Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 17

Chapter 173,755 wordsPublic domain

Jetzt reihte sich Haus an Haus, überrall war ich bekannt, überall blickten gute Freunde zu den kleinen Fenstern heraus, saßen alte Bekannte auf der Bank vor der Hausthür. Hier die alte Armgard, bei der wir so oft Honig gegessen, dort Bauer Niklas, der zur Obstzeit im Garten half, da der gutherzige kleine Schuster, der uns Kindern die Schuhe flickte; dann wieder junge Mädchen, mit denen ich eingesegnet worden, Kinder, die mit meinen Geschwistern gespielt, o es war gar kein Aufhören mit Grüßen, Anrufen und Händeschütteln; ich wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen, doch das litt Papa nicht. Und nun kamen wir an unser Gehöft, unser liebes prächtiges Wohnhaus mit den grünen Fensterladen und dem hohen Giebel, auf dem das Storchnest saß, in dem wirklich die Störche wieder Junge hatten, gerade wie sonst, als ich zu Hause war. Die alten Linden beschatteten wieder den Platz vor dem Hause, und da, richtig da kamen die kleinen Brüder in ihrer Eselequipage, Lieschen mitten drin sitzend wie eine Dame.

»Halt still, Kutscher, ich muß hinaus, ich kann es nicht länger im Wagen aushalten!«

Fast erdrückt haben mich die Jungen, als sie sahen, ich war es, die ihnen entgegen kam. Und nun ging's im Jubel nach dem Hause! Meine Mama wollte ich gar nicht wieder los lassen; ich lachte und weinte durch einander, und dann fiel ich immer wieder Allen der Reihe nach um den Hals. Und dann kamen die Dienstleute im Hause heran, deren Augen glänzten in alter Anhänglichkeit, und nun ging es von einer Stube zur andern, von einem Winkel in den andern; alles mußte ich wiedersehen, mußte allem zeigen, daß ich noch lebte und nun wieder zu Haus sei! In Hof und Garten, in Ställen und Remisen, überall schleppten mich die Jungen umher; ich mußte alles ansehen, überall hatten sie mir etwas Neues zu zeigen, bald hier junge Tauben und Hühner, bald dort das kleine Kalb der schwarzen Bleß, oder die neue Schaukel im Schuppen und das hübsche Taubenhaus im Hühnerhofe. Und wie waren die Kinder alle gewachsen! Hannchen zählte drei Jahre weniger als ich und war der kleinen Mama fast schon über den Kopf gewachsen! Eduard, der ein Jahr jünger war als ich, verlebte gerade seine Ferien zu Hause. Er sah etwas blaß aus, der gute Junge, es war gewiß vom Wachsen, denn er überragte mich ein gutes Theil, und ich war auch nicht gerade ein Liliput. Und Anton, der stramme Bursche, und die Kleinen, Max und Ulrich und Lieschen, wie frisch und prächtig sahen sie Alle aus; ich mußte sie immer wieder küssen trotz ihrer nicht sehr saubern Gesichtchen, die mit allerlei Dorfstraßenresten verziert waren.

»Was du für ein stattlich Mädchen geworden bist, Gretchen!« sagte die Mutter, mich mit frohen Blicken musternd. »Die Stadtluft scheint dir gut zu bekommen.«

»Sie sieht wie eine Dame aus, höllisch fein!« bemerkte der Gymnasiast und zupfte an den sehr zweifelhaften Bartsprossen auf seiner Oberlippe.

»Hast du mir was mitebracht, Gretsen?« sagte die kleine Liese, und zog an den Schnüren meiner Reisetasche.

