Bagdad, Babylon, Ninive

Part 24

Chapter 243,304 wordsPublic domain

Die Keilschrift wurde, wie schon erwähnt, von den Sumerern erfunden, sie war also ursprünglich für eine nichtsemitische Sprache berechnet. Sie bestand aus begrifflichen Wort- und lautgemäßen Silbenzeichen, während die reinen Lautzeichen völlig fehlten. Als nun die semitischen Einwanderer die Schrift übernahmen, um ihre Sprache darin auszudrücken, entstanden so viel Schwierigkeiten und Undeutlichkeiten, daß sie auch im Altertum nur von Gelehrten gelesen werden konnte. Die babylonisch-assyrische Sprache, in dieser Schrift ausgedrückt, war spätestens im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in der ganzen vorderasiatischen Welt allgemein üblich. Daß sich die assyrischen Gelehrten Jahrtausende lang einer so verwickelten Schrift mit ihren ungeheuerlichen Begriffszeichen und übrigen Sonderbarkeiten bedienten, spricht nicht eben für ihren praktischen Sinn. Umsomehr aber muß man den Scharfsinn und die Energie der europäischen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts bewundern, denen es gelang, das Dunkel zu zerstreuen und den Schleier zu heben, der bis dahin die Kulturgeschichte von Jahrtausenden verhüllt hatte. --

Zum Schluß noch einige Worte über die in Ninive gefundene Bibliothek Sardanapals, die älteste Bibliothek der Welt. Sie besteht aus 22000 Tontafeln. Die Schrift auf diesen Tafeln wurde in den Ton eingeprägt, während dieser noch weich war; man erkennt darauf sogar die feinen Linien der Fingerhaut. Dann wurden die Tafeln gebrannt. Jede Tafel ist ein Blatt; mehrere bilden ein Buch oder eine Serie. Ihre Zusammengehörigkeit ergibt sich aus besonderen Aufschriften. Sie ermöglichen uns, 2500 Jahre nach dem Verschwinden der Assyrier die Schätze ihrer Buchkammern zu ordnen. Diese einzigartige Bibliothek ist ein vollständiges Kompendium der assyrischen Kultur und der Weisheit jener Zeit und zugleich ein unvergängliches Denkmal eines der größten Könige des Altertums.

Die historische Erzählungskunst der alten Assyrier ist vielseitig und genau und zeichnet sich durch eine achtenswerte Geschicklichkeit in der chronologischen Anordnung aus. Das Archiv Sardanapals enthält Schilderungen des Lebens der Könige, ihrer Feldzüge, ihrer Bauunternehmungen und ihrer Regierungshandlungen zum Besten des Volkes und zur Größe des Reiches. Da finden sich Briefe und Befehle an und von Landeshäuptlingen und Vasallen, Proklamationen, Bittschriften, Privatschreiben, Handelsverträge, Orakel und Adressen an den Sonnengott, Anweisungen für die Opferrituale, die mit den Vorschriften im Buche Moses viele Züge gemeinsam haben, Gebete und Hymnen, die von den Sumerern übernommen sind und die Namen und Funktionen der verschiedenen Götter enthalten -- ja in dieser uralten Bibliothek fand sich auch der babylonische Schöpfungs- und Sintflutmythus, der viele Berührungspunkte mit der Bibel aufweist.

Der babylonische Sintflutbericht ist in Kürze folgender: „Auf göttliche Eingebung hin baut Ssitnapischtim, der babylonische Noah, die Arche, belädt sie mit Gold, Silber und Lebenssamen aller Art, bringt seine Familie, seine Angehörigen, Vieh und Getier des Feldes an Bord und verschließt die Schiffstüren. Dann kommt die Sintflut als eine Strafe der Götter für die Bosheit der Menschen. Sobald das Morgenrot aufleuchtete, stieg vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke empor. Der Sturmgott donnert darin, und Nebo und Marduk schreiten voran. Die Herolde ziehen über Berg und Tal, den Schiffsanker reißt Nergal los. Ninib geht dahin und läßt einen Angriff folgen. Die Annunaki erheben ihre Fackeln und lassen das Land mit deren Glanz erglühen. Adads Ungestüm dringt bis zum Himmel hinan, und alles Licht wird verwandelt in Finsternis. Sechs Tage und sechs Nächte rasen die großen Wasser. Dann beruhigt sich das Meer. Die Sturmflut hört auf, und die Arche sitzt auf dem Berge Nissir fest. Am siebenten Tage ließ ich eine Taube hinaus und los. Die Taube flog fort und kam zurück; da aber kein fester Grund da war, kehrte sie um. Ssitnapischtim läßt nun eine Schwalbe ausfliegen. Auch sie kehrt zurück, ohne festen Grund gefunden zu haben. Schließlich schickte er einen Raben aus, der sah das Wasser schwinden und kam nicht zurück. Da ließ Ssitnapischtim alle Menschen und Tiere hinausgehen und opferte auf dem Gipfel des Berges. Die Götter rochen den Duft, und Bel ließ sich bewegen, in Zukunft die Sünden der Menschen anders als durch die Sintflut zu bestrafen, nämlich durch wilde Tiere, Hungersnot und Pestilenz.“

