Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Part 15

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Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und Mägde des Gutes, sowie sämmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden. Es war eine unvergeßlich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll stillen Glückes, bald so lustig und übersprudelnd von Humor und Neckerei, daß man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute uns unter die Tänzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch einmal so hoch, wenn ihre schöne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja überhaupt nie, da wußte es niemand anders. »Ueberhaupt,« sagte der Baron lächelnd zu seiner schönen Frau, »jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner Steifheit alle Stühle und Tische umwerfe; denn nun heißt's: »der arme Mann hat einen lahmen Fuß, er kann nichts für seine Tölpelei.«

Erst spät wurde es still auf Schloß Senftenburg, denn als die Nacht herein brach, und die Wagen der Gäste zum Schloßthore hinaus rollten, kam noch ein prächtiger Fackelzug die Dorfstraße herauf. Die Bauern brachten ihrer lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter Jauchzen und Fackelschein fuhren wir fröhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und daß sie die Leidende nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon länger abwesend war, als bei meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wünschte meine Begleitung auf der schon früher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies Vergnügen von Herzen gönnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gänseblümchen als Gast ihres Hauses bei sich behalten zu können.

Es war eine schöne Zeit, reich an frohen und gemüthvollen Stunden, welche ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie überhäufte mich mit Liebe und Güte, und wenn der Schalk auch noch überall in tausend Neckereien wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schloß Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald ich bemerkte, wie nützlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verließ ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so übernahm ich die häuslichen Geschäfte nun mit großem Eifer und schaltete und waltete Tag für Tag ziemlich selbständig in den Räumen des alten Schlosses. Eugeniens schöne Ausstattung hier überall einzuräumen war ein wirkliches Vergnügen, und glücklich wie ein Kind hüpfte und tanzte die junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen Lehnstuhl fröhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum andern. Bald mußte er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald die glatten weißen Bettüberzüge, welche zierlich mit rothseidenen Bändern umwunden waren. Dann wieder ließ sie die Sonne in den weißen, rothen und grünen Gläsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und Schüsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster ihrer schönen Sopha's und Lehnstühle mußte er selbst prüfen, die gestickten Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden Gatten vorgeführt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn wie gleichgültig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge betraf! »Jetzt gehört es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth für sie bekommen,« hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie immer.

Der Baron durfte seinen Fuß noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer fürchtete. An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen. Und welche liebenswürdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts Hübscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Würde. Mit einer Sicherheit, als wäre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen, machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr während der Krankheit ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gäste oblagen, entsprach sie denselben doch in jeder Weise.

Die Wirthschaft freilich ließ sie für's Erste noch in ihrer bisherigen Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber im Herbst, wenn sie von der Reise zurückkehren würden, da wollte sie eine Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gäbe, behauptete sie. Wer das nicht glauben wollte, der möge es bleiben lassen, wenn's nur der Baron glaubte, und daß dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas noch nie Dagewesenes, das wußte der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an, zum großen Jubel seiner Tochter. Er war ein schöner, schlanker Mann mit geistreichen Zügen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann durch und durch, unbeschreiblich liebenswürdig und angenehm. So verschieden er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glück seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl für den ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemüth mehr und mehr, so daß er sich unbeschreiblich wohl fühlte im Schooße seiner Lieben. Er wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir nach Süddeutschland zurückzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rückwege wollte Tante und ich sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurück. Ein sanfter Tod hatte die schwer geprüfte Schwester von allem irdischen Leide befreit, und so betrübt die Tante auch über den Verlust war, der sie betroffen, so dankte sie doch Gott, daß er das Leiden der Armen nicht verlängert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr Vater halte es für das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden; doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern ließ sich der gemüthvolle Mann von diesem äußersten Schritte abhalten, immer noch hoffend, die leichtsinnige Frau könne sich ändern. Wie innig bedauerte ich diesen liebenswürdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch' wichtige Sache eine sorgfältige Erziehung ist, die alle bösen und verderblichen Anlagen im Keime erstickt.

19.

Die Reise.

Der Sommer war während dieser Zeit längst schon in das Land gezogen, der Arzt trieb zur Abreise nach Teplitz, damit der allerdings sehr steife Fuß des Barons durch die Kur vielleicht doch noch beweglicher werde, und so rüsteten wir Alle uns denn zur Abreise. Ich half Eugenien treulich, die gar zu wenig vom Einpacken verstand und es doch gern lernen wollte; aber erst als ich sah, wie Tante Ulrike einpackte, merkte ich wohl, daß ich ebenfalls nichts davon verstand und ging nun selbst erst in die Schule.