»Ja auspacken, Gretchen, auspacken!« riefen auch die anderen Kinder, und nun ging's an ein Wühlen und Kramen in meinen Sachen, daß ich die kleinen Quälgeister ernstlich abwehren mußte. Am besten geschah dies, indem ich ihnen die Geschenke an Näschereien gab, die ich ihnen »mitebracht«, wie Lieschen sagte. Dann machte ich mich selbst über das Auspacken meiner Sachen, und mit innigem Behagen räumte und kramte ich in dem niedlichen Stübchen, das Mama mir jetzt als Eigenthum anwies. Ein eben solch zierliches Himmelbett, wie ich bei Tante Ulrike besessen, schmückte auch hier mein Zimmer; die gute liebe Mama hatte mich damit gar freudig überrascht, und über meiner Kommode hing, von einem grünen Kranze umschlungen, Tante Ulrike's Bild! O das war doch gar zu schön und zart! Mit Thränen des Dankes und der Liebe küßte ich die beste der Mütter, und unter dem Bilde der Tante fanden augenblicklich meine beiden lieben Freundinnen Marie und Eugenie ihren Platz. Nun hatte ich sie alle beisammen, und jeden Abend und jeden Morgen nickte ich ihnen zu und schickte den Lieben in der Ferne die innigsten Grüße.

Neben meiner Stube schlief Hannchen, deren besondere Erziehung und Aufsicht meine gute Mutter mir nun anvertraute. »Ich denke, du wirst eine gelehrige Schülerin in dem Kinde haben,« sagte Mama dabei. »Es ist das beste Mittel für dich, deine eigene Erziehung nicht wieder zu vernachlässigen, wenn du der Schwester als gutes Vorbild dienen willst. Nun kannst du zeigen, ob du bei der Tante etwas lerntest.«

Ich freute mich unbeschreiblich über das Vertrauen, das Mama in mich setzte, indem sie mir Hannchens Erziehung übergab. Schon während meines Aufenthaltes bei Tante Ulrike war dieser Wunsch oft in mir rege geworden; denn meine sanfte Schwester, welche viel zierlicher und anmuthiger war, als ich selbst je im Leben gewesen, wuchs gleich mir in ländlichen Sitten und Manieren empor, wie wir sie zu Haus eben nicht anders kannten. Was Tante Ulrike nun an mir Gutes und Liebes gethan, das sollte jetzt meinem hübschen Schwesterchen zu Gute kommen, das war mein innigster Herzenswunsch, und die Liebe und Fügsamkeit, mit welcher das sanfte Kind mir entgegentrat, erneuerte mein Verlangen. Außerdem hoffte ich jetzt, meiner zarten Mama die Sorgen des Hauswesens durch treue Hülfe zu erleichtern und die kleinen Geschwister, besonders Lieschen, unter meine besondere Aufsicht zu nehmen. Papa hatte seit Kurzem einen Hauslehrer engagirt, welcher die Knaben in Zucht hielt und unterrichtete, und bei ihm nahm auch Hannchen ihre Stunden. Nun sollte auch ich noch seine Schülerin werden, da er sich erbot, mir in Sprachen und Musik einige Nachhülfe zu ertheilen. Natürlich nahm ich dies mit Dank an, und so lag denn ein stilles, schönes, glückliches Leben vor mir, voll Thätigkeit und Freude im Kreise meiner Lieben, und die Erinnerung an die vergangenen Tage in Berlin schmückte dieses Stillleben mit freundlichem Glanze. Ein eifriger Briefwechsel verband mich außerdem mit den fernen Freunden; denn sowohl die Tante als Marie schrieben mir lange, ausführliche Briefe, welche mich von allem unterrichteten, was sich in ihrem Kreise zutrug. Eugenie schrieb seltener, denn Briefschreiben war nicht ihre Sache, das wußte ich wohl; um so dankbarer nahm ich deshalb aber ihre heiteren, neckischen Briefchen auf, welche, wie die anderen Lebenszeichen meiner Lieben, immer großen Jubel erregten. Mit welcher Ungeduld erwartete ich stets den Boten, der drei Mal wöchentlich unsere Postmappe mit Zeitungen und Briefen aus der nächsten Stadt brachte! Stundenweit lief ich ihm oft entgegen, wenn ich auf Nachricht von Tante Ulrike oder Marie hoffte, und die Erfüllung dieser Erwartungen war der größte Festtag für mich.

