Aus meinem Leben

Part 4

Chapter 43,673 wordsPublic domain

Ich selbst habe bei dem Schwager als Knabe in den Schulferien mich öfters aufgehalten und in der mir neuen Umgebung des mächtigen Stromes, des eigentümlichen Geschäftsbetriebes und der weit verzweigten und kinderreichen Familie ~Mauritz~ viel Unterhaltung und Freude erlebt. Leider starb meine Schwester ~Laura~, eine gesunde und kräftige Frau, bald nach der Geburt des dritten Kindes ~Alfred~, der jetzt als Direktor der Aktienbrauerei, als Stadtverordneter und auch sonst in der Öffentlichkeit vielfach tätiger Mann in Dortmund eine sehr angesehene Stellung hat. Sie scheint das Opfer einer Infektion gewesen zu sein, über deren Natur ich aber keine bestimmte Auskunft erhalten konnte. Fünf Jahre später, mitten im Kriege 1870 heiratete der Witwer meine dritte Schwester ~Bertha~, die dem Gatten auch drei Söhne schenkte. Sie starb leider auch früh an einer Lungenentzündung 1888. Mein Schwager ~Fritz~ ist ihr etwa 10 Jahre später im Tode gefolgt, was für meinen Vater im hohen Alter ein besonders schmerzlicher Verlust war.

Von seinen 6 Kindern sind nur noch 2 übrig geblieben, der eben erwähnte Brauereidirektor und aus der zweiten Ehe der Sohn ~Otto~, der in Nürnberg als Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik tätig ist.

Meine zweite Schwester ~Emma~ hat ebenfalls ziemlich früh geheiratet und zwar einen Arzt Dr. ~Albert Winnertz~ in Krefeld, den sie durch meinen Schwager ~Mauritz~ kennen lernte.

Der Doktor war ein sehr kluger und liebenswürdiger Mensch, aber leider krank und starb schon nach 3½jähriger Ehe an Tuberkulose. Die junge Witwe kehrte dann mit 2 Kindern, ~Hedwig~ und ~Clara~, ins Elternhaus nach Euskirchen zurück, und blieb dort fast 10 Jahre. Das ist der Grund, warum ich sie am besten von allen meinen Schwestern kennen gelernt habe und ihr besonders nahe getreten bin. Sie war hübsch, liebenswürdig und sehr gewandt, sodaß mein Vater sie immer Salondame nannte. Sie spielte recht gut Klavier. Ich erinnere mich manchen Abends, wo ich stundenlang ihrem Spiel zuhörte, weil sie meist klassische Sachen auf einem guten Piano vortrug. Ich glaube, daß ihr Spiel mich hauptsächlich bewogen hat, ebenfalls Musik zu treiben. Im Jahre 1872 entschloß sie sich nach langem Zögern, eine zweite Ehe mit meinem Vetter ~Carl Fischer~ einzugehen, der in treuer Geduld um sie geworben hatte. So kam sie nach Rheydt, wo schon zwei andere Schwestern von ihr verheiratet waren. Ich habe sie dort öfter besucht und sie kam wiederholt nach Würzburg und Berlin. Auch sind wir in späteren Jahren häufig zusammen gereist. Sie trieb ihre Freundschaft für den Bruder manchmal so weit, daß ihr Gatte eifersüchtig wurde und sich über Zurücksetzung beklagte. Sie starb im Jahre 1901 am Typhus in Nassau, und mein Schwager ~Carl~ überlebte sie um 14 Jahre. Sie hatte den Schmerz, drei Söhne im jugendlichen Alter zu verlieren. Die vier Töchter, zwei ~Winnertz~ und zwei ~Fischer~, haben sämtlich geheiratet und sind mir liebe Nichten geblieben.

