Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen
Part 11
Eugenie war die schönste der Damen, das stand außer Frage, sowohl was ihr Aeußeres, als was ihren Anzug betraf. Der Ballsaal war so recht der Ort, ihre Schönheit und Anmuth im vollen Glanze zu zeigen, und ich fand es nur zu begreiflich, daß sie stets von einer Menge junger Herren umlagert war, welche sich darum stritten, ihr die größten Huldigungen zu erweisen. Mir wäre an ihrer Stelle angst und bange geworden, Eugenien schien aber alles das sehr gleichgültig zu sein, denn mit Erstaunen bemerkte ich mehrmals, wie sie all' ihren Verehrern den Rücken kehrte und mit irgend einer der älteren Damen davon ging.
»Ja, sie ist einzig, dieses Mädchen,« sagte Marie. »Mein Bruder macht ihr wie alle Herren den Hof; aber entweder giebt sie ihren Verehrern spitze Antworten und entschlüpft ihnen wie ein Aal der Hand, oder sie spottet und lacht und kehrt ihnen den Rücken. Louise von Mering hat mir eben eine köstliche Geschichte von ihr erzählt, die auch dich ergötzen wird, Gretchen, höre nur! Der Lieutenant Schmettau, den alle Welt wegen seiner Albernheiten verlacht, steht neben Eugenien und sagt derselben so fade Schmeicheleien, daß Eugenie ungeduldig auf ihren Fächer beißt und ihre Blicke zerstreut im Saale umher schweifen läßt. Endlich blickt sie aufmerksam nach jener Nische, in welcher wir Beiden stehen, du und ich, und seelenvergnügt zusammen lachen und schwatzen. Eugenie lächelt auch unwillkürlich, und ihr süßer Galan hält es für seine Pflicht, ebenfalls zu lächeln und nach uns zu schauen. Eugenie wendet ihm ärgerlich den Rücken, und indem sie sich zu Louise Mering neigt, sagt sie auf uns deutend ziemlich leise: »Sehen sie doch, Louise, die Veilchen kichern und kosen!«
-- »Und schau'n zu den Sternen empor!« schnarrt es plötzlich neben Eugenie, und mit einer tiefen Verbeugung steht abermals Lieutenant Schmettau lächelnd vor ihr, welcher, seinen rothen Schnurrbart kräuselnd, in dieser Weise das angeführte Lied Heine's ergänzt. -- Das überstieg denn doch endlich die Langmuth unserer schönen Eugenie. Unwillig blickt sie sich nach dem unberufenen Schwätzer um, wirft den Kopf in den Nacken und sagt scharf:
»Es hüpfen herbei und lauschen Die Lieut'nants wie die Gazell'n!«
Dann macht sie eine stolze Verbeugung und hängt sich an den Arm Louises, ein anderes Zimmer aufsuchend.«
Ich war entzückt über die Geschichte, fürchtete aber nicht mit Unrecht, daß die stolze Eugenie sich auf diese Weise allerlei Verdruß zuziehen würde. Was sie an spitzen Gegenreden oder sonstigem Ungemach erfahren mochte, das erzählte sie freilich nie, nur einmal während des Cotillon kam sie zu mir, warf ein wunderschönes Bouquet, das sie während des Tanzes erhalten, verächtlich in den Winkel und gab mir lachend einen kleinen Zettel, der zwischen jenen Blumen gelegen und auf dem die Worte standen:
Dein Zünglein sticht, Drum Jeder spricht: Dich mag ich nicht!
Erschrocken blickte ich Eugenien an, denn wie sehr mußte sie dies Spottgedicht ärgern, aber schelmisch lachend sagte sie: »Nicht wahr, den bin ich glücklich los, Gänseblümchen? Aber schaffe du dir angenehmere Verehrer an; es ist nicht gerade schmeichelhaft, sich auf diese Weise besingen zu lassen!«
Dabei schweiften ihre Blicke schalkhaft zu Dr. Hausmann hinüber, welcher sehr viel mit mir tanzte und soeben wieder herbei kam, mir einen der schönen Sträuße zu überreichen, welche im Cotillon unter die Damen vertheilt wurden.