Eines Tages aber kam eine sehr traurige Nachricht, welche mich tief bewegte. Tante Ulrike hatte mir schon einige Male mitgetheilt, daß Eugeniens Mutter sehr leidend zu sein scheine. Ihren versprochenen Besuch auf Schloß Senftenburg hatte sie aufgeben müssen, und Eugenie war deshalb mit dem Baron zu ihr gereist, um ihr den geliebten Gatten vorzustellen. Sie hatte die lebenslustige Frau sehr verändert gefunden, zwar immer noch voll Interesse für alle Eitelkeiten des Lebens, aber doch viel theilnahmloser und matter als früher, und von einer Weichheit des Gemüthes und einer Sehnsucht nach theilnehmender Umgebung, daß Eugenie in ihrer Herzensgüte sich kaum von ihr trennen konnte. In Folge ihrer Mittheilung kehrte Herr von Jagow augenblicklich zu seiner Gattin zurück, kam aber nur eben zur rechten Zeit, um der schwer Erkrankten ihre letzten Lebenstage zu verschönen. Ein schleichendes Fieber, das jetzt mit aller Macht ausgebrochen, setzte ihrem Leben ein Ziel; aber was die gesunde, lebensfrische Frau nie erkannt hatte, das empfand jetzt die Sterbende voll bitterster Reue. Ihr letztes Wort an ihren Gatten war eine Bitte um Vergebung des Leides, das sie ihm angethan, ihr letzter Blick ein Dank für seine treue, unverdiente Liebe.

So hatte denn der Tod dieses Leben geendet, das so wenig im Stande gewesen, Glück und Segen um sich zu verbreiten! Eugenie betrauerte die Mutter aufrichtig, denn ihr gutes Herz hing an derselben trotz aller Fehler und Schwächen, welche sie besessen. Sie wußte ihren tief gebeugten Vater zu bestimmen, die erste Trauerzeit in ihrem Hause zu verleben, und die Liebe seiner Kinder war der schönste Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen, welche diesen edlen Mann so schwer getroffen. Ueber seine fernere Zukunft war er für den Augenblick noch unentschlossen; doch durch einen Brief Eugeniens erfuhr ich, daß ihres Vaters innigster Wunsch dahin gehe, Tante Ulrike zu bestimmen, mit ihm zusammen zu ziehen, wodurch sein einsames Leben wieder Reiz erhalten, und das so lange entbehrte Glück einer stillen Häuslichkeit ihm sein Alter versüßen würde. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Tante Ulrike, welche von jeher mit besonderer Liebe an dem einzigen Bruder ihres Gatten gehangen, den Wunsch desselben erfüllen werde; auch ihr Leben erhielt dadurch neue Bedeutung, ihre Thätigkeit einen so passenden Wirkungskreis. Freilich mußte sie alsdann Berlin verlassen, wo sie so lange Jahre gelebt, denn Herr von Jagow kehrte jetzt wieder in seine Stellung nach Braunschweig zurück; aber diese edle, allgemein verehrte Frau verstand ohne Zweifel, sich überall eine schöne Heimath zu schaffen; an ihr mußten sich die Worte Schillers bewähren, welche er in der Huldigung der Künste seinem Genius auf die Lippen gelegt, als die junge Erbprinzessin von Weimar aus ihrer russischen Heimath in deutsche Erde verpflanzt wurde, gleich jenem fremden, blühenden Baum, den die Landleute pflanzten:

Ein schönes Herz hat bald sich heim gefunden, Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt. Und, wie der Baum sich in die Erde schlingt Mit seiner Wurzeln Kraft, und fest sich kettet, So rankt das Edle sich, das Treffliche, Mit seinen Thaten an das Leben an. Schnell knüpfen sich der Liebe zarte Bande, Wo man beglückt, ist man im Vaterlande.

