Aus Trotzkopf's Ehe

Part 2

Chapter 23,832 wordsPublic domain

In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre.

In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.

„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“

Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.

„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“

„Ja, Mutter, alles.“

„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“

Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“

Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn an.

„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten denkt.“

„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein.

„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhnlich,“ unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig bist, immer diese vielen Fehler!“

Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.

„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.“

Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.

„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.

„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“

Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet hatte.

„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“

Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.

„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte.

„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“ fragte sie freundlich.

Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu klappern.

„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn.

„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“

Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.

„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“ fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“

„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.

„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn das?“

„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete der Junge offen.

„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie etwas werden.“

„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich ihm beruhigend über das blonde Haar.

Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell hinaus.

„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.

„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.“

„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.

Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.

„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.

„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.

„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem Tone nach.

„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll.

„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das gehört sich nicht.“

„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so etwas mit anhören.“

„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.

Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem Blicke.

„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“

„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen schwach.“

„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:

„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.“

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.

„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen sein.“

„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.

„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein.

„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat zu tun.“

„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich, daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu habe.“

Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben.

„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“

Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.

„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren Grübchen.

„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“

„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung.

„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“ rief Ilse begeistert.

Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie eben nicht.

„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.

„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.

Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins Schloß.

„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“

„Ja, aber wie so denn, Rosi?“

„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist und am besten gefällt.“

„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts Freies.“

„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“

„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig.

„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi fort.

„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“

„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“

Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.

„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“

Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er blieb stumm.

„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal anzufangen.

Keine Antwort!

„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“ das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“

Wiederum Schweigen!

Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der Tischdecke.

Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.

„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“

Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen.

„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“

Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.

Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie.

* * *

Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.

Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.

Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.

„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.

„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.

„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“

„Laß nur, _darling_, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.

„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“

Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wußte es aber besser.

„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.