»Er ist ja ein Freund meines guten Papa's,« sagte ich, verlegen Eugeniens Blicken folgend, aber doch fühlte ich, wie ich dunkelroth wurde.
»Ah so, verzeihe, ich meinte der Strauß sei für dich, nicht für deinen Vater. Aber du mußt das freilich besser wissen, Gänseblümchen!« sagte Eugenie lachend und schlug mich mit ihrem Fächer neckend auf die Finger. Dann nickte sie mir freundlich zu und trat mit ihrem herbeieilenden Tänzer wieder in die Reihe des Cotillon.
Solch' Cotillon ist ein wunderbarer Tanz. Endlos wie seine Dauer ist die Aufregung, in welche er die Tanzenden versetzt, denn hier kann aller Galanterie, allen warmen Gefühlen, Zu- wie Abneigungen Sprache und Ausdruck gegeben werden. Hier sind es ja nicht nur die Herren, welche, wie überhaupt im Leben, dergleichen Töne anschlagen dürfen, auch den Damen ist Gelegenheit geboten zu zeigen, wen ihr Herz begünstigt oder wem es nicht hold ist. Für die Damen gab es, wie ich schon gesagt, zierliche Blumensträuße, und den Herren wurden von den Tänzerinnen dafür kleine Orden angesteckt. Ich hatte schon mehrere Bouquets erhalten und war ganz stolz und glücklich. Doch nun sollte ich eine Wahl treffen, und wem hätte ich meinen niedlichen Orden lieber gegeben, als dem Freund meines Vaters, dem lieben Dr. Hausmann? Er hatte sich ja ohnehin ein Verdienst um mich erworben, indem er mich so häufig zum Tanz aufforderte, also war es nur ein Zeichen der Dankbarkeit, daß ich ihm den Orden gab. Aber doch klopfte mir das Herz gewaltig dabei, gerade als ob ich etwas Unrechtes thäte. Aengstlich blickte ich nach Eugenien hinüber und war herzlich froh, daß sie nicht bemerkte, wem ich meinen Orden brachte.
Spät erst kehrten wir heim, die arme Tante herzlich müde (denn Ballmutter sein ist keine Kleinigkeit), Eugenie noch immer unerschöpflich in Scherz und Uebermuth, ich aber wie berauscht von Entzücken, denn so vergnügt war ich noch niemals gewesen. Lange Zeit lag ich noch wachend im Bett und rief mir alles Erlebte noch einmal vor die Seele. Mir schien, das Backfischchen hatte sich heute außerordentlich gut benommen, denn keine Mahnung der Tante hatte, wie sonst wohl, gleich einem kalten Bade meine glühende Seele überfluthet. Ich war recht zufrieden mit allem, was ich gesprochen und gethan, süß drückte der Schlaf mir endlich die Augen zu, und im Traume schwebte ich noch immer fröhlich tanzend auf und nieder.
»Hör mal, Gänseblümchen, ich werde dir Tanzstunde geben,« sagte am andern Morgen Eugenie, als ich zu ihr in das Zimmer trat. Ich fand sie noch im Bette, obwohl auch ich der Ballfreuden wegen spät genug aufgestanden war.
»Tanze ich so schlecht, Eugenie?« rief ich erschrocken, denn ich meinte ganz hübsch getanzt zu haben.
»Ungefähr wie Mama's Schooßhund, wenn ich ihn auf die Hinterbeine stelle!« warf Eugenie leicht hin, indem sie sich gähnend streckte und reckte.
