Part 15
Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet über seine literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag macht. Nächst seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor Baron Paümann, „waren es vor allem die Redaktoren der Zeitschrift „Bohemia“ und der unter dem Titel „Album“ weit verbreiteten Romanbibliothek, die deren beider liebevoll verhätschelter Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre hatten. Freund Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch Kolatschen und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den heiligen Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen. Bald war er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben trat ich allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser, war Abend für Abend in geselligen Kreisen, machte sogar verschiedene Ausflüge aufs Land in benachbarte Schlösser. Der jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s angelegen sein, mich dem Kreise der bei ihm häufig versammelten Schriftsteller und Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten Worten rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin sind ihm unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung erreicht er aber bei den Namen: Erwein Nostitz und Schloß Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch ein Hauswesen, welch ein Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten Maßstabe! ... So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen Familien in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit und das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war der Großvater des gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel Gastfreundschaft macht dem greisen Poeten, der doch auf seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt hat, die Moldaustadt unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich Prag zum ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt, sei’s auch nur als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“ Und kommt er nicht selbst, so sendet er seinen Dichtergruß. Unter der langen Reihe der besten deutschen Namen, die die Prager Lese- und Redehalle der deutschen Studenten unter ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis nicht. Zum Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab, sandte der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten — er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein Rudloff sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene Wort, die Muse der Dichtung gegen die Musik. Er ruft die unsterblichen Genien der deutschen Sprache, denen auch dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen, um dann den Wunsch zu sprechen:
„Glückauf, glückauf! Du Stadt der Städte, Prag! Heil Böhmen dir, du schönes Land der Länder. Der Tonkunst alte Heimat willst nicht minder Du Heimat sein der Wissenschaft, der Dichtkunst! Glückauf! Heil sei mit dir und deiner Jugend.“
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[1] Vierzig Jahre. Berlin, 1844. S. 67 u. ff.
[2] Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater, herausgegeben von Karl Schall und Karl v. Holtei. 1. Heft. 2. Januar 1823.
[3] Teuber, Geschichte des Prager Theaters. 1888. III. — 64.
[4] Karl von Holtei. Eine Biographie. II. Prämie zu Kobers Album. 1856. Prag und Leipzig. Der anonyme Verfasser ist Dr. O. Storch.
[5] Neue Folge. I. Band. Nr. 48, S. 753 u. ff.
Arrestgebäude
Die Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, von denen jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“ und „Nordkaserne“.
Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf die Frage, welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat:
„Nord, Süd, West und Stab.“
Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß gab, füllt nicht die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An der Ecke der Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein entzückendes, quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb des Tores zu lesen.
Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum Eingang hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen Aufschlägen, Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht da, um das Nahen des inspizierenden Offiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der Wachkommandant ist.
In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet. Lang, lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles geändert und es ist nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann hat dieses Feuilleton nur den Charakter einer Reminiszenz, erzählt nur Gewesenes.
An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. Ich habe in einem meiner Bücher und in vielen Geschichten heiteres von meinen beim Militär verübten Streichen erzählt. Aber die Strafen habe ich immer nur mit kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei gewesen. Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens.
Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das vergitterte Haus. Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden exerzieren, „durfte“ an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum „strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch.
In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die — wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte.
In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte.
Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir abgenommen; ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige, der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht auf solche Gedanken kommen.
Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.
Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht.
Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken. Kalt ist es auch.
So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt herbei und fragt mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre ich.
„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur Antwort.
Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum Wachkommandanten hinunterführt.
Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.
„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe.
„Ich will trinken,“ melde ich nochmals.
„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.
Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.
Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite bläst: dann bringt er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich einhülle und vergeblich zu schlafen versuche.
Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann geht auch er.
Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben sich — wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist — hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten.
Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73. Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal „im Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt und der Beruf als „empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist.