Meine dritte Schwester ~Berta~ war eine recht originelle Person, im Grunde ihres Herzens sehr gutmütig, aber als Mädchen voller Launen, gegen die Männer häufig recht unliebenswürdig, aber sehr tüchtig. Nachdem sie im Alter von 29 Jahren meinen Schwager ~Mauritz~ geheiratet hatte, wurde sie in Uerdingen wegen ihrer ungewöhnlichen Kunst im Kochen und der Erziehung von Dienstboten, sowie wegen der Originalität ihres Wesens eine bekannte Frau. Besonders jungen Leuten, z. B. den Söhnen aus erster Ehe und deren Freunden war sie eine richtige Kameradin, mit denen sie Karten spielte, Wein trank und Ausflüge machte, fast wie ein Student. Ihr leider so früher Tod ist schon erwähnt.

Die vierte Schwester ~Fanny~ war von kräftigem Körperbau, aber wenig schön von Gesicht. Sie zeichnete sich in der Jugend durch Vorliebe für Turnen, Tanzen und sogar Pistolenschießen aus. Sie zog als Gattin des Holzhändlers ~Max Friedrichs~ im Jahre 1865 nach Rheydt, und ist hier im Jahre 1912 im Alter von 70 Jahren gestorben. Sie war klug und als Schülerin ebenso tüchtig, wie später als Hausfrau. Wie schon erwähnt, konnte sie mit den bei Herrn ~Vierkötter~ erworbenen mathematischen Kenntnissen noch im Alter eine Kubikwurzel ausziehen. Auch als Dichterin besaß sie in der Verwandtschaft einen gewissen Ruf. Hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele, um die sie von manchen Seiten gebeten wurde, konnte sie in unglaublich kurzer Zeit verfassen. Von ihren Kindern leben noch zwei Söhne, ~Ernst~ und ~Max~, die das vom Vater ererbte bedeutende Holzgeschäft weiterführen, und zwei Töchter, ~Helene~ und ~Adele~, die auswärts verheiratet sind. Vom Schwager ~Max Friedrichs~ wird später noch ausführlich die Rede sein.

Die jüngste Schwester ~Mathilde~ war nur 4 Jahre älter wie ich und hat mir deshalb in der frühen Jugend am nächsten gestanden. Sie war ein liebes, sehr gutmütiges, recht hübsches Mädchen, geistig nicht besonders begabt, aber liebenswürdig und deshalb überall gerne gesehen. Ihr Wesen hat ihr manche Huldigung von seiten der Offiziere eingebracht, die während der Manöver oder während des Krieges 70/71 bei uns im Quartier lagen, aber sie zog es doch vor, beim Zivil zu bleiben und heiratete meinen Vetter ~Arthur Dilthey~ in Rheydt. Nach der Geburt des dritten Kindes erkrankte sie und starb im Herbst 1879 in Rheydt nach einer vergeblichen Kur in Meran. Es war nicht allein für meinen Schwager, dem sie zwei Söhne und eine Tochter hinterließ, sondern auch für meine Eltern und ganz besonders für meine Mutter ein schwerer Schlag, der sehr ungünstig auf ihren eigenen Gesundheitszustand zurückwirkte.

Ich habe dieser lieben »~Tilla~« ein dankbares und warmes Gedenken bewahrt. 5 Jahre später ging mein Schwager eine zweite Ehe ein mit ~Frieda Weuste~, und diese hat es verstanden, den drei Kindern eine wirkliche zweite Mutter zu sein. Das Ehepaar ~Arthur Dilthey~ lebt jetzt noch in voller Rüstigkeit in Bonn. Von den drei Kindern ist leider der Jüngste ~Alfred~ als Opfer des unseligen Krieges 1915 in Rußland gefallen. Von meinem Schwager ~Arthur~, mit dem mich dauernde Freundschaft verbunden hat, wird später die Rede sein.

Fast ebenso nahe wie die Schwestern standen mir in früher Jugend die Vettern und die Kusine im Nebenhause. Der Älteste, ~Heinrich Fischer~, 5 Jahre älter wie ich, der als einziger Vertreter der Familie in Euskirchen zurückgeblieben ist, war als Junge geneigt, sich von dem übrigen Kreise etwas abzusondern. Er ist unverheiratet geblieben und hat mehr und mehr die Gewohnheiten eines Originals angenommen.