Ich ward dunkelroth und biß beleidigt die Lippen zusammen, Eugenie schloß die Augen und schien mich nicht weiter zu beachten, so daß ich ärgerlich wieder meines Weges gehen wollte. Da sang sie plötzlich halblaut:
»Mein Zünglein sticht, Drum Gretchen spricht: Dich mag ich nicht!«
»'s ist doch ein nettes Lied, nicht wahr, Gänseblümchen?« fuhr sie munter fort und setzte sich im Bette in die Höhe. »So tiefsinnig, läßt sich so leicht verändern und auf andere Dinge anwenden. Ja, so ein Lieutenant, es ist eine Pracht! Was für eine Fülle von Geist und Humor hinter solchem zweifarbigen Tuche steckt, man sollte es nimmermehr glauben.«
»Aber Alle sind sie ja doch nicht so, Eugenie,« sagte ich etwas versöhnt, denn sie hatte mich sicher nur wieder necken wollen. »Ich habe doch einige sehr angenehme junge Officiere kennen gelernt, fade Gecken giebt es auch unter anderen jungen Leuten genug.«
»Ich glaubte, du wärest mehr für den Lehr- als für den Wehrstand eingenommen, Kleine,« rief Eugenie blinzelnd. »Dein Ballorden stand dem hübschen Dr. Hausmann allerliebst.«
Mir schoß das Blut in die Wangen, also hatte Eugenie doch gesehen, wem ich meinen Orden gegeben! »Er hatte soviel mit mir getanzt, dafür mußte ich mich doch erkenntlich zeigen,« sagte ich etwas verwirrt.
Eugeniens schallendes Gelächter riß mich aus der verlegenen Situation, denn sie fand es über alle Maßen naiv und spaßhaft, einen Tänzer für die Gnade noch zu belohnen, die man ihm erwiesen, indem man mit ihm tanzte. Sie hatte eben eine so andere Auffassung von allen Dingen, daß ich manchmal ganz verdutzt vor ihr stand. Mit meiner lieben Marie harmonirte ich doch viel besser; sie blickte auch noch, wie ich, demüthig und schüchtern in die Welt hinein; Eugenie war über dergleichen »grüne Albernheiten«, wie sie unsere jugendlichen Ansichten nannte, hinweg, sie forderte viel, und die Natur hatte ihr reiche Mittel gegeben, wodurch sie auch viel erlangte. Aber für mich bescheidenes Backfischchen paßten auch bescheidene Ansprüche an Welt und Menschen, und darum ließ ich mich durch Eugenie nicht irre machen.
Ich hatte mich zwar sehr über Eugeniens Spötterei, meinen Anstand beim Tanzen betreffend, geärgert; aber ich schluckte meine Aufregung hinunter, denn ich wußte, sie meinte es im Grunde sehr gut mit mir, und sagte: »Im Ernste, Eugenie, jetzt gesteh' mir, tanze ich wirklich so schlecht?«
»Nun die Grazie liegt freilich bei dir noch in den Windeln, Kleine,« lachte Eugenie jetzt gutherzig. »Aber beruhige dich nur, selbst Tante Anstand war mit dir und deinem Anstand zufrieden, also raufe dir deine schwarzen Zöpfe noch nicht vor Verzweiflung aus. Aber in die Schule möchte ich dich noch ein Bischen nehmen, das kann dir nicht schaden, dich sowohl wie deine kleine Marie; denn was diese zu viel hinten über tanzt, das neigst du zu viel nach vorn, so daß eure Oberkörper einen richtigen spitzen Winkel bildeten, tanztet ihr neben einander. Und dann macht ihr alle Beide noch so himmlisch schulrechte Pas, gerade als stände =Mr. le professeur de danse= hinter euch und klopfte euch für jede Nachlässigkeit mit seinem Fidelbogen auf die Fußzehen.«
Mit Freuden unterwarf ich mich den Uebungen, die Eugenie noch an demselben Morgen mit meinen Füßen und Händen vornahm, und voll Jubel wurde auch Marie in Beschlag genommen, als sie kam, von dem gestrigen Balle mit uns zu schwatzen. Freilich war Eugenie eine sonderbare Lehrmeisterin, da sie endlosen Unfug bei unseren Uebungen trieb; aber doch lernten wir, was sie wünschte, nämlich uns etwas sorgloser zu bewegen und uns beim Tanzen hübsch gerade zu halten. Auch ein gutes Compliment zu machen brachte sie mir glücklich bei, und Tante Ulrike fügte dem allen noch die Lehre hinzu, den Gästen möglichst wenig unsere Rücken zukehren zu wollen, besonders solchen, denen wir als den Vornehmsten oder Bedeutendsten die meiste Beachtung und Höflichkeit schulden. Dies zu beachten habe ich aber, ehrlich gestanden, bis auf den heutigen Tag noch immer äußerst schwierig gefunden.
