Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 18

Chapter 181,885 wordsPublic domain

Und nun war der Tag erschienen, der mich ganz glücklich machen, mich ganz mit dem vereinen sollte, außer welchem es für mich keine Freude mehr auf der Welt gab. Alle meine Freunde hatten mir versprochen, zu dem Feste zu kommen. Marie war schon wochenlang bei uns, ihre Eltern und Eduard wurden erwartet, Eugenie hatte sich mit ihrem Prachtsöhnchen aufgemacht, mir ihren Antheil zu beweisen, ihren Gatten, ihren Vater und vor allem Tante Ulrike erwarteten wir heute, und wer fehlte nun noch?

Die Wagen rollten durch das Dorf, die Hunde bellten, die Dorfjugend jubelte, und die Kutscher verkündeten mit der Peitsche knallend ihre Ankunft. War das ein Leben unter den Linden vor unserem Hause! Papa und Mama flogen Tante Ulrike an das Herz, Marie wanderte aus einem Arm in den andern, Eugenie versank vollständig bald in dem weiten Reisemantel ihres Vaters, bald in des Barons Armen, der Frau, Kind und Amme zu gleicher Zeit umschlang und sich umherspringend geberdete wie ein toller Junge, trotz seines noch immer etwas steifen Fußes. Und ich? Ja ich habe das alles eigentlich nur vom Hörensagen, denn ich sah nichts über mir als zwei blaue Augen, darin der ganze Himmel wohnte, und wurde von zwei Armen so fest umschlungen, daß ich von der ganzen übrigen Welt nichts sehen und hören konnte. -- Wie? Waren denn wieder Zigeuner in der Nähe, daß ich mich so stürmisch an diese Brust flüchtete?

»Onkel Hausmann, Lieschen will auch guten Tag sagen,« rief es jetzt neben uns, und mein kleines Schwesterchen drückte ihren braunen Lockenkopf an die Knie dessen, der mich gar nicht wieder los zu lassen Miene machte.

»Guten Morgen, meine liebe kleine Schwägerin!« rief der Angeredete nun fröhlich, indem er mich frei gab und Lieschen zu sich emporhob. Jetzt drängten sich auch die Knaben herbei, den Schwager zu begrüßen, auf den die kleinen Burschen sehr stolz waren; Vater und Mutter hießen den geliebten Schwiegersohn willkommen, aber ich fand kaum Blicke und Worte genug zur Begrüßung der vielen lieben Gäste, welche mir alle so warme Glückwünsche entgegen brachten.

Unser liebes altes Wohnhaus war gewiß sehr verwundert über die vielen Fremden, die es in seinen Mauern aufnehmen mußte; aber es blickte so stolz und stattlich durch die alten Lindenbäume hernieder, als wisse es die Ehre zu würdigen, die ihm wurde, und die Störche auf dem Giebel klapperten lustig ein lautes Willkommen. Von allen Seiten fuhren jetzt noch liebe Freunde, Verwandte und Nachbarn herbei, welche das Fest mit uns begehen wollten, und in den schattigen Gängen des Parkes, wie in Haus und Hof schwirrte es lustig durcheinander. Ein herrlich warmer Herbsttag gestattete uns den Aufenthalt im Freien, und so ließ Papa auf dem Platze unter den Linden die Mittags- und Abendtafeln für alle die aufschlagen, welche drinnen im Hause keinen Raum mehr fanden. Es war ein fröhliches Treiben, und Lust und Freude belebte alle Gemüther; ich aber war die Glücklichste von allen, und wenn auch meine Lippen nicht aussprechen konnten, was mein Herz so unnennbar beseeligte, in meinen Augen stand es sicher deutlich geschrieben, denn diese Augen sahen nur eins, und das war der Geliebte meiner Seele, Theodor Hausmann.

