Aus Indien

Part 7

Chapter 73,583 wordsPublic domain

Wenn bei uns ein Bauer seine Kartoffeln oder Äpfel in der nächsten größeren Stadt persönlich verkauft und dahin drei Stunden mit der Bahn zu fahren hat, so ist das für ihn eine große Sache. Arme, halbwilde Natives auf einer malayischen Insel fahren mit ihrer Ladung Rottang oder ihrem bißchen Baumwolle vier, sechs, zehn Tage ihren Urwaldfluß hinab bis zur nächsten Hafenstadt und brauchen doppelt so lange zurück. Von Nordindien gehen einzelne indische Händler alle paar Jahre auf wilden, anstrengenden und gefährlichen Zügen durch Tibet nach China oder bis zum Baikalsee, ja bis Moskau. In Pelaiang bei Djambi (Südsumatra) hatten wir einen chinesischen Koch, der seine Familie bei Schanghai leben hat und sie öfters besucht! Die chinesischen Großhändler in den Straits, auf Java usw. haben fast alle auch noch daheim in China Besitzungen, oft auch Frauen und Kinder, und reisen häufig zwischen beiden Orten hin und her, über Entfernungen wie zwischen Neapel und Moskau. Es gibt auch indische und arabische Händler, welche Filialen von Colombo oder Bombay an bis nach Peking hin haben und für die eine Seereise von drei Wochen nur eine kleine, oft wiederholte Geschäftsfahrt ist.

Dazu alle die vielen Pilgerfahrten! Leute aus Siam und Birma pilgern nach Ceylon, Gläubige aus Java und Sumatra nach Mekka, Fromme aus dem untersten Südindien hinauf nach Benares. Dagegen ist die Pilgerfahrt eines armen Bäuerleins vom Bodensee nach Lourdes eine Bagatelle.

Die letzten asiatischen Reisenden dieser Art, die ich sah, waren zwei Mohammedaner aus Java. Sie bestiegen unser Schiff in Singapur und fuhren als Beauftragte einer mohammedanischen Gemeinschaft bis Suez, von wo aus sie Tripolis erreichen, zuverlässige Berichte vom Krieg einsammeln und über die beste Art, die kriegführenden Glaubensgenossen moralisch und finanziell zu unterstützen, nach Hause berichten sollten.

Gedichte

Gegenüber von Afrika

Heimathaben ist gut, Süß der Schlummer unter eigenem Dach, Kinder, Garten und Hund. Aber ach, Kaum hast du vom letzten Wandern geruht, Geht dir die Ferne mit neuer Verlockung nach. Besser ist Heimweh leiden Und unter den hohen Sternen allein Mit seiner Sehnsucht sein. Haben und rasten kann nur der, Dessen Herz gelassen schlägt, Während der Wandrer Mühsal und Reisebeschwer In immer getäuschter Hoffnung trägt. Leichter wahrlich ist alle Wanderqual, Leichter als Friede finden im Heimattal, Wo in heimischer Freuden und Sorgen Kreis Nur der Weise sein Glück zu bauen weiß. Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden, Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden, Denn auch im Glücke kann ich auf Erden Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden.

Abend auf dem Roten Meer

Von brennenden Wüsten her Zittert ein giftiger Wind, Dunkel wartet das wenig bewegte Meer, Hundert hastige Möwen sind Durch die offene Hölle unsre Begleiter. Blitze reißen kraftlos am Himmelsrand, Keines Regens Wohltat kennt dieses verfluchte Land. Drüben aber steht licht und heiter Eine friedliche Wolke allein; Die hat uns Gott dahin gestellt, Daß wir nicht länger trostlos sein Und einsam leiden mögen in dieser Welt.

Niemals will ich die Öde unermessen Und nie diese quälende Hölle vergessen, Die ich am heißesten Ort der Erde fand; Daß aber darüber die lächelnde Wolke stand, Soll mir ein Zeichen sein für die lastende Schwüle, Die ich in meines Lebens Mittag mir nahen fühle.

Ankunft in Ceylon

Hohe Palmen am Strand, Leuchtende See und nackte Rudrer im Boot, Uralt heiliges Land, Ewig vom Feuer junger Sonne umloht! Blaues Gebirg verliert sich in Dunst und Traum, Gipfel blenden, man sieht sie vor Sonne kaum.

