Balboa: Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen
Part 4
Die Zeit ist mir gemessen. Wenig Gutes Kann ich mehr üben. -- Ich vergeb' euch, Herr!
~Pedrarias.~
Wirf deine Larve weg, du falscher Frömmler! Der Satan blickt doch durch. Dein Höllenplan, Er ist verrathen. -- Sterben? immerhin! Doch eine Tochter frech dem Vater rauben, Sie in den Abgrund der Verzweiflung schleudern: ~Das~ ist der Weg zu ihres Vaters Herzen. -- ~Das~ trift! Mit ~dem~ Bewußtseyn sterbt ihr leicht. Nicht wahr? -- O wahrlich!
~Balboa.~
Herr! Ein Höllenplan! Ihr habt ihn wohl benannt. Die heitre Welt Erzeugt ihn nicht. Ihr nahmt die Möglichkeit Aus eignem finstern haßerfüllten Busen.
~Pedrarias.~
Recht, Balboa! Ihr irrt euch nicht! Vernehmt: Ich ~hass'~ euch, Balboa!
~Balboa.~
Kann selbst mein Tod Euch nicht versöhnen?
~Pedrarias.~
Mich? -- Mit euerm Kopf Zahlt ihr dem Staate nur die Schuld, nicht mir. Die Welt soll glauben, das ist euer Wunsch, Ihr fielet hin ein Opfer meines Hasses. Vergiften wollt ihr so mit letztem Hauch Noch meinen Ruf, brandmarken mein Gedächtniß. -- Ha, nicht gelungen, gift'ger Bösewicht! Du triumphirst zu früh. ~Dir~ will ich's wohl, Doch nicht auf diesem Wege. Nimm, Verräther, Den Degen, nimm!
~Balboa.~
Vergeßt nicht eure Würde!
~Pedrarias.~
Ich Pedrarias will's dem Balboa; Der Feind dem Feinde! Ringen will Ich selbst mit euch. Ich will des Armes Kraft An euern hochberühmten Heldenmuth, An euch bewähren oder sterben. Zieht! -- Ich dächte doch, ihr fielet rühmlicher Durch meinen Arm, als durch des Henkers Beil.
~Balboa.~
Ich ziehe nicht. Ihr seyd Mariens Vater; Und wär' ich frei, das würd' euch vor mir schützen.
~Pedrarias~ (wüthend).
Ha, ich durchbohre dich!
~Balboa~ (sanft und leicht).
Dank euch dafür!
(Pause.)
Am Grabesrande schweigt die Leidenschaft; So auch der Zorn in meiner heißen Brust. Ich will genug euch thun. Was ich gefehlt, An euch gefehlt; ich will es nicht verhehlen. Des Königs Vorwort dank' ich meine Gattin; Ich warb um dieses Wort. -- Vergebt es mir! Ich liebte. -- Hold erschien mir eure Tochter, So wie ein Engel aus der Himmelssphäre, Und winkte mir zu neuem Lebensglück. Mein Herz entbrannte! Ach, ein Paradies Eröffnete sich meinem trunknen Blicke; ~Hin~ strebt' ich glühend! -- Doch ein finstrer Geist; ~Der~ dräutet ihr vor diesem heitern Himmel Den Eingang wehrend. -- Ach, kein Wunsch, kein Opfer, Und keine Bitte söhnte euren Zorn! -- Ich konnte sterben, nicht Marien lassen, Und eure Gunst mir von der Zeit erwartend, That ich den Schritt, der euern Haß verstärkte.
~Pedrarias.~
Wollt ihr den strengen Richter nun bestechen?
~Balboa.~
Entlaßt mich, Herr! Wie Wogen von dem Felsen, So prallt mein Wort von euerm Herzen ab. Ich euch bestechen? -- Diese Niedrigkeit Ist meinem Herzen fremd. -- Ob ihr mich haßt, Ich weiß, daß Pedrarias Flammenhaß Auf den gerechten Richter nichts vermag. Was könnte wohl Versöhnung an ihm ändern? -- Wie ich euch achte, Herr, so achtet mich!