Da wir Trauerkleider trugen, bedurften wir keines großen Gepäckes, was Tante überhaupt gern vermied; sie sagte, hohe Reisekoffer und zahllose Schachteln und Kisten gäben ihr eine wenig vortheilhafte Meinung von der dazu gehörenden Reisenden, denn entweder sei dieselbe sehr eitel oder sehr unpraktisch. In der Folge sah ich selbst, wie angenehm es war, wenig Gepäck mit sich zu führen, und war ordentlich stolz auf die kleinen Dimensionen unserer Reiseeffecten im Vergleich mit denen anderer Mitreisenden. Besonders Schachteln, Kästchen, Packete und derartige Gegenstände, die man lose mit sich führt, vermied die Tante möglichst, und mit einiger Scham gedachte ich jetzt der unzähligen kleinen Kistchen und Päckchen, welche ich bei meiner Abreise vom Vaterhause um mich her thürmte; ich hätte sogar meinen Kanarienvogel in seinem Bauer auf meinen Knieen mit mir entführt, hätte Tante Ulrike dies nicht lächelnd abgewehrt.

Jetzt hatten wir nichts bei uns im Wagen, als ein Packet wohlgeschnürter Schirme, ein Bündel Shawls, von Lederriemen umschnallt, und jede von uns eine lederne Handtasche mit kleinen Bedürfnissen während der Reise, z. B. Eau de Cologne, etwas Chocolade, ein kleines Nähzeug, ein Reisehandbuch nebst Karte, Notizbuch, Bürste, Taschentuch und was dergleichen wünschenswerthe Dinge mehr waren. Alles Unnütze mußte zurück bleiben, so sehr ich oft bat und jammerte und nicht begreifen konnte, daß man auf Reisen eben allerlei entbehren muß, sonst soll man zu Hause bleiben bei seinem Comfort und seinen Siebensachen. Die Tante war früher mit ihrem Manne viel gereist, da hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt; einfach und praktisch war sie ohnehin, und so konnte ich auch für dies neue Element keine bessere Lehrmeisterin finden. Wie wundervoll verstand sie einen Koffer zu packen! Ich hatte es versucht, aber bald war er voll und ein ganzer Berg Sachen schaute trostlos darein, denn sie fanden keinen Platz mehr in meinem Kofferchen. Da kam die Tante. Ruhig packte sie alles wieder heraus, und nun machte sie sich an's Werk. Unten auf den Boden kamen die schweren Sachen, wie Wäsche, Bücher u. dergl., dann sorgfältig gefaltet Kleider und Röcke, und obenan in einer besonderen Abtheilung Kragen, Tücher und dergleichen leichte Dinge. Bänder und Handschuhe und andere lose Kleinigkeiten flüchteten sich zusammen in ein besonderes Kästchen, das sich bescheiden in eine Ecke drückte, Lücken aber wurden nun durch Schuhe und derartige Rückstände ausgefüllt; es war ein Vergnügen, wie schließlich alles Platz fand; der kleine Koffer schien unter Tante's Händen Gummiwände bekommen zu haben, so viel nahm er in sich auf.

Eugenie reiste einige Tage früher ab als wir, und Herr v. Jagow blieb in der Gesellschaft seiner Kinder, um Eugenien alle Reisesorgen abzunehmen. Später wollte er mit uns wieder zusammentreffen, falls er Eugenien verlassen konnte; ein kleiner Badeort in den Bayrischen Alpen sollte uns wieder vereinigen.