Den Abend dieses freundlichen Festes beschloß ein prächtiges Feuerwerk, das Herr Reier im Garten abbrannte. Den Schluß desselben bildete ein höchst ergötzliches Transparent, das sich auf meinen Aufenthalt in Berlin bezog, und dessen Urheber die gottlose Eugenie gewesen. Rings um das Mittelbild gruppirten sich kleinere Scenen. Da war denn z. B. Backfischchens erste Reise dargestellt, aus nichts bestehend als aus einem Haufen Schachteln, Packeten und Kisten, über denen hoch oben ein Mädchenkopf schwebte. Ferner Backfischchen in großer Bedrängniß, die Scene bei Geh. Rath Delius, wo ich hoch aufgeschürzt mit triefendem Schirm und zerrissenen Handschuhen Amanda gegenüber auf der Stuhlecke schwebe, und dicke Schweißtropfen von Stirn und Regenschirm auf den Fußboden rollen. Dann die Straßenscene, in der ich Marie um den Hals fliege, indeß ein daneben stehender Stutzer seine Arme verlangend nach uns ausstreckt. Dann vor allem Backfischchens erstes Rencontre mit dem Freunde: unser trauliches Gespräch in jener Gesellschaft, belauscht von umstehenden Gästen, in der Ferne Tante Ulrike, die sich verzweiflungsvoll das Haar rauft. Natürlich auch Backfischchen im Ballfieber, wie sie eben im Begriff ist, Tante Ulrike in die Kleidertasche zu kriechen, später dann die Ueberreichung des Cotillonordens an »den Freund«, alles war dargestellt. So ging es fort. Unzählige kleine peinliche Momente, die ich während meines Aufenthaltes in Berlin zu bestehen hatte, gab die lose Eugenie in posirlicher Darstellung zur Schau, und Eduard, als würdiger Bänkelsänger, erklärte in köstlichen Reimen dem Publikum die Bilder zu dieser wunderbaren Geschichte. Die Hauptsache aber war das Mittelbild, betitelt: »Beelzebubs Meisterstück, eine schreckliche Mordgeschichte, zur Warnung für alle Backfischchen.« Ein Trupp wilder Teufelchen, als Zigeuner gekleidet, stürzt, Keulen, Knüttel und andere Waffen schwingend, aus dem Gebüsch hervor, gerade auf ein junges Mädchen los. Dieses aber fliegt mit ausgebreiteten Armen einer Gestalt entgegen, welche soeben auf einer Wolke zu ihr hernieder schwebt, und die zwar mit Flügeln und einem Strahlenkranze versehen ist, wie man die Engel darstellt, deren Pferdefuß aber und kleine Bockshörnchen nichts weniger als einen Engel vermuthen lassen. Er trägt die Züge Th. Hausmanns, und streckt der Flehenden die Arme entgegen, um sie in sein Reich zu entführen, das hinter ihm als höllisches Feuer lodert. Der Schluß dieses Wunderwerks lautete dazu:

Drum, lieben Mädchen, habt wohl Acht, Nun wißt ihr, wie's Herr Satan macht! Mit siebzehn Jahren komme ja Dem Eibsee Keine je zu nah, Sonst geht's wie jenem Backfisch ihr, Verloren ist sie für und für.

Daß diese lustige Geschichte unerschöpfliche Heiterkeit erregte, war sehr begreiflich, und auch ich konnte der schelmischen Eugenie keinen Moment zürnen, so sehr sie mich auch mitgenommen hatte. Verwundert war ich nur, woher sie so manche kleinen Züge kannte, die sie selbst doch nicht mit erlebt hatte, besonders diese Schlußscene; aber sie war ja ein pfiffiger kleiner Schalk gewesen, so lange ich sie kannte, und der blieb sie ihr Lebenlang, obwohl sie jetzt eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter geworden. Und das beste Herz schaute immer hinter dem Schelmgesicht hervor, das sollte ich auch an diesem unvergeßlichen Tage erfahren. Ihre Schalkhaftigkeit hatte sogar die würdige Tante Ulrike bewogen, mir gemeinsam mit ihr ein ebenso kostbares als neckisches Hochzeitgeschenk zu machen, welches Eugenie mir mit einem höchst launigen Gedichte überreichte. Das Geschenk der Tante bestand in einem »Backfischchen«, wie sie sagte, einem wunderschönen elastischen Armband in Gestalt eines goldenen Fisches, der sich in den Schwanz beißt und dessen Augen von zwei köstlichen Diamanten gebildet wurden. Eugenie brachte mir ebenfalls mein Ebenbild, wie sie behauptete, nämlich ein »Gänseblümchen«. Es war dies eine kostbare Broche, allerdings in Gestalt einer großen Gänseblume, deren Blumenkrone jedoch von lauter kleinen Brillanten gebildet wurde, welche auf goldenen Blättern ruhte.

Diesem ebenso geschmackvollen als kostbaren Geschenk fügte der kleine Schelm noch eine zierliche Handarbeit hinzu und zwar -- ein Paar eben solch hellblauseidener Pantöffelchen, als sie selbst einst bei ihrer Ankunft in Tante's Hause an die Füße gezogen, und welche mir so vielerlei Stoff zur Verwunderung und Aerger gegeben hatten. Außer diesen und zahllosen anderen Geschenken, mit denen wir von allen Seiten erfreut wurden, erwähne ich nur noch eines geschmackvollen Kissens, auf welches meine sanfte Marie einen Strauß blauer Vergißmeinnicht gestickt hatte, und das als Unterlage diente zu dem blühenden Myrthenkranze, den sie mir überreichte.