Grell empfängt mich der Strand: Seltsame Bäume starren streng in die Luft, Häuser taumeln farbig im Sonnenbrand, Menschengetöse aus schillernden Gassen ruft.

Dankbar flüchtet mein Blick ins Gedräng – Nach unendlicher Seefahrt welch süßer Tausch! Und mein Herz wird vor Freude eng, Schlägt wie vor Liebe im seligen Reiserausch.

Nachts in der Kabine

Das Meer klopft an die Wand, Im kleinen runden Fenster blaut die Nacht Und atmet heiß mit Wüstenhauch herein. Ich bin zum zehntenmal erwacht Und liege still in atemlosem Brand Und schlafe nimmer ein. Und wie ein wildes Herz Stößt die Maschine heiß und stöhnend fort Und müht sich unerlöst in blindem Schmerz Durch immer neue Fernen sinnlos fort.

O wessen Herz nicht klar und fest Und froh ist wie Kristall, Für den ist solcher Raum kein Nest, Dem folgt die Sehnsucht und der Heimat Sorgenschwall, Folgt ungestillte Liebe überall Und macht ihn arm; Und alles sieht ihn wild und teuflisch an, Weil er den Feind im eignen Busen trägt Und nie entrinnen kann.

Fluß im Urwald

Seit tausend Jahren fließt er durch den Wald Und sieht der nackten braunen Menschen Hütten Aus Holz und Rohrgeflecht erstehen und vergehn. Sein braunes Wasser wälzt im lauen Schwall Laub und Geäst und dunkeln Urwaldschlamm Und gärt in brennend steilem Sonnenbrand. Nachts kommt der Tiger und der Elefant Und badet lärmend seine schwülen Kräfte Und brüllt in dumpfer Wollust durch den Wald. Am Ufer rauscht im trüben Schlamm und Rohr Das schwere Krokodil, heut wie vor tausend Und hunderttausend Jahren; scheu und schlank Bricht durch den Schilf der wilde Jaguar.

Hier leb’ ich stille Tage hin im Wald In röhrener Hütte und im leichten Einbaum Und selten rührt ein Klang der Menschenwelt Verschlafene Erinnerungen wach. Am Abend aber, wenn die rasche Nacht Sich feindlich naht, steh’ ich am Fluß und lausche Und höre da und dort und nah und fern Verirrten Laut, Gesang von Menschenstimmen in der Nacht. Das sind die Fischer und die Jäger, die Im leichten Boot der Abend überrascht Und denen kindlich tiefe Furcht das Herz erschlafft, Furcht vor der Nacht und vor dem Krokodil Und vor den Geistern der Verstorbenen, Die nachts sich regen überm schwarzen Strom. Fremd ist das Lied und mir kein Wort vertraut, Und klingt mir doch nicht anders, als daheim Am Rhein und Neckar mir ein Abendlied Der Fischer oder Mägde klingt: ich atme Furcht Und atme Sehnsucht, und der wilde Wald Und fremde dunkle Strom ist mir wie Heimat, Weil hier wie überall, wo Menschen sind, Sich zage Seelen ihren Göttern nähern, Den Schreck der Nacht beschwörend durch ein Lied.

Heimkehrend in der Hütte kargen Schutz Leg’ ich mich nieder, ringsum Wald und Nacht Und gläsern schrillender Zikadensang, Bis mich der Schlaf entführt und bis der Mond Die bange Welt mit kühlem Schimmer tröstet.

Kein Trost

Zur Urwelt führt kein Weg zurück. Es gibt kein Sternenheer, Kein Wald und Strom und Meer Der Seele Trost und Glück.

Es ist nicht Baum noch Fluß noch Tier Dem Herzen zu erreichen; Trost wird im Herzen dir Allein bei deinesgleichen.

Nachtfest der Chinesen in Singapur

Bei den wehenden Lichtern Oben auf dem bekränzten Balkon Kauern sie ruhevoll in der festlichen Nacht, Singen Lieder von lang verstorbenen Dichtern, Horchen beglückt auf der Laute schwirrenden Ton, Der die Augen der Mädchen größer und schöner macht.

Durch die sternlose Nacht klirrt die Musik Gläsern wie Flügelschlag großer Libellen, Braune Augen lachen in lautlosem Glück – Keiner, der nicht ein Lächeln im Auge hat! Drunten wartet schlaflos mit tausend hellen Lichteraugen am Meere die glänzende Stadt.