Dieser Bericht gelangte später in das Land Kanaan und findet sich im 1. Buch Moses wieder, wo er jedoch, wie Delitzsch zeigt, in weniger ursprünglicher Gestalt vorliegt.

Sardanapals Bibliothek enthält ferner die ältesten medizinischen „Handbücher“ der Welt. Sie beschreiben die physischen und psychischen Krankheiten, ihre Heilmittel und die Beschwörungen dagegen. Geisteskrankheiten galten als Werke der Dämonen. Traumbücher sprechen von Träumen und ihrer Auslegung. Die Deutung der Vorzeichen war eine Wissenschaft für sich. Man prophezeite die Regierungszeit der Könige, die Siege, die sie erringen sollten, und das Glück, das sie genießen würden. Man sprach im voraus über bevorstehende Ereignisse, über Seuchen, Kriege und Heuschrecken, über Ernte, Jagd und Fischfang. Die Bewegungen der wilden Tiere, das Verhalten der Haustiere, der Flug der Vögel, der Biß der Skorpione -- alles hatte seine Bedeutung, die sich den Weisen offenbarte. Aus der Leber des Schafs zog man Schlüsse, ebenso aus der Art des Sesamöls und den Farbenabstufungen der Wasseroberfläche -- es war das, sagt Bezold, die Lehre von den Interferenzfarben, die 4000 Jahre später von Newton untersucht wurden. Das Wetter und seine Elemente hatten gleichfalls große Bedeutung, und zukünftige Ereignisse wurden von den Wolken, ihren Bewegungen und ihrer Ähnlichkeit mit Tieren, abgelesen. Zahllose astrologische Prophezeiungen finden sich in Sardanapals Bibliothek. So z. B.: „Eine Mondfinsternis am 11. Tag wird Verderben über die Länder Elam und Phönizien bringen, Glück aber dem Könige, meinem Herrn. Möchte das Herz des Königs, meines Herrn, ruhig bleiben.“

Kurz nach Sardanapals Zeit entwickelte sich die Astrologie zur Astronomie, und Babylon wurde die Heimat der astronomischen Beobachtung. Die Sternbilder des Stieres, der Zwillinge, der Fische hatten Namen, die noch bis in unsre Zeit fortleben. Die Ekliptik war in 360 Grade eingeteilt, der Tag in zwölf Doppelstunden von 120 Minuten, und eine Doppelstunde entsprach 30 Grad. Der 7., 14., 21. und 28. Tag jedes Monats war Gebetstag oder Sabbat, die Woche hatte also sieben Tage. Allem Anschein nach waren die alten Semiten des Zweistromlandes erstaunlich bewandert in Mathematik.

So enthält Sardanapals Bibliothek den ganzen Schatz der babylonisch-assyrischen Kultur und berührt alle Gebiete geistiger Betätigung mit Ausnahme der des Dramas. Ohne jemals die Namen ihrer Verfasser zu nennen, kommen hier, wie an andern Stellen Mesopotamiens, immer neue Funde dieser Art an den Tag, die unsre Kenntnis der Vorzeit wunderbar vervollständigen. Auch der Laie fühlt sich davon unwiderstehlich gefesselt, besonders wenn er, wie ich, so glücklich war, dies erinnerungsreiche Land selbst zu durchwandern.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Über Mardin zurück nach Aleppo.

Mit meinem Besuche Ninives war der erste Teil meiner diesmaligen Reise abgeschlossen. Der zweite, über den ich in einem besonderen Buche berichten werde, sollte in Jerusalem seinen Höhepunkt finden. Der einfachste Weg dorthin ging über die türkische Etappenstraße Nesibin-Ras-el-Ain zurück nach Aleppo. Begangene Pfade aber haben mich nie gereizt. Um so verlockender erschien mir der Versuch, das Zweistromland Dschesire und die syrische Wüste zu durchkreuzen und so Palästina zu erreichen.

