Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 16
Bitterlich weinend drückte ich mich in die Wagenecke; die gute Tante sagte mir kein Wort des Vorwurfs, aber Scham und Aerger über meinen Leichtsinn verbitterten mir den Genuß der ganzen Reise. »Du mußt künftig die Billets sogleich in den Geldbeutel stecken, das ist der beste Platz,« sagte die Tante später. »So wie dir heute ist es schon manch Anderem auch ergangen. Dir wird es nun so leicht nicht wieder geschehen!« »Ja, nachdem du arme Tante meine Thorheiten mit schwerem Gelde bezahlen mußtest!« seufzte ich, ihr die Hand küssend. »Nun beruhige dich, Kind,« entgegnete sie liebevoll. »Wenn man alle Thorheiten so leicht wieder gut machen könnte, so wäre es ein Glück. Genieße jetzt die schöne Gegend und laß das Grübeln und Aergern, ich vergebe dir alles von Herzen!«
Und wahrlich, bald gab es so viel Schönes und Interessantes zu sehen, daß es mit freiem, frohem Herzen genossen sein wollte, und so war ich der Tante innig dankbar für ihre Güte und Nachsicht. Wie entzückte mich das prächtige, alterthümliche Nürnberg, wohin wir nun kamen; wie konnte ich mich nicht satt sehen an dieser merkwürdigen Stadt, voll von Schönheiten aus dem Mittelalter. Jedes Haus hat dort seine besondere Physiognomie, jedes Thürmchen, jeder Giebel, jede Dachrinne sogar den eigenthümlichsten Schmuck; Malereien, Schnitzwerk, Thierköpfe und alle dergleichen Schnörkel sieht man, wohin das Auge sich wendet, und das alles giebt den Straßen ein lustiges, buntes und doch wieder so ehrwürdiges Ansehen. Natürlich betrachteten wir alle Sehenswürdigkeiten der Stadt auf das Beste; da all diese Dinge aber viel genauer und besser in Bädekers rothem Reisehandbuch zu finden sind, so erspare ich euch und mir die Beschreibung.
Vor allem entzückte mich die Sebalduskirche mit dem herrlichen Sebaldusgrabe. Was muß dieser Meister Peter Vischer für ein Mann gewesen sein, so bürgerlich schlicht und doch so groß in seinen Werken. Die prachtvolle Lorenzerkirche hob meine Seele mächtig zu Dem empor, zu Dessen Dienste sie gebaut worden, und die wunderschöne Fensterrose über dem gothischen Eingangsportale begeisterte mich sogar zu einem kleinen poetischen Versuche, den ich ehrlich mittheilen will, da ich hier doch nun einmal all meine Schwächen und Thorheiten zum Besten gebe. Ich hoffe, meine lieben jungen Freundinnen werden ein gnädig Gericht ergehen lassen; welche von ihnen hätte nicht auch einmal ein Verschen versucht. Das meine also heißt:
Die Rose.
Zu Nürnberg, dem alten, Im lieben Bayerland, Da blüht eine köstliche Rose, Gar weit und breit bekannt.
Sie blühet seit grauen Zeiten Schon manch Jahrhundert dort, Und immer noch duftet und strahlet Die Krone der Blumen fort.
Noch hat aus dem blühenden Schooße Die Zeit kein Blättchen geraubt, Von Wetter und Sturm unberühret Erhebt sie zum Himmel das Haupt.
Sie blüht an geheiligter Stätte In wunderlieblichem Glanz, Und schlanke Säulen und Bogen Umziehn sie in herrlichem Kranz.
Aus ihrem schimmernden Kelche Umwehet uns heiliger Duft, Wie holde, liebliche Klänge Durchzittert es leise die Luft.
Und auf ihren glänzenden Schwingen Trägt sie die Sonne empor; Sie strahlet im Dienste des Höchsten, Wie Engel im himmlischen Chor.
Und willst du die Rose kennen? Zu Sanct Lorenzen dort Da blüht sie im hohen Portale Als Fenster-Rose fort!