Alt-Prager Mensurlokale
In Prag ist es mit den Studentenmensuren wesentlich anders als auswärts. Inmitten des nationalen Kampfes muß selbst dem krassesten Füchslein der Gedanke aufdämmern, daß das Waffenspiel doch mehr als ein Spiel, daß es Probe und Erziehungsmittel sein soll. Und trotzdem in Prag wohl keinem Studenten Kodex, Komment und Couleurpolitik zum Lebensinhalt werden kann, weil er sich vor ernstere Aufgaben gestellt sieht, wird hier seit Jahrzehnten eifrig gefochten. Dabei aber erschwert der erwachende und bald zur Herrschaft gelangte politische Haß die Zusammenkünfte der deutschen Studenten. Von einem dunklen Schlupfwinkel zum anderen mußten sie ziehen, von einem Ausflugsort zum andern, und wenn sich jemand der Mühe unterzöge, nach den Mensurbüchern der Prager Korporationen eine Liste der Paukböden zusammenzustellen, so würde dies nicht bloß ein vielsagender Beitrag zur Geschichte des Farbenstudententums, sondern auch eine bemerkenswerte Illustration zur politischen und kommunalen Geschichte dieser Stadt sein.
Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer Kirche zum Korntor, von da zum Roßtor und weiter über das Pořitscher Tor hinaus bis zur Moldau führte, stand einmal das „Café Bohemia“. In der Hibernergasse, die freilich anders aussah, wie heute. Der Staatsbahnhof war dort, wo er heute ist, und stand doch nicht in der Mitte der Stadt, sondern an ihrer Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen, hatte ein Stück der Basteimauern fallen müssen. Rings umher aber stand der Wall noch breit und hoch, und an schönen Frühlingstagen konnte man geputzte Bewohner Alt-Prags die Serpentine hinaufstolzieren sehen, die von der Hibernergasse aus auf die Bastei führte. Dort oben stand das „Café Bohemia“, wo man einen guten Kaffee schlürfen und altvorzeitisch große Kipfel dazu essen konnte, und einen endlos weiten Ausblick auf die Wiesen und Felder gegen die Wiener Reichsstraße, auf jenes Gebiet genoß, wo sich heute Žižkow und ein Teil von Weinberge breitet. Vom Kaffeehause aus konnte man dann auf der Steinbrücke über den Bahnhof hinweg längs der Florenzgasse bis zum Pořitscher Tore promenieren. Im ersten Stock des Cafés war ein großer Saal, der manches fröhlich-schlichte Kränzchen und manchen denkwürdigen Kommers sah, wie jenen, der im Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte.
Hier focht man am Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die ersten Mensuren. Nach dem unglückseligen Ausgang des lombardischen Feldzuges versuchte man es in Österreich einmal statt des reaktionären Regimes, das sich so schlecht bewährt hatte, zaghaft mit etwas freiheitlicher Regierungskunst. Vielleicht wollte man die österreichische Bevölkerung, die durch die in Italien erlittenen Verluste und Mißerfolge verbittert war, einigermaßen entschädigen, indem man ihr mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Die Studenten, deren Organisationsbestrebungen im Jahre 1849 hinter Kerkermauern begraben worden waren, nützten jetzt den günstigen Wind. Das im Sommer 1859 im Gasthause „Zum Hopfenstock“ an der Ecke der Wasser- und Hopfenstockgasse errichtete „Bierherzogtum Lichtenhain unter Thus I.“ war der Beginn fröhlicher studentischer Vereinigung; die schwarzen Seidenkappen, welche die „Tabularotundisten“ 1860 in ihrem Kneiplokale „Zum Kleeblatt“ (Ecke Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der Straße trugen, waren der Anbeginn des Farbentragens. Nicht lange darauf stellten sich die Anfänge des Mensurwesens ein. Bernhard Stall, ein junger frischer Westfale, der in Bonn aktiv gewesen war, wandelte die „Tabula rotunda“ in die Verbindung „Rugia“ um, und die schlug bald mit der „Franconia“ Partien. Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten Kämpen.
Die erste Mensur, über die noch Aufzeichnungen vorhanden sind, ist zwischen den Mitgliedern zweier heute noch bestehenden Burschenschaften am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen einem Mitglied der „Carolina“, die bislang in einem anderen Basteilokale, im Café Schubert zwischen Roßtor und Korntor (etwa dort, wo heute die Čelakovskyanlagen sind), mit stumpfen Klingen und in Körben gepaukt hatte, und einem Aktiven der „Albia“ auf deren Bude. Die Mensurbücher melden hierüber: „Paukanten: Bursche Artur Liberda (Carolinae) und Bursche Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und Karl Rösch (Carolinae); Unparteiischer Julius Zuleger (Franko-Arminae). Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei Nadelstiche.“
Das Lokal, das der Schauplatz dieser Mensur und nachher ungezählter anderer war, war wohl das herrlichste und romantischeste, das man sich denken kann. Es war das in der Karlshofergasse stehende Lustschlößchen „Amerika“, dieses kleine Wunder Kilian Dienzenhoferschen Baukunst. In diesem Gebäude, über dessen Verwendung sich die Stadtgemeinde Prag jetzt den Kopf zerbrochen hat, war in den sechziger und noch in den siebziger Jahren eine freundliche Gastwirtschaft, und der Wirt hatte zwei entzückende Töchter, die ganz vortrefflich in den Rahmen des Lustschlößchens paßten. Hier hatte die „Albia“ ihre Bude, und hier wurde lange geschlagen. Man glaubte wirklich in einen Rittersaal zu festlichem Turnei gekommen zu sein. Und wenn’s einem der Paukanten etwas zaghaft zumute wurde, dann flößte ihm wohl der lächelnd ermunternde Blick der bunten Gestalten neuen Mut ein, die Johann Ferdinand Schors Meisterhand anderthalb Jahrhunderte vorher an die Wand gemalt hatte.
