Aus meinem Jugendland

Part 6

Chapter 63,684 wordsPublic domain

Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben; ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die auch in ihren Kreisen als die erste herrschte. Selbst als sie im Jahre 48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen. Auch ihre entfernteren Verwandten -- die nahen waren schon alle tot -- hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf. Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden sind immer die Schwächeren.

Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde, so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte, kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein, meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief, aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen Vorrat für erschöpft. Von da an begehrte ich niemals wieder nach einer Kindergesellschaft.

Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht, ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner täuschenden Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen.

Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“ noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You, eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen, auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl, mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten. Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen. Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung (Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.

Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche Übermittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter, daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf Jahren. Allein er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.

Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte, an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt war. Da ergab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“ aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde. Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort, indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen, bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß ich die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt, Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.

Ein Fluchtversuch.

Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert, wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam, soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.

Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt[2], und in meiner Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen, so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine, trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat, die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn er einmal seine Hörner abgelaufen hat.

Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:

N. N. möcht’ ich gar nicht heißen, N. N. ist ein wüster Name, N. N. hat sich küssen lassen Von den Mädeln auf der Gassen.

Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen dumpfen Groll zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis, mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel, vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem Wintertage jedoch -- es war in meinem zehnten Jahre -- geschah etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals, zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt, bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß bestäubt, und nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß. Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat, als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer, daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu vermeiden -- es gab deren genug ohne mein Zutun --, aber es wollte mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben. Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft. Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen mich versteifte.

Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben, suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen. Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo sich alle gemeinsam gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor, so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn ringsum die gleiche Gesinnung hegen.

Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern. Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle, auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein empfangenes Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte. Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten (der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel, und der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte, erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst, sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf, aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Vergessen war mit einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten, den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich, denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings regte sich aber der künftige Anatom in ihm, und er begann nun auch zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden. Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen, wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte Sebastiansweiler aber habe ich während meines ganzen Tübinger Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor meiner Seele steht.

[2] Florentinische Erinnerungen

Von Ihr.

Nachklänge des „tollen“ Jahres.

Das rote Album.