~Pedrarias.~
So geht in das Gefängniß. -- Stolzer Mann! -- Laßt ja der Gnade keinen Ausweg offen! -- Ihr drangt ein Unheil bringender Komet Feindselig ein in meines Ruhmes Bahne; Ringt nun durch euern Tod ihn zu verlöschen!
(ruft.)
He, Wache!
(Wache erscheint.)
Führt ihn ab zur Felsenkluft!
~Balboa.~
(geht ab, und kehrt wieder zurück.)
Ihr liebt Marien. -- Mit gepreßtem Herzen Geb' ich das theure Kleinod euch zurück. Sie liebt euch, Vater. -- Gott beschütz' euch beide! Mit diesem Wunsche lös't sich meine Seele. --
(geht ab.)
~Pedrarias~ (für sich).
So siegreich denkest du zu sterben? -- Nein! Kampf gegen Kampf! Von deiner Höhe stürz' Ich dennoch, Stolzer, dich! Du hast ein Herz!
Siebenter Auftritt.
~Pedrarias.~ ~Jeronimo.~
~Pedrarias.~
Noch hier, Jeronimo? Das Urtheil fördert! Ihr legt es heute mir noch vor. -- Noch heute!
~Jeronimo.~
Mit süßem Trost' erfüllt mich eure Eile. -- Sein karges Leben wollt ihr nicht verkürzen; Euch treibt das Herz, ihm Gnade zu verkünden.
~Pedrarias.~
Das spricht der Richter? Kennt ihr seine Schuld?
~Jeronimo.~
~Ich~ wog die Schuld, und sprach sein Todesurtheil; ~Ihr~ wäget sein Verdienst, und rufet Gnade.
~Pedrarias.~
Erwartet es und eilet!
~Jeronimo.~
Heute noch?
~Pedrarias.~
Ja, heute.
~Jeronimo.~
Herr! Die ganze Ritterschaft Umfaßt mit mir nun eure Knie flehend.
~Pedrarias.~
Ich weiß, ihr liebt ihn alle.
~Jeronimo.~
Nach Verdienst!
~Pedrarias.~
Und nach Verdienst erwartet ihn sein Lohn. -- Steht auf. Wie könnt ihr doch um Gnade flehen? Kann Pedrarias wohl die Schuld vergeben, Die an der Krone selbst er frech verübt?
~Jeronimo.~
Wagt ihr es nicht, ihm Gnade zu verkünden, So wagt's auch nicht, die Strafe zu vollstrecken; Nein, sendet ihn nach Spanien zurück, Und unterzieht das Urtheil höherm Spruche. So war's in diesen Landen immer Sitte, Wenn große Häupter ein Verbrechen übten. -- Das Leben eines Balboa ist kostbar. Sein Arm der Krone wichtig. Karlos selbst Nennt diesen Helden seinen Freund. -- Ihr greift Der Majestät durch seinen Tod zuvor. Welch anderes Vergeh'n büßt Balboa? -- Daran ermahn' ich euch, nach meiner Pflicht, Jetzt schonend noch allein; -- doch Vorsicht fordert's, Euch feierlich mit Männern bald zu nah'n, Die mir dereinst vor Karlos Throne zeugen.
~Pedrarias.~
Ihr kennet eure Pflicht. -- Ich weiß die meine.
(schnell ab.)
~Der Vorhang fällt.~
Vierter Aufzug.
Felsenkluft. Der Eingang oben am Gewölbe. Vor demselben ein Eisengitter. Der Weg herab ist in Felsen gehauen. Die Höhle wird durch eine hangende Leuchte erhellet. Ein Feldbett. Steinblöcke zum Sitzen.
Erster Auftritt.
