Part 9
„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.
Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.
Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.
„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora. „August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“ wandte sie sich an die beiden.
„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.
„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“
„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.
„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“
„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.
„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.
„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“
„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.
„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“
Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“
Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.
„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“
„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“
„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“
„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“
„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“
„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf hier Nellie ein.
„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“
„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“
„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“
„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“ antwortete Ilse.
„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“
„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –
Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.
Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –
Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: „Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“
Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.
„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!
„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“
„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.
„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“
Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter „erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.
In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.
Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!
Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –
Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“
„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.
Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war.
Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.
Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.
„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“
Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
„O, haben Sie Ärger gehabt?“
„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend zusammenschlug.
„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.
„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.“
„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –
Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.
Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.
„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“
„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“
Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.
Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stundenlang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.
Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –
Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.
Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.
Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.