Aus Mitleid

Part 8

Chapter 83,605 wordsPublic domain

»Wie wir hören, wird die Wahl des Reichstags-Abgeordneten Schwatzler, der bekanntlich seiner Zeit mit einer Stimme Majorität siegte, nachträglich von der Wahlprüfungs-Kommission beanstandet. Es handelt sich um die Stimme eines Arbeiters Namens Simmel, zu ⁂, die seitens eines Vorstandsmitgliedes der deutschnationalen Partei zu Gunsten des Obengenannten für 1 M. gekauft worden sein soll. Eine Untersuchung ist im Gang; wir werden interessante Dinge zu hören bekommen.«

Der Teufel ist also wieder los! Gottlieb Simmel bebte vor Wut und Schreck. Es ist das Verhängnis dieser Stimme, das hinter ihm herhetzt. Das da draußen auf der Chaussee war nur eine kurze Gnadenfrist. Er weiß, das Verhängnis wird ihn in einen Abgrund hineinhetzen ...

Er wankte also, ganz verstört in seinen Sinnen, zur Arbeit auf die Chaussee hinaus. »Es giebt keinen Paragraphen für Sie!« Das gellte ihm stundenlang im Ohr. Das ist so gut als: er hat kein Recht zu atmen und zu leben!

Gegen Mittag fand sich der taube Chaussee-Aufseher ein. »Simmel,« ruft er überlaut, obgleich er zu flüstern wähnt, »Simmel, es thut mir leid, aber ich muß Ihnen kündigen« —

Das übrige hört der Simmel nicht mehr. Es tanzt ihm vor den Augen. Mechanisch hackt er noch eine Weile in dem harten Straßenkot. »Kein Paragraph — kein Paragraph!« immer lauter, immer unheimlicher surren und schwirren ihm die Worte im Ohr. Mechanisch setzt er die Beine und schlenkert die Chaussee entlang nach Haus.

Unweit des Städtchens war eine kleine Baumpflanzung, die jetzt im herrlichen Smaragd des jungen Frühlings prangte.

Simmel bog vom Wege ab, nach der Pflanzung hin. Seine stieren, wie betrunkenen Blicke flogen an den Ästen der Bäume empor, als wenn er da droben etwas suchte, das für ihn paßte. Endlich hatte er es gefunden. —

Unter den »Parlamentarischen Nachrichten« stand drei Tage darauf folgende Notiz:

»Wie wir hören, ist die Untersuchung wegen des ominösen Stimmenkaufs in ⁂ niedergeschlagen, da sich der Hauptbelastungszeuge erhängt hat. Die Wahl des Abgeordneten Schwatzler dürfte somit keine Anfechtung mehr erfahren.«

Des Kaisers Fünf

»Numero zwei!« sagte mein Vater und tippte mir von hinterrücks mit dem Finger auf die Schulter, während sein Kopf nach dem offenen Fenster hinübernickte, mit einem feinen wetternden, ironischen Ausdruck um die bartlosen Lippen, der mir überhaupt nie gefallen hatte.

Das Fenster unserer gemeinsamen Kontorstube stand auf, und über die im Sonnenduft flimmernden Gärten hinweg kam aus der Ferne in regelmäßigen Pausen ein dumpfer Donnerhall.

»Hm!« nickte ich mißmutig dagegen, nur kurz aufschauend. Es war an diesem Tage wirklich viel zu thun in der Korrespondenz, und ich duckte den Kopf mit emporgezogenen Schultern wieder tiefer auf meine Arbeit nieder. Sehr hübsch und patriotisch von Papa, daß er sich die Zeit nahm und nun halblaut die fernen Kanonenschläge zu zählen begann!

»Das laß ich mir doch gefallen — so ein Prinz Wilhelm! — Nun schon der zweite binnen Jahresfrist!« fing er wieder an, offenbar durch mein gleichgültiges Wesen geärgert. »Bum! Achtzehn — neunzehn! — Wie deutlich man den Schall diesmal vom Lustgarten her vernimmt — zwanzig! — ich dächte im vorigen Jahr, bei dem ersten Prinzen, klang es nicht ganz so klar herüber —ein—und—zwanzig—zwei—und—zwanzig —«

Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! — eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....

Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.

Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir die Anklage.

Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd, schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren ~wir~ ja gar nicht damit gemeint!

Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche, kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares »nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher, ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.

Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde, auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten. Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange! — von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«

Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen, naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.

Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....

Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten, sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter: »Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’ doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen — sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren Nachexercierer!«

Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt: »Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.