~Balboa.~
Wie dunkel ist es hier! Die hohe Leuchte Verbreitet kärglich ihren Dämmerschein; Das Wasser träuft die Felsenwand herab; Wie schauerlich! Schon manches edle Opfer Verseufzte hier sein Leben. -- Wehe dem, Der Großes sinnt, er gräbt sich seine Grube! -- Auch du, Maria, leidest, du, Maria, So engelrein und himmlisch! -- Wirft der Zufall Die blinden Loose? -- Siegt das Laster stets? --
Mein Herz wird eng in dieser Felsenkluft. -- O stille! -- Schwindel fasset meinen Geist: Erschüttert wankt mein sonst so fester Glaube! -- Warum mißlang mein schönes Unternehmen? Es war doch gut! Gerade daß es gut war, Gab mir die Zuversicht. Die Möglichkeit Verbürgte mir des Herzens lauter Ruf; Die Wirklichkeit -- der Himmel! -- Doch gescheitert; So schnell gescheitert! -- Eines bleibt mir nur, Daß ich, von wilden Wogen rings umthürmt, Wie eine Planke das Bewußtseyn hasche: Es war doch gut, was ich gewollt, doch gut!! -- O schöner Traum! o gräßliches Erwachen!
Was rauscht? Es regt sich oben. -- Ha! -- Wer kommt? Man wird die Todesstunde mir verkünden. -- Sie komme bald und ende meine Zweifel! Dort seh' ich klar; dort sehnt mein Herz sich hin!
Zweiter Auftritt.
~Eskimosa.~ ~Balboa.~
~Balboa.~
Seyd mir gegrüßt, mein edler Eskimosa; Was ihr auch bringt, seyd herzlich mir willkommen! Hebt eure Brust so ängstlich nicht empor; Bestürmt durch euern Blick den Himmel nicht! Ihr kommt als Mann zum Manne. -- Muth, mein Freund; Sagt eure Botschaft! Ihr begegnend will Ich selbst sie euch erleichtern. -- Kommt ihr nicht, Die Todesstunde mir nun anzukündigen?
~Eskimosa.~
-- Wenn aus den Fluthen sich die Sonne hebt, Erhebt ihr euch zu einem bessern Leben!
~Balboa.~
Nun dann mit Gott! -- Ich bin darauf gefaßt.
~Eskimosa.~
Man bietet euch noch Gnade -- -- mit Bedingung!
~Balboa.~
Und die Bedingung? Lasset sie doch hören!
~Eskimosa.~
Ich spreche nun in Pedrarias Namen. -- Ihr sollet vor dem Throne, öffentlich, Vor der gesammten edlen Ritterschaft, Gehorsam ihm, und Treue neu geloben; Den Aufruf dann, den leider ihr verfaßt, Als eine Frucht der schnellen Übereilung, Für null und nichtig öffentlich erklären; Dereinst die Theilungen der Indier Handhaben, wie's Gesetz und Übung heischt; Und wolltet ihr dies Alles treu erfüllen, Euch reuig zeigen, wie's dem Schuld'gen ziemt: Dann laß' er Gnade walten vor dem Recht. Wenn ihr aus Pflicht nicht diesem Rufe folgt, So mög' es euch der Gattin doch erbarmen, Die eures Stolzes Opfer werden würde. Sonst müßt' er, seinem Richteramt getreu, Vollzieh'n das Urtheil, streng und unerschüttert, Was auch das Loos der theuern Tochter würde. Nun wählt mit Gott euch Leben -- -- --
~Balboa~ (schnell).
Nein, den Tod!
~Eskimosa.~
(ergreift rasch seine Hand.)
Als Held gelebt, und auch als Held gestorben! Gott sey's gedankt! Ihr steht dem Unglück fest.