Im malayischen Archipel

In allen Nächten steht die Heimat nah, Als wäre sie noch mein, Vor meinen traumbeglückten Augen da. Doch muß ich lange noch auf Reisen sein Und in entlegener Inseln Sonnenglut Mein Herz zur Ruhe bringen Und wie ein widerspenstig Kind Einwiegen und zur Ruhe singen. Und immer wieder ist es ungemut, Ist nicht zur Ruh’ zu bringen, Ist wild und schwach wie Kinder sind.

Bei Nacht

Nachts, wenn das Meer mich wiegt Und bleicher Sternenglanz Auf seinen weiten Wellen liegt, Dann löse ich mich ganz Von allem Tun und aller Liebe los Und stehe still und atme bloß Allein, allein vom Meer gewiegt, Das still und kalt mit tausend Lichtern liegt.

Dann muß ich meiner Freunde denken Und meinen Blick in ihre Blicke senken, Und frage jeden still allein: „Bist du noch mein? Ist dir mein Leid ein Leid? Mein Tod ein Tod? Fühlst du von meiner Liebe, meiner Not Nur einen Hauch, nur einen Widerhall?“

Und ruhig blickt und schweigt das Meer Und lächelt: Nein. Und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.

Pelaiang

Die Nacht ist ganz von Blitzen hell Und zuckt in weißem Licht Und flackert wild, verstört und grell Über den Wald, den Strom und mein bleiches Gesicht. Am kühlen Bambusstamm gelehnt Steh’ ich und schaue unverwandt Über das regengepeitschte, blasse Land, Das sich nach Ruhe sehnt, Und aus der fernen Jugend her Blitzt mir aus regentrüber Verdüsterung ein Freudenschrei herüber, Daß doch nicht alles leer, Daß doch nicht alles schal und dunkel sei, Daß noch Gewitter sprühen Und an der Tage ödem Zug vorbei Geheimnisse und wilde Wunder glühen. Tief atmend lausche ich dem Donner nach Und spüre feucht den Sturm in meinem Haar Und bin für Augenblicke tigerwach Und froh, wie ichs in Knabenzeiten Und seit den Knabenzeiten nimmer war.

Vor Colombo

In grünem Licht verglimmt der heiße Tag, Still geht und steht das Schiff im Wellenschlag. So still und gleich durch diese Welt zu gehn, So unbeirrt in Kampf und Nacht zu sehn, War meiner Reise Ziel, doch lernt’ ichs nicht. Und wartend wend’ ich heimwärts mein Gesicht, Zu neuer Tage Wechselspiel bereit, Neugierig auf des Lebens Grausamkeit.

Für mich ist Stille nicht und Sternenbahn, Ich bin die Welle, bin der schwanke Kahn, Von jedem Sturm im Innersten erregt, Von jedem Hauch verwundet und bewegt. So fand ich bis zum fernsten Wendekreise Mich selber nur und kehre von der Reise Mit aller alten Wandersehnsucht her, Nach Lust und Schmerz des Lebens voll Begehr, Zu neuem Spiel und neuem Kampf gesonnen, Aus allem Abenteuer ungeheilt entronnen. Ich bin der Erde, nicht der Sterne Kind, Unruhig ist mein Sinn, bewegt vom Wind, Vom Meer geschaukelt und vom Sturm geweckt, Vom Licht getröstet, von der Nacht erschreckt. Und ob ich hundertmal im Lebensdrang Um Weisheit flehte und nach Frieden rang, Stets ruht mein Los gebannt an irdische Zeichen, Und immer werd’ ich meiner Mutter gleichen.

Robert Aghion

Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, das wie eine jede Zeit vielerlei Gesichter zeigen kann und mit der Vorstellung von galanten Romanen und heiter-schnörkelhaften Porzellanfiguren keineswegs erschöpft ist, wuchs in Großbritannien eine neue Art von Christentum und christlicher Betätigung heran, die sich aus einer winzigen Wurzel ziemlich rasch zu einem großen exotischen Baume auswuchs und welche einem jeden heute unter dem Namen der evangelischen Heidenmission bekannt ist. Es gibt auch eine katholische, die jedoch nichts Neues und Seltsames vorstellt, da von allem Anfang an die römische Kirche sich als ein Weltreich eingeführt und gebärdet hat, zu dessen Rechten, Pflichten und selbstverständlichen Arbeiten das Unterwerfen oder Bekehren aller Völker gehört, das ja denn auch zu allen Zeiten stark betrieben worden ist, bald auf die heilig-liebreiche Art der irischen Mönche, bald in der rascheren und unerbittlicheren Weise Karls des Großen. Im schärfsten Gegensatz hierzu aber hatten sich die verschiedenen protestantischen Gemeinschaften und Kirchen entwickelt, die sich von der katholischen Universalkirche eben dadurch am stärksten unterschieden, daß sie Landeskirchen waren und jede von ihnen dem geistlichen Bedürfnis einer bestimmten Nation, Rasse und Sprache diente: Hus den Böhmen, Luther den Deutschen, Wiclif den Engländern.