»Fünf—und—zwanzig — — sechs—und—zwanzig!« zählte mein Vater weiter, immer schärfer accentuierend. »Ich bin doch neugierig, ob es ein Prinz oder eine Prinzessin wird —«

Ich zuckte stumm die Schultern und fuhr in meiner Arbeit fort. Er wurde immer lebhafter, je mehr die Kanonenschüsse sich der entscheidenden Zahl näherten. »Eine Prinzessin zur Abwechselung wäre auch ganz nett — sieben—und—zwanzig — bum! das war ein gehöriger Knall! — na macht doch vorwärts, da draußen!« rief er nach dem offenen Fenster hin, mit komischer Ungeduld.

Jetzt noch drei, dann zwei Schüsse — »Dreißig!« rief er feierlich. Dann still, erwartungsvolles Schweigen ringsum, selbst das Bienengesumm im Garten schien anzuhalten, um zu lauschen, ob es eine Prinzessin und damit das Freudenschießen zu Ende.

»Bum—mm!« Ein Kanonenschuß, so freudig laut erschallend, daß das Glas dort auf der Wasserkaraffe ein leises Klingeln bekam.

»Bumm!« Mein Vater schlug dabei mit der Hand auf das Pult — »hurrah, ein Prinz! Numero zwei! Famos! Herrlich! — Na, freust du dich denn nicht mit, Junge?«

»Famos, Papa —« drückte ich kleinlaut hervor, mit einem erzwungenen Lächeln.

»Was wird sich der alte Kaiser freuen!« meinte mein Vater.

»Na ob!« erwiderte ich. Diesmal war es doch keine bloße Anspielung von Papa. Welch ein unausstehlicher Egoist bin ich doch, daß ich mich nicht einmal von Herzen zu freuen vermag über fremdes Glück — da es doch sogar ein Kaiserglück ist!

An Arbeiten war nicht mehr zu denken, solange der dumpfe Donner der Kanonenschüsse nun durch die Luft daherrollte. Und es wollte eine Ewigkeit dauern, bis der Prinz seine ihm zustehende Schußzahl erhalten. Oft schienen sich die Schläge zu beeilen, dann kamen wieder um so längere Pausen. Papa zählte nun nicht mehr mit, desto andächtiger lauschte er, und jeder Schuß zitterte wie ein froher Schein über sein Antlitz.

Wie würde er sich erst freuen, »wenn« — ach, dieses »wenn!« Mit einer krampfhaften Anstrengung, der dummen, quälenden, neidischen Anwandlung Herr zu werden, rief ich plötzlich »Neunundsechzig!« und horchte, und zählte weiter — es war das beste!

»O wir sind ja viel weiter,« fiel Papa ein. »Du brauchst keine Sorge zu haben, die dort verzählen sich schon nicht.«

Mein Trotz aber hieß mich weiterzählen, aufs Geratewohl, ins Blaue hinein. Plötzlich hörte das Schießen auf. Wieder die Stille, eine so seltsam feierliche Stille, die allmählich erst wieder von dem vielerlei Tagesgeräusch überdeckt wurde.

Papa nickte mir zu, und ich nickte zurück über das Pult. Dann senkte er den Kopf, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Aber ich merkte seinem hastigen Gekritzel an, wie erregt er war. Jetzt schwellte ein Seufzer seine Brust — verriet der nicht nur zu deutlich, welch eine Enttäuschung sich unter all der lauten Freude versteckt gehalten, um nun in der Stille doppelt fühlbar zu werden!

Ich war froh, als der Schlag unseres Regulators mich aus dieser Pein erlöste. Mein gutes Weib ... der Gedanke an sie begleitete mich durch das Gewühl der Straßen. Sie wird die Schüsse ebenfalls vernommen haben — und was hat sie dabei empfunden! Im Grunde eine Thorheit, sich darüber zu grämen — waren wir denn nicht glücklich? lebten wir nicht in Eintracht und Treue?

Aber die Gaukelei dieser hergezauberten Glücksbilder wollte nicht recht wirken hier auf der Straße. Schien es mir doch, als hinge ein verklärender Schein auf all den sonst von Geschäftsnot und erbärmlicher Eigensorge verzerrten oder verhärteten Gesichtern. Sie gedachten des neugeborenen Prinzen .... Zitterte nicht immer noch der Freudendonner durch die blaue Luft? Leuchtete nicht das Grün der Bäume so festlich?