14.
Begegnung.
Diesem ersten Balle folgten im Laufe des Winters noch mehrere andere, so daß ich nach und nach meine Schüchternheit überwand, und die Tante mir das Lob ertheilte, mein Benehmen sei freier und leichter, als sie je erwartet habe. Neben Eugenien freilich kam ich mir noch immer wie eine Holzpuppe vor, doch ihre Anmuth war eben unerreichbar.
Ehe ich jedoch von unserem Zusammenleben weiter erzähle, muß ich eines Ereignisses gedenken, das in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, so wenig es anfangs den Anschein hatte.
In das Haus Tante Ulrike's kam häufig ein armes Weib, das Eier, Gemüse oder Obst verkaufte, welche Produkte ihr kleines ländliches Besitzthum lieferte, und die von der Tante gut bezahlt wurden. Das arme Weib war aber krank geworden, und da die Tante sich selbst gern einmal überzeugen wollte, wie es bei ihr aussah, so benutzte sie einen der schönen Tage des Spätherbstes und fuhr mit uns nach dem Dorfe, in welchem die Frau wohnte. Es war alles wie uns beschrieben worden, Noth und Sorge in Menge, und die gute Tante machte sich mit den Kindern gleich allerlei zu schaffen, uns aber trieb sie hinaus, wohl wissend, daß Eugenie nicht lange hier aushalten würde.
So gingen wir Beiden denn auf den Wiesen und Feldern spazieren und freuten uns der einzelnen Blumen, welche der Frost noch nicht gewelkt hatte, sowie der wunderschönen duftig blauen Färbung, die Wald und Ferne bedeckte.
Am Saum des Waldes erblickten wir ein schönes, schloßartiges Gebäude, von stattlichen Wirthschaftsräumen umgeben, und um diesen Herrenhof genauer zu betrachten, schritten wir über eine Wiese, auf der eine Menge Kühe die letzten Reste an Gras und Kräutern abweideten. Ich hatte mich von Kind auf so viel unter den Thieren umher getrieben, daß ich keine Furcht vor ihnen kannte, Eugenie aber blickte sich ängstlich um, so daß heute einmal die Neckerei auf meiner Seite war. Plötzlich aber wurde auch ich aufmerksam, denn ein dumpfes Brummen sagte mir, daß der Stier bei der Heerde sei, und daß mit dem nicht zu spaßen, wußte ich wohl. Ich spähte nach dem Hirten, doch dieser war nirgends zu erblicken, und so ging ich schnell vorwärts, Eugenien nichts von meiner Besorgniß zu verrathen, denn von Weitem sah ich den gefürchteten Gesellen mit gesenktem Haupte sich uns nähern. Aber jetzt bemerkte auch Eugenie den Feind und erschrocken rief sie: »Der Stier! Der Stier!« und stürzte unaufhaltsam davon. Nun erst sah ich, daß ein rothes Tuch Eugeniens das Thier wahrscheinlich gereizt hatte, aber ich konnte sie nicht mehr erreichen und eilte ihr athemlos nach. Jetzt aber setzte sich auch unser Verfolger in Trab, und bald war er Eugenien so nah, daß diese voll Verzweiflung um Hülfe rief, und ich angstvoll zu ihrem Beistande hinzustürzte, obwohl ich wußte, daß meine Kräfte doch zu schwach waren, ihr zu helfen.