Ohne starken Schutz wäre dieser Weg aber sehr unsicher gewesen. In diesem Teil des Dschesire haben die Schammar-Araber mehrere ihrer Sommerlager, und sie pflegen mit hergelaufenen Reisenden nicht viel Federlesens zu machen. Dennoch schien sich mein Wunsch erfüllen zu wollen, denn der Stammhäuptling der Schammar-Araber, der mächtige Homedi, war dem deutschen Konsul Holstein in Mosul, in dessen Haus ich verkehrte, sehr ergeben. Homedi hatte eben jetzt sein Hauptquartier bei der alten arabischen Stadt Hatra, 90 Kilometer südwestlich von Mosul, und der Konsul erbot sich, ihn rufen zu lassen und mich seinem mächtigen Schutze anzuvertrauen. Er sollte mich unter starker Beduinenbedeckung durch die Wüste geleiten lassen.

Schon waren die Kamele für diese Wanderung bestellt und alles reisefertig, als sich unübersteigliche Hindernisse meinem Plan entgegenstellten. Bis Hatra, erklärten Homedis Vertreter in Mosul, könne ich ohne Schwierigkeit kommen, da sich an mehreren Stellen dieses Weges Trinkwasser finde. Von da bis Der-es-Sor am Euphrat, auf einer Strecke von 240 Kilometern, gebe es nur zwei Quellen mit salzhaltigem Wasser, das zur Not auch trinkbar sei. In diesem Sommer aber seien beide Quellen, wie die ganze Gegend, derartig von Heuschrecken überschwemmt, daß sich statt des Wassers nur ein Brei toter Insekten finde, und nicht einmal die Beduinen diesen Weg zu benutzen wagten.

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit der 320 Kilometer langen Etappenstraße zu bescheiden. Professor Tafel, der den Auftrag erhalten hatte, die Euphratufer zu vermessen, schloß sich mir an, und Konsul Holstein hatte mir noch zwei Deutschrussen zugeführt, die bei Kriegsbeginn in Kaukasien interniert, aber von dort geflüchtet waren und unter fabelhaften Abenteuern vor einem Monat Mosul erreicht hatten. Sie wollten nach Deutschland zurück, um ins Heer einzutreten, und da ich in meinen beiden Wagen, einer herrlichen, uralten, vierspännigen Karosse, die mir ~Dr.~ Jaromylek verschafft hatte, und einem Lastfuhrwerk Platz genug hatte, ließ ich mir diese Begleitung gerne gefallen.

Am 20. Juni verabschiedete ich mich von dem Herzog und seinem Gefolge, das sich um Major Gravenstein, Hauptmann von Stülpnagel, Graf Kanitz, den Archäologen ~Dr.~ Herzfeld und etliche Offiziere vermehrt hatte, und beim nächsten Morgengrauen brachen wir von Mosul auf. Tafel und ich fuhren in meiner Droschke; dann folgten unsere drei Lastwagen mit Gepäck und Besatzung, und schließlich auf arabischen Pferden unsre asiatische Begleitung, darunter mein Diener Sale und zwei Gendarmen, die für unsere Sicherheit haften sollten. Denn noch vor zwei Tagen waren auf unserm Wege türkische Offiziere aus einem Hinterhalt von Schammar-Arabern angeschossen worden. Ein deutscher Arzt, der zum Stabe des Herzogs stoßen sollte und desselben Weges kam, hatte sich der Verwundeten angenommen. Ähnliche Überfälle, noch dazu am hellichten Tage, waren nichts Seltenes. Die Türken hatten also auf dieser Etappenstraße, der zukünftigen Linie der Bagdadbahn, durch die Unzuverlässigkeit der Araber mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Die deutsche Uniform und besonders der große weiße Tropenhelm galten übrigens als der wirksamste Schutz gegen derlei Überraschungen.

Schon hinter der ersten Gendarmeriestation, dem Dorfe Humedad, ertönte denn auch vor uns plötzlich ein Schuß. Die Wagenkolonne blieb stehen, Tafel warf sich auf eines seiner Pferde und ritt mit den Gendarmen den verdächtigen Gestalten entgegen, die sich vor uns zeigten. Es war aber nichts als eine harmlose Mauleselkarawane, und ihre Begleiter hatten nur deshalb geschossen, um uns, falls +wir+ etwa Straßenräuber seien, darauf aufmerksam zu machen, daß sie nicht ohne Waffen seien.