Wie schön die Stunden waren, an denen dieses grüne Reis am folgenden Tage meine Stirn schmückte, das zu beschreiben bin ich nicht im Stande. Mein Herz war so voll Dank und Rührung über all' das namenlose Glück, das Gott mir bereitet, über all die Liebe, die mein Leben verschönte, daß ich für die Außendinge und die äußeren Festlichkeiten dieses Tages wenig Sinn und Gedanken übrig hatte. Es war, das könnt ihr glauben, eine rechte, echte, große Landhochzeit, und was das heißen will, welche Verschwendung an Blumenkränzen und Lichtern in Haus und Kirche, welche zahllosen beputzten Dorfbewohner, welch' Glockengeläut und welcher Jubel, welche Fülle von Kuchen und Getränken und Festessen, und endlich welch' fröhlicher Tanz unter unseren Linden von Alt und Jung aus dem ganzen Dorfe; -- daß dies alles zu einer echten Landhochzeit gehört, das weiß nur derjenige ganz zu würdigen, der es einmal selbst mit erlebt hat.

Die frohe Kunde, daß unserem Hochzeitsfeste bald ein zweites folgen werde, und zwar vom Pastor Baumhard und meiner besten Marie, erregte endlosen Jubel; denn Bräutigam sowohl als Braut wurden von Allen, die sie kannten, so allgemein verehrt und geliebt, wie wenig Menschen. Dieser schöne Bund verherrlichte unser Fest noch um vieles, und nur schöne, harmonische Klänge waren es, die in den Herzen aller derer nachtönten, welche demselben beigewohnt.

Unter den Segenswünschen all' meiner Lieben schied ich, das Herz voll von Wehmuth und Freude, noch an demselben Tage an der Seite meines Gatten von dem geliebten Vaterhause, um einer anderen Heimath entgegen zu gehen. In Braunschweig, wo Eugeniens Vater Minister geworden, hatte Theodor die Stelle eines Regierungsrathes erhalten, und hier nun, in der Nähe meiner verehrten Tante Ulrike, welche jetzt im Hause des Schwagers lebte, erblühte mir das schönste Lebensglück, das einer Frau werden kann.

Und so nehme ich denn von euch Abschied, meine lieben Freundinnen, die ihr mir freundlich folgtet durch die ernsten und frohen Tage meiner Jugend. Möchte doch einer jeden von euch ein Glück werden, wie der gütige Gott es mir schenkte; möchtet auch ihr einst froh und dankbar wie ich zurückblicken können auf jene Zeit eurer Jugend, als auch ihr noch zu den Backfischchen zähltet.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben (jedoch nicht "Dr." und römische Zahlen).

Eine ganzseitige Illustration am Buchanfang wurde hinter die Titelseite verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwiderte" -- "erwiederte", "Goethe" -- "Göthe", "Schnurbart" -- "Schnurrbart", "sechszehn" -- "sechzehn",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 18: "." geändert in "," (»Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mädchen?«)

Seite 25: "Wenig" geändert in "wenig" (ich dich noch ein wenig zurecht stutzen werde)

Seite 57: "durchzubrechen" geändert in "durchbrechen" (schien den Damm seiner Schüchternheit zu durchbrechen)

Seite 58: "ein" geändert in "eine" (indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte)

Seite 67: "uud" geändert in "und" (und sah ihr forschend in die Augen)

Seite 86: "." eingefügt (es war mir noch nie eingefallen.«)

Seite 88: "«" eingefügt (vierzehn Jahre und sieben Wochen?«)

Seite 107: "verspach" geändert in "versprach" (Das ergötzte sie sehr und sie versprach es.)

Seite 108: "," geändert in "." (kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal besser daran)

Seite 134: "überstig" geändert in "überstieg" (Das überstieg denn doch endlich die Langmuth)

Seite 140: "das" geändert in "daß" (Nun erst sah ich, daß ein rothes Tuch)

Seite 145: "nnd" geändert in "und" (Eugenie war jetzt Feuer und Flamme)

Seite 149: "«" eingefügt (»Eine Vorstellung zu wohlthätigem Zwecke«,)

Seite 163: "ägerlich" geändert in "ärgerlich" (nie wurde er verstimmt oder ärgerlich)

Seite 163: "Krig" geändert in "Krieg" (was Gefühlsäußerungen ähnlich sah, den Krieg erklärt hatte)

Seite 196: "wir" geändert in "mir" (besonders das schöne Elsterthal gefiel mir ausnehmend)

Seite 203: "dich" geändert in "dicht" (Seite an Seite, dicht an einander gereiht)

Seite 205: "malerischen" geändert in "malerisch" (so verweile ich doch nur in jenen malerisch gelegenen Flecken)

Seite 206: "welch" geändert in "welche" (welche hiervon Vortheil ziehen)

Seite 208: "war" geändert in "was" (ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug)

Seite 218: "zu" geändert in "zur" (kam aber nur eben zur rechten Zeit)]