Da im letzten schrecklichsten Augenblicke, als das furchtbare Thier schon den Kopf neigt, um Eugenien mit seinen Hörnern zu fassen, trifft ein furchtbarer Schlag seine breite Stirn, so daß es betäubt zur Seite fährt. Taumelnd schlägt es seine Hörner so wüthend in einen dicken Baumstumpf, daß es wie gefesselt zusammenbricht und sich laut brüllend am Boden wälzt.
Eine hohe männliche Gestalt eilte nun von dem machtlosen Thiere fort zu Eugenie, welche kraftlos zur Erde sank, sobald sie sich von ihrem wüthenden Verfolger befreit sah. Auch ich war endlich an ihrer Seite und umschlang sie mit meinen beiden Armen, da Angst und Schrecken ihr alle Kraft geraubt hatten. Dankend blickte ich nun auf zu dem Retter, der im letzten Augenblicke uns so kräftig befreit hatte; aber schnell war derselbe, sobald er Eugenien durch mich versorgt sah, zu dem Stiere zurückgekehrt, dem er mit Hülfe des jetzt herbeikommenden Hirten die Hörner aus dem Blocke frei machte, und ihm den Kopf mit einem der Vorderfüße zusammenband, so daß er keinen Schaden mehr thun konnte.
Jetzt kam unser Befreier wieder auf uns zu, aber wie groß war meine Ueberraschung, als ich in ihm Baron Senft erkannte! Ich wurde blutroth und wußte vor Verlegenheit kaum einige Dankesworte hervorzubringen, und auch er war sichtlich überrascht und betroffen. Eugenie jedoch, welche sich schnell wieder erholt hatte, befreite uns aus der peinlichen Situation; denn mit warmen, feurigen Dankesworten reichte sie dem Baron die Hand und bat dringend, er möge uns zu Tante Ulrike begleiten, damit auch diese den edlen Mann kennen lerne, der ihr das Leben gerettet.
Der Baron wußte nicht recht, was er thun oder sagen sollte. Er blickte mich schnell an, und all' meine Verlegenheit niederkämpfend vereinte auch ich jetzt meine Bitten mit denen Eugeniens, und so begleitete uns der Baron denn zu dem Bauernhause, vor dem die Tante schon wartend stand, und nun eben so sehr durch unsere Erzählung überrascht wurde, als durch das Zusammentreffen mit unserem alten Bekannten. Aber hier in der freien Natur, nur umgeben von wenig heiteren Menschen, war der Baron ein ganz anderer. Seine steifen, verlegenen Manieren, welche im glänzenden Salon und unter so viel fremden, eleganten Menschen als so lächerlich auffielen, bemerkten wir jetzt kaum; die Jägerkleidung, welche er trug, stand ihm sehr vortheilhaft, und die Kühnheit und Stärke, mit der er Eugeniens Verfolger zu Boden geworfen, hatten ihn in all' seiner männlichen Kraft und Bedeutung hervortreten lassen. Er bat sich nun die Ehre aus, uns in sein Schloß führen zu dürfen, und mit Vergnügen folgten wir dieser Einladung. Ein schönes, altes Gebäude, umgeben von prächtigem Park und großartigen Wirthschaftshäusern, lag vor uns; das Innere des Schlosses war einfach, aber schön und gediegen eingerichtet, und Adel und Wohlstand ruhte auf dem ganzen Besitzthum.
Mir war sehr sonderbar zu Muthe, als ich diese Räume durchschritt. Dies alles hätte ich mein nennen, von all' diesem reichen, stattlichen Besitzthum hätte ich Herrin werden können! Dieser Gedanke drängte sich mir immer und immer wieder auf, ich sah ihn auch auf der Stirn Tante Ulrikes geschrieben, und hätte ihn auch wohl in des Barons Augen lesen können, hätte ich den Muth gehabt, ihn anzusehen, oder er mich. Aber sonderbar, statt daß mich dieser Gedanke niedergeschlagen, oder mir Bedauern und Reue über meine Thorheit erweckt hätte, fühlte ich im Gegentheil jetzt erst doppelt, wie ganz unmöglich es mir gewesen wäre, die Wünsche des Barons zu erfüllen, und wäre sein Schloß noch zehnmal schöner und kostbarer gewesen.
