Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 3

Chapter 33,862 wordsPublic domain

»Ach sie ist einzig lieb und nett, Tantchen!« rief ich begeistert, »und ich würde glücklich sein, wenn ich ihre Freundin werden könnte.«

»Das sollte auch mich sehr freuen,« entgegnete die Tante, »denn bei all ihrer kindlichen Natürlichkeit ist Marie ein durchaus gebildetes, kluges Mädchen, deren Erziehung sehr sorgfältig geleitet wurde, so daß du viel von ihr lernen kannst.«

Diese neue Bekanntschaft erfüllte mein Herz mit unbeschreiblicher Freude, denn was ich so sehnlich wünschte, wurde mir nun wirklich in schönerer Weise, als ich je gedacht und gehofft hatte. Je öfter ich mit der liebenswürdigen Marie Dunker zusammen traf, je enger schlossen sich unsre Herzen an einander und knüpften ein Band der Freundschaft, welches bis auf den heutigen Tag uns innig und fest umschlungen hält.

Meine Freundin war etwas älter als ich und durch ihre gute Erziehung schon über die schwierige Backfischzeit hinaus, doch hielt sie sich noch immer lieber zu jüngeren Mädchen, als zu ganz erwachsenen, denn ihrem kindlichen Sinn widerstand alles Gemachte, Gezierte, Anspruchsvolle, worin sich die jungen Mädchen hier oft sehr gefielen. Sie war eine allerliebste kleine Blondine, mit feinen, schlanken Gliedern und zierlichen Bewegungen, so daß ich hoch aufgeschossenes Ding mit meinen langen Armen und Beinen, mit denen ich höchst täppisch in der Welt umher telegraphirte, sehr wunderlich gegen sie abstach. Sie hatte ein unbeschreiblich gutes, weiches Herz, das aus ihren Vergißmeinnichtaugen so innig heraus schaute, daß man sie lieb gewinnen mußte, man mochte wollen oder nicht.

Unsre Freundschaft wurde denn auch bald feierlichst mit allen dazu gehörigen Attributen abgeschlossen. Das Erste war natürlich, daß wir uns du nannten, das verstand sich schon beim zweiten Male, wo wir uns sahen, von selbst. Dann schrieben wir uns gegenseitig den feurigsten Freundschaftsgruß in unser Album, ich wählte das Gedicht von Geibel: »O kennst du Herz die beiden Schwesterengel«, in dem Freundschaft und Liebe so schwärmerisch besungen sind; Marie wählte für mich Göthe's reizendes Gedicht: »An Lottchen«, das uns beiden wie aus der Seele gedichtet war. Natürlich trugen wir dann auch bald jede ein goldnes Herzchen, in dessen innerem Heiligthume die aufgerollte Haarlocke der Freundin ruhte, an einer Gummischnur um den Hals, und die Tante besiegelte den Bund noch durch allerliebste goldne Ringe mit blauen Steinen, welche sie uns schenkte. Daß über meinem Nähtischchen binnen Kurzem das kleine Bild meiner Freundin zwischen zarten Epheuranken schwebte, wie meines über ihrem Tische, versteht sich ebenso von selbst, wie die tausend zierlichen Billetchen, welche zwischen uns hin und her flogen. Was hatten wir uns alles zu sagen, wenn wir uns einige Tage nicht gesehen hatten, es war, als gäbe es dann kein Ende mit Erzählen und Fragen.

Von jetzt an begann mein Leben sich unendlich viel angenehmer zu gestalten, denn wenn ich mich auch immer sehr gern mit der liebenswürdigen Tante Ulrike unterhielt, und ihr Umgang für mich von unendlichem Nutzen war, so zählte sie doch so viel Jahre mehr als ich, daß unsre Empfindungen und Ansichten unmöglich ganz gleichartig sein konnten. Meine liebe Herzensfreundin aber fühlte und dachte fast ganz wie ich selbst, nur daß sie mehr erfahren und durchgebildet war und mir dadurch mit gutem Rathe zur Seite stand. Jetzt war mir nicht mehr fieberhaft ängstlich zu Muthe, wenn ich die Tante zu ihren Freunden und Bekannten begleiten sollte, wußte ich ja doch, daß ich meine liebe Marie fast überall traf und an ihr Halt und Stütze in meinen Verlegenheiten fand. Mein Auge flog suchend durch die Räume, sobald ich in den Kreis Fremder eintrat, und erst wenn ich Marie's hellblaues Kleid erblickte, wurde mir froh und sicher zu Muthe, fehlte sie, so fühlte ich mich unbeschreiblich verlassen und einsam.