Wenn nun diese von England ausgehende protestantische Missionsbewegung also eigentlich dem Wesen der protestantischen Kirchen widersprach und auf das apostolische Urchristentum zurückgriff, so war allerdings äußerlich nicht wenig Grund und Anlaß dazu vorhanden. Seit dem glorreichen Zeitalter der Entdeckungen hatte man allerwärts auf Erden entdeckt und erobert, und es war das wissenschaftliche Interesse an der Form entfernter Inseln und Gebirge ebenso wie das seefahrende und abenteuernde Heldentum überall einem modernen Geiste gewichen, der sich in den entdeckten exotischen Gegenden nicht mehr für aufregende Taten und Erlebnisse, für seltsame Tiere und romantische Palmenwälder interessierte, sondern für Pfeffer und Zucker, für Seide und Felle, für Reis und Sago, kurz für die Dinge, mit denen der Welthandel Geld verdient. Darüber war man häufig etwas einseitig und hitzig geworden und hatte manche Regeln vergessen und verletzt, die im christlichen Europa Geltung hatten. Man hatte eine Menge von erschrockenen Eingeborenen da draußen wie Raubzeug verfolgt und niedergeknallt, und der gebildete christliche Europäer hatte sich in Amerika, Afrika und Indien benommen wie der in den Hühnerstall eingebrochene Marder. Es war, auch wenn man die Sache ohne besondere Empfindsamkeit betrachtet, recht scheußlich hergegangen und recht grob und säuisch geräubert worden, und zu den Regungen der Scham und Entrüstung im Heimatvolke, deren Folge schließlich das geordnete und anständige Kolonisieren war, gehörte auch unsere Missionsbewegung, fußend auf dem durchaus richtigen und schönen Wunsche, es möchte den armen hilflosen Heiden- und Naturvölkern von Europa her doch auch etwas anderes, Besseres und Höheres mitgebracht werden als nur Schießpulver und Branntwein.

Mag man nun über Wesen, Wert, Bedeutung und Erfolg dieser Heidenmissionen denken wie man will, jedenfalls steht fest, daß sie gleich jeder anderen wahrhaft religiösen Bewegung aus reinem Herzen und Willen entsprangen, daß edle und nicht unbedeutende Männer in treuer Überzeugung und Absicht sie begründet haben und daß bis zum heutigen Tage viele ebensolche Männer sich in ihren Dienst stellten. Wenn sie nicht alle Helden und Weise waren, so gab es doch solche unter ihnen, und wenn einzelne sich vielleicht nicht eben rühmlich bewährten, so wäre es unbillig, dies dem Ganzen als Schuld anzurechnen.

Jedoch genug der Einleitungen! Es kam in der zweiten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts in England nicht allzu selten vor, daß wohlmeinende und wohlwollende Privatleute sich dieses Missionsgedankens tätig annahmen und Mittel zu seiner Ausführung hergaben. Geordnete Gesellschaften und Betriebe dieses Behufes aber, wie sie heute blühen, gab es zu jener Zeit noch nicht, sondern es versuchte eben ein jeder nach eigenem Vermögen und auf eigenem Wege die gute Sache zu fördern, und wer damals als Missionar in ferne Länder auszog, der fuhr nicht wie ein heutiger gleich einem wohladressierten Poststück durch die Meere und einer geregelten und organisierten Arbeit entgegen, sondern er reiste mit Gottvertrauen und ohne viele Anleitung geradenwegs in ein zweifelhaftes Abenteuer hinein.