Wie ein körperlich schwerer Schatten fiel es über mich, als ich unsere Hausthür durchschritt und das zum Frösteln kühle Treppenhaus hinanstieg. Es war so still in der Wohnung, und meine Tritte knarrten hart und aufdringlich, aber eine andere Stille als jene voll Freude vibrierende, die dem letzten Kanonenschuß gefolgt.

Emmy erhob sich von ihrem Lieblingsplatze dort in dem von Gewächsen und Blumen gefüllten Erker — führte sie nicht selbst, die Kinderlose, solch eine Art Blumendasein? Ihre Arbeit in der Hand, schwebte sie auf mich zu, mit einem feinen Lächeln des Willkomms; um ihr goldblondes Haar flimmerte das Tageslicht, und ihre großen dunklen Augen strahlten mir entgegen.

»Du kommst heute etwas früher, Kurt?«

Ach, ihre liebe Stimme, die mir wie eine Rührung zum Herzen drang! Und ich umarmte sie lange, länger und inniger als sonst. Als sie ihr Köpfchen von meiner Schulter erhob, glaubte mein argwöhnischer Blick zu bemerken, daß ihre Augenlider gerötet waren — gewiß hatte sie geweint, und — — »deshalb!«

Aber kein Wort davon, bis wir an unserm Mittagstische saßen. Noch nie war mir diese Tafel so ungeheuerlich groß erschienen; die Aussteuer hatte wohl auf ganze Reihen kleiner Gäste gerechnet; wie verloren kamen wir uns vor, wenn wir so die eine Ecke besetzt hielten, und die weiten Flächen des Tischtuches sich in schneeiger Einsamkeit vor uns breiteten — ja heute schien die Tafel sich noch besonders gereckt und gedehnt zu haben.

Ich nahm mir Mut und sprang offen gegen das Thema an: »Du hast doch den Kanonendonner gehört, Emmy, mein Liebling?«

Sie nickte: »Ein Prinz, ich weiß — der erste ist kaum ein Jahr alt —«

Sie gab sich Mühe, die Freude zu heucheln mit ihrem erzwungenen Lächeln. Wie süß sie aussah! wie köstlich sie blühte in ihrer Gesundheit, in ihrer von keinem Hauch getrübten Schöne! Eine Art Zorn flog mich an, und zwischen den Zähnen drängte ein leiser Ruf hervor, der fast wie eine Drohung klang, eine Drohung gegen das Schicksal .... Ich faßte ihre weiße warme Hand und preßte sie: »Na nimm dir es nicht zu Herzen, mein liebes, armes Weibi —«

»Arm« hatte ich sie genannt! Gewiß war sie arm, einsam und arm trotz meiner Liebe — wiesen nicht die Finger der ganzen Verwandtschaft auf diese Armut hin? Das Wort hatte sie getroffen, in ihren Augen schwollen Thränen, und der letzte Zwang des Lächelns verzitterte um ihre Lippen.

Ich war aufgestanden und hielt ihr schluchzendes Köpfchen in meinen Händen: — »Eine Dummheit! Eine Lächerlichkeit! I was werden wir uns das so zu Herzen nehmen! — komm, komm her! — ich hab’ dich lieb, du liebst mich! — wir beide, ach wir beide! — ist das nicht genug?«

Sie wehrte leise, mit einem Wiegen ihres Kopfes, und schluchzend brach ihr lange verhaltener Schmerz hervor. O sie hatte es längst gemerkt, wie sie bei unserer Familie nicht für voll angesehen würde — »deswegen!« Papa und Mama und Tante Eckberte hatten ja nur einen Gedanken — — »den!« Sie wäre ihnen allen die bitterste Enttäuschung! Und es würde nur noch schlimmer werden, je mehr die Aussicht schwände. »Du selbst, Kurt, — du sollst sehn — du selbst wirst mich zuletzt nicht mehr lieb haben!«

»Wa—a—as?!« Ich lachte hell und übertrieben kräftig auf.

»Du bekommst es auch einmal satt, fort und fort auf den Vorwurf bei den Deinen zu stoßen —« schluchzte sie weiter.

»Na, du Närrchen, wer sagt denn, daß wir diesen Vorwurf nicht noch eines Tages tüchtig zu Schanden machen.« Ich zählte ihr verschiedene Fälle aus unserm Bekanntenkreise auf. »Und nun komm! Wir müssen uns selber verlachen wegen unserer Thorheit! Und sag’ einmal, Liebling, Weibi, ist das wohl patriotisch? Geschwind nimm dein Glas! Statt anzustoßen auf das Wohl unseres jüngsten Prinzen, sitzen sie und jammern und verzagen! — da soll doch gleich ....«

Und ich ergriff mein Glas und hielt es gegen das ihre; zögernd nahm sie das, und das anstoßende Krystall gab einen hellen, freudig klingenden Ton.