Marie trug fast immer himmelblau, und diese Farbe stand dem zarten blonden Wesen auch so reizend, daß ich sie gar nicht anders gekleidet sehen mochte. Noch jetzt, wenn ich an die liebe Jugendzeit zurück denke, sehe ich meine Freundin stets in hellblauen Farben vor meinen Augen, sie war so recht mein blauer Himmel, und ihr freundliches Gesicht die goldne Sonne an demselben.

Außer unsern Plauder- und Kosestündchen verbrachten wir auch ernstere Zeiten mit einander, denn Tante Ulrike wünschte, daß ich noch einigen Unterricht in Sprachen, Musik und Zeichnen nehmen sollte, und zu meiner unaussprechlichen Freude nahm Marie an einigen dieser Stunden Antheil. So wurde ich denn auch innerlich noch gehobelt und polirt, und Geist und Körper um die Wette in die höhere Schule geschickt. Doch wie sehr man auch ein andres Geschöpfchen aus mir zu machen strebte, so sorgte die gute Tante doch dafür, daß meine gesunde Natur nicht verbildet und verschoben wurde, und so ist mir denn glücklicherweise Ziererei und Prätension bis auf den heutigen Tag ebenso unausstehlich geblieben, als sie es mir damals schon waren. So wenig als ich konnte auch Marie an unnatürlichem Wesen Gefallen finden, und daß die rechte Bildung eben nicht in jenen Dingen besteht, das sah ich ja deutlich an ihr wie an Tante Ulrike, und pries mich doppelt glücklich, im Umgang mit so trefflichen Wesen leben zu können.

Während die Tante in ihrer liebenswürdigen Weise fortfuhr, mich auf meine Fehler und Angewohnheiten aufmerksam zu machen, that es Marie ihrerseits ebenfalls. Eines Tages z. B. sah ich meine liebe Freundin mir auf der Straße entgegen kommen, und meinen Gefühlen freien Lauf lassend, wie ich es nie anders kannte, breitete ich weit die Arme aus und flog ihr jubelnd an den Hals, indem ich sie herzte und küßte. Ihr zartes Gesichtchen bedeckte sich unter meinen Liebkosungen mit dunkler Gluth, und statt wie sonst mich ebenfalls zärtlich an sich zu drücken, machte sie sich schnell und nicht eben sanft aus meinen Armen los und blickte ängstlich rings um sich her.

»Was hast du, Mariechen?« rief ich überrascht, und sah fragend in ihr sonst so ruhig mildes Gesicht. »Bist du mir nicht mehr gut?«

»O freilich Gretchen, sag' doch so etwas nicht!« entgegnete sie halblaut und zog mich schnell mit sich fort. »Aber komm, komm, ich will es dir gleich sagen.«

Abermals blickte sie ängstlich zur Seite, und jetzt erst bemerkte ich, wie ein junger, eleganter Herr dicht neben uns stand, und, das Augenglas fest eingekniffen, uns mit spöttischen Blicken betrachtete. Ich fuhr erschrocken in Marie hinein, starrte aber nichts desto weniger dem jungen Herrn dabei in das Gesicht. Dieser lächelte mich vertraulich an und schnarrte süßlich, indem er uns Kußhändchen zuwarf: »Himmlisch! Göttlich! Welch reizende Kinder!« Marie zog mich so rasch aus der Nähe dieses impertinenten Gecken, daß ich weiter nichts sehen und denken konnte, aber nach einer Weile wollte ich in meiner Angst doch wissen, ob wir verfolgt würden, und blickte mich hastig nach dem abscheulichen Menschen um. Marie's Mahnung: »Um Gottes willen, Gretchen, sieh dich nicht um!« kam zu spät, es war schon geschehen, und ich sah denn auch, daß unser Peiniger uns von Weitem noch zärtlich zunickte, ohne uns zum Glück jedoch zu folgen.