Soll ich nun auch noch das andere zum Besten geben, wozu das allerliebste Gänsemännchen mich angeregt? Schön ist's nicht, aber es sei darum! Also:
Auf dem Markt zu Nürrenberg Steht ein Bauersmann, Lieben Leute, kommt herbei, Seht den Mann euch an.
Gänse hat er unterm Arm, Bringt sie wohl zu Kauf? Nimmt sie ihm denn Niemand ab? Macht den Beutel auf!
Aber wie? sie scheinen euch Nicht recht fett zu sein, Auch der Preis ist viel zu hoch. Und die Gans zu klein!
Ei das fährt dem Bäuerlein Garstig in den Sinn, Auf den Nürrenberger Markt Tritt er trotzig hin.
Und dem, der zu nah ihm kommt Diesem kleinen Wicht, Speien seine Gänse gleich Wasser ins Gesicht.
Und so steht er heute noch, Allen wohl bekannt Auf dem Nürrenberger Markt, Gänsemann genannt.
Unerwähnt kann ich außerdem aber Eines nicht lassen, das ist der Johanneskirchhof bei Nürnberg, die eigenthümlichste Grabstätte, die man sehen kann. Edle Männer sind hier einst zur Ruhe gegangen, wie Hans Sachs, Albrecht Dürer, Peter Vischer und andere große Bürger des alten Nürnberg. Aber keine Kreuze, Urnen oder glänzende Denkmäler, keine blumenbedeckten Gräber, keine Bäume und Rasenhügel erheben sich an dieser Ruhestätte; sondern Seite an Seite, dicht an einander gereiht, bedecken hier mehr als 3000 große flache Sandsteine die ganze Länge und Breite ihrer Gräber. Sie sind verziert mit den eisernen Wappen und Namenszügen der alten Geschlechter, welche seit Jahrhunderten unter diesen Steinen schlafen gegangen. In die ausgemauerte Gruft unter denselben wird Sarg auf Sarg gestellt, alle Glieder der Familie bei einander, alle bedeckt von demselben Grabsteine, der schon vor Jahrhunderten ihre Vorfahren deckte. Wahrlich, eine Ahnentafel, ernst und gewaltig, von der Hand des Todes selbst auf den Stein eingegraben!
Das schöne Nürnberg verließ ich sehr ungern, aber es lag ja noch Schöneres vor uns, die Herrlichkeit, die keines Menschen Hand geschaffen, die wunderbare Alpenwelt! Den Besuch von München, das auf unserem Wege lag, verschoben wir bis zur Rückreise, denn Herr v. Jagow, welcher jetzt dort lebte, wollte alsdann unser Führer sein.
Nun näherten wir uns mehr und mehr der fernen Alpenkette, und unser Eintritt in diese schöne Welt hätte nicht schöner sein können: die Sonne neigte sich soeben ihrem Untergange zu und tauchte die Berge in dunkelroth schimmernde Gluth, so daß sie dastanden wie Bilder aus dem Feenreiche. Es war so über alle Begriffe erhaben und prachtvoll, daß ich still die Hände faltete, und mir Thräne auf Thräne über die Wangen lief. O Gott, wie groß, wie herrlich ist deine Welt und wie namenlos glücklich Jeder, der wie ich einen so schönen Theil davon kennen lernt! Was sind alle Werke der Menschen gegen deine Schöpfungen, deine Wunder?
Wollte ich ausführlich erzählen, wo wir nun die nächsten Wochen umher schwärmten, so könnte ich allein davon ein ganzes Buch schreiben, ohne ein Ende zu finden, und dennoch würde ich euch keinen Begriff davon geben können, wie schön es überall war, wie unvergeßlich diese so herrlichen, wonnevollen Tage.