Und sie beglückte immer und überall, die beste der Frauen; ihr ganzes Leben war eine Kette steter Opfer und Liebesbeweise, welche sie ihren Mitmenschen darbrachte, wie sollte sie da nicht auch jetzt Segen in das Haus bringen, das sie zur Heimath erwählte! Eugenie war glücklich in diesen Plänen und Hoffnungen und ich mit ihr, denn wie sehr all' meine Interessen mit denen meiner Lieben in Berlin verknüpft waren, das sah ich erst ganz, nachdem ich von ihnen geschieden.

22.

Nachtrag.

Ein ganzes Jahr war vergangen seit dem Tage meiner Heimkehr in das Vaterhaus, da schaute die Sonne eines Morgens mit ganz besonderem Glanze in das Fenster meines Stübchens im Giebel. Es war noch sehr früh, der kühle Herbstmorgen braute weißlich graue Nebel über den Wiesen; auf dem bunten Laube der Bäume, das die Wege im Garten schon reichlich deckte, blitzte der feuchte Thau, und einzelne Blätter trug der Wind bis zu meinem Fenster empor, aus dem ich still sinnend meine Blicke in die Ferne hinaus schweifen ließ. Auf dem Dorfe lag noch Ruhe und Schlaf, nur über mir im Storchnest wurde es lebendig; die Alten klapperten ihrer kleinen Gesellschaft den Morgengruß zu, und bald begannen sie die Jungen im Fliegen zu unterrichten, denn die Zeit ihrer Abreise war nahe, und wehe dem Storche, der dann den langen Flug über das weite Weltmeer nicht aushalten kann: unbarmherzig wird er von seinen Gefährten getödtet, da er ihnen auf der Reise nur hinderlich ist. Weit über die Häuser des Dorfes schwebten sie hinweg und ihr weißes Gefieder glänzte im Sonnenschein. Jetzt tönte auch das Morgenlied der Lerche an mein Ohr; hoch in den blauen Aether schwirrte sie hinauf, und aus den gelben Stoppelfeldern, aus denen sie aufstieg, flatterte zu gleicher Zeit ein Volk Rebhühner kreischend empor.

Ruhe und Frieden, welche über der ganzen schönen Gotteswelt lagen, erfüllten auch meine Seele, und mit dankbar frohem Herzen blickte ich auf zu dem Vater dort oben und bat um Seinen ferneren Schutz und Segen, dessen ich in der vor mir liegenden Zeit doppelt bedurfte. Da legten sich zwei Arme um meinen Hals und zwei hellblaue sanfte Augen blickten mir liebevoll in das Gesicht.

»Guten Morgen, meine Grete! Gott segne dich!« sagte eine sanfte Stimme, und weiche Lippen drückten sich auf die meinen.

»Wie, du schon wach, Marie?« rief ich erstaunt, und blickte der Freundin in das rosig frische Gesicht; denn sie war es, die mich begrüßte, meine liebe theure Marie.

»Ich hatte auch keine Ruhe mehr in den Federn!« entgegnete sie heiter. »Die Freude raubt den Schlaf gerade wie der Schmerz. Uebrigens ist es auch gut, daß ich zeitig aufstehe, wir haben heute noch gar viel zu besorgen. Ich werde mir Hannchen wecken und mit ihr den Garten plündern. Viel Blumen giebt es freilich nicht mehr, aber etwas wird der Herbst uns schon noch liefern. Im Nothfall nehmen wir buntes Laub statt der Blumen, für Guirlanden ist alles zu gebrauchen.«