~Balboa.~
Dich, Pedrarias, dich erkenn' ich ganz! Dein Haß ist sinnreich. Ja, das Edelste, Die Menschlichkeit willst du in mir vernichten. ~Sie~ gilt es nun zu retten. -- O mein Gott! Wie freundlich lächelte mir deine Erde! Ich wollte segenbringend auf ihr wandeln; Nun sollt' ich würgend ihr erscheinen? -- Nein! Leb', Erde, wohl! -- Du reißest von mir los. -- Mit feuchtem Blick seh' ich auf dich darnieder; Ich liebte dich! -- So liebe du mich wieder, Nimm meine Bürd' in deinen kühlen Schoß! --
~Eskimosa.~
Mir ist, als läg' auf meiner Brust die Welt; Ich möchte weinen.
~Balboa.~
O du gute Seele!
~Eskimosa.~
Es ist nicht recht. Ich will euch nicht beweinen! -- Bewundern will ich euch, und euren Tod Bedenken froh, bis meine Stunde schlägt; An eurem Beispiel meinen Kindern zeigen, Was Festigkeit vermag, was Tugend kann.
~Balboa.~
Ihr hättet, edler Mann, wie ich gehandelt.
~Eskimosa.~
Doch darum nicht, weil ich euch nun bewund're? Was gut, was schön, was edel ist und groß, Dafür mag mancher wohl sich leicht erwärmen. Allein in sich das Große festzuhalten, Wenn wild in Aufruhr jeder Trieb geräth; Dazu versagt den Meisten doch die Kraft. -- Kein Ungeprüfter soll der Kraft sich rühmen. Ihr habt gesiegt! Ihr seyd bewährt gefunden! Wem dies Bewußtseyn mit dem Tode naht, Dem kommt er nie zu früh. Ein hoher Freund Bringt er des Lebens köstlichsten Gewinn! -- Euch blüht im Tode Leben! -- Es ist klar!
~Balboa~ (gerührt).
Mein Eskimosa!
~Eskimosa.~
Recht so, Balboa! Laßt mich in euerm Aug' den Himmel seh'n. Ich brauche Stärkung. Tief empörte mich Ein andrer Anblick. Hört! Dem Pedrarias Brennt schon ein Vorgefühl der Höll' im Busen. Nun an der Schwelle des Verbrechens fürchtet Er euern Tod! -- Und doch -- sein Stolz verbeut Euch unbedingt die Gnade zu verleih'n. Nur euch zu beugen dürstet seine Rache. Bald jubelt er, bald bebt er knirschend wieder; Man sieht, sein innres Wesen ist zerrissen. -- Bedauert ihn! Nun muß ich fort, mein Freund! Doch im Gedanken will ich fest euch halten. Mag euch die Welt aus ihren Banden lassen; Nicht dieser Kopf, nicht dieses treue Herz!
~Balboa.~
Lebt wohl!
~Eskimosa.~
(küßt seine Hand, und drückt sie an's Herz.)
Nicht dieser Kopf, nicht dieses Herz!
(geht schleunig ab.)
Dritter Auftritt.
~Balboa.~
So stark vermeinst du mich? O guter Alter! Den Glauben mußt' ich ehrend in dir schonen. Wie groß erscheinst du dem, den du vergötterst. -- Ach, darf ich meinen Augen trau'n? Er ist's! Jeronimo!
Vierter Auftritt.
~Jeronimo.~ ~Balboa.~
~Jeronimo.~
(Noch auf der Höhe.)
Ich bin es, Balboa! Und Friede sey mit euch!
~Balboa.~
Herab! herab! Jeronimo! Mann, der mich streng verdammte; Kommt an mein Herz! Noch schlägt's so heiß für euch, Wie's mir, dem Jüngling, schlug.
~Jeronimo.~
Unglücklich Loos, Das mich betraf.
~Balboa.~
Entweihet euern Mund Nicht durch Entschuldigung geübter Pflicht. Ihr übtet sie nur mit zerriss'nem Herzen, Und milde, menschlich. -- O das that mir wohl!
~Jeronimo.~
So mußten wir uns endlich wiederfinden?
~Balboa.~
Ach, sagt mir, Freund! was machet nun Maria?