»So ist’s recht! Und nun kein Wort mehr davon! Ich hab’ dich lieb — du hast mich lieb — von einer Chimäre laß’ ich mir meine Liebe nicht über den Haufen werfen! Auf die Gesundheit also des kleinsten aller Königlichen Hoheiten!«

Durch ihre Thränen lächelte sie innig, während der Wiederschein des goldgelben Rheinweines wie Sonnenlicht über ihre Züge flimmerte. —

Ein Jahr darauf kam ich zufällig über den Opernplatz nach dem Schloß zu, als gegen die Museumsseite des Lustgartens sich Auflauf und Gedräng bemerkbar machte. Was fragte ich noch? — es war jährig! es war wieder Juli! — natürlich ein neuer Prinz! Soeben ist die Artillerie dort am Anfahren, um auch diesem Sproß am kräftigen Hohenzollernstamm den hundertfach dröhnenden Willkommgruß zu entbieten.

Da packte mich ein lächerlicher Zorn. Jetzt ins Kontor? Nimmermehr! Damit mir Papa abermals wie im vorigen Jahr auf die Schulter tippt, mit seinem höhnischen »Numero Drei, mein Junge!« Abermals soll ich die Qual von hundert und ein Kanonendonnern wehrlos ertragen, jeder Schlag eine Mahnung und ein Verweis. Schießt Ihr, so viel Ihr wollt, ich mach’ mich davon ....

Hüpfte also eilends in eine »Erster« und befahl dem Kutscher, die Linden herunter zu jagen — wohin? — nun einerlei, nach dem Tiergarten zu, tief in den Tiergarten hinein! Der Kerl auf dem Bock blickte mich unter dem Lederrand seines Hutes etwas verwundert an: ich wollte mich doch nicht etwa totschießen dort im Gebüsch — und so eilig?

Aber die Kanonenschüsse waren schneller als mein Droschkengaul. Jetzt schütterte der erste Donner durch die Luft. Die Leute auf dem Trottoir blieben stehn und horchten, andere nickten, die wußten schon — wieder breitete sich der freudige Schein über die Gesichter, wieder bekam das Grün der alten Linden ein so festliches Ansehen. Und Schuß auf Schuß mir nachjagend in den Tiergarten hinein, ja dort in der Waldesstille hallte es erst recht deutlich über den Wipfeln. Umsonst dieser Qual zu entfliehen!

Vielleicht war es nur eine Prinzessin, und das Geschieße hatte bald ein Ende. Da wandte mein Kutscher seinen breiten Rücken ein wenig herum und warf über die Schulter die Bemerkung hin: »Is schon wieder’n Prinz — dacht’ ick mir doch!«

»Wieso? haben Sie gezählt?« rief ich dagegen, und meine Stimme mochte wohl die Erregung nicht verbergen.

»Ick wußt’ schon, auch ohne zu zählen — bei’n Prinzen Wilhelm is det schon nich’ anders. Jedet Jahr eene Nummer — lauter Jungens! —«

»Fahren Sie um den See herum zurück!« befahl ich. Hatte ich wohl nötig gehabt, in den Tiergarten zu entfliehen, um mir den Prinzen Wilhelm als ein vorbildliches Muster auftrumpfen zu lassen? Das hätte ich auch im Kontor haben können!

Doch der Schreckliche dort auf dem Bock ließ nicht nach. Der Kanonendonner reizte seinen eignen Vaterstolz; nach einer Pause wandte er sich abermals herum: »Stücker acht hab’ ick och. Nich lauter Jungens, Mächens müssen och sind. Det wird Prinz Wilhelm och insehn dhun, und det nächste Jahr um die Zeit, wann sie wieder knallen, da können se wat mit’s Pulver sparen — nu is en Mächen dran.«

Genug! Welche Aussicht! Ich fürchtete damals, der Mann möchte recht haben mit seiner Prophezeiung der Prinzen-Serie. »Jedet Jahr ene Nummer ....« Jedes Jahr wohl ungefähr um diese Zeit würde ich mir meine eigne Kinderlosigkeit mit Kanonengeknall vorwerfen lassen müssen! Es war zu viel! Ich gab dem Kutscher die Adresse unserer Firma an — ich wollte hin, mich an das Pult setzen und dem Angriff von der anderen Seite energisch stand bieten — ich wollte mir dergleichen Anspielungen und Trümpfe ein für allemal ernstlich verbitten.