Zuerst machten wir einen kurzen Ausflug nach dem Algäu, dem Lande der üppig grünen Wiesen und des prachtvollen Rindviehes, dessen wunderbar schöne Alpenkette mir aber freilich viel lieber war, als all dies. Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf waren dort die bedeutendsten Orte, von wo aus wir einzelne Streifzüge nach den Bergen unternahmen. Von Immenstadt geht die Eisenbahn nach Lindau und dem Bodensee, eine Schweizerreise aber versprach mir die Tante für ein anderes Mal, jetzt zogen wir nach den Bayrischen Alpen und deren erstem Stationspunkte Füßen. Mit besonderer Vorliebe denke ich an dies Fleckchen schöne Gotteswelt zurück; denn dort nahebei liegt die Perle der ganzen Umgegend, das reizende Hohenschwangau, wo wir uns in dem Wirthshäuschen zur Alpenrose gar zu wohl fühlten, treulich gepflegt von der Wirthin, einer munteren Tyrolerin in ihrer malerischen Nationaltracht, die rothe Rose auf dem spitzen Hut und silberne Ketten am Mieder. Dicht vor der Thür, von prachtvollen Linden überschaut, ist das einladenste Plätzchen bereit; vor uns, blitzend im reinsten Blaugrün, der stille Alp-See, auf dem sich weiße Schwäne wiegten, rings umzogen von saftigem Grün und malerischen Felswänden, über welche hinaus in weiterer Ferne einige Häupter der Alpenkette herüber schauen. Zu verdenken war es dem jungen Bayernkönig wahrlich nicht, daß er hier seiner schönen Königin Marie, welche ohnehin die rüstigste Bergsteigerin ist, ein köstliches kleines Schloß erbaut hat, das einen Blick vergönnt weit hinaus über Berge, Seen und Flachland.
Garmisch und Parthenkirchen, am Fuße des prachtvollen Zugspitz gelegen, waren, wie ich schon erwähnte, ferner die Orte, an denen wir längere Zeit verweilten, und obwohl wir dann noch weitere Touren machten, z. B. nach dem schönen Kochel- und Walchensee, so verweile ich doch nur in jenen malerisch gelegenen Flecken noch einige Augenblicke, da mir dort etwas begegnete, was ich nie wieder vergessen werde, so lang ich lebe.
20.
Ein Abenteuer.
Eingeschlossen von den mächtigen Felswänden des Zugspitz liegt dort still und einsam der friedliche Eibsee zwischen grünen Abhängen und schroffen Felsblöcken aus der Tiefe hervor schimmernd. Sein Wasser ist reich an Fischen; aber nur gering sind die Zahl derer, welche hiervon Vortheil ziehen, denn der See gehörte seit Jahrhunderten den Besitzern jener wenigen Hütten, welche sich an dem Ufer angesiedelt haben. Es ist eine wilde, zigeunerhaft aussehende Klasse von Menschen, diese Fischer des Eibsees; schwarze Augen blitzen uns aus den dunklen schmutzigen Gesichtern entgegen, und wer mit ihnen verkehrt, der sei vorsichtig, sonst wird er betrogen und überlistet, sei es auch nur um einige Kreuzer.
Doch die eigenthümliche Schönheit des Sees lockte die Fremden von allen Seiten herbei, wie unbehaglich auch die Menschen sind, die seine Ufer bewachen. Auch wir besuchten den reizenden Winkel und freuten uns an der großartigen Einsamkeit und Schönheit seiner Lage. Ein starkes, schwarzäugiges Weib mit finsterem Gesicht fuhr uns auf dem Wasser umher, und nur die reichliche Spende, womit die Tante unsere Spazierfahrt bezahlte, konnte ihren grimmigen Zügen ein Lächeln abgewinnen. Der Abend war noch ziemlich fern, als wir den Rückweg nach dem Dorfe Greinau antraten, wo unser Wagen stand. Der Weg dorthin zog sich durch grüne Wiesen und Abhänge und machte zahllose malerische Biegungen, welche reichen Stoff für meine Zeichenmappe gaben; deshalb bat ich die Tante, mit den beiden anderen Damen unserer Begleitung immer voraus zu gehen, während ich zurück blieb, um einige flüchtige Skizzen der Gegend zu zeichnen. Die Tante zögerte, mich allein zurück zu lassen; doch die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, der Weg war viel betreten, und so that sie mir endlich den Willen, hieß jedoch den kleinen Buben bei mir zu bleiben, der uns den Weg zeigte. Ich vertiefte mich bald völlig in meine Arbeit; die Bäume hingen so unbeschreiblich malerisch über kleine Felsvorsprünge, lichte Durchblicke lockten in die Ferne, dazwischen tauchte hin und wieder ein spitzer Kirchthurm empor oder das zierliche Dach einer Bauerhütte, ich konnte kein Ende finden, ein Punkt war immer noch schöner als der andere.