Unsere Fahrt war Anfangs nicht sehr unterhaltend, denn sie führte uns durch langweilige Gegenden der Mark. Um so mehr hatte ich Muße, die Reisegesellschaft zu beobachten, welche sich in dem Eisenbahncoupé mit uns befand. Es waren einige Damen, alte und junge; zwei davon saßen schweigsam in ihrer Ecke, die dritte jedoch begann mit der Tante und mir sehr bald ein Gespräch und schien sich für alles zu interessiren, was man ihr mittheilte. Aber die Tante hatte augenscheinlich keine sehr große Lust, sich mit ihr zu unterhalten, sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Die gesprächige Dame widmete sich mir nun ganz allein, und obwohl ich keinen großen Gefallen an ihrer Art und Weise fand, so hielt ich mich doch für verpflichtet, ihr über alles höflich Rede zu stehen, wonach sie fragte. So erfuhr sie denn gar bald all' meine Verhältnisse, Namen und Stand der Tante, sowie Zweck und Ziel unserer Reise. Sie war sehr erfreut zu hören, daß wir das Bayrische Gebirge besuchen wollten, denn auch sie reiste dorthin und suchte Gesellschaft, welche sie in uns glaubte gefunden zu haben. Sie versprach, sich ganz nach uns richten zu wollen, gute Gesellschaft sei ihr die Hauptsache; eine einzelne Dame sei auf Reisen gar zu schlimm daran. Ich konnte ihr darin nicht Unrecht geben, und da sie eine gutmüthige, gescheute Dame zu sein schien, so ging ich auf ihre Anerbietungen freundlich ein. Nun fing sie an, die Tante mit Fragen zu bestürmen, wohin sie gehen würde, damit sie sich danach richte; diese aber schien verstimmt und gab ihr ausweichende Antworten.

Bei dem nächsten Anhaltepunkte wechselte die Tante zu meiner Verwunderung den Wagen.

»Gefiel es dir nicht in jenem Coupé, Tantchen?« fragte ich. »Wir hatten ja so gute Gesellschaft.«

»Nein, Kind, die Zudringlichkeit jener Dame war unerträglich!« sagte die Tante. »Sie gehörte sicher nicht zu der besten Art Frauen; ihr Wesen mißfiel mir vom ersten Augenblicke an.«

»Aber sie schien so gutherzig und reist so allein,« entgegnete ich mitleidig. »Ich kann mir wohl denken, wie lieb es ihr sein muß, Gesellschaft zu finden.«

»Das verstehst du nicht, Kind,« lächelte die Tante. »Sie wird nicht lange allein sein, darüber mache dir keine Sorgen. Nur auf unsere Gesellschaft wird sie verzichten müssen, wir passen nicht für sie. Uebrigens sei vorsichtiger, mein Töchterchen, und erzähle nicht Jedem gleich, wer wir sind, und was wir treiben. Auf Reisen trifft man gar zu häufig mit Personen zusammen, vor denen man sich zu hüten hat. Lieber zu schweigsam gegen deine Reisegesellschaft, als zu offenherzig; besonders ein junges Mädchen kann hierin nicht vorsichtig genug sein.«

Ich beachtete den Rath der Tante und bemerkte nun allerdings, wie zurückhaltend die meisten Mitreisenden waren, besonders die Damen. Gemüthlich war das freilich nicht, aber es gab bald so viel zu sehen, daß ich der Unterhaltung gern entbehrte.

Daß die Tante aber Recht hatte mich zur Vorsicht zu ermahnen, zeigte mir kurze Zeit darauf unser Zusammentreffen mit jener gesprächigen Dame, wovon ich hier gleich erzählen will. In dem reizenden Parthenkirchen nämlich, wo wir uns längere Zeit aufhielten, gingen wir eines Tages im Thale spazieren in Begleitung einer sehr angenehmen Familie aus Berlin, welche wir dort getroffen. Nach einiger Zeit hörten wir Lachen und laute Stimmen einer uns entgegenkommenden Gesellschaft, und bald erkannte ich in einer der Damen unsere lebhafte Reisegefährtin. Sie war höchst elegant gekleidet und schien sich durchaus nicht mehr über Einsamkeit beklagen zu können, denn eine Menge junger, eleganter Herren umgab sie, und die Unterhaltung war sehr heiter. Plötzlich erblickte sie uns und eilte auf uns zu.

»Ah, Frau von Jagow, wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und Sie, Fräulein Gretchen, wie geht es Ihnen? Welch reizendes Zusammentreffen!«

Die Tante erwiederte den Gruß mit auffallender Kälte; ich freute mich auch durchaus nicht, die Dame wieder zu sehen, die mir heute noch viel weniger gefallen wollte; doch gab ich ihr freundliche Antworten auf ihre Fragen, das ging doch nicht anders. Sie schien große Lust zu haben, in unserer Gesellschaft zu bleiben, aber bald besann sie sich eines Bessern und folgte dem Rufe ihrer Begleiter, welche sehr befreundet mit ihr zu sein schienen.

»Wie in aller Welt kommen Sie zu dieser Bekanntschaft!« rief lachend Herr von Barnheim, sobald die Dame uns verlassen.