Unterwegs aber stellte sich mir immer deutlicher die vorigjährige Scene an unserm Mittagstische dar. Mein armes Weibchen — diesmal würde sie noch ganz anders unter dem alle Poren des Hauses durchdringenden Kanonendonner gelitten haben! Denn die unselige geheime Gegnerschaft, die sich innerhalb meiner Familie gegen sie gebildet hatte, war im Laufe dieses Jahres noch gewachsen. Es klingt grausam, dennoch muß ich die alten Leute nicht ganz ohne Verteidigung lassen. Meines Vaters Stammesbewußtsein litt unter der Aussicht, daß unsere Familie ganz verlöschen müßte; die Firma, die alte, angesehene Firma, die den Wandlungen von Jahrhunderten zu trotzen schien, so fest war sie gegründet, sollte in absehbarer Zeit an andere Namen und Menschen übergehen — die fixe Idee dieser enttäuschten Großvaterhoffnungen war in ihrer Beharrlichkeit wohl erklärlich, mußte sie nicht im Gegenteil immer mehr an Schärfe und Bitternis zunehmen? Die ganze Familie war zuletzt auf diesen Ton gestimmt, die Sticheleien mehrten sich, immer deutlicher die Anspielungen, immer häufiger die Verstimmungen zwischen uns Verbrechern und dem Gros der andern Partei. Unser Argwohn lauerte auf Schritt und Tritt der neuen Demütigung. Ja, als eine andauernde Kränkung empfand es meine gute Frau. Sie hatte recht gehabt: man sah sie nicht für voll an in unserer Familie; allerlei dumme kleine Geschichten, die vor unserer Ehe gespielt und die das entsetzliche liebe Mein und Dein betrafen, wurden ausgekramt, von neuem wurde an ihrer Mitgift gemäkelt und die Standesgemäßheit meiner Heirat, über die der Adel einiger Hunderttausende von Mark zu entscheiden hatte, abermals auf die Wagschale gelegt. Zwar nicht vor unsern Augen, doch der Klatsch wisperte uns dies und das ins Ohr, die Dinge natürlich vergrößernd.

Unsere Besuche hatten sich mehr und mehr auf festliche Gelegenheiten eingeschränkt. Da unterstanden wir aber auch um so erbarmungsloser dem Gemäkel und der Kritik der ganzen Verwandtensippe. Ein böses Wort wurde mir zugeraunt: man hätte sich an maßgebender Stelle geäußert, meine Frau wäre unbedeutend, eine schöne Puppe, die aber nichts bedeutet. —

Emmy war unter der Last ihres Verbrechens immer stiller geworden, sie hatte fast ihre alte herzige Fröhlichkeit eingebüßt, wenigstens ihnen gegenüber. Gewiß lag die Acht meiner Familie wie ein böser Bann auf ihrem Herzen — kein Wunder, daß die Kritik ein wenig recht bekam! Freilich bedeutete sie nichts, da sie der Firma keinen Nachfolger geschenkt — eine Mutter zu sein, ist stets ein Verdienst! »Unbedeutend« — ein schlimmer Hieb für einen Ehemann, der in seiner Frau den Ausbund aller äußeren und seelischen Vorzüge anbetete!

Wie immer blieb etwas von solcher Kritik als ein schmerzlicher Stachel hangen. Auch unser schönes intimes Glück bekam von Zeit zu Zeit einen häßlichen Hauch. Eine bange Ahnung beschlich mich zuweilen: — sollte unserer Liebe und unserm Frieden eine Gefahr drohen? Hatte sie mich nicht vor Jahresfrist gewarnt: »Zuletzt wirst du selbst mich nicht mehr lieb haben, Kurt —«

Eine ungeheure Angst erfaßte mich plötzlich. »Nicht Markgrafenstraße!« rief ich dem Besitzer der Acht, »aber nicht lauter Jungens,« zu. »Fahren Sie Kurfürstenstraße!«

Der lederne Kutscherhut reckte sich kurz auf mit der stummen Bemerkung, was es doch für Käuze gäbe unter den Fahrgästen; dann in einer equipagenmäßigen Kurve lenkte das Gefährte zur Seite, um den Kanal entlang nach meiner Wohnung zu rollen.