Als wir in der folgenden Nacht am Bache bei Högna rasteten, wurden wir durch Pferdegetrappel, rasselnde Wagen und deutsche Kommandorufe aus dem Schlafe geweckt. Eine Geschützbatterie zog heran, ihr folgten eine Trainkolonne und eine Karawane von 600 Lastkamelen. Der Batterieführer ließ in unserer Nähe biwakieren, an demselben Bache, in dem einst die Reiter des Parmenion ihre Pferde tränkten. Die Soldaten trugen leichte, feldgraue Uniformen und unter dem Tropenhelm ein herabhängendes Tuch, das Nacken und Hals schützte. Auch eine Mauleselkarawane unter Leutnant Erdmann, die von Mosul nach Aleppo zog, fand sich hier ein. Der Weg nahm immer mehr den Charakter einer Etappenstraße an. Deutsche und türkische Truppenabteilungen zogen nach Osten an uns vorüber, gefallene Lasttiere lagen am Wege, und bei Auenat war ein ganzes Zeltlager deutscher Offiziere emporgewachsen.

Auenat liegt am Rande der Wüste, und die nächsten 55 Kilometer mußten in schnellster Fahrt ohne Aufenthalt zurückgelegt werden, da die Schammar-Araber diese Gegend unsicher machten. Unsere Gendarmen hatten uns verlassen, und neue hatten wir nicht auftreiben können; dafür hatte sich Leutnant Erdmann mit seinen vier Burschen und seinen Mauleseln uns angeschlossen. Die elfstündige Fahrt verlief aber ohne jeden Zwischenfall. Wir begegneten nur einer großen deutschen Karawane und überholten eine kleine türkische, der wir nicht wenig Angst einjagten; außerdem sahen wir nur Züge englischer und indischer Gefangenen, die sich mühsam vorwärtsschleppten; wer zusammenbrach, blieb rettungslos liegen. Zwei Inder hatte dies Schicksal ereilt, ihre Leichen lagen an der Straße. Im Westnordwesten loderte ein Steppenbrand wie ein Fackelzug durch die Nacht.

Am Morgen war die Gefahrzone überwunden, und wir hielten am Ufer eines lieblichen Baches, der das Tal von Demir-kapu (d. h. Eisentor) durchrieselt, eine wohlverdiente Rast. Hier war ein Nokta, ein Gendarmerieposten bzw. eine Garnison; ein paar Hütten standen neben etlichen Feldern, auf denen Melonen und Gurken gezogen wurden. Der Bach wimmelte von Fischen, und zahme Enten schwammen darauf. An einem Hügel lagerten türkische Truppen, in ihrer Nähe englische Gefangene, und am Abend ratterte eine Kolonne von vierzig deutschen Lastautomobilen auf dem Wege nach Bagdad an uns vorüber.

Am andern Morgen, dem Sonnwendtag, waren wir lange vor Sonnenaufgang schon auf dem Marsche und erreichten am Mittag Nesibin, wo wir unter üppigen Bäumen am Ufer eines Armes des Dschardschar, der ein Nebenfluß des Chabur ist, ein erfrischendes Bad nahmen und den Rest des Tages bei 38,6 Grad Hitze ausruhten. Die Basare waren des Sabbaths wegen geschlossen, denn der ganze Handel liegt in den Händen der Juden, und keine Gurke war aufzutreiben. Obendrein hatten die vorüberziehenden Gefangenen alles aufgekauft, so daß sich auf dem ganzen Wege ein Mangel an Lebensmitteln bemerkbar machte.

Am 25. Juni brachen wir beim ersten Vogelzwitschern wieder auf und rollten durch die Dorfstraße, wo die Jüdinnen ihre Wasserkrüge aus einem schmutzigen Kanal füllten, weiter nach Westen. Die aufgehende Sonne beleuchtete wirkungsvoll die Ostfront der großen alten Festung Nesibin mit ihren Fenstern und Schießscharten in der viereckigen Mauer. Dann folgte Dorf auf Dorf. In Kasr Serdsche-han stand eine Schar eben ausgehobener kurdischer Rekruten unter Bewachung einiger türkischer Feldwebel, und eine alte Frau weinte und zankte mörderlich, weil ihr Sohn zu den Ausgehobenen gehörte. In Amuda mußten wir einen Tag und eine Nacht verweilen, weil Professor Tafel am Fieber erkrankt war. Das Dorf hatte, wie diese ganze Gegend, kurdische Bevölkerung; der Bürgermeister war trotzdem ein alter Araber, in dessen Haus eine junge Armenierin diente, die man aus Trapezunt fortgeschleppt hatte. Sie bat uns inständig, sie aus dem harten Dienst zu befreien und mit nach Europa zu nehmen. Es war uns natürlich unmöglich, ihren Wunsch zu erfüllen.