Die technischen Korps „Frankonia“ und „Suevia“ fochten inzwischen in dem Brettergasthaus „Smetanka“ auf den freien Gründen zwischen Žižkow und Weinberge, und die „Austria“ pflegte ihre Waffengänge im einstigen Gasthaus Eggenberg auszutragen, das hinter dem Aujezder Tor auf einer Anhöhe vor dem Kinskygarten stand.
Die Waffe, deren man sich bediente, war eine Prager Erfindung, die unter dem Namen „Prager Waffe“ — im Studentenjargon „Prager Plempe“ — an Deutschlands hohen Schulen als Eigentümlichkeit der Prager Studenten bekannt war. Sie war nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der alte ständische Fechtmeister in Prag, Maitre Le Gros, lehrte nämlich nur das Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels mit dem studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff mit der geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre focht man mit diesem Unikum. In dem alten Paukbuch des akademischen Korps „Austria“ (Seite 102 und 103) ist über die erste Schlägermensur in Prag folgende Aufzeichnung zu finden: „Anerkennungshatz des akademischen Korps „Moldavia“ (Prag) auf Korbschläger in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager Paukkomment auf Korbschläger. — Mensur auf Korbschläger 15 Minuten gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthause Eggenberg zwischen Herrn Phil. Kand. Josef Neuwirth, „Austriae“-Prag und „Saxoniae“-Wien (der jetzige Hofrat und Professor der technischen Hochschule in Wien) und Herrn Med. Stud. Rudolf Eckstein, „Moldaviae“-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur. Ludwig Stümmer („Moldaviae“) und Med. Karl Renn („Austriae“), als Unparteiischer MUC. Alois Pessina („Austriae“) und als Paukarzt MUC. Karl Zoerkler („Austria“). Die Mensur endete unentschieden. Die erste burschenschaftliche Schlägermensur fand am 2. April 1880 in dem Gasthaus „Zur slawischen Linde“ in der Inselgasse (heute Smetanagasse) statt: Eduard Gerson von der „Alemannia“ focht sie mit dem Prager „Teutonen“ und Wiener „Alben“ Paul von Portheim, der jung verstorben ist und dessen posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.“
Es gibt und gab wenige Gasthäuser im Weichbilde und in der Umgebung Prags, in denen nicht blitzende Schläger die mit Kolophoniumduft und Blutgeruch geschwängerte Luft sausend durchfahren hätten, in denen nicht schallende Eisenhiebe auf Klingen und Körbe gerasselt wären. Eine Zeitlang — so in der Zeit um die Kuchelbader Schlacht — gab es arge Persekutionen. Die Tschechen fanden Lust daran, die „Salamander“ — das war der damalige Ausdruck für das heutige „buršák“ — bei der Polizei zu vernadern, die Polizei witterte wieder in den geheimen Zusammenkünften der Studenten politische Konspirationen. So zogen die wehrhaften Mannen aus den Toren Prags „in die Wüste“ hinaus, und in den vergilbten Mensurbüchern stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so „Zum kleinen Prokop“ in Nusle, „Karl IV.“ in Wrschowitz, das „Mäuseloch“ in Straschnitz, „Bellevue“ in Nusle, „Georg von Podiebrad“ in Koschiř, der Pavillon im Paradiesgarten, die „Nusler Mühle“ u. dgl. Aber die Polizei fand alle diese Schlupfwinkel nach und nach heraus, und wenn auch mancher Polizeibeamte bei der Aushebung mit verräterischem Wohlgefallen und verdächtiger Fachkenntnis das Pfeifen der Mensurspeere probierte — was half das, er mußte doch die schönen Waffen konfiszieren. Der Chef des Sicherheitsdepartements hat die Türen des Polizeimuseums mit saisierten Schlägern und Säbeln sehr geschickt dekoriert ...
