Part 10
Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben, daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel! Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen. Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »=prussien=« in Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens — nein, das nicht!
Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße, die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten, aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.
Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie — deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«
Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten. Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung) nicht um so brutaler erscheinen?
Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen, obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«
Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?
»=Léonie= — =ma chérie= —«
Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend. Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin, die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des Erkers hinein.
»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen, der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört die Bahn —«
»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend jemand von ihnen allen — ich — ich —«
Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.
»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber auch sie, auch sie nicht!«
»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«
»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige, nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«
»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — =pardon!= — das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! — Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung — seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für immer ...«
Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender Ächzton.
Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden, der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! — Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:
»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir waren blind. Ich sage ~wir~ — was sehen wir Väter zumal? Aber du, Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«
»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.
»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle ausgesprochen haben; er gestand es selber.«
»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären. Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«
»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«
Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung, doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute, von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung, dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....
Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten. Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt, wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte. Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.
»Wieso? — Sie wünschen mitzufahren, mein Fräulein?« Und seine Überraschung drückte sich noch mehr in dem Blick seiner Augen aus, als in dem Ton der Worte: — welch ein Augenpaar! Der Pionier, der in seiner rußgeschwärzten Uniform als Heizer waltete, hatte gerade die Eisenthür des Feuerraums geöffnet, und der grelle Loderschein überflutete die Gestalt der Dame: — schlank, elegant, jung, ein blasses Gesichtsoval, von dem schwarzen spanischen Spitzenshawl umrahmt, und die Augen mit ihrem eigenartigen Mandelschnitt, die ihn aus ihren seltsam weiten Pupillentiefen in ihrer feindlich unnahbaren Kühle trafen; keine Spur einer freundlichen oder bittenden Regung in dem Antlitz, die ihr immerhin gewagtes Ansinnen unterstützt hätte, im Gegenteil, zwischen den Brauen standen zwei kurze, senkrechte Falten eingegraben, die sonst wohl fehlten, die deutliche Signatur des Preußenhasses.
»Mein Herr, ich bin keine Spionin —« kam es aus dem, wenn er nicht sprach, festgepreßten Mund; eine Stimme von dunklem, altartigem Ton, der unter freundlicheren Bedingungen etwas Herzbezauberndes haben mochte, für solche musikalisch Raffinierte, die sich durch den Sprechklang einer Stimme überhaupt bezaubern lassen können.
»Oh, ich zweifle nicht —« gab er zur Antwort; nicht ganz seine Überzeugung. »Aber, was kann Sie, mein Fräulein, zu diesem Wunsche veranlassen?«
»Eine Bagatelle für Sie, mein Herr, eine Wichtigkeit für mich, wenigstens für meinen Vater. Ich bin die Tochter des bekannten Schriftstellers S.« (wir wollen hier die persönlichen Dokumente hinter Buchstaben verstecken.)
»Ah —« entfuhr es ihm, als ob er den Namen kennte und gar verehrte, doch nichts als eine Anwandlung der Galanterie, von seiner kriegsmäßigen Abenteuerlaune angestachelt: eine junge, schöne, elegante Französin, tapfer und unerschrocken, da sie solches unternimmt ... was wird er sich weigern?
»Wir sind aus Paris geflüchtet, mein Herr, vor der Einschließung; doch gelang es uns nicht, bis zu unserm Besitz vorzudringen, da mein Vater hier in P. erkrankte. Es wäre uns sehr wichtig gewesen, diesen Besitz zu erreichen, um ihn zu beschützen. Mein Vater ist ein Sammler, Schloß La Mireille birgt die kostbarsten Kunst- und Bücherschätze, es ist berühmt deswegen. Wir glaubten es in diesen Tagen schon in Gefahr —«
»Sie können beruhigt sein, mein Fräulein, es wird kein preußisches Bajonett eines ihrer Bilder zerfetzen, wie es von uns Barbaren heißt, auch pflegen wir nicht mit kostbaren Inkunabeln einzuheizen —« fiel er ein, zur Wahrung seiner Preußenehre.