»Sie ist mit uns gereist, weiter kenne ich sie nicht,« entgegnete die Tante. »Wissen Sie vielleicht etwas Näheres über dieselbe?«

»O, so viel als alle Gäste von Parthenkirchen, mehr auch nicht!« lachte Herr von Barnheim. »Aber mich dünkt, es ist eben genug, Ihnen zu rathen, sich die gute Dame etwas fern zu halten, denn für Fräulein Gretchen scheint sie mir nicht gerade der passendste Umgang. Wie ich höre ist sie Mitglied verschiedener wandernder Schauspielertruppen gewesen und hat überall die verschiedensten Aventuren gehabt.«

Ich wurde blutroth und freute mich, daß unser Spaziergang bald ein Ende hatte, damit wir der Dame nicht etwa noch einmal begegneten. Am andern Tag erfuhren wir, daß dieselbe weiter gereist sei, und das erleichterte mein Herz außerordentlich, denn nun waren wir hoffentlich von ihrer Gesellschaft befreit.

Nach dieser Abschweifung jedoch kehre ich wieder zum Anfang unserer Reise zurück, denn noch waren wir unterwegs, und zum ersten Male fuhr ich durch ein fremdes Land. Ueber die Grenze von Preußen war ich bis jetzt nie gekommen, nun flogen wir durch Sachsen und dann abermals nach einem anderen Lande: das schöne Bayern lag vor uns.

In Sachsen fing die Gegend zuerst an, einigen Reiz zu bieten, besonders das schöne Elsterthal gefiel mir ausnehmend, und mit Staunen betrachtete ich die gewaltigen Eisenbahnbrücken, welche sich über das Thal spannen. Hof in Bayern war unser erstes Nachtquartier; andern Tages fuhren wir an Kulmbach vorüber, dessen Schloß höchst malerisch vom Felsen herab schaut, und während allen Reisenden das treffliche Bier mundete, das erste echt bayrische, ließ die Tante uns Kaffee zur Erquickung bringen. Sie selbst trank wenig und ging im Freien auf und nieder, ich aber setzte mich in dem netten Zimmer der Restauration an einen Tisch und machte es mir bequem, legte Hut und Handschuhe ab, ordnete mein Haar und blies dem heißen Kaffee von Zeit zu Zeit Kühlung zu. Eben wollte ich anfangen ihn behaglich zu schlürfen, da läuteten die Glocken zum Einsteigen, die Tante rief, und traurig mußte ich meinen schönen Kaffee im Stiche lassen. Aber das war eine gute Lehre, von nun an beeilte ich mich besser. Die schöne Gegend tröstete mich bald über den kleinen Verdruß, denn wir näherten uns Bamberg, fuhren an dem schönen Kloster Banz vorüber, und in der Ferne lagen die grünen Berge der fränkischen Schweiz.

In Bamberg blieben wir einige Tage. Was ist das für eine nette Stadt; wie prächtig liegt sie da, umkränzt von sanften Bergen und geschmückt mit dem stattlichen Dom und der Ruine Altenburg auf der Höhe! Bei prächtigem Wetter stiegen wir zu diesem alten Schlosse hinauf. Wie freute ich mich an der schönen Gegend, Berge sah ich zum ersten Male; ich wünschte mir Flügel, um mich dort hinauf zu schwingen; wie weit mußte man da oben sehen können!

Geschichtliche Erinnerungen sprachen auf dem alten Schlosse zu uns, denn im Jahre 1208 soll in dem Thurmzimmer, in welchem wir uns ausruhten, der Kaiser Philipp von Schwaben durch Otto von Wittelsbach umgebracht worden sein. Mir grauste, obwohl mir der nie verlöschende Blutfleck am Boden nicht echt erscheinen wollte; dergleichen Flecke gehören aber nun einmal zu solchen grausenhaften Geschichten.

In Hof, wo wir unser erstes Nachtquartier hielten, war ich am Morgen der Abreise nur mit Mühe und Noth mit meinem Anzug fertig geworden; denn zuerst ließ ich sehr sorglos die Zeit vergehen, und schließlich mußte ich in höchster Eile mein Haar nur halb geflochten unter den Hut stecken, da der Omnibus vor der Thür stand, uns abzuholen.

