Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 5

Chapter 53,811 wordsPublic domain

Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte meiner Laune nicht Herr werden.

Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei, das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte, was damit anfangen.

»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.

Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel. Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.

Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um, und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.

Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber, als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr. Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden, und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht des Einsamen darauf ansehen.

Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der mich jetzt gewiß längst ignorirte.

Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar! Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte, geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.

Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung, und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing. Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich ihm auch schon das Verlorene wieder.

Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die Betrachtung der Kupferstiche.

Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt, oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.

Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner erbarmte unter all' den Gästen, -- unter Larven die einzig fühlende Brust! -- dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst _seine_ Blödigkeit!

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden, deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr anziehenden Weise etwas zu sagen.

Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken, sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«

Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle, den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin Margarethe Geßler.«

Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt -- Fräulein -- gütig, vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.

Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.

»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!« lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr. Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes =tête-à-tête= gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«

»So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und höre, wie das alles gekommen ist!« rief ich ärgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mädchens auf mich zu ziehen. Hastig erzählte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft angeknüpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling aufzudrängen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehülflichkeit gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner Schüchternheit aufgethaut habe.

»Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron hätte deine Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen können,« lachte Marie. »Ich bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten für andere Leute auf, junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thür und blickt sehnsuchtsvoll zu uns herüber.«

Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen großen Augen so eigenthümlich an, daß ich wieder dunkelroth wurde und mich ängstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie möge mich nicht mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glück nahte sich die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation erlöst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt hatte. Die lose Marie flüsterte mir als Gruß zur guten Nacht noch schelmisch zu: »Gratulire zu deiner Eroberung, träume süß, liebes Gretchen!«

8.

Folgen.

Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hören, wie meine gestrigen Aventuren mir bekommen wären. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so ausgelassen und schalkhaft, daß ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte, und wir nun alle Beide um die Wette über meine Eroberung lachten. Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante, welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere Fröhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen in unserem traulichen grünen Stübchen noch ehrlich alles gebeichtet, und obwohl sie mich vor ähnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mußte sie dennoch herzlich über die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.

»Hört einmal, Kinder,« sagte sie jetzt, als wir beiden Mädchen in toller Lust neben ihr schwatzten und lachten, »nehmt es mir nicht übel, aber euer Betragen gefällt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die traurige Rolle nämlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wißt ihr denn so genau, ob sein Interesse für Gretchen nur so flüchtig war, und ob er in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerührt worden ist durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.«

»Aber liebe, gute Tante, darüber lachen wir ja doch auch wirklich nicht, sondern über Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing,« sagte Marie ernst werdend. »Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch andere glücklich machen könnte, Reichthum, alten geachteten Namen, unabhängige Lage, gesunden Körper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler, sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschließt, einmal aus seiner Klause hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglücklich aus, daß sich niemand an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde können etwas mit ihm anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist gar zu wunderlich.«

»Bei alledem ist er aber doch zu bedauern,« sagte die Tante sanft, »denn es fehlt ihm trotz seiner irdischen Güter das rechte Glück. Er versteht nicht, das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern nützlich zu werden, und solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.«

»Nun, wir wollen nicht mehr über ihn lachen, Tantchen,« sagte ich, der Tante die Hand küssend. »Es war recht kindisch von mir, und doppelt unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat. Gewiß ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die äußeren Formen abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte über diesen Mangel am wenigsten lachen.«

In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth übergoß mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen von gestern Abend trat in seiner ganzen Größe vor meine Seele. Um so mehr überraschte mich der Tante froher Ausruf: »O, das freut mich ja herzlich!« denn ich hatte geglaubt, es würde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war oft ganz unberechenbar.

In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen, und dieser begrüßte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und liebenswürdig, und doch dabei so ernst und würdig, daß sich meine Scheu sehr minderte, denn so hätte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mißbrauch gemacht hätte. Sehr beruhigt faßte ich denn auch bald den Muth, mich mit in die Unterhaltung zu mischen, um wo möglich wieder auszuwetzen, was ich gestern dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten Tag, denn ich sprach fast so verständig, wie ein erwachsener Mensch. Aber die gute Tante wußte auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, über welche ich gut Bescheid wußte, und der Doctor hatte eine so angenehme Art, auf Alles einzugehen, daß der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz froh und frei zu Muthe ward.

»Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir gestern vorgeredet,« sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.

»Gewiß, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders über ihn, als gestern?«

»Weil er sich sonst gewiß nicht beeilt haben würde, zu uns zu kommen. Gleichgültigkeit oder böses Gewissen hätten ihn sicher zurück gehalten. Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, daß er deine kindliche Vertraulichkeit ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefällt mir sehr wohl von ihm. Er ist ein gebildeter, feinfühlender junger Mann, den ich stets gern bei mir sehen werde.«

Tante's Urtheil, das mir stets maßgebend war, erfreute mich doppelt, denn nun konnte ich mich doch über mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen. Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch lange zu denken und über meine Dummheiten zu spotten.

Marie ihrerseits triumphirte, daß sie sich in meines Freundes Gesichtszügen nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich fröhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rüstete.

An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkäufen, und ich machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, während Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch einiger junger Mädchen zurück gehalten, und so war es schon ziemlich spät geworden, ehe ich meine Aufträge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich meine Geschäfte beendet und rüstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten schon auf den Straßen und in den Kaufläden, und voll Bewunderung ging ich an den hellerleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen beim Glanze so vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches Landkind entzückte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der großen Stadt sah, und neugierig spähend blieb ich gern vor den Fenstern der Kaufläden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.

Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, für welche ich eine große Vorliebe besaß, und stundenlang hätte ich davor stehen mögen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah ich nun jetzt im Vorübergehen einzelne jener Blätter, welche ich Tags zuvor mit Baron Senft betrachtet hatte, und über deren großen Werth ich durch ihn belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe trat und mir höchst zudringlich unter den Hut blickte. -- Ich erschrak und wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lästige werde sich entfernen, wußte aber nicht, daß mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Straße hinab, um dem jungen Manne zu entfliehen, aber ich merkte wohl, daß derselbe mir dicht auf den Fersen war, und hörte fortwährend, wie er mich mit den unerträglichsten Worten verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntniß der Straßen verfehlte ich gar die Richtung und wußte bald gar nicht mehr, wohin ich mich wenden sollte. Daß ein Miethswagen mir aus dieser Verlegenheit geholfen hätte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hörte nur immer den lästigen Begleiter neben mir und stürmte vorwärts, denn ich fürchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger an mich heran drängte.

Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn und die Thränen im Auge. Eben war ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hülfe zu suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen -- Baron Senft, meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen, und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: »O, Herr Baron, bitte, beschützen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe den Weg verloren!«

Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurückzog: »Mit Vergnügen, gnädiges Fräulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu schützen wissen.«

Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem Baron gegenüber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch, in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat, und natürlich erzählte ich ihm nun ausführlich, wie alles gekommen. Mein braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir nützlich sein zu können, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder, wie sehr das Vertrauen ihn beglücke, das ich ihm schenke, daß mir ganz froh und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermüthigen Augen an, daß ich nicht recht wußte, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter keine Gedanken darüber. Küßte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand, er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubniß, anderen Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu dürfen. Das war doch mehr, als ich je von ihm erwartet hätte, und fröhlich eilte ich zu Tante Ulriken, dieser meine neuen Abenteuer zu erzählen und ihr den Besuch des Barons zu verkünden.

Die Tante war aber sehr ungehalten über meine Unvorsichtigkeit und verbot mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben, was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch völlig ungehörig sei, und mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich überraschte. Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr erfreuet, kurz ich fühlte wohl, daß ich recht gründlich unvernünftig gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Näharbeit.

Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekündigte Besuch: Baron Senft ließ sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen, liebenswürdigen Weise. Ich fand aber, daß sie zurückhaltender war, als gewöhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im äußersten Stadium der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Möglichstes, durch herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu erleichtern.

Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darüber, denn Tante Ulrike war unbegreiflich kühl und zurückhaltend. Ich konnte es mit dem liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor über den Baron geäußert, gar nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.

»Es geschah, um der gar zu großen Freundlichkeit meines Gretchens ein Gegengewicht zu geben,« sagte die Tante ernst. »Ich muß dich bitten, mein Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron über seine Schüchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurückhaltender zu sein. Du weißt nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung würde dir doch sehr schmerzlich sein.«

»Eine andere, Tantchen? Wofür könnte er denn sonst meine Freundlichkeit halten?« fragte ich betreten.

»Für Gefallsucht, Koketterie, mein Kind,« sagte die Tante, immer ernster werdend.

»O das ist doch aber nicht möglich, davon bin ich ja weit entfernt!« rief ich heftig. »Was habe ich denn gethan, daß er so etwas von mir denken sollte? Nein das wäre doch zu schlecht von ihm!«

»Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu fürchten,« sagte die Tante sanft. »Aber zurückhalten mußt du dich von jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist gefallsüchtig, so könnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse für ihn vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflößt.«

»Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen!« rief ich dunkelroth werdend. »Du meinst, er könnte denken, ich sei -- ach Tantchen!«

Die Idee war mir so unsäglich komisch, daß ich trotz der Ernsthaftigkeit der Tante in ein herzliches Gelächter ausbrach. Ich in den Baron verliebt! Ich armer, junger, halberwachsener Backfisch! Und er, dieser ernste, vornehme, steife Baron, der mir trotz seiner Jugend wie ein älterer Herr, eine Art Respectsperson gegenüber stand, und dem ich wie ein harmloses Kind mich anvertrauet hatte. Man konnte nichts Wunderlicheres denken, die Tante hatte zu sonderbare Einfälle.