Und in der unwandelbaren Kühle erwiderte sie mit dem Gemeinplatz: »=À la guerre, comme à la guerre!= Wir möchten hindern, was zu hindern ist. Da mein Vater nicht transportfähig, meine Brüder bei der Nordarmee fechten, so habe ich es übernommen, unsre Kostbarkeiten zu schützen. Ich sah von unsrer Wohnung aus, wie man sich zu der Fahrt anschickte, und ich habe mich ohne Zaudern auf den Weg gemacht, wider Papas Willen. Gilt es doch, ihm Beruhigung zu verschaffen. Übrigens handelt es sich auch um die Bergung höchst wichtiger Familienpapiere.«
»Unsre Fahrt ist nicht ohne Gefahr, mein Fräulein —«
»Ich fürchte mich nicht! — niemand!« setzte sie hinzu, und diesmal vibrierten die beiden tiefen Fältchen zwischen den Brauen ein wenig.
Ein kurzes, stummes Examen, das sein Blick in ihren Mienen anstellte, dann die halbdrohende Frage: »Es verhält sich so, wie Sie sagen?«
»Monsieur!« kam es zur Antwort, es klang wie Stahlesklirren.
Auf dies Wort hin seinerseits eine Geste, die sie zum Aufsteigen aufforderte, mit dem abermaligen Versuch der Galanterie. »Eine I. Klasse kann ich Ihnen freilich nicht anbieten. Wir fahren gleich ab, bitte!«
Oben auf dem Plateau, zwischen Tender und Lokomotive wies er ihr einen Sitzplatz zwischen den Kohlen auf mitgenommenen Decken an, den sie ablehnte, indem sie sich in die eine Ecke des Schutzdaches schmiegte. Nachdem die bewaffnete Eskorte eingestiegen, gab er den Pionieren das Zeichen zur Abfahrt.
Anfangs ging die Fahrt mit einiger Geschwindigkeit. Dann als die letzten Lichter der Stadt in der Ferne verschwunden waren, begann die Maschine ihren Lauf zu verlangsamen, denn ringsum, vorwärts, rückwärts nichts als das schwarze Land, die schwarze Nacht des wolkenbedeckten Himmels, ein gleichsam schwarzes, unheilbrütendes, alles umhüllendes Schweigen, alle Signale gelöscht, die Wärterhäuser verlassen, nur der Schein des Feuers, der von Zeit zu Zeit, wenn die Esse geöffnet wurde, über Ackerfurchen und dürre Hecken, gefrorene Wassertümpel, einsame Wegestrecken und schlafende Häuser wie gespenstisch hinhuschte, die übrige Dunkelheit noch um so tiefer verdichtend. Nun begann es zu schneien, ein immer stärkeres Gewirbel, das hier, in der sausenden Fahrt, eine sturmartige Heftigkeit annahm, eine zweite Nacht, die mit ihrem fort und fort niederflatternden Schleier die andre verdeckte; selbst die Flocken nahmen außer dem Bereich der Feuerstreifen, wo sie roten Funken glichen, eine schwarze Färbung an.
Und vorwärts in die Nacht hinein, mit wechselndem Tempo; jetzt war es nur ein Schleichen, ein vorsichtiges Tasten, als wenn die Maschine irgend einen heimtückisch über das Geleise gelegten Stamm, oder eine Ausrenkung der Schienen witterte; ein paarmal, so an den Brücken, wurde gehalten und die Bahn rekognosziert. Dann aber, wie in neu gewonnener Sicherheit ging es in einem tollkühnen Gejage wieder los, als schämte man sich des Zagens; bis auch dieser Ansatz zur Eile wieder erlahmte und das fast schrittweise Vorwärtstasten wieder begann. Die Dunkelheit scheint wie ein körperlich zu überwindendes Hindernis; das langsame Vorwärtsdringen ist wie ein Anstemmen dagegen, und der fort und fort wirbelnde, tobende und in peitschenden Streifen anwehende Schnee macht die Illusion dieses Anstemmens fast zur Wirklichkeit.