Endlich sah ich, daß der Himmel sich röthete; die hellen Wände des Zugspitz leuchteten auf, als wären sie von rothem Golde, die Sonne sank, und es war die höchste Zeit für mich, den Rückweg anzutreten, da die Tante mich gewiß ungeduldig erwartete. Ich suchte meine Sachen zusammen und bemerkte nun erst, wie zwei braune Männer, vom Eibsee herkommend, sich mir näherten. Sie trugen große Stöcke in den Händen, ihr Anzug war zerlumpt und zigeunerhaft, und an dem lichten Abendhimmel hoben sich ihre riesigen Gestalten drohend empor. Ich erschrak und blickte mich ängstlich nach ihnen um, denn mit bangem Herzen dachte ich gleich an allerlei schreckliche Dinge, Raubanfälle, Mißhandlung und wer weiß, was alles, dessen man die Bewohner des Eibsees für fähig erklärte. Der Abend war nahe, mit jeder Minute wurde es dunkler, und diese Männer kamen gerade auf mich zu.
Voll Unruhe rief ich nach dem Knaben, der bis vor Kurzem in meiner Nähe gespielt hatte; aber er war verschwunden, wer weiß ob er nicht gar mit den Männern im Einverständniß handelte. Eine namenlose Angst ergriff mich, ich lief auf dem Wege fort, der nach Greinau führte; aber das Dorf war noch fern und die Männer kamen immer näher. Schon hörte ich ihre Stimmen, sie schienen mir etwas zuzurufen und lachten dazwischen. Wieder blickte ich mich angstvoll nach ihnen um und, o Entsetzen, ich sah deutlich, wie der Eine den Knüttel hob und mir damit drohte. Nun wer es kein Zweifel mehr und meine Furcht nur zu begründet, sie hatten es auf mich abgesehen. Laut schreiend stürzte ich davon, Hügel auf und ab, nichts mehr denkend, als Rettung durch die Flucht. Ich fiel über Geröll und über Baumstümpfe, verlor meinen Schirm und mein Zeichenbuch; es war mir alles gleich, nur vorwärts, vorwärts, ehe mich die Entsetzlichen erreichten, die ich immer hinter mir wußte. Jetzt hörte ich ihre Stimmen so nahe neben mir, daß mir die Sinne fast vergingen vor Angst, und ich mich eben niederwerfen wollte, ihr Mitleid anzuflehen und ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug. Aber wie wenig war das, sie würden mich sicher plündern und mißhandeln; Da, im letzten schrecklichen Augenblicke, sah ich eine Gestalt durch die Bäume schimmern. War es einer ihrer Spießgesellen? Heftig rief ich um Hülfe und stürzte vorwärts. Gott sei Dank, es war ein gut gekleideter Herr, ich war gerettet! Mit Todesangst flog ich zu dem Fremden, seinen Schutz anzuflehen, er mochte sein wer er wollte. Aber wer begreift mein Entzücken, als ich meinen Freund Dr. Hausmann vor mir sah! Mit ausgebreiteten Armen stürzte ich ihm entgegen, und ohne recht zu wissen, was ich that, sank ich an seine Brust.