Er wohnt jetzt in unserem früheren Hause und betreibt mehr zu seinem Vergnügen das alte Spinnereigeschäft, aber in beschränktem Umfange.

Von den Vettern ~Ernst~ und dem Jüngsten ~Otto Fischer~ werde ich später noch Manches zu berichten haben.

Vetter ~Lorenz~ ist früher schon wegen seiner hervorragenden Eigenschaften als Jäger und Krieger erwähnt worden. In der Schule war er weniger tüchtig, und infolge unvernünftiger Lebensführung ist er im Alter von 35 Jahren an Tuberkulose gestorben. Sein jüngerer Bruder ~Hermann~ war ebenfalls für körperliche Leistungen besser veranlagt als für geistige Tätigkeit. Er war ein sehr hübscher Mann, guter Turner und Reiter und übersiedelte bald nach dem Tode seines Vaters nach Cöln. Er wurde der Stammvater einer kriegerischen Familie; denn seine beiden Söhne ~Kurt~ und ~Walter~ sind Berufsoffiziere geworden und seine durch Schönheit ausgezeichneten Töchter sind beide glücklich verheiratet und wohnen in Groß-Berlin.

Auch die drei Söhne meines Onkels in Flamersheim kamen bei der geringen Entfernung von Euskirchen durch häufige wechselseitige Besuche vielfach mit uns in Berührung. Die beiden ältesten ~Karl~ und ~August~ wurden Kaufleute und haben später ein Geschäft in Baumwollgarn in Rheydt geführt. Dort sind sie auch beide gestorben. Wie schon erwähnt, wurde ~Karl~ der zweite Gatte meiner Schwester ~Emma~. Er war trotz ziemlich dürftiger Schulbildung ein kluger und geschäftsgewandter Mann, den man gern in praktischen Dingen um Rat frug und mit dem ich häufig einen Teil der Osterferien in Territet am Genfer See verbrachte.

Der zweite Sohn ~August~ war körperlich ungewöhnlich stark, ein trefflicher Jäger und ein gutmütiger, zur Heiterkeit hinneigender Gesellschafter. In geschäftlichen Dingen folgte er gern der größeren Autorität seines Bruders Karl.

Ganz anders als die Brüder war der jüngste Flamersheimer Vetter ~Julius~, ein sehr gescheidter und kritischer Kopf, der am meisten die geistige Regsamkeit und die Originalität seines Vaters geerbt hatte. Er wurde Jurist, schlug die Richterlaufbahn ein und starb verhältnismäßig früh an vernachläßigtem Diabetes in Cöln, wo er Richter beim Oberlandsgericht war. In seinem früheren Aufenthaltsort Cleve hat er sich verheiratet. Aus der Ehe stammt ein Sohn, der die Tochter eines Großschafzüchters in Australien heiratete und dort eine neue Heimat gefunden hat. Ich hoffe, daß er durch Naturalisation und durch den Schutz des Schwiegervaters den Unbilden entgangen ist, die unsere Landsleute während des Krieges in den englischen Kolonien erdulden müssen. Die einzige Tochter hat einen ~Hans von Eicken~ aus Hamburg geheiratet, den Sohn meiner Kusine ~Helene~ geb. ~Fischer~ aus Köln.

