Aus meinem Jugendland

Part 4

Chapter 43,285 wordsPublic domain

Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das Zauberrad -- es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit sich führen -- in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er oben -- nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab, bis er im Tälchen war. -- Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen Steg hat -- das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. -- Jetzt ist er schon in der Stadt -- eben kommt er die Straße heruntergerannt -- da ist er am Haus! -- Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und brachte den außen abgeworfenen Gegenstand.

Umzug nach Kirchheim.

In unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer, der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung vom Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten. Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und auch die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat, der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.

-- -- Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses, verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden Stadtwohnung landeten, wo wir Kinder wie eingesperrte Vögel im Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach, plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser, und in beiden konnte man baden.

Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar abgestellt ist. Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der Vater wies auf deutsches Volkstum hin und huldigte auf Sparziergängen dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte. Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine tiefsinnige Ergänzung zu diesen.

Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betätigen; sie hatte keine Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa, teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater, der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er neckend im gleichen Versmaß darunter:

Und zappelnd und verzweifelnd eilen Zum letzten Zug die letzten Zeilen.

So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin Menschen und Dinge wenig kannte und mehr in der Idee als in der Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos. Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse, sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über ihre dichterischen Versuche:

Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe an.

Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd: Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe, sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr, wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.

Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt haben. Wenn Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten, so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte „Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers[1] Nichte, so genannt nach meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen, auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.

Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen mit ihrer Weisheit.

Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell, dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den Schulkindern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese, dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?

Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging in einem beständigen Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung, den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität antrat.

[1] Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von ihm unter dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ eingeführt. Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.

Das alte Tübingen.

Den Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden, der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von 1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den sechziger und siebziger Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen, die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab, noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit Vorsatz? -- Nein, mit dem Absatz -- und solche Scherze mehr. Ferner die Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.

Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Eintracht war es, wenn die Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller: „Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen, um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte. Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte.

Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“, die nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst, obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander, waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den Worten:

Wir armen zwölf Enten Sind gefallen unter die Studenten, Ich zwölfte komm zurück allein Und bring’ von elf den Totenschein.

Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier, einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück, ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf.

Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später als Arzt nach Venedig ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt. Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab, so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur Unkenntlichkeit“.