»Retten Sie mich, um Gottes Willen!« rief ich außer mir, dann vergingen mir die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rasen, Dr. Hausmann kniete neben mir. Ich fühlte mich namenlos matt und konnte mich lange nicht besinnen, was geschehen sei. Endlich aber erinnerte ich mich plötzlich an alles, und angstvoll blickte ich um mich.
»Seien Sie außer Sorge, Fräulein Gretchen, es ist nichts mehr zu fürchten,« sprach Dr. Hausmann beruhigend. »Die Männer haben sich einen bösen Scherz mit Ihnen gemacht und Sie scheinbar verfolgt, da sie Ihre Furcht bemerkten. Jetzt sind Sie ganz sicher, denn ich bleibe bei Ihnen.«
Nun erst fiel mir ein, in welcher Weise ich in meiner Angst bei dem Freunde Schutz gesucht hatte. Dunkle Gluth bedeckte mein Gesicht, ich wagte nicht aufzublicken. Dr. Hausmann bemerkte meine Pein und suchte mich davon zu befreien.
»Und Sie wundern sich gar nicht, mich hier zu sehen?« sagte er heiter und setzte sich neben mich in das Gras. »Wußten Sie denn, daß ich Sie aufsuchte?«
»Ich? Nein, wie sollte ich davon wissen?« entgegnete ich, nach Fassung ringend. »Sind Sie denn allein, und wo erfuhren Sie unseren Aufenthalt? Ich wußte nicht, daß Sie auch diese Reise beabsichtigten.«
»Es ist auch ein ganz plötzlicher Entschluß, den ich aber jetzt doppelt segne, da ich Ihnen nützlich sein konnte, Fräulein Gretchen!« sagte Dr. Hausmann und blickte mir so herzlich in die Augen, daß mir wieder alles Blut in die Wangen schoß.
»Bitte, ich möchte zur Tante, sie wird sich um mich sorgen,« flüsterte ich ängstlich und versuchte aufzustehen. Die Knie zitterten mir noch heftig, und so mußte ich mich auf den Arm meines Freundes stützen, so peinlich es mir auch war. Dieser aber plauderte munter fort und erzählte, daß Eduard ihn begleite, den ich bei der Tante in Greinau finden werde, wohin sie Beide geeilt, als sie bei ihrer Ankunft in Parthenkirchen erfahren, wo wir seien.
Das Gehen that mir gut, bald bedurfte ich des Führers nicht mehr, meine Kräfte fanden sich schnell wieder. Ich erzählte nun das Nähere meines Abenteuers und suchte meine Angst zu rechtfertigen. Mit zarter Schonung ging Dr. Hausmann darauf ein, um mir zu zeigen, wie natürlich er meine Bewegung gefunden. Gegen die Tante und Eduard, welche meine Angst übertrieben fanden und mich als ein Hasenherz etwas verhöhnten, vertheidigte er mich dann so entschieden, daß ich ihm aufrichtig dankte, besonders da er über die Art unseres Begegnens sehr leicht fort ging. Sonderbar, sonst beichtete ich meiner guten Tante Ulrike alles, was ich Thörichtes gethan; aber mein Zusammtreffen mit Dr. Hausmann konnte ich ihr unmöglich genau so beschreiben, wie es sich zugetragen, die Worte wollten absolut nicht über meine Lippen. Aber wozu auch? Dr. Hausmann schien gar nicht mehr daran zu denken, so fein und zurückhaltend benahm er sich gegen mich, und das ganze Ereigniß erschien mir endlich selbst wie ein wunderlicher Traum.