~Jeronimo.~
Vertraut sie mir, und laßt den Himmel sorgen.
~Balboa.~
Wenn ich nun ende -- Gott! wie wird sie's tragen?
~Jeronimo.~
Leicht wird es mir, den Vater zu bestimmen, Daß er den Schleier gönnt der Dulderinn. Ein stilles Heiligthum will ich ihr öffnen, Wornach sie sich in ihrer Jugend sehnte. Dort harrt sie sanft und ruhig ihres Tod's.
~Balboa.~
Nach einem qualerfüllten Jammerleben!
~Jeronimo.~
Bald ist's geendet! Ach, wir bauen fort, Als gält' es für die Ewigkeit. Und doch! Wie lange währt's? -- Ich zähle siebenzig. Wo sind sie hin die Jahre? Man entwindet Sich seinen Lieben schmerzhaft. Guter Gott! Es ist doch nur auf nahes Wiedersehn.
~Balboa.~
Was Schreckliches sich auf das theure Haupt Mariens häuft, ich trage nicht die Schuld; Ich wäre glücklich, litt' ich nur allein. Aus einer Welt, wo Pedrarias herrscht, Entfliehet gern ein fühlend Menschenherz. O dieser Mann, er zwingt mich, ihn zu hassen! Man bot mir Gnade, wißt ihr's wohl? -- Doch ~ich~, ~Die~ Gnade will ich nicht, die ~er~ mir bietet.
~Jeronimo.~
Ihr seyd bewegt. -- Laßt nun die Menschen walten! Ihr denket bald mit frohem sichern Flug Der Erd' euch zu entschwingen. -- Balboa! Laßt euch von Haß und Ehrsucht nicht mehr fesseln! Nur freie Geister nimmt der Himmel auf.
~Balboa.~
Sey Gott mir gnädig! Ich gesteh' es frei: Mein Auge sieht mit Unmuth ~doch~ in's Grab. Noch hab' ich nicht gelebt. -- Mein Daseyn schlich Nur zwecklos hin. Auf diesen Zeitpunkt hatt' Ich mich gespart; mein thatendürstend Herz Auf ~ihn~, so sehr es murrte, ~doch~ verwiesen. Der Zeitpunkt kommt, er kommt, und bringt mir Tod!
~Jeronimo.~
Die liebsten Wünsche Gott zum Opfer bringen, Es ist des Christen herrlichstes Verdienst.
~Balboa.~
Der Wunsch der eigensücht'gen Leidenschaft Verberge sich vor Gott. -- Mein reines Streben Flog unverhüllt zum Himmel auf. -- ~Und noch!~ -- Das Sklavenjoch den Wilden zu zertrümmern; Der Menschheit ihn, dem Himmel zuzuführen, Einst unter Segenswünschen froher Völker, Im Arm der Liebe selig zu entschlummern: Das wünsch' ich noch, und ~muß~ es innig wünschen. Gesteht, Jeronimo! Mein Traum war schön.
~Jeronimo.~
Wohl euch! Noch soll euch dieser Traum erheben! Der Wille bleibt Verdienst! Denn das Vollbringen Bewirkt nicht Menschenmacht, giebt nur der Himmel.
~Balboa.~
O schweigt! ~Gut~ war's, was ich mit Muth begann. Auf dem Bewußtseyn schwang mein Glaube kühn Sich durch die Wolken. Doch getäuscht, gestürzt, Lieg' ich zum Hohngelächter in dem Abgrund, Tief unter meines Planes Riesentrümmern. Ist Murren Sünde, so verzeih' mir's Gott! Ich muß ~doch~ rufen: Herr! Mein Werk war ~gut~!
~Jeronimo~ (sanft).