Am 26. erreichten wir das wohlbekannte Bir-dava, wo ich drei Monate vorher die trostlosen Regentage verbracht hatte. Von hier aus machte ich einen Abstecher nach Mardin, der überaus malerischen Felsenstadt, deren Häuser und Minarette wie Schwalbennester an den Abhängen des Gebirges im Norden hängen. Aus dem flachen, eintönigen Tiefland Mesopotamiens wieder einmal in eine Berglandschaft mit wilden Formen und immer wechselnden Ausblicken emporzusteigen, war ein köstlicher Genuß. Die Stadt mit ihren 30000 Einwohnern liegt 930 Meter hoch, und über ihr auf dem senkrechten Gipfel des Kalksteinberges erhebt sich in 1300 Meter Höhe die Ruine der alten Festung.

Durch das neue schöne Stadttor führte eine gewundene, glatt gepflasterte Straße so steil empor, daß immer wieder Steine unter die Hinterräder meiner Karosse geschoben werden mußten, um deren Zurückrollen zu verhindern, und auch die horizontaler gelegene Basarstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt, war so eng, daß mein Wagen nicht einmal in den Hof eines Hans einbiegen konnte, sondern draußen stehen bleiben mußte. Ein alter türkischer Veteran in verschlissener Uniform führte mich zum Mutessarrif zur Durchsicht meiner Papiere und dann in ein Kavekhane, ein gewaltiges, auf acht Säulen ruhendes Gewölbe, das von braunen Orientalen dicht besetzt war. Es waren Flüchtlinge aus Erserum, Trapezunt, Wan und Bitlis; sie rauchten ihre Pfeifen oder Zigaretten, spielten Karte, nippten an ihren Tee- oder Wassergläsern und vertrieben sich so in ansprechender Nüchternheit die Zeit. Im kühlen Schatten genoß man durch die Fenster und von einem Altan aus die herrlichste Aussicht auf die mesopotamische Ebene; dort war unsere Straße nach Nesibin, die wir eben gekommen waren, hier die nach Tell-Ermen, die ich am Abend einschlagen sollte. Zu essen aber gab es hier nichts; dazu mußte ich eine andere Gastwirtschaft aufsuchen, die hauptsächlich von türkischen Offizieren und Beamten besucht wurde. Hier gab es Dolma (gehacktes Fleisch in Kohlblättern), Joghurt und Brot. Im übrigen waren die Basarläden ausverkauft; die nach Kaukasien ziehenden Soldaten hatten alles Eßbare mitgenommen.

Die Kalksteinkette, auf der Mardin liegt, gehört zum Gebirgssystem Tur-Abdin und fällt nach Norden so steil ab, daß die Gassen der amphitheatralisch gebauten Stadt in die blaue Luft hineinzuführen scheinen; man muß bis an den Rand hintreten, um sich zu überzeugen, daß die Erde dort nicht aufhört, sondern sich in der Tiefe noch festes Land befindet. Der Weg zu der ursprünglich römischen Festung hinauf ist herrlich. Die ganze Stadt mit ihren viereckigen Häusern und Höfen, ihren schmalen Gassen, ihren Moscheen und spitzen Minaretten liegt wie auf einer Karte ausgebreitet da; die Abhänge fallen ohne hügelige Übergänge jäh zur Ebene hin ab. Der Aufstieg zur Festung führt an hohen Felswänden, Klüften und Grotten vorüber und endet in einer in den Fels gehauenen steilen Treppe.