In der Gesellschaft unserer neuen Reisegefährten verbrachten wir einige sehr angenehme Wochen und durchstreiften die schönen Berge nach allen Richtungen. Auch Eugeniens Vater kam, wie er versprochen, bald zu uns, und mit ihm reisten wir endlich nach Bayerns schöner Residenz, dem interessanten München. Wie staunte ich über alle die unzähligen Kunstschätze, welche großentheils durch den kunstsinnigen König Ludwig hier geschaffen und aufgesammelt wurden. Zwei Wochen blieben wir in München, und so hatten wir reichlich Muße, uns alles genau zu betrachten: die beiden Pynakotheken, die Glyptothek, Schlösser, Kirchen und was es sonst an Sehenswürdigkeiten gab. Das Allermerkwürdigste blieb mir aber immer die erzene Riesenjungfrau Bavaria auf der Theresienwiese, in deren Kopfe wir so behaglich umherwanderten, als sei es ein Thurmstübchen, und deren Augen die prächtigsten Fensterchen bildeten, durch die wir auf München und die ganze weite Ebene schauten und weiter hinaus, wo die blauen Alpen uns freundliche Abschiedsblicke zuwarfen.
Unseren Heimweg nahmen wir durch Böhmen, um in Teplitz Eugenien und den Baron zu besuchen, von denen Herr von Jagow uns die besten Nachrichten gebracht hatte. Das Bad war dem Baron anfangs zwar nicht gut bekommen, und Eugenie hatte wahrscheinlich all ihre Heiterkeit in Bewegung setzen müssen, um den Leidenden zu zerstreuen, wenigstens konnte der dankbare Gatte uns später davon nicht genug Gutes und Liebes erzählen. Jetzt nach Beendigung der Kur jedoch ging es dem Baron vortrefflich, und die Steifigkeit seines Fußes verringerte sich von Tag zu Tage, so daß wir mit den freudigsten Hoffnungen für völlige Genesung abreisten, und der Herbst uns endlich Alle wieder in dem traulichen Wohnstübchen Tante Ulrike's versammelt sah. Wie schön auch die Reise gewesen, und wie viel Herrliches ich gesehen, hier bei der besten Tante in meiner zweiten Heimath war es doch am allerschönsten, das fühlte ich mit innigem Behagen, als die lieben Räume mich wieder so still und heimlich umgaben.
Aber mit mächtigen Schritten nahte jetzt die Zeit, in welcher ich diesen Räumen Lebewohl sagen sollte. »Für ein Jahr nehme ich dein Gretchen mit mir,« hatte Tante Ulrike zu Papa gesagt, als sie an jenem unvergeßlichen Tage mit mir von Schreibersdorf abreiste, und das zaghafte Kind sich zum ersten Male vom Elternhause trennte. O damals glaubte ich es nimmer aushalten zu können, eine solche Trennung nimmer zu ertragen. Ein Jahr! Welche Ewigkeit für mich, die bis dahin nicht einen Tag von Eltern und Geschwistern getrennt war! Zwölf lange, lange Monate! Und jetzt war mehr als ein Jahr seit jenem Tage vergangen, nicht nur zwölf Monate, sondern noch fünf außerdem, und ich lebte noch, die Trennung hatte mich nicht krank gemacht, mich nicht verzehrt und abgehärmt, wie ich einst glaubte. Nein, im Gegentheil, ich blühte frisch und kräftig in gesunder Jugendfülle, war stärker und vollständiger in der Erscheinung geworden, wenn mein Spiegel mir die Wahrheit sagte, und in der großen Stadt, in dem neuen Kreise, wohin die Tante mich geführt, und vor dem mein ängstlich Herz erzittert hatte, da fühlte ich mich jetzt mit tausend Fäden festgewachsen. So unsäglich ich mich auf die liebe theure Heimath, auf Eltern und Geschwister freute, so überkam mich doch eine grenzenlose Traurigkeit, dachte ich an die Trennung von all' den Lieben in Berlin. Die Tante mit ihrer unaussprechlichen Güte und Milde, ihrer feinen Bildung und ihrem steten Wohlwollen für mich, der ich so namenlos viel dankte, Eugenie, an die mich die herzlichste Schwesterliebe kettete, Marie, die treueste Freundin für das Leben, der Baron, Dr. Hausmann, Eduard, ach und so viele, viele, die mir lieb und theuer geworden, sie Alle ließ ich hier zurück, ich konnte den Gedanken kaum fassen. Und doch, es war nicht anders! Der Tag der Abreise kam wirklich heran und überschüttet von tausend Liebesbeweisen schied ich von allen meinen Lieben. Eugenie und der Baron gaben das Versprechen, mich im Elternhause bald zu besuchen, auch die Tante tröstete mich mit dieser Aussicht, und besonders entzückte mich der Gedanke, meine liebe Marie, wie ich dringend gebeten, bald nach meiner Heimkehr für längere Zeit im Hause meiner Eltern zu sehen.