Wie, Freund, in dieser wildempörten Stimmung, Mit des zerriss'nen Herzens Klageruf Wollt ihr den Himmel sterbend nun begrüßen? O stimmet euch schon hier zur Harmonie, Die dort die Ewigseligen beglückt! Kein Mißton darf in ihre Jubel dringen. -- Ihr klagt: »Mein Werk war gut -- und nun gestürzt Lieg' ich im Abgrund!« Doch, durch ~wen~ gestürzt? -- Ganz ohne eig'ne Schuld? -- Erforscht euch redlich! Wenn euch der milde Strahl der güt'gen Vorsicht Aus jenen dunkeln Fernen nicht mehr leuchtet; Wo fändet ihr nun Trost, wo Seligkeit? -- Habt ihr euch schuldig, Gott gerecht befunden: -- Dann tragt ihr leicht, und habet überwunden.
~Balboa.~
War euer Gruß nicht Friede? -- Doch ihr raubt Mir das Bewußtseyn, stürzt mich ganz darnieder!
~Jeronimo.~
Was wär' es wohl, wenn es sich rauben ließe? O guter Balboa! -- Daß euer Herz So schön entbrannte für der Menschheit Heil; Daß ihr ein Paradies in jenen Landen, Voll frohen Muthes, anzupflanzen dachtet, Um so vor aller Welt den niedern Vorwand, Als zähme nur die Sklaverei den Wilden, Durch That und Beispiel siegend zu entlarven; Daß ihr für dieses Volk die heil'ge Liebe Durch selbstgewählten hohen Tod besiegelt: Seht, dies Bewußtseyn kann euch Niemand rauben, Es lohnt euch hier, es wird euch ewig lohnen! -- Heil ruf ich euch! -- Aus tiefbewegtem Herzen Ruft euch mit mir, die ganze Menschheit Heil! -- Allein bedenkt: Ihr nah't euch jenem Richter, Vor dem die Schuld vergebens sich verhüllt. -- Ihr seyd ein ~Mensch~ -- und ~menschlich~ ist's zu fehlen!
~Balboa~ (sanft).
So sprecht! Ich öffne willig euch das Herz.
~Jeronimo.~
Warum habt ihr das wilde Schlangenhaupt Der Tyranney dem Throne nicht enthüllt? -- Längst war es Zeit zu sprechen, und zu handeln. Ihr schwiegt, und legtet eure schönen Plane Der ungewissen Zukunft in den Schoß. -- So fehlt er oft, der engumschränkte Mensch! -- Zur That wird ihm der Augenblick gegönnt; ~Den~ soll er fassen -- doch, er läßt ihn fliehen; Und bringet ihn der Zeiten Strom nicht wieder, So klaget thöricht er sein Schicksal an. Wie soll der Himmel solche Klagen hören? -- Warum habt ihr die Grausamkeit geduldet, Die längst schon euer fühlend Herz empörte? -- Warum die Pflicht des Widerstands verschoben? -- Warum durch Eigenmacht erzwingen wollen, Was ihr vom Throne nur erwirken solltet? -- Gesteht es doch! -- Mariens Vater ist Der Schuldige, und euer Liebesbund Hielt euch von eurer höhern Pflicht zurück. Mit ~dieser~ habt ihr euch nur abgefunden, In Schöpfungsträumen euren Geist gewiegt.
~Balboa.~
-- Ihr lasset tief in's eigne Herz mich schau'n.
~Jeronimo.~
Versöhnt euch dann mit Gott! O fühlt es nun: Daß euch nicht Stolz, daß euch die Reue ziemt!
~Balboa.~
Ist's Strafe, die ich dulde? Nun wohlan! Ich habe sie verdient! Ich beuge mich!
~Jeronimo.~
Und jede Klage schweigt in eurer Brust?
~Balboa~ (sanft).