Bald sah ich die beiden hübschen Blondinen, Marie und Schwester Hannchen, in ihren hellen Morgenkleidern durch den Garten schlüpfen, und wie Bienen von Blume zu Blume schwebend zwischen den Bäumen verschwinden. Ueberall wurde es nun lebendig. Von allen Seiten ertönte der gleichmäßige Schlag der Drescher rings im Dorfe, Hunde bellten, kleine Kinder trippelten halb angekleidet aus den Thüren, Fenster wurden geöffnet, feiner Rauch wirbelte aus den Schornsteinen empor, Stimmen erklangen nah und fern, und die Frühglocke läutete. Nun duldete es auch mich nicht länger im Zimmer; eben wollte ich den jungen Mädchen in den Garten nacheilen, da öffnete sich unter mir ein Fenster, und eine fröhliche Kinderstimme krähte in die Morgenluft hinein. Wie ein Pfeil schoß ich die Treppe hinab, dem Stimmchen nach. An dem offenen Fenster stand eine schöne stattliche Amme in fremdartiger Tracht, und aus ihrem Arme tanzte ein prachtvoller dicker Knabe von nur wenig Monaten, und streckte mir krähend seine runden Arme aus den fein gestickten weißen Hemdchen entgegen. Ich kletterte außen an dem Fenster hinauf, küßte den Engelsjungen und ließ meine Blicke durch das Fenster schweifen. Im Hintergrunde desselben lag eine bildschöne junge Frau im Bette und nickte mir freundlich zu. »Guten Morgen, Eugenie, du kleiner Faulpelz!« rief ich grüßend. »Dein Sohn artet nicht nach dir, der ist schon frühzeitig munter!«

»Das weiß der liebe Himmel!« sagte die junge Frau, sich dehnend. »Der kleine Quälgeist wacht mit der Sonne auf wie ein echter Bauerjunge.«

»Das macht, weil er bei deinem Gänseblümchen, der Bauerdirne, in Kost und Wohnung ist,« lachte ich neckend. »Schöne Anlagen das zu einem jungen Baron!«

»Ein abscheulicher Bengel, ein wahrer Backfisch in Jungengestalt!« rief Eugenie. »Und auf den ist der Herr Papa so stolz, wie ich mein Lebtag noch keinen Menschen gesehen habe. Mich wundert nur, daß er sich für acht Tage von ihm trennen konnte. Ob ich fortging, das hatte gar keine Bedeutung, da hieß es: »Du bist es Gretchen schuldig, hast es ihr längst schon versprochen; ich werde auch kommen, sobald die nöthigsten Arbeiten besorgt sind, es soll ja nur eine kurze Trennung sein u. s. w.« Aber der Junge, daß er den ein paar Tage entbehren sollte, war das ein Unglück! O es ist zum Davonlaufen mit solchem Bären von einem Manne!«

»Nun du bist ihm ja auch davon gelaufen,« rief ich voll Ergötzen und schwang mich auf das Fensterbret, um mit dem Kleinen zu tändeln. Eugenie war indessen aufgestanden und trat nun zu uns, und die stolze Mutterliebe, mit dem sie ihren Knaben auf den Arm nahm, konnte unmöglich von der Zärtlichkeit des Papa's übertroffen werden, so sehr die junge Frau auch über dessen Vaterstolz schalt. Es war ein reizendes Bild, die schöne Mutter mit dem blühenden Knaben im Arm, Beide in feine weiße Morgenkleider gehüllt; neben ihnen die stattliche Amme in ihrer fremden Tracht, und zur Seite die grünen Zweige eines Akazienbaumes, durch welche einzelne Sonnenstrahlen hindurch fielen.

Aber lange blieben wir nicht allein. Bald ging die Hausthür auf, und meine jüngeren Geschwister, »die Rotte Korah«, wie Eugenie sie nannte, stürmten heraus. Ich sprang von meinem Fenstersitz herab, und das war gut, sonst hätten mich die kleinen Feuergeister herunter gerissen, so fuhren sie alle auf mich los.

»Frischen Kuchen, Gretel! Frischen Kuchen, komm geschwind!« riefen sie durcheinander.

»Sechs große Napfkuchen, zehn Zuckerkuchen mit Rosinen, drei Streußelkuchen, acht Pflaumenkuchen, und noch viel mehr, komm doch nur, im Backhause kannst du alles sehen!«

