiten! _Sie_ sind aber köstlich! War das auch vielleicht eine Kleinigkeit, daß ich _allein_ war in der Stube, als Sie kamen?

*Solneß*. Waren _Sie_ das also?

*Hilde* (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht Teufelsmädel.

*Solneß*. Nein, das that ich hoffentlich nicht.

*Hilde*. Sie sagten, ich wäre wunderschön in dem weißen Kleide. Und daß ich aussähe wie eine kleine Prinzessin.

*Solneß*. Das thaten Sie gewiß auch, Fräulein Wangel. Und nebenbei -- so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fühlte --

*Hilde*. Und dann sagten Sie, wenn ich erst groß wäre, sollte ich _Ihre_ Prinzessin sein.

*Solneß* (lacht ein wenig). Ei, ei -- sagte ich das auch?