Wie lange dauerte solche Fahrt? Ihn, den Lieutenant, dünkte sie viele Stunden lang. Und seltsam, wie er sich ihr Ende nicht einmal herbeiwünschte — wie er fort und fort so weiterzufahren wünschte — ein seltsam thörichtes Gelüste, denn sie, deren rätselhafter Bann ihn zu solchem geheimnisvollen Wunsche stachelte, hatte keinen Blick für ihn, für niemand von den Prüssiens, die in ziemlicher Enge den schmalen Raum besetzt hielten. Zweimal hatte er versucht, ein Wort an sie zu richten, eine Frage, ob sie nicht fröre, ob er ihr ein Glas Wein zur Stärkung anbieten dürfe. Nichts, kein Wort, nur ein kühl abweisendes Kopfbeugen. Sie schien unempfindlich gegen die Dunkelheit, gegen den Schnee, vor dem sie unter dem Schutzdach nur teilweise gedeckt war; auch gegen die eigenartige Gefahr — ja diese schien sie zu reizen, und ihm war es, wenn die Maschine zum neuen Vorrasen ausholte, als umspielte ein ganz unmerkliches Zucken der Befriedigung ihren schön geschnittenen Mund. Ihre Augen blieben unverwandt durch das runde Lugfenster nach außen gerichtet, in das unaufhörliche Gewirbel hinein.
Und so war er in ihren Anblick versunken, wie ihn dünkte, stundenlang; stand und sah und staunte und empfand eine seltsame, schmerzlich süße Freude, die Blicke an ihrer geheimnisvollen Schönheit zu weiden, seine Sinne an dem herben Hauch der Tapferkeit zu erquicken, der sie umwehte und ihr Wesen hinaushob über die gebrechliche Koketterie ihres Geschlechts. Er hätte viel darum gegeben, ihr den Ausdruck seiner Bewunderung nur mit einem Worte andeuten zu dürfen — ja nur mit einem Blick — besonders dann, wenn die Lichtflut der geöffneten Esse sie mit dem feurigen Mantel umfloß und ihre Gestalt wie in einer überirdischen Glorie leuchtete. Auch gegen den blendenden Feuerschein schien sie unempfindlich, nur blieb sie zuletzt nicht mehr ganz so regungslos starr; jetzt begann sie von Zeit zu Zeit den Kopf um die Eisenkante des Schutzschirmes vorzubeugen, des scharfen, eisigen Wehens nicht achtend. Und sie horchte mit gespannteren Augen.
»Herr Lieutenant,« sagte sie plötzlich, »ich bitte Sie, in wenigen Minuten halten zu lassen! Es ist hier!«
»Aber wieso?« entfuhr es ihm verwundert. Denn nichts als das Schneegetriebe da draußen.
»Ich höre unsere Hunde. Es ist hier! Bitte!«
Jetzt erst vernahmen die andern durch das Gedröhn und Gerassel und vieltönige Geräusch des eisernen Ungeheuers ein Gekläff und Geläut von Hunden. Jetzt war es, als huschte der Feuerschein, das Gestöber durchdringend, über das steile Dachwerk eines schloßartigen Gebäudes.
»Bitte!«
»Halt!« befahl der Lieutenant. Mit kreischendem Laut stoppte die Lokomotive.
»Ich danke Ihnen! Sie haben mir — uns (verbesserte sie sich) einen großen Dienst erwiesen —« Damit raffte sie die Kleider zusammen und stieg hinab.
»Mein Fräulein —«
Er wollte ihr nach. Er durfte sie doch nicht so in die Nacht hinein ... Als wenn er ihr dennoch etwas zu sagen hätte — mochte sie es hören wollen, oder nicht ... Aber fort! Er stand und sah ihre Gestalt durch das Gestöber dahineilen, immer undeutlicher, bis sie gänzlich in der Nacht verschwand. Nichts als das Gekläff der Hunde, das jetzt laut durch die Nacht hallte, von der großen dunklen Masse her, die seitwärts des Schienenstranges durch den Schnee dämmerte.
»Befehlen der Herr Lieutenant weiter zu fahren?«
»Los!« rief er dem Pionier zu — es klang wie ein Ruf der Befreiung von dem hexenhaften Bann, von der sinnbethörenden Vision. »Und geben Sie ein paar tüchtige Sporen!«
Die Maschine nahm einen tollen Anlauf und raste in die Nacht hinein, um bald darauf in einem von Soldaten wimmelnden Bahnhof zu münden, dem Ziel der abenteuerlichen Fahrt.
Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.
Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —
Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf, willst du dafür sorgen?«
»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten, frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht unabsichtlich).
»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich möchte mich besinnen — ich will mich ...«