Der Vetter Julius besaß nicht allein Begabung für geistige Arbeit, sondern hatte auch das besondere Talent, Erkundigungen einzuziehen. Schon als Junge wußte er alles, was sich in der näheren und weiteren Umgebung zutrug. Auch geschäftliche Dinge interessierten ihn. Man konnte kaum etwas Komischeres hören, als wie eine Unterhaltung zwischen ihm und seinem Vater, der von den Gaben des Sohnes sehr hoch dachte und im vertraulichen Kreise nicht selten die Äußerung tat, »der »Jul« wird noch Minister«. Im Alter hatte sich der Erwerbs- und Sparsinn des Vaters bis ins Groteske hinein gesteigert, und er würde direkt materiellen Mangel gelitten haben, wenn nicht der Sohn ~Julius~ zusammen mit seinen Brüdern im geheimen die Hauptkosten des Haushaltes getragen hätten. Charakteristisch ist folgende Geschichte. Eines Tages vermißte der Vater auf seinem kleinen Kontor die Hälfte eines Hunderttalerscheines, und er kam auf den Verdacht, daß ein kleiner Hund, der Liebling vom Sohn ~Julius~, diese Hälfte gefressen habe. Er entschloß sich sofort, das Tier aufschneiden zu lassen und hatte schon einen Operateur bestellt, als Julius von der Gefahr für seinen Liebling Kenntnis erhielt. Es gelang ihm auch, den Vater zu beruhigen, indem er ihm den Hund für 100 Taler abkaufte. Das Geschäft konnte glücklicherweise bald nachher rückgängig gemacht werden, da sich die zweite Hälfte des unglücklichen Hunderttalerscheines wieder vorfand.

Ich bin dem Vetter ~Julius~ in meiner Bonner Studienzeit näher getreten. Er war damals Assessor beim Landgericht, und wir haben hier und da im Rheinischen Hof eine gute Flasche Wein zusammen getrunken. Ich mußte immer sein besonderes Talent bewundern, eine Sache, die an und für sich ganz klar schien, von einer anderen Seite zu betrachten, und Möglichkeiten zu entwickeln, an die ein Laienverstand gar nicht denken konnte. Diese Art, die Welt in einem besonderen Spiegel anzusehen, war für mich sehr anziehend, so daß ich nach dem Doktorexamen im Herbst 1874 den Vetter zu einer Reise nach der Schweiz aufforderte. Obschon zum Reisen wenig aufgelegt, ging er darauf ein, und ich habe selten so viel gelacht, wie auf dieser Tour. Schon bei der Abreise ließen ihn die landschaftlichen Schönheiten des Oberrheintals, die lieblichen Bergzüge des Odenwaldes und Schwarzwaldes ziemlich gleichgültig. Dagegen kontrollierte er aufs Genaueste den fahrplanmäßigen Gang des Zuges und registrierte jede Minute Verspätung. Zu dem Zweck hatte er gleich nach Besteigung des Zuges Krawatte, Hemdenkragen und Rock ausgezogen und dafür einen Regenmantel angelegt. Das sei die beste Methode, um sich gegen den Staub und Schmutz zu schützen, den er für ungesund und unästhetisch hielt. In Basel machten wir zuerst Station. Die Stadt und die Bewohner interessierten ihn lebhaft, aber aus den Sehenswürdigkeiten und der Landschaft machte er sich nicht viel. Er proklamierte damals für Reisen gleich den Grundsatz: Die öffentlichen Gebäude von außen, die Berge von unten und die Gasthäuser von innen anzuschauen. Ich habe später auch von anderen Mitreisenden, z. B. meinem Freunde ~Wilhelm Königs~ ähnliche Worte vernommen, aber sie wurden doch niemals so gewissenhaft durchgeführt, wie von Vetter ~Julius~. Gegen die Abendstunde hatte er immer das Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken, und beim Hinschlendern durch die Stadt war sein Augenmerk auf die Entdeckung eines geeigneten Weinhauses gerichtet. Dem Reisehandbuch traute er gar nicht, ebensowenig den Aussagen der Hotelbedientesten, aber plötzlich entdeckte er auf der Straße einen Mann mit einer ungewöhnlichen großen und feuerroten Nase. »Der muß es wissen« sagte er sofort, und die Auskunft, die wir von dem Herrn erhielten, bewies in der Tat, daß wir uns an die richtige Adresse gewandt hatten.