In Erinnerung an diese Angst und Hast stand ich denn am Morgen unserer Abreise von Bamberg sehr früh auf und war mit Anziehen, Einpacken und Frühstücken so zeitig fertig, daß ich die Tante um Erlaubniß bat, noch ein wenig in den Straßen umher gehen zu dürfen. »Versäume nur die Zeit nicht!« mahnte Tante Ulrike, gewährte mir aber gern meinen Wunsch. So strich ich denn frohen Sinnes in den Straßen auf und nieder und vertrieb mir die Zeit sehr angenehm, denn es war gerade Markttag, und zu allen Thoren kamen die Landleute in fremdartiger Tracht mit ihren Waaren herein, und buntes Leben herrschte bald überall.

Auch in den schönen Dom trat ich noch einmal zum Abschied, betrachtete mir die alten Bilder und Grabsteine, besonders das berühmte Denkmal von Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, und so bemerkte ich nicht, daß es schon spät geworden, bis die Uhr am Glockenthurm über mir plötzlich die Stunde schlug. Erschrocken eilte ich fort, denn die Zeit unserer Abreise war nahe, und noch hatte ich den Rückweg vor mir. Hastig schritt ich durch die Straßen; ich meinte, den Weg zu wissen, aber welch' ein Schrecken, ich mußte mich verirrt haben, denn plötzlich war ich wieder auf dem Platze am Dom, von wo ich ausgegangen. Ich fragte mich nun von Straße zu Straße, einer zeigte hier-, der ander dorthin; in Schweiß gebadet lief ich immer vorwärts, der nächste Weg konnte es unmöglich sein, den man mir angab. Gern hätte ich einen Wagen genommen, aber nirgends traf ich einen leeren; dem Weinen nahe bat ich endlich einen Knaben, mich zu begleiten, und athemlos gelangte ich an unserem Hôtel wieder an.

Die Tante war in großer Sorge um mich; den Frühzug hatten wir versäumt und mußten nun mit dem Mittagszuge fahren. Ich war sehr niedergeschlagen über meine Unbesonnenheit, die Tante jedoch tröstete mich; heute habe unsere Versäumniß ja nichts zu bedeuten; für ein anderes Mal möchte ich es mir zur Lehre nehmen, denn in fremder Stadt könne mir in Zukunft dergleichen öfter passiren.

Aber die Irrfahrten am Morgen waren nur das Vorspiel von anderweitigem Ungemach, das mir an dem Tage zustieß; man hat so seine Unglückstage, ich mußte heute wohl mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein.

Als wir nämlich Mittags endlich glücklich auf der Eisenbahn angekommen waren und unsere Plätze gewählt hatten, stieg die Tante noch einmal aus dem Wagen, da sie soeben eine alte Bekannte in einem andern Coupé gesehen hatte, welche sie begrüßen wollte. Sie übergab mir die Reisebillets und eilte fort. Im selben Augenblicke wurde köstliches Obst vorbei getragen, und ich sowie alle Mitreisenden kauften davon. Man drängte sich um die offene Thür, an der ich saß, ich reichte dienstfertig Obst nach allen Seiten, nahm dafür Geld in Empfang, kurz war sehr eifrig in diese Angelegenheit vertieft und ordnete dann geschäftig unsere Sachen, die noch umher lagen.

Da kam die Tante und mit ihr der Beamte, welcher die Billets einforderte. Ich griff nach den unsrigen, welche die Tante mir gegeben, -- sie waren fort! Bestürzt suchte ich am Boden, auf den Kissen, kehrte alle Taschen um, schüttelte Kleid und Tuch aus, alle Mitreisenden halfen suchen, -- es war umsonst, die Billets waren nirgends zu finden. Nur der weiße Gepäckschein fand sich vor, die anderen Zettel mußten mir beim Handeln um das Obst verloren gegangen sein; ich konnte mich nicht besinnen, sie wieder gesehen zu haben, seit die Tante sie mir auf den Schooß gelegt.

Der Beamte zuckte die Achseln und bedauerte das Mißgeschick, aber ohne Billet konnte er uns beim besten Willen nicht reisen lassen; wir mußten aussteigen und neue Billets lösen. Es war die höchste Zeit, der Zug sollte sogleich abfahren, und in Hast und Eile stürzte ich zum Wagen hinaus. Da flog etwas neben mir zu Boden, es war eines der Billets. Gott sei Dank, so war doch eins wenigstens da, das zweite freilich erschien nicht, wer weiß, wohin sich das geflüchtet; ich eilte zur Kasse und war endlich froh, überhaupt noch mit fort zu kommen.