»Und der Gärtner schneidet die letzten Weintrauben vom Spalier, und wir sollen die Birnbäume schütteln und die Pflaumenbäume, -- und Kathrine schlachtet die fettsten Truthähne, -- und Herr Candidat Reier macht mit dem Kutscher im Garten das Feuerwerk zurecht, und wir sollen die bunten Ballons an die Bäume hängen!« so rief und jubelte es durch einander, daß man kaum ein Wort deutlich verstehen konnte. Es half nichts, ich mußte mit ihnen kommen und alles mit ansehen, wovon sie erzählten. Bald zogen sie mich unter die Obstbäume im Grasgarten, bald zu den Hühnern und Tauben auf dem Hofe; hier mußte ich die süßen Trauben kosten, die der Gärtner mir reichte, dort wieder den köstlichen Duft des frischen Kuchens einathmen, der in großer Menge aufgehäuft lag. Ueberall war Leben und Geschäftigkeit, und überall schwirrten die lebhaften Kinder umher, die natürlich Jedermann im Wege waren und von Einem zum Andern liefen, um zu fragen, ob sie etwas helfen könnten.

»Kommt, wir wollen mit Marie und Hannchen Kränze winden!« rief ich endlich, um Mama von der lästigen kleinen Bande zu befreien. Im Jubel zogen wir denn Alle nach der Weinlaube im Blumengarten, wo wir die beiden jungen Mädchen mitten unter bunten Guirlanden und Blumen geschäftig fanden. Sobald sie mich erblickten, kamen sie freudig auf mich zu, und Marie setzte mir einen wunderschönen Kranz von kleinen rothen Astern auf den Kopf, so sehr ich mich auch dagegen sträubte. »Rosen giebt's nicht mehr genug, so müssen wir Hülfstruppen suchen, um dich zu krönen,« sagte sie, indem sie mich küßte. »Du bist heute die Königin des Festes und mußt eine Krone tragen, damit alle Welt dich kennt und dir huldigt.«

»Morgen ist ja erst der Hauptfesttag, heute darf ich doch noch keinen Kranz tragen!« rief ich freudig erröthend.

»Nein, nein, morgen thun es keine solch gewöhnlichen Blumen, da muß das uns Jungfrauen geheiligte grüne Reis dieses schwarze Haar zieren,« sagte Marie pathetisch und umarmte mich von Neuem. »O meine Grete,« fuhr sie weich und zärtlich fort, »wie freue ich mich, daß ich diesen Tag mit dir erleben kann!«

Mir schossen die Thränen in die Augen, und ich hielt die Freundin meines Herzens umschlungen.

»Guten Morgen, meine Damen!« ertönte jetzt eine klangvolle Männerstimme neben uns, und aufsehend erblickten wir unseren lieben Freund und Nachbar, den jungen Pfarrer Baumhard, an unserer Seite. Herzlich erfreut reichte ich ihm die Hand zum Gruß, und plaudernd gingen wir drei eine Weile im Garten umher. Doch bald wurde ich abgerufen und ließ Marie bei unserem Gast allein zurück, meine Wiederkehr erwartend. Ich wurde länger aufgehalten, als ich gedacht und meinte den Pfarrer nicht mehr zu treffen; aber als ich einen der dunkeln Lindengänge hinauf schritt, fand ich die Beiden neben einander auf einer Bank sitzend, Mariens liebes Gesicht von dunkler Gluth überzogen, und den Pfarrer mit freudig strahlenden Augen. Ein einziges Wort unseres Freundes sagte mir alles. Lange schon hatte ich die keimende Liebe dieser Beiden bemerkt; heute am Vorabende meines eigenen Hochzeittages hatte Marie sich dem braven Manne verlobt.

»Aber bitte, Fräulein Gretchen, schweigen Sie noch bis morgen,« bat der Prediger. »Ich hätte selbst meine Erklärung gegen meine geliebte Marie verzögern sollen, bis der morgende Tag vorüber war; aber ich konnte es nicht länger ertragen, über mein Geschick in Ungewißheit zu sein, morgen besonders, wo ich den Liebesbund von Marie's treuester Freundin einsegnen soll. Aber da ich nun Gewißheit habe, daß auch ich glücklich werden soll, ist alles klar und gut in mir, und ich habe Ruhe und Sammlung im Gemüth. Morgen, nachdem ich Sie eingesegnet, theure Freundin, mag die Welt auch von unserem Bunde erfahren!«