Daß auch mit mir der arme Wilde leidet: Seht, das beklag' ich noch. -- Daß auch sein Glück Mit mir dahinstürzt! -- Sagt, Jeronimo, Was konnte seine Unschuld wohl verbrechen? --
~Jeronimo.~
Wie, Balboa, ihr werdet doch nicht wähnen, Kein Geist erhebe sich zu eurer Höhe, Kein Herz sey mit dem Euern gleich gestimmt? -- Wozu euch Gott jetzt nicht mehr würdig finde, Das könn' er nicht durch andres Werkzeug üben? -- Gewahrt ihr nun den schlauverborgnen Stolz? Erschreckt vor euch! Ruft euern Glauben wach! Der Glaub' an Menschentugend und an Gott, Erhebt sich jedem nur aus eigner Brust. -- O wehe dem, der ~ihn~ vergebens ruft! Sein reines Herz geweiht zum Gottestempel, Ward schon zur Hölle, wo Verzweiflung thront.
~Balboa.~
(fällt tieferschütternd an seine Brust.)
O heil'ger Mann! Hebt segnend eure Hand!
~Jeronimo~ (mit Feuer).
Ihr habt euch schuldig, Gott gerecht befunden! Nun siegt der Geist! der Tod ist überwunden!
~Balboa~ (begeistert).
Ein Schauer faßt mich. -- -- Ja -- ich fühl's! ich fühl's! Nicht Zufall ist's, was unser Schicksal treibt.
(kniet nieder.)
Gerechtigkeit, ich sinke vor dir nieder! Du waltest über uns. Was über mich Dein Spruch verhängt, ich will es sühnend dulden. Aus seinen Tiefen ruft mein Herz: -- Du bist!! Und wie ich nun von dir die Strafe dulde, Ist dem Entsühnten Gnade auch gewiß!
(steht auf.)
O sie umweht mich schon mit Himmelsdüften, Und Ruhe kehrt in meine Brust zurück! --
(zu ~Jeronimo~.)
Verlaß mich nicht, du treuer Friedensbothe!
~Jeronimo.~
Nein, ich verlaß euch nicht.
~Balboa.~
O Tod! erscheine! Nun fürcht' ich deine Schrecken nicht. Erscheine!
~Jeronimo.~
Was will uns Eskimosa? -- Seht, er naht!
Fünfter Auftritt.
~Eskimosa.~ ~Balboa.~ ~Jeronimo.~
~Eskimosa.~
Wenn ich im höheren Gespräch euch nun Und diesen Edlen störe, so vergebt.
~Balboa.~
Ihr seyd willkommen, ihm und mir, mein Freund!
~Eskimosa.~
Nicht unbescheiden heftiges Verlangen, Euch noch zu seh'n -- das wüßt' ich zu bezähmen -- Mich führet meine Pflicht hierher.
~Balboa.~
So sprecht.
~Eskimosa.~
»Er will den Tod,« so hab' ich kurz und treu Dem Pedrarias euern Schluß gemeldet. -- Nun droht ein neuer Sturm euch zu erschüttern.
~Balboa.~
Mag es doch stürmen! ~Hier~, mein Freund, ist's ruhig.
~Eskimosa.~
Ich weiß, die Ruhe lebt in euerm Busen. -- -- O theilet sie der Gattinn liebend mit! Ihr seyd getröstet. -- ~Sie~ bedarf des Trostes!
~Balboa.~
Maria! --
~Eskimosa.~
Fühlet ihr euch stark genug, Die Leidende zu sehen?
~Balboa.~
Eskimosa!
~Eskimosa.~
Nicht bloß zu seh'n, sie sanft emporzuheben!
~Balboa.~
Ich bin ein Mensch --
~Eskimosa.~
Ein Held, mein Balboa! Ermannet euch! -- Sie harret euer schon.
~Balboa.~
Was habet ihr gethan?
~Eskimosa.~
Nicht ich, bei Gott! -- Ihr Vater sendet sie.
~Balboa.~
Zu mir? -- Unmöglich!
~Eskimosa.~
Viel wälzet er in seinem schwarzen Busen, Was nicht so leicht ein Menschenaug' ergründet; Allein, hier hab' ich ihn erkannt: er wünscht, Er hofft, ihr Jammeranblick soll euch beugen.