In den neunziger Jahren entschloß sich ein Londoner Kaufherr, dessen Bruder in Indien reich geworden und dort ohne Kinder gestorben war, eine bedeutende Geldsumme für die Ausbreitung des Evangeliums in jenem Lande zu stiften. Ein Mitglied der mächtigen ostindischen Kompagnie, sowie mehrere Geistliche wurden als Ratgeber herbeigezogen und ein Plan ausgearbeitet, nach welchem zunächst drei oder vier junge Männer, mit einer hinlänglichen Ausrüstung und gutem Reisegeld versehen, als Missionare ausgesandt werden sollten.

Die Ankündigung dieses Unternehmens zog alsbald einen Schwarm von abenteuerlustiger Mannheit heran, erfolglose Schauspieler und entlassene Barbiergehilfen glaubten sich zu der verlockenden Reise berufen, und das fromme Kollegium hatte alle Mühe, über die Köpfe dieser Zudringlichen hinweg nach ernsthaften und würdigen Männern zu fahnden. Unter der Hand suchte man vor allem junge Theologen zu gewinnen, doch war die englische Geistlichkeit durchweg keineswegs der Heimat müde oder auf anstrengende, ja gefährliche Unternehmungen erpicht; die Suche zog sich in die Länge, und der Stifter begann schon ungeduldig zu werden.

Da verlor sich die Kunde von seinen Absichten und Mißerfolgen endlich auch in ein Bauerndorf in der Gegend von Lancaster und in das dortige Pfarrhaus, dessen ehrwürdiger Herr seinen Neffen, einen jungen Bruderssohn namens Robert Aghion, als bescheidenen Amtsgehilfen bei sich in Kost und Wohnung hatte. Robert Aghion war der Sohn eines Schiffskapitäns und einer frommen fleißigen Schottin, er hatte den Vater früh verloren und kaum gekannt und war als ein Knabe von guten Gaben durch seinen Onkel, der ehemals selbst in Roberts Mutter verliebt gewesen war, auf Schulen geschickt und ordnungsgemäß auf den Beruf eines Geistlichen vorbereitet worden, dem er nunmehr so nahe stand als ein Kandidat mit guten Zeugnissen aber ohne Vermögen es eben konnte. Einstweilen stand er seinem Oheim und Wohltäter als Vikarius bei und hatte auf eine eigene Pfarre bei dessen Lebzeiten nicht zu rechnen. Da nun der Pfarrer Aghion noch ein rüstiger Mann am Ende der Fünfziger war, sah des Neffen Zukunft nicht allzu glänzend aus. Als ein armer Jüngling, der nach aller Voraussicht nicht vor dem mittleren Mannesalter auf ein eigenes Amt und Einkommen zu rechnen hatte, war er für junge Mädchen kein begehrenswerter Mann, wenigstens nicht für ehrbare, und mit anderen als solchen war er nie zusammengetroffen.

So war denn sein Gemüt wie sein Schicksal nicht frei von verdunkelnden Wolken, die jedoch über seinem bescheidenen und harmlosen Wesen mehr wie bedeutsame Verzierungen denn wie gefährliche Feinde schwebten. Zwar sah er, als ein gesunder und einfach fühlender Mensch, nicht ein, warum gerade er, der studiert hatte und den die geistliche Würde umfloß, im Liebesglück und in der Freiheit zu heiraten hinter jedem jungen Bauern oder Weber oder Wollenspinner zurückstehen müsse, und wenn er zuweilen eine festliche Trauung auf der kleinen gebrechlichen Orgel der Dorfkirche begleitete, war sein Gemüt nicht immer frei von Unzufriedenheit und Neid. Aber eben seine einfache Natur lehrte ihn, das Unmögliche aus seinen Gedanken zu verbannen und sich an das zu halten, was ihm bei seiner Lage und bei seinen Fähigkeiten offen stand, und das war gar nicht wenig. Als Sohn einer herzlich frommen Mutter hatte er einen schlichten, bewährten Christensinn und Glauben, welchen als Prediger zu bekennen ihm eine Freude war. Seine eigentlichen geistigen Vergnügungen aber fand er im Betrachten der Natur, wofür er ein feines Auge besaß. Von jener kühnen, revolutionären und konstruktiven Naturwissenschaft allerdings, die eben zu seiner Zeit und in seinem Lande emporwuchs und später so vielen Pfarrern das Leben sauer machen sollte, wußte und ahnte er nichts. Als ein bescheidener frischer Junge ohne philosophische Bedürfnisse, aber mit tüchtigen Augen und Händen fand er vielmehr vollkommene Befriedigung im Sehen und Kennen, Sammeln und Untersuchen der natürlichen Dinge, die sich ihm darboten. Als Knabe hatte er Blumen gezüchtet und botanisiert, hatte dann eine Weile sich eifrig mit Steinen und Versteinerungen abgegeben, in welch letztern er freilich nur schöne und ahnungsvolle Formenspiele der Natur verehrte, und neuerdings, zumal seit seinem Aufenthalt in der ländlichen Umgebung, war ihm die vielfarbige Insektenwelt vor allem andern lieb geworden. Das Allerliebste aber waren ihm die Schmetterlinge, deren glänzende Verwandlung aus dem Raupen- und Puppenstande ihn immer wieder innig entzückte und deren köstliche Zeichnung und milder satter Farbenschmelz ihm ein so reines Vergnügen bereiteten, wie es geringer befähigte Menschen nur in den genügsameren Jahren der frühen Kindheit erleben können.