Der stille, innigste Wunsch meines Herzens war erfüllt, Marie sollte die Gattin des Mannes werden, den wir Alle so unbeschreiblich verehrten, seit er vor zwei Jahren unser Pfarrer geworden. Marie liebte ihn vom ersten Tage an, das wußte ich, und jede Stunde ihres Aufenthaltes bei uns gab ihrer Liebe neue Nahrung, denn Pastor Baumhard war unser täglicher Gast, unser vertrautester Hausfreund. Aber Woche um Woche verging, Marie war schon fast zwei Monate bei uns, und immer noch erfolgte keine Verlobung, obwohl der Pfarrer Marien entschieden auszeichnete. Doch Marie war das blödeste, schüchternste Mädchen ihm gegenüber, ich begriff sie nicht, und so war es auch ihrem Verehrer gegangen, bis dieser endlich gewaltsam die Pforte ihres Herzens erbrach, die ihm Einsicht gab in das Paradies seiner Zukunft. Nun war alles gut, nun konnte auch ich den kommenden Festtag ruhig erwarten.

Ja, meine lieben Freundinnen, es war wirklich mein Hochzeittag, zu dem diese Vorbereitungen alle getroffen wurden. Schon fast ein Jahr lang war das einstige Backfischchen eine glückliche Braut, und stand nun am Ziele aller Wünsche und Hoffnungen. Und wer war der Bräutigam? Solltet ihr das nicht längst errathen haben? Ihr dachtet vielleicht sogar früher als ich selbst daran, während ihr die vorhergehenden Blätter gelesen. Ach mein junges Herz barg freilich wohl lange schon Gefühle in sich, welche diesem Ziele zustrebten, aber ich war über dieselben so völlig im Unklaren, daß ich durchaus gar nicht wußte, was mir nur fehle, seit ich wieder in das Elternhaus zurückgekehrt war. Diese unaussprechliche Sehnsucht nach allem, was mit Berlin in Zusammenhang stand, dieses krankhafte Verlangen nach Nachricht von dorther, dieses ewige Unbehagen bei allem, was ich dachte und arbeitete, quälte mich unbeschreiblich. War ich nicht grenzenlos undankbar für all' das Gute und Schöne, das mich jetzt im Vaterhause wieder umgab, und das mich so wenig befriedigen konnte? Ich machte mir unaufhörlich die bittersten Vorwürfe darüber, vergrub mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit in alle möglichen Arbeiten, um meine Gedanken zu zwingen, trieb mit Hannchen Französisch und Englisch, musicirte mit Herrn Reier, half Mama in Küche und Wirthschaft, spielte mit den kleinen Geschwistern selbst wie ein Kind, -- es war alles umsonst! Immer wieder ertappte ich mich beim trüben, unklaren Dahinbrüten, und alle Lust und Freudigkeit schien mir entfliehen zu wollen.

So waren die ersten beiden Monate verstrichen, seit ich wieder in die Heimath zurückkehrte. Da kam eines Tages ein Brief an mich -- ein Brief von einem Freunde aus Berlin -- und wenige Tage darauf der Schreiber selbst. O nun wurde mit einem Male alles anders! Wie Schuppen fiel es von meinen Augen; jetzt wußte ich, was mir gefehlt, was meine leidenschaftliche Sehnsucht bedeutete. Wie helles Morgenroth leuchtete es empor an dem trüben Himmel, der mich umgeben, die Sonne des Glückes und ungeahnter Freude ging meinem jungen Leben auf! Ich war Braut, Braut des Mannes, der mir der Herrlichste schien von allen Männern, die ich je gesehen, der mir nun sagte, daß er mich liebe, seit jenem Augenblicke liebe, wo ich ihm so unbefangen kindlich entgegen getreten, und der seitdem keinen anderen Wunsch mehr gehabt, als mich zu erwerben. O welch' namenloses Glück kann doch ein kleines Menschenherz umfassen! Welch' namenloses Glück barg jetzt mein liebes trautes Vaterhaus!