Von Basel ging's nach Luzern, wo wir in einem Gasthause zweiten Ranges, einem echten Schweizer Hause Quartier nahmen. Den Vetter interessierte es besonders, mit der einheimischen Bevölkerung Fühlung zu nehmen, ihre Sitten, Einrichtungen und Anschauungen kennen zu lernen. Es gelang ihm auch rasch, mit einheimischen Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Das alles war begleitet von dem Konsum ziemlich ansehnlicher Weinmengen. Der Reiseweg von dort aus war von ihm auf das genaueste festgestellt und ist auch bis in Kleinigkeiten hinein inne gehalten worden. Er ging zunächst über Flüelen, Andermatt und das Wallis zum Genfer See. Als wir morgens das Schiff bestiegen hatten, um über den Vierwaldstätter See in einer Landschaft, die wirklich des Sehens lohnt, nach Flüelen zu fahren, fiel der Vetter, trotz prächtigen Wetters und des sehr schönen Platzes auf dem Deck gleich nach der Abfahrt in tiefen Schlaf und erwachte erst am Ende der Fahrt. Er schaute sich dann ganz befriedigt um und sagte trocken: »Die Leute müssen denken, ich sei oft hier gewesen«. Von Flüelen hatten wir die Wahl, nach Andermatt entweder mit der Post oder auf Schusters Rappen zu kommen. Vetter ~Julius~ entschied sich kurz für letzteres. Es war ein schwüler Tag und die Landstraße von der Mittagsonne recht heiß und staubig. Das Gepäck hatten wir der Post übergeben, die später abfuhr und zogen nun los. Der Vetter meinte, der Mantel trage sich am bequemsten, wenn man ihn anziehe. Das geschah, und trug nicht wenig dazu bei, den üppig genährten und an körperliche Anstrengungen durchaus nicht gewöhnten Vetter in Dampf zu versetzen. Unglücklicherweise machte um dieselbe Zeit eine Schwadron schweizerischer Kavallerie Übungen in der Gegend. Kleine Trupps kamen häufig an uns vorbei und entwickelten eine ungeheure Staubwolke, die der Vetter für sehr schädlich hielt und der er zu entgehen suchte, indem er den Straßendamm hinab ins freie Feld flüchtete. Durch all diese Umstände war er nach 2 Stunden so erschöpft, daß ich Sorge bekam und ihn aufforderte, in das nächste Gasthaus einzutreten und dann den staubigen Teil des Weges mit der Post abzumachen. Er ging darauf ein und hat nun die Post nicht mehr verlassen, bis wir an den Genfer See gelangt waren. Ich selbst habe die schöneren Teile des Weges zu Fuß gemacht, besonders die Strecke von Andermatt über die Furka nach dem Rhonegletscher. Ich befand mich dabei in der Gesellschaft eines jungen Amerikaners, dessen praktische Weise, zu reisen, mir besonders gefiel. Er war von Kalifornien herüber gekommen und hatte kein anderes Gepäck, als ein kleines Täschchen für Geld, Zahnbürste und Seife. Sobald er in eine Stadt kam, kaufte er neue Leibwäsche, und verschenkte die schmutzige. So hatte er sich schon 2 Monate in Europa herumgetrieben, viel gesehen, sich trefflich unterhalten und hoffte den Trip noch einige Wochen zu verlängern. Abends traf ich immer wieder mit dem Vetter ~Julius~ im Gasthause zusammen und er wußte dann zahlreiche Schnurren über abenteuerliche Postreisen im Gebirge und sonderbare Reisegefährten zu erzählen. An der Teufelsbrücke hatte er sogar ein neues physikalisches Phänomen entdeckt, d. h. einen umgekehrten Regenbogen. Ich wollte es anfangs nicht glauben, habe mich aber später überzeugt, daß bei Wasserfällen durch die Zerstäubung des Wassers in kleine Tropfen bei richtigem Stand der Sonne und des Beobachters diese Erscheinung in der Tat eintreten kann.