»Wie konntest du mich auch auf offener Straße so stürmisch und laut begrüßen, liebe Grete!« sagte Marie mit zärtlichem Vorwurf. »Das thue ja nicht wieder, du siehst, was es für Folgen hat!«

»Aber wir begrüßen uns doch immer so, Mariechen!« rief ich außer mir. »Was fällt denn diesem Menschen ein, uns so zu beleidigen!«

»Er meinte sich das erlauben zu dürfen, weil du dich gar zu auffallend benahmst, Herzchen!« entgegnete Marie. »Auf der Straße bewillkommnet man sich einmal nicht so wie im Hause. Küssen und umarmen ist hier nicht erlaubt, das mußt du lernen, sonst kannst du noch schlimmere Dinge erleben.«

»Das ist doch aber schrecklich, daß man unter Gottes freiem Himmel nicht einmal zeigen soll, wenn man sich lieb hat!« seufzte ich betreten und ließ den Kopf hängen.

»Ja was das Zeigen der Gefühle betrifft, das ist überhaupt ein ganz besonderes Kapitel!« sagte Marie lachend. »Man muß unter Andern nur gar zu oft seinen Gefühlen Zwang anthun und ein ruhig Gesicht machen, es mag inwendig so fröhlich oder so traurig aussehen, wie es will.«

»Das ist schwer, ich glaube, das werde ich nie lernen!« sagte ich niedergeschlagen. »Aber thu' mir die Liebe, beste Marie, und sag' mir noch einiges, was sich auf der Straße nicht schickt. Es ist alles hier so anders, bei uns brauchte ich mich in keiner Weise zu geniren, denn wenn ich im Dorfe oder auf den Wiesen umher lief, da war alles recht und gut, was ich that, und kein Mensch dachte daran, daß sich allerlei nicht schickte.«

»Nun z. B. sprich nicht so laut auf der Straße, liebes Herz, wie du soeben thust, alle Vorübergehenden sehen uns verwundert und lächelnd nach!« sagte Marie halblaut und drückte meine Hand. »Und dann thu' mir die Liebe und renne und stoße nicht an Jedermann an, der uns begegnet, sondern weiche den Leuten etwas aus!«

»Ja ja, deine =chère amie= ist ein wundervoller Rüpel!« seufzte ich und ging in weitem Bogen um jeden herum, der mir begegnete. Das war aber wieder nicht recht, denn dieser Circumflex, den ich um die Leute herum beschrieb, fiel ebenso sehr auf, und alles was auffällt, ist nun einmal verboten, das sah ich wohl ein. »Du bist gewiß schrecklich böse auf mich, Marie, denn du mußt dich ja meiner schämen!« erwiderte ich, ärgerlich über mich und alle Welt. »Ich blamire dich zu sehr, wenn ich noch länger mit dir gehe, es ist besser, wir trennen uns. Adieu, auf Wiedersehen, liebes Herz!«

»Aber so sei doch kein Närrchen, Grete!« sagte Marie, mich liebevoll zurück haltend. »Das wäre eine schöne Freundin, die nicht gern die Schwächen der andern ertrüge! Du hast meine Fehler ja auch zu tragen!«

»Ach du hast gar keine Fehler!« rief ich verdrießlich.

»Wie? Ich keine Fehler, Gretchen?« lachte Marie. »Da wäre ich ja ein Wunderkind, und dazu habe ich Gott sei Dank nie große Lust verspürt. Siehst du, da will ich dir gleich einen Fehler deiner allervortrefflichsten Freundin sagen,« fuhr sie lustig fort und hielt ihren Fuß in die Höhe. »Der Anstand erfordert, daß man seine Schuhbänder zu Haus hübsch fest zubindet, damit sie auf der Straße nicht aufgehen und nachschleppen, wie Figura zeigt, und man genöthigt ist in einen Hausflur zu treten, um den Schaden zu repariren.«

Während wir nach Verbesserung dieses kleinen Uebels nach Haus eilten, begegneten uns einige sehr junge fein gekleidete Mädchen, die ihren Schulmappen nach zu urtheilen aus der Stunde kamen. Sie hatten sich gegenseitig untergefaßt und nahmen mehr als die ganze Breite des Trottoirs ein. Als sie nahe zu uns heran kamen, zeigten sie wenig Lust die Kette zu lösen, um uns durchzulassen. Marie schritt jedoch so ruhig und ernst vorwärts, daß die eng Verbündeten es für besser fanden, uns Platz zu machen, wobei sie jedoch kicherten und sich gegenseitig stießen und drängten.