Von der Romantik des „Schipkapasses“, der als Sanatorium für Verwundete beliebt war und auf dem einmal eine Kuh bei einem Pistolenduell ritterlich verletzt wurde, und von den Schicksalen des Zimmermannschen Paukbodens „Vaclavbude“ hat Karl Hans Strobl in seinen Prager Romanen meisterliche Bilder gemalt. Es gibt gar viele einstige Prager Studenten, die ähnliche Erlebnisse und Reminiszenzen von anderen Prager Fechtlokalen aufzufrischen vermöchten. Zumindest hat jedem dieser Lokale die Veränderung der Stadt und ihrer Häuser eine Geschichte gegeben. Der Schreiber dieses hat u. a. selbst in einer längst der Assanation zum Opfer gefallenen Spelunke in der Zigeunergasse der alten Judenstadt gegen den Obmann des völkischen Lese- und Redevereins „Germania“, in einem noblen deutschen Hotel der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der heute im tschechisch-politischen Leben eine Rolle spielt, und gegen einen zionistischen Arzt — in einem verfallenen Klostertrakt gefochten. Ob heute noch Mensuren geschlagen werden, und wo — das möchten Sie gerne wissen, Herr Polizeirat!
Prags Erwachen
„Schon wieder ist’s Tag geworden.“ Man registriert dieses Faktum, wenn man die Türe schließt und auf die Straße tritt. Da drinnen spielen die Zigeuner den Rakoszy-Marsch zum Abschied, aber die aufpeitschenden Zimbaltöne dringen nur gedämpft heraus und haben in der Morgenluft ihre faszinierende Wirkung eingebüßt. Man knöpft sich fröstelnd den Rock zu, entzündet die letzte „Prinzesas“ und ist der Sonne gram, die schon wieder einmal über dem Wysotschaner Firmament aufgestiegen ist, bevor man noch zu Hause im Bette liegt. Man flucht über das teuflische Raffinement der Nachtlokalbesitzer, die in den sonst so verschwenderisch ausgestatteten Räumen keine Uhr anbringen. Man flucht auf Wein, Gesang und Weib. Man verflucht sich selbst.
Beim „Spinka“ bleibt man stehen. Die ersten Elektrischen fahren auf, immer in einer Richtung von der Remise kommend, so schnell, daß man denken könnte, man wäre in Berlin oder sonst in einer Großstadt. Aber bekanntlich wird das Tempo immer langsamer und erst um Elfe abends, auf dem Wege zur Remise, erlangen die Waggons wieder Schnelligkeit. Vom oberen Wenzelsplatz kündigen große Staubwolken das Herannahen der Hygieia an, den stattlichen Zug Prager Straßenkehrer mit dem Zeichen ihrer Macht, dem Kehrbesen. Sonst ist der Platz menschenleer, auf den sich die Prager sonst so viel einbilden, weil er die einzige Stelle ist, auf der sich hie und da das Großstadtgetriebe ent- und abwickelt, und weil er einen Inselperron hat wie der Potsdamerplatz. Auch das Kandelaber-Grandcafé fehlt schon beim „Spinka“. Die Cafétiere ist Punkt 4 Uhr mit ihrem geräderten Teehaus zur städtischen Sparkassa übersiedelt, wo sie den Marktweibern, den Fuhrleuten, deren Helfershelfern und den mächtigen Marktpolizisten einen heißen Morgentrunk kredenzt. Auch der Standplatz der Droschken ist verwaist. Nur der Polizist steht Tag und Nacht da; mißmutig wartet er mit heißem Sehnen auf den Missetäter oder mit noch viel heißerem auf die Ablösung. Höflich salutierend legt er die Hand an seinen Chanteclerhut, aber mit dieser Höflichkeit kontrastiert ein unterdrücktes Lächeln, das zu sagen scheint: „Du unverbesserlicher Flamender! Unsereiner wäre glücklich, schlafen zu können und muß Nächte aufbleiben, der da könnte schlafen und will nicht.“ Ich muß ihm doch wenigstens zeigen, daß ich nüchtern bin.
„Na, was war los während der Nacht?“