~Balboa~ (entrüstet).
Ha, Pedrarias!
~Eskimosa.~
Hütet euch, mein Freund, Vor ihr des Vaters zürnend zu erwähnen! Wie würdet ihr die Engelsseele kränken! Ein Schauder zucket schneidend durch ihr Herz, Wenn nur sein Namensschall ihr Ohr berührt. Die gute Tochter! Fürchten ~muß~ sie ihn; Doch diese Furcht erfüllet sie mit Schrecken. Sie schilt sich selbst, undankbar, unnatürlich! Verbannt in dieser Abschiedsstunde Den Haß, der sie empören würde. Laßt Sie ungestört und vorwurfsfrei euch lieben!
~Balboa.~
(unmuthig und heftig.)
Und kann ich das? Und wie? Und wer gebietet, Zu nah'n der Liebe, zu entflieh'n dem Hasse?
~Jeronimo.~
Der scharfe Blick auf ihren Gegenstand! -- O Balboa! -- Mit Schlangenbissen nagt Den Pedrarias heimlich schon die Reue. Und wenn ihr bald in ew'ger Ruhe blüht, Wie wird euch rufen sein Verzweiflungsruf! Denn übertäubt ist sein Gewissen nur. Er weihet sich dem jammervollsten Elend! Denkt seinen Zustand! Lebhaft führet ihn Euch vor Gemüth! -- Ist's nicht ein Mensch, wie ihr, Der in dem Abgrund liegt? Die Leidenschaft, Die ~ihn~ gestürzt, hat sie ~euch~ nicht erschüttert? -- O fühlet Mitleid! Laßt den finstern Haß In euerm Busen schweigen! -- Feinde lieben, Es ist das Göttlichste! -- Schwingt euch empor!
~Balboa.~
(nach einer Pause, schnell.)
Gott sieht mein Herz! Ich hab' ihm ganz vergeben.
~Jeronimo.~
So ~darf~, so ~soll~ euch noch Maria lieben?
~Eskimosa.~
Die arme Dulderinn! Erschreckt nur nicht. Zu fein besaitet ist ihr zartes Herz, Es klinget jedem Hauche. Wilder Sturm Ras't nun darin, und droht es zu zerrütten. Darauf seyd wohl gefaßt, und schonet sie. -- Wir gehen sie zu holen. -- Heftigkeit Vermeidet! Sanft und leise sprecht sie an, Und lockt ihr Herz zu den gewohnten Tönen. -- -- Nicht folget uns! -- Bis sie herabkommt, weilet! --
(~Jeronimo~ und ~Eskimosa~ steigen hinauf. Oben übergiebt ~Eskimosa~ ~Maria~ dem ~Jeronimo~.)
~Balboa.~
Was sag' ich ihr? und wie beginn' ich? -- Gott! Dort wankt sie schon. -- So bleich! -- Mein Herz zerreißt!
(stellt sich, daß er von ~Marien~ nicht gesehen werden kann.)
Sechster Auftritt.
~Maria.~ ~Jeronimo.~ ~Balboa.~
~Jeronimo~ (auf der Höhe).
Reicht mir die Hand! Ihr kommt vom Tageslichte, Und seyd geblendet.
~Maria~ (hält an).
Ah!
~Jeronimo.~
Was ist euch, Donna?
~Maria.~
Mein Herz! -- Ah! -- Weiter!
~Jeronimo.~
Gönnt euch Zeit; Steil sind die Stufen. --
~Maria.~
Rauh der Weg in's Grab! Ich hör' ihn nicht. --
~Balboa.~
Maria!
~Maria.~
Balboa! Ich höre meinen Balboa! Hinab! Wo weilst du, wo?
~Balboa~ (umarmt sie).
Hier, Theure!
~Maria.~
Güt'ger Himmel!
~Balboa.~
O Gott, sie sinkt! Helft mir, Jeronimo!
(Sie setzen sich.)