Am Rande des ganz ebenen Berggipfels standen einige alte Kanonen, die ihre Schlünde schützend über die Stadt richteten. In den Ruinen der alten Festungsmauern und -türme war ein Lagerplatz kurdischer Deserteure; durch die Straßen der Stadt dort unten zog eben wieder eine neue Schar solcher Memmen herauf; niedergeschlagen waren sie nicht, denn ihr lauter Gesang hallte in den Bergen wider. Im Norden öffnete sich ein breites Tal, durch das die Straße nach Diarbekr führt, zwei Tagereisen nach Nordnordwest. Die nächsten Gebirgskämme erschienen höher als der von Mardin. Dahinter war das Land ganz flach; nur in größerer Entfernung hoben sich die blauen Farbentöne weiterer Berge ab. Der südliche Abhang des Bergrückens von Mardin war mit Obstbäumen bewachsen; dort gediehen Äpfel, Birnen, Walnüsse, Mandeln, Granatäpfel und auch Wein; doch herrschte der graue Kalkstein mit seiner einförmigen Öde vor.

Im westlichen Stadtteil besuchte ich einige syrische Steinhäuser mit ihren kleinen, schattigen Höfen, auf denen Frauen und Kinder unter schattigen Arkaden sich aufhielten. An der syrischen Kirche empfingen mich mehrere graubärtige Priester in schwarzen Turbanen und schwarzen Mänteln und einige Brüder in schwarzen Schleiern mit silbernen Kreuzen auf der Stirn führten mich umher. Ein Teil der Kirche war jetzt als Krankenhaus eingerichtet. Mardin hat auch chaldäische und armenisch-katholische Kirchen und Klöster; anderthalb Stunden östlich liegt zwischen Hügeln das im Jahre 1900 erbaute Kloster Der-es-Saferan. Mehr als die Hälfte der Einwohner von Mardin sind Christen, die übrigen Mohammedaner und Kurden. Der griechisch-unierte Patriarch hat hier seine Residenz; auch hat Mardin eine römisch-katholische und eine amerikanische Missionsstation. Der letzteren, die im äußersten Westen der Stadt liegt und kürzlich den fünfzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiern konnte, stattete ich einen Besuch ab und traf dort einige liebenswürdige Amerikanerinnen, Frau Dewey und ihre Tochter und Fräulein Graf. Einer der Missionare lag krank darnieder; er hatte nicht weniger als neununddreißig Jahre hier zugebracht, was bei aller entzückenden malerischen Schönheit dieses Felsennestes doch zum Verzweifeln sein muß.

Die Rückfahrt gestaltete sich ein wenig dramatisch. Auf der steilen Straße geriet meine Karosse ins Rollen, die Bremse versagte, die beiden Pferde glitten aus, eines stürzte, und die Deichsel stieß gegen eine Mauer und zersprang wie Glas. Eine neue Deichsel war nicht aufzutreiben, die alte mußte daher bei einem Schmied im Basar notdürftig geflickt werden. Bis sie fertig war, schrieb ich in meinem Wagen mein Tagebuch, wobei mir eine Schar von Jungen und Erwachsenen neugierig zusah. Darüber brach der Abend herein.

Endlich kam der Gendarm, den mir der Mutessarrif mitgegeben hatte, mit der Deichsel an, und wir fuhren langsam weiter. Zwei Pferde hatte ich mit einem kleinen Stallburschen bis zur ersten Wegbiegung vorausgesandt. Aber als wir jetzt dort anlangten, war der Junge nicht zu finden. Sale mußte auf dem Pferd des Gendarmen in die Stadt hinauf zurückreiten, entdeckte aber auch dort nichts von dem Flüchtling. Unterdes setzte ich meine Fahrt nach abwärts unter großer Vorsicht fort, jeden Augenblick bereit, aus dem Wagen zu springen, wenn in dem zunehmenden Dunkel die Pferde auf der abschüssigen und gewundenen Straße einem Abhang zustrebten. Ich atmete auf, als wir endlich wieder glücklich in der Ebene waren.

Bei stockfinstrer Nacht erreichten wir das Dorf Gulli, wo das wahnsinnige Gekläff der Hunde die ganze Bewohnerschaft munter machte. Hier rasteten wir drei Stunden. Dann ging es weiter nach Charabilme, wo die Deichsel abermals in Stücke ging und die Pferde in die Seiten stieß. Diese wurden scheu und stürmten in die Steppe hinaus. Sale sprang vom Wagen und blieb wie tot liegen. Als der Kutscher endlich die Tiere zum Stehen brachte, eilten wir zu dem Verunglückten zurück und fanden ihn, zwar mit geschundener Stirn und blutenden Knien, aber sonst unverletzt. Nun flickten wir die Deichsel so gut es ging zusammen, und der Kutscher führte die Pferde am Zügel. Darüber wurde es Tag, und um ½5 Uhr langten wir endlich in Tell-Ermen an.