»So ungeschliffen hätte sich die arme dumme Grete nicht einmal benommen, wie diese jungen Kälberchen!« rief ich sehr verwundert, daß junge Residenzdämchen sich so aufführen konnten.

»Ja das ist eine der schönen Schulmädchenmanieren,« entgegnete Marie ärgerlich. »Die jungen Dinger wissen recht gut, daß es nicht passend ist, gassenbreit zu gehen, aber deshalb lassen sie es doch nicht. Wie abscheulich solcher Schulton oft unter den jungen Dämchen ist, davon kannst du dir gar keine Vorstellung machen; man muß gewaltig dagegen ankämpfen, wenn man darunter steckt. Ausnahmen giebt es darunter natürlich wie überall; aber das kann ich dir zum Troste sagen, daß solch echtes Residenzdämchen mit ihrer Ueberbildung und Eitelkeit zehnmal schlimmer dran ist als du, mein liebes Naturkind, selbst wenn du mich alle Tage auf offner Straße umarmtest, und eine ganze Legion junger Gecken herbeikäme, sich das Schauspiel mit anzusehen.«

Ich fiel Marie lachend um den Hals, denn jetzt waren wir zu Haus angekommen, und in Marie's traulichem Stübchen hatte ich keine Rücksichten mehr zu nehmen. Lange saßen wir hier noch plaudernd zusammen, bis die sinkende Sonne mich endlich an den Heimweg mahnte. Da mußte ich fort; denn es war ja auch eine der lästigen Eigenschaften der großen Stadt, daß man Abends nicht allein im Freien umher laufen konnte. Zu Haus wurde es erst recht hübsch, wenn der Abend kam. Wie lustig und harmlos trieb man sich da vor dem Hause und im Dorfe umher, da hatte man keine Anfechtungen zu befürchten, wie hier sogar am hellen Tage, nur weil man seine Gefühle der Welt zeigte. Ja zu Hause!

5.

Mittagessen.

Wie schon beim Frühstück so gab es natürlich auch beim Mittagessen gar viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete; denn zu Haus nahm die lärmende kleine Kindergesellschaft alle Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste und einzige Erforderniß bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem eigenen Gutdünken überlassen.

Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich gleichförmig, dabei aber gemüthlich und heiter, denn die Tante würzte das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur Wohlanständigkeit wie große Ausrufungszeichen die gleichmäßige Rede unterbrachen.

»Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind,« lautete z. B. eins der Gebote in meinem Anstandskatechismus. »Mit der Hand wischt man sich das Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.«

Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig nach dem bis jetzt so arg vernachlässigten Wesen.

»Sieh mal, was du für ein kleiner Gourmand bist!« sagte Tante Ulrike dann wieder neckend. »Schlürfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie ein Feinschmecker seinen Wein. Gewiß willst du heraus schmecken, wie viel Pfund Rindfleisch diese Kraftbrühe hervorbrachten. Auch hast du es dir dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?«

»O der Thorweg ist zu klein für das mächtige Fuder Heu,« lachte sie ein andermal, wenn ich so große Bissen zum Munde führte, daß ich Mühe hatte, derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den Zähnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn: »mit vollem Munde redet man nicht.« Ebenso durfte ich weder die Finger auf den Teller, noch das Messer in den Mund führen, worin ich ebenso regellos handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie merken wollten, daß ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem Tellerrande.

»Du könntest dem armen Phylax wohl auch ein Fäserchen Fleisch gönnen, liebe Grete, und nicht selbst die Knochen so gründlich abnagen,« hieß es dann wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hühnchen oder Tauben verzehrte und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbiß und benagte.

»In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer,« erwiderte ich eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglänzenden Fingern in der Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hühnerkeulchen zum Munde führte, sagte die Tante lächelnd:

»Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weißt. Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber löst man das Fleisch mit Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.«

»Ja wohl, liebe Tante,« erwiderte ich überrascht, denn Geflügel hatte ich bisher immer nur mit Hülfe der Finger verzehrt.