Unserem Wirthe machte es viel Freude, uns alles recht genau zu zeigen, und unsere aufrichtige Bewunderung der vielen köstlichen kleinen Alterthümer, woran das alte Schloß so reich war, regte ihn so an, daß er ganz lebendig und heiter wurde. Eugenie war in vollem Enthusiasmus über all' die herrlichen altmodischen Dinge, und ihr feiner Schönheitssinn fand reichlich Stoff zu aufrichtiger Bewunderung. Sie huschte und kletterte überall herum, untersuchte alle geheimen Thüren, Treppen und Winkelchen, wovon das alte Schloß einen ganzen Schatz barg, und war reizend und fröhlich wie ein ausgelassenes Kind. Der Schrecken, welcher sie zuerst bleich und erschöpft gemacht hatte, war jetzt ziemlich überwunden, und das zarte Roth ihres Gesichts machte sie nun schöner als je. Der Baron verfolgte sie unablässig, und sie war mit ihren Blicken so herzlich und unbefangen zu dem steifen Herrn, daß dieser alle Zurückhaltung abstreifte und mit ihr umher lief und kletterte, wohin sie wollte, so daß die Tante nicht so schnell nachkommen konnte, und ich mit ihr langsamer folgte. Eugenie gelangte endlich auch in ein kleines Zimmer oben im Thurm, und voll Staunen erblickte sie hier allerlei musikalische Instrumente und hohe Stöße von Noten. Besonders schön war ein Cello, doch auch ein kostbarer Flügel erregte ihre volle Bewunderung.
»Sie sind musikalisch, Herr Baron?« rief Eugenie lebhaft und deutete auf ein Notenheft, das aufgeschlagen neben dem Cello lag.
»Ein wenig, gnädiges Fräulein. Aber lassen wir das!« entgegnete unser Wirth verlegen und wollte Eugenien wieder herausführen, denn ihr Eindringen war ihm sichtbar unangenehm. Eugenie aber hüpfte vergnügt nach dem Flügel, und indem ihre Finger über die Tasten flogen, nickte sie dem Baron lächelnd zu.
»Hier werden Sie mich nicht wieder los!« rief sie fröhlich. »Kommen Sie nur, liebster Baron, begleiten Sie mich. Sie spielen Cello, das ist herrlich, wie lange Zeit habe ich dies liebe theure Instrument nicht mehr gehört! Wir werden unter Ihren Noten sicher etwas finden, das wir zusammen spielen können.«
Dem Baron half kein Sträuben. Hier in seinem Thurmstübchen, wohin er seine Kunst als in ein verborgenes Heiligthum geflüchtet hatte, von dem niemand etwas wußte, hier war der lustige, neckische Kobold Eugenie eingedrungen, und mit ihr fanden wir unseren guten Baron in der eifrigsten musikalischen Unterhaltung, als wir den Klängen folgend wieder mit ihnen zusammen trafen. Er spielte sein Cello meisterhaft, und es war ein großer Genuß, dem trefflichen Spiel der Beiden zuzuhören. Wir hielten uns in einiger Entfernung, um nicht zu stören, aber der Baron war bald so mit voller Seele bei seinem Spiel, daß die ganze Welt hätte zuhören können, es würde ihn nicht mehr genirt haben.
Nur ungern verließen wir das kleine Gemach, aber die Sonne neigte sich zum Untergange und mahnte an die Heimfahrt. Der Abschied von unserem guten Baron war so herzlich, als wären wir schon längst die besten Freunde gewesen, und wir erhielten von ihm sogar das Versprechen seines Besuches, sobald er nach der Stadt kommen würde. Oft mochte er aber wohl die Stadt nicht besuchen, denn in seiner schönen Besitzung fühlte er sich unendlich viel wohler, als unter den gewandten Stadtleuten, auch hatte ich ihn seit jenen verhängnißvollen Tagen nicht wieder in Gesellschaft getroffen, was mir natürlich nur lieb sein konnte.
