Part 2
Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch. und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt, wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich, wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte, war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III. zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast ebenso leichtgläubig. -- Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.
Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche. Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war, Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre Dienste hinterlassen.
Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte -- auch die Furcht, eines meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch nichts wußte --, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der Schornsteinfahrt zu überführen.
Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen mußte -- vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht, daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten --, das herrlichste Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach? Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte, während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten! -- Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.
An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. -- Wenn ich meine seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel- und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten, mit denen ich in Beziehung trat.
Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend. Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte, sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete ihm auch gerne meine Zeit.
Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten. Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt. Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht, das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben! -- Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.
In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen, der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die Leute auf den Kirchhof gingen. -- Was ist eine Leiche? fragte ich mit Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch. Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter: Ist es wahr, daß Menschen sterben? -- Wer hat dir das gesagt? -- Die Christine. -- Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten hatte. -- Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die Menschen sterben. -- Aber doch nicht alle, Mama? -- Ja, Kind, alle. -- Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. -- Aber doch du nicht, Mama? -- Ich auch, Kind. Alle. -- Aber der Papa doch nicht? -- Auch der Papa. -- Also vielleicht auch ich? -- Auch du, aber erst in langer, langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. -- Und man kann gar nichts dagegen tun? Es muß kommen? -- Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber jetzt noch lange nicht.
Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach, war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber -- dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen, engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam, Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor, und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem -- es wird doch einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von Verwesung an.
Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen. Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten, damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.
Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt, ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die ich zuerst eine gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb. Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:
Was man nicht deklinieren kann, Das sieht man als ein Neutrum an, usw.
So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar gereimte Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden, an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln, in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl. In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen. Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau, daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war. Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken, in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.
In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen. Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und hoheitsvoll über den Hintergrund.
O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen. Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den Schillerschen Versen:
Windet zum Kranze die goldenen Ähren, Flechtet auch blaue Zyanen hinein --