Es war das erste Mal, daß ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling fürchtete überall, mich zu blamiren. Zum Glück setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher Herr, der mir aussah, als bestehe sein größtes Vergnügen in Essen und Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit dem er nun schlürfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen dieselben führte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Eßlust. Ich dachte so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem jungen Mädchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst völlig, wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch Aergerniß zu erregen.

Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch nie gegessen hatte: es war eine schwärzliche Masse, und seiner körnigen Gestalt nach hielt ich es für eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine große Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.

Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des erwarteten süßen meine Zunge berührte! Ich war nicht im Stande, einen zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen Nachbar, der die schwarzen Körner auf geröstete Semmelscheiben strich, sie dann mit Citronensaft beträufelte, und das Ganze alsbald mit größtem Behagen verzehrte.

Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich für ein Produkt der Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich käuend zu mir, und mit den dicken glänzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller zeigte: »Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gnädige?«

Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe wohl, in Person aber hatte sich nie ein Körnchen davon bis zu unserm Dorfe verirrt und war mir deshalb völlig unbekannt.

»O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm,« stotterte ich dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thörichter Weise hinter einer Lüge verbergend.

»O, nicht möglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,« versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch dankend ab und sah mit großem Ergötzen, welche sehnsüchtigen Blicke mein Nachbar der von mir verschmähten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich endlich befreite.

Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorüber, nur als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfaß greifen wollte, fuhr Marie erschrocken zurück und sagte leise: »Mit dem Messer, Gretchen!«

Ich folgte beschämt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fünfzackigen Fingergabel zu diesem Geschäfte bedient.

Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hühner, wie Tante Ulrike gedacht, und ich erinnerte mich zum Glück der ertheilten Ermahnung und versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulösen, statt wie sonst die zarten Knochen mit meinen Zähnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht undankbares Geschäft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten Früchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, täuschten mich jetzt nicht wieder, sie waren süß und lecker, wie ich es liebte, und nicht unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem meines eßlustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese süßen Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genuß der dicken Zuckersauce, in welcher die Früchte auf meinem Glasteller umher schwammen. Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein Löffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon zu schlürfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen, da fühlte ich mich plötzlich am Arme erfaßt, und mit einem schnellen Ruck stand der Teller wieder an seinem Platze.

»Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug?« raunte Marie mir dabei in das Ohr. »Die Sauce läßt man auf dem Teller.«

»Auf dem Teller?« rief ich ungläubig und sah mich nach Marie um, welche noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich könnte die Comödie noch einmal aufführen wollen. »Die schöne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am Eingemachten, die werde ich doch nicht zurück lassen?«

»Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich bitte dich, folge mir, Grete!« flüsterte Marie schnell, denn eben wurde sie von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht mehr bekümmern. Da saß ich denn nun betrübt meiner schönen Fruchtsauce gegenüber, die ich nicht essen durfte, und ärgerte mich recht aus Herzensgrunde über die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.

»Was würde Mama zu dieser Verschwendung sagen,« dachte ich ärgerlich, wurde da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter Nachbar lachte herzlich über meinen Schreck, und bald sah ich, daß nur ein Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so selten gehört, daß mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getränk selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren, nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.

Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz außerordentlich. Dieses Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Süßigkeit, ohne weichlich zu sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhöhen, und jetzt ließ ich sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und trank lieber diesen köstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand es freilich noch besser als ich, aber er ergötzte sich so sehr an dem Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, daß er mir ein Glas nach dem andern einschenkte. Bald glühten meine Backen, und es flimmerte mir vor den Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male so verwirrt umher blickte, daß Marie mich ängstlich ansah und sagte:

»Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?«

»Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles,« rief ich leise und griff nach Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.

»Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht!« sagte Marie.

»Ja, drei oder vier Gläser. Herr von Martini hat mir immerfort eingegossen,« flüsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen, denn mir war wunderlich zu Muthe.

»Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,« schalt Marie und goß mir ein großes Glas Wasser ein, das ich hastig hinunter stürzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und hütete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bösen, verführerisch leckern Weine zu genießen, so sehr mich auch mein Nachbar nöthigte und neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurück. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten Diner debütirte, und die mir unvergeßlich geblieben sind.

6.

Verschiedenes.