Sehr verwundert war ich, mit wie viel Achtung, ja selbst Bewunderung Eugenie von dem Baron sprach. Sie schien ganz ausgetauscht, denn ihr kecker Muthwille, der sonst nichts schonte, hätte immerhin reichen Stoff zu Spöttereien finden können, so vortheilhaft sich der Baron ihr auch gezeigt hatte. Mir kamen deshalb so allerlei wunderliche Gedanken in den Sinn, die ich aber weislich für mich selbst behielt, und über meine einstigen Beziehungen zu unserem Retter schwieg ich nun gar erst sorgfältig. Nur gegen Marie sprach ich mir Herz und Seele frei, sie war ja meine Vertraute in allen Dingen.
Wenige Tage nach diesem unseren Abenteuer erschreckte uns die Nachricht, daß in dem Dorfe, in welchem Baron Senfts Besitzungen lagen, eine Feuersbrunst ausgebrochen und außer vielen Bauerhäusern auch Pfarr- und Schulhaus, sowie ein Theil der Kirche abgebrannt sei. Wir bedauerten das Unglück um so lebhafter, da wir so eben selbst noch in jenem Orte gewesen waren, und der Sammlung zum Besten der Abgebrannten steuerten wir reichlich bei. Glücklicherweise war unsere arme kranke Bäuerin von dem Unglück verschont geblieben, aber Schrecken und Angst hatten ihr Leiden arg verschlimmert. Durch sie erfuhren wir nun, mit welcher Aufopferung Baron Senft sich der armen Abgebrannten angenommen, wie thätig er selbst beim Löschen des Feuers gewesen, und wie er die Zuflucht sei für alle Bedrängten.
Eugenie nahm ungewöhnlich lebhaftes Interesse an diesem Vorfall, und sie sann ernstlich darüber nach, wie den armen Leuten kräftig zu helfen sei. Eine kleine Lotterie, welche Marie zu diesem Zwecke veranstaltete, behagte ihrem Geschmack wenig, obwohl sie wunderhübsche Geschenke dazu lieferte.
»Wir wollen ein Dilettanten-Concert arrangiren!« rief sie endlich entschlossen. »Das muß mehr abwerfen, als eure Nadelkissen-Lotterie mit den Silbergroschen-Loosen. Oder was meint ihr zu einer kleinen dramatischen Vorstellung? Meiner Ansicht nach würde das den Leuten Spaß machen, natürlich müssen die Billets mit Auswahl vergeben werden.«
Unsere Bedenken, daß solche Gedanken nicht ausführbar seien und gar zu viel Mühe machen würden, verwarf sie alle, und da Tante Ulrike nichts Unpassendes darin fand, indem wir ja für einen guten Zweck mit unseren Leistungen hervortreten wollten, so stand Eugeniens Entschluß fest: die Aufführung einiger kleinen Lustspiele zu arrangiren, denen einige musikalischen Leistungen vorangehen sollten.
Die sonst so bequeme, unthätige Eugenie war jetzt Feuer und Flamme. Theatralische Vorstellungen gehörten zu den Dingen, welche ihre Mutter sehr liebte und häufig veranstaltet hatte, und so wußte Eugenie mit dergleichen gut Bescheid, denn sie war sogar selbst einige Male mit aufgetreten. Von Büchern umgeben, wie ehedem vor dem Balle von Flor und Bändern, fand ich sie jetzt täglich in ihrem Zimmer, denn die Wahl der darzustellenden Stücke war sehr schwierig. Bald jedoch war ihr Entschluß gefaßt, und der Erfolg zeigte, daß sie sehr geschickt gewählt hatte.
Nicht ohne allerlei Qual und Mühe brachten wir unter unseren Bekannten das passende Personal für die Aufführung zusammen, und es bedurfte oft aller Liebenswürdigkeit, deren Eugenie fähig war, um die Herzen zu unsern Gunsten zu stimmen.