So war der junge Theologe beschaffen, der als erster auf die Kunde von jener Stiftung hin alsbald aufhorchte und ein Verlangen in seinem Innersten gleich einem Kompaßzeiger gegen Indien hinweisen fühlte. Seine Mutter war vor wenigen Jahren gestorben, ein Verlöbnis oder auch nur ein heimlicher Verspruch mit einem Mädchen bestand nicht, der Oheim wehrte sich zwar und riet flehentlich ab, war aber schließlich ein aufrechter Pfarrherr, in dessen Amt und Anwesen sich der Neffe keineswegs unentbehrlich wußte. Er schrieb nach London, bekam ermunternde Antwort und das Reisegeld für die Fahrt nach der Hauptstadt zugestellt und fuhr gleich darauf, nach einem unfrohen Abschied von seinem noch immer zürnenden und heftig abmahnenden Onkel, mit einer kleinen Bücherkiste und einem Kleiderbündel getrost nach London, wobei ihm nur leid tat, daß er seine Herbarien, Versteinerungen und Schmetterlingskästen nicht mitnehmen konnte.

Ernst und bänglich betrat in der düstern brausenden Altstadt von London der indische Kandidat das hohe ernste Haus des frommen Kaufherrn, wo ihm im düsteren Korridor eine gewaltige Wandkarte der östlichen Erdhälfte und gleich im ersten Zimmer ein großes fleckiges Tigerfell seine Zukunft vor Augen führte. Beklommen und verwirrt ließ er sich von dem vornehmen Diener in das Zimmer führen, wo ihn der Hausherr erwartete. Es empfing ihn ein großer, ernster, schön rasierter Herr mit eisblauen scharfen Augen und strengen alten Mienen, dem der schüchterne Bewerber jedoch nach wenigen Reden recht wohl gefiel, so daß er ihn zum Sitzen einlud und sein Examen mit Vertrauen und Wohlwollen zu Ende führte. Darauf ließ der Herr sich seine Zeugnisse und seinen schriftlichen Lebenslauf übergeben und schellte den Diener herbei, der auf eine knappe Anweisung hin den Theologen stillschweigend hinwegführte und in ein Gastzimmer brachte, wo unverweilt ein zweiter Diener mit Tee, Wein, Schinken, Butter und Brot erschien. Mit diesem Imbiß ward der junge Mann allein gelassen und tat seinem Hunger und Durst Genüge. Dann blieb er beruhigt in dem schönen blausamtenen Armstuhl sitzen, dachte über seine Lage nach und musterte mit müßigen Augen das Zimmer, wo er nach kurzem Umherschauen zwei weitere Entgegenkömmlinge aus dem fernen heißen Lande entdeckte, nämlich in einer Ecke neben dem Kamin einen ausgestopften rotbraunen Affen und über ihm aufgehängt an der blauen Seidentapete das gegerbte Fell einer riesig großen Schlange, deren augenloser Kopf blind und schlaff herabhing. Das waren Dinge, die er schätzte und die er sofort aus der Nähe zu betrachten und zu befühlen eilte. War ihm auch die Vorstellung der lebendigen Boa, die er durch das Zusammenbiegen der glänzend silbrigen Haut zu einem Rohre zu unterstützen versuchte, einigermaßen grauenvoll und zuwider, so ward doch seine Neugierde auf die geheimnisvolle, an Wundern reiche Ferne durch ihren Anblick noch geschