Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 4
An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen, für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche ich erst lernen mußte.
So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn, daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet brachte, um dort einzugießen.
Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen, so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen, bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,« sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«
Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte Hand nicht frei zum Zulangen.
Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.
»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«
Da an diesen Montagen nur ältere Herren und Damen bei der Tante erschienen, so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefällig zu sein, als möglich. Jüngeren Personen, besonders jungen Herren gegenüber, hielt mich die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurück, da dieselbe, wie sie sagte, häufig zu weit ging. Daß man auch übertrieben gefällig sein könnte, kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen alte Damen jedoch ließ sie mich ruhig gewähren, und da mein Herz mich ganz besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fußbänkchen unter die Füße und Kissen in den Rücken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen die Maschen ihres Gestrickes zu zählen, oder herunterstürzenden Maschen zu Hülfe zu kommen, Nadeln einzufädeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu schälen, nach Riechfläschchen oder frischem Wasser zu springen, -- alles das waren Dinge, die ich mit Entzücken besorgte, sobald mein spähendes Auge nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank wurde mir dann immer zu Theil.
Gegen die alten Herren war ich natürlich zaghafter, doch beeilte ich mich ebenfalls, wo es wünschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten, alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu buchstabiren, Brillengläser abzuwischen, oder auch ruhig und gefällig zuzuhören, wenn irgend eine langweilige Erzählung keine aufmerksamen Zuhörer finden wollte.
Häufig, wenn diese gemüthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefüllt wurden, griff man zu der Lectüre irgend eines guten Buches, aus welchem ein oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hörte ich Tante Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tönte und mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schöne Sache es um gutes Vorlesen sei.
Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hören, öfter zu Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die Mühe, häufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stümper wagte anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu öffnen; aber in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne müde zu werden, ließ mich oft Zeile für Zeile nachsprechen, Sätze drei bis vier Mal lesen, bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.
Mit diesen Vorlesungen verband die Tante übrigens noch einen andern Zweck, meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewöhnen, auch mit müßigen Händen anständig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, daß ich mich während des Lesens mit einer Handarbeit beschäftigte.
»Junge Mädchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen sollen, wenn sie nicht mit den Händen arbeiten oder mit den Füßen tanzen können,« sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fühlte ich an mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung ließ viel zu wünschen übrig, und mein Rücken suchte sich immer kräftigen Beistand an der Stuhllehne; ich glaube, mein Kreuz bedurfte der Stütze, da ich eine so lang aufgeschossene Hopfenstange war.
»Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mädel!« sagte die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder altmodisch auszusehen, daß ich es mit ihren silbergrauen Löckchen gar nicht vereinen konnte, welche doch die Schwäche des herannahenden Alters verkündeten.
»Das ist alles nur Gewohnheit, Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn ich diese meine Verwunderung gegen sie aussprach. »Wer krumm sitzt, wächst krumm. Das Bäumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen, stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z. B., wie meine liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Füße so weit von sich fort streckt und mit den Händen ungeheuerliche Fechtübungen macht, während der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.«
Dabei schob die Tante eine Fußbank unter meine baumelnden, zappelnden Füße, leider aber gab es für meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und dieselben einfach und ruhig im Schooße liegen zu lassen, wie es schicklich, war eine schwere Aufgabe.
»Die du aber lernen mußt,« sagte die Tante, »denn ein junges Mädchen, das während des Gespräches die Finger still hält, und nicht irgend etwas darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene Erscheinung. Wenn ihr nur wüßtet, ihr jungen Mädchen, wie unbehaglich ihr durch diese Unruhe des Körpers für Andere werdet, ihr dächtet mehr daran, es zu vermeiden.«
»Ja, Tantchen, da muß man aber immerfort nur an sich denken, und an alles das, was anständig ist,« klagte ich kleinlaut.
»Das lernt sich schon, und dann kann man später gar nicht anders,« entgegnete die Tante. »Auch du wirst es früher lernen, als du jetzt denkst, mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mühe, und ich bin ganz gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird schon werden, mein Töchterchen!«
Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes ertheilte. Wie glücklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos sinkenden Flügel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte einbilden möchte, stand schon wieder ein kleiner Dämpfer in der Nähe.
So eben nämlich lasen wir in Goethe's Tasso die schönen Worte:
»Willst du genau erfahren, was sich ziemt, »So frage nur bei edlen Frauen an, »Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, »Daß Alles wohl sich zieme, was geschieht.«
»O, Tantchen, das klingt gerade, als hätte Goethe dich mit diesen edlen Frauen gemeint!« rief ich mit jugendlicher Wärme.
Die Tante blickte lächelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte plötzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.
»Du bist eine kleine Schmeichelkatze,« sagte sie. »Mir fällt da aber gerade ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich paßt.«
»Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn für einer?« fragte ich verwundert.
»O er ist nur kurz, aber desto treffender,« lachte die Tante, und nun sprach sie in singendem Tone:
»Kätzchen ist gestorben heut, »Giebt's ein schönes Grabgeläut, »Unsre liebe Kleine »Baumelt mit dem Beine, »Stühlchen setzt sich auch in Trab, »Wackelt munter auf und ab!«
Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurück gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen Füßen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.
Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.
Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein Menschlichen!
Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe, eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief. O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.
7.
In Gesellschaft.
Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.
Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.
Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers. Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«
Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.
»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an, daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch drängen, um zu ihm zu gelangen.«
»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.
»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«
»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand von zu Haus kennen.«
»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders. Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon angesprochen.«
Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte, und mein blonder Herr =Doctor juris= rasch auf mich zugeschritten kam.
»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«
Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr. Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat, ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle. Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.
Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen, was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht unangenehm!
Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.
»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar nichts.«
»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«
»Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich für ein junges Mädchen schickt, mein Töchterchen,« sagte die Tante sanft.
»Ich, Tantchen?« rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine Ahnung.
»Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele verwunderte Blicke zu dir hinflogen, während du dich mit dem jungen Mann so laut unterhieltest, daß die ganze Umgebung an eurem Gespräche Antheil haben konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht unschön aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenüber legtest, daß mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, daß du mit dem jungen Herrn sogar leise tuscheltest, als wäret ihr die intimsten Freunde. Was in aller Welt fällt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schüchtern und ängstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.«
»Ach, Tantchen, ich erzählte ihm einige meiner dummen Streiche, und das sollte doch niemand weiter hören; aber ich sah wohl, daß einige Gäste unserm Gespräche lauschten,« sagte ich ganz außer mir vor Schrecken.
»Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, daß du weißt, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?«
»Nein, Tantchen, das würde ich nie von ihm glauben!« rief ich erglühend. »Er hat sich ja so für Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie und meiner Heimath erzählte, und das würde er gewiß nicht gethan haben, wenn er so schlecht wäre.«
»Nun natürlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche Herzensergüsse macht,« sagte die Tante lächelnd.
»Aber Tantchen!« jammerte ich dem Weinen nahe.
»Ich kann dir nicht helfen, du mußt diese kleine Strafpredigt hinnehmen, damit du vorsichtiger wirst,« fuhr die unerbittliche Tante fort. »Wer weiß, ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu erzählen, welch' thörichtes Backfischchen dieses junge Fräulein Geßler ist, und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig machen.«
»Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so!« flehte ich trostlos, indem dicke Thränen der Angst und Verzweiflung über mein Gesicht rollten.
»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante, mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten. Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als ich es im Stande bin.«
Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle Thorheiten, die ich begangen.
»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«
»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«
»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein Zutrauen zu ehren wissen.«
»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante hatte mir gar zu bange gemacht!«
»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte Marie sinnend.
»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte ich weiter.
»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen. Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes, mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«
Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen, angenehmen Fräuleins, dahin schweben.
Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein, indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend abwandte.
Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie mit diesem Einsamen fühlte.