So schied ich denn leichteren Herzens von der lieben Stätte, wo mir so viel Gutes geworden. Ein reich beschriebenes schönes Blatt hatte der gütige Gott mir in das Buch meines Lebens gefügt, ich konnte Ihm nie innig genug dafür danken!
21.
Wieder im Vaterhause.
Mit welchen Gefühlen flog ich meinem geliebten Vater nach so langer Trennung an die Brust, als er kam, mich von Berlin abzuholen und mit welchen Gefühlen wandte ich mich nun der Heimath wieder zu, nachdem der Abschied von meiner so unsäglich verehrten Tante hinter mir lag!
Wie jubelte mein Herz, als ich der Gegend immer näher kam, in der das Gut meiner Eltern lag, wo mich alles so vertraulich und bekannt anblickte! O das war doch die schönste Gegend auf der ganzen Welt, schöner als alles, was ich auf der Reise soeben noch voll Wonne und Entzücken bewundert hatte.
Bald lagen die bekannten Orte vor mir, die unser Dorf umgaben; jetzt verließen wir das Wäldchen, das mir bei der Abreise den lieben Anblick meiner Heimath zuerst entzogen. Da schaute der spitze Kirchthurm noch wie ehedem zum Himmel empor, sein grünes Kupferdach blitzte in der Sonne, und auf der goldenen Kugel dort oben drehte sich nach wie vor die glänzende Wetterfahne.
Nun kamen wir in den sandigen Hohlweg, der nach dem Dorfe führte, in welchen sich die Wagenräder so tief einwühlten, daß es immer so langsam vorwärts ging. Zu beiden Seiten des Abhanges wuchsen wie sonst gelbe Immortellen und fette Wolfsmilch; die Schmetterlinge und Bienen umflatterten die kleinen gelben Blüthen, und über uns am blauen Himmel zog eine Schaar blendend weißer Tauben hinweg. Ihr lieben freundlichen Thiere, kommt ihr mir als Boten vom Elternhause entgegen?
Am Ausgange des Hohlweges warteten wie ehedem eine Schaar Bauerkinder auf den herankommenden Wagen; die größeren Jungen knallten mit langen Peitschen, die Mädchen blickten mit ihren hellblauen Augen verlegen nach uns hin, kicherten dann und nahmen die Schürzenzipfel in den Mund, und die kleinen Kinder versteckten ihre blonden Flachsköpfe schüchtern in den Röcken der Mädchen. Auf dem Anger trieb noch immer der alte Hirte seine Schafe; der braune Regenmantel hing trotz des warmen Wetters um seine Schultern, und der blaue Strumpf, an dem er strickte, baumelte wie sonst vor ihm hin und her. Sein Hund spitzte die Ohren und sprang herbei, die Pferde anzubellen, wie es einmal alle Hunde zu thun pflegen, bis Friedrich, unser alter Kutscher, ihn mit der Peitsche fortjagte, und der Schäfer rückte grüßend an dem breitkrämpigen Hute.
Nun endlich kamen wir zu den ersten Häusern unseres Dorfes; es war Bauer Fechners Grundstück, ich kannte es wohl, kannte auch die weißbaumwollene Quaste, die da zum Fenster heraus nickte; sie saß auf einer eben solchen Mütze, und das alte gute Gesicht darunter glänzte vor lauter Vergnügen, als ich ihm meinen fröhlichen Gruß zurief.