Von den landschaftlichen Schönheiten der Schweiz war wenig die Rede. Dagegen interessierte ihn Genf als die Stadt Calvins und als der Hauptsitz des schweizerischen Finanzgeschäftes. Auch hier erlebte ich mit ihm eine komische Szene. Er behauptete, das Wasser, das er zuhause niemals trank, sei in der Schweiz besonders heilsam, nur müßte man es direkt aus der Naturquelle entnehmen. So liebte er es denn, bei den vorgefundenen Brunnen direkt vom Wasserstrahl zu trinken. Das machte er auch bei einem Brunnen in Genf, mußte sich aber, um ans Wasser heran zu kommen, auf die gemauerte Brüstung legen und pendelte hier nun hin und her, um den Strahl mit seinem Munde aufzufangen. Das Bild des kleinen, stark genährten Mannes, auf der Brüstung des Brunnens liegend und trinkend, war so überaus komisch, daß sich ein großer Kreis von Zuschauern bildete. Als er fertig war und die versammelte Menge erblickte, sagte er ruhig, da sehe man wieder, daß man mit wenig Mühe den Leuten viel Spaß machen könne. Von Genf sind wir mit dem Omnibus nach Chamonix gefahren und ich habe dort mehrere kleine Bergtouren gemacht. Seinem Grundsatze getreu blieb Vetter ~Julius~ im Hotel; durch fleißige Erkundigungen bei Touristen, Führern und sonstigem Volk war er aber nachher über Bergtouren viel besser unterrichtet als die große Zahl der Reisenden. Selbstverständlich kontrollierte er auch alle Gäste des Hotels und berichtete eines Abends, draußen beim Wetterhäuschen sei ein aufgeregter deutscher Professor, der die Instrumente kritisiere und das Publikum über den bevorstehenden Wechsel des Wetters belehre. Ich erfuhr nachher, daß es ~Rudolf Fittig~ aus Tübingen sei, der mir als trefflicher Chemiker aus der Literatur schon bekannt war. Ich habe damals nicht gewagt, mich ihm vorzustellen, bin aber einige Jahre später zu ihm in ein näheres Verhältnis getreten. Unter den Fußtouren, die ich von Chamonix unternahm, war auch die damals sehr beliebte Überquerung des mer de glace und der Abstieg über den mauvais pas. Für berggeübte Wanderer ist das ein Spaziergang, aber Leute ohne Erfahrung und ohne das richtige Schuhwerk konnten doch recht leicht ausgleiten und verunglücken. Ich habe deshalb beim Übergang über das Eis mit einem gewissen Schrecken mich daran erinnert, daß mein Vater 5 Jahre vorher denselben Weg mit 5 Damen, d. h. meiner Mutter, zwei Schwestern und den beiden Kusinen ~Marie~ und ~Helene Fischer~ aus Cöln unternommen hatte. Er erzählte auch hinterher, daß es die angstvollsten Stunden seines Lebens gewesen seien.

Die Damen schienen sich dieser Gefahr weniger bewußt zu sein, sie haben im Gegenteil auf dieser Schweizer Reise eine ganze Anzahl von merkwürdigen und lustigen Erlebnissen gehabt, von denen noch lange in unserem Hause geredet wurde.

Der Eindruck, den Vetter ~Julius~ von der Schweiz mit nach Hause nahm, war viel nüchterner; denn als wir wieder im Rheintal waren, meinte er, es sei nicht der Mühe wert, nach der Schweiz zu fahren, denn hier gäbe es auch Berge und Wasser und im Winter Schnee und Eis im Überfluß. Er hat meines Wissens nie mehr die Grenzen des deutschen Reiches überschritten. Dagegen bin ich in späteren Jahren oft und gern in die Schweiz und besonders an den Genfer See zurückgekehrt, habe aber das Chamonixtal nicht mehr gesehen.

Gymnasialzeit.

Begleitet von meinem Vater fuhren Vetter ~Ernst~ und ich anfangs Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des Gymnasiums anmeldete. ~Ernst~ wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr sogar Primus der Untersekunda.

Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der Mathematiker ~Elstermann~. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe, mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen, geradezu mit Leidenschaft betrieb.

Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen: »Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.

Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe, genoß wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester seine Gunst, weil er mit dem Vetter ~Ernst~ in der Prima Differenzen gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß, daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das Geheimnis blieb gewahrt.

Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug. Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.

Vetter ~Ernst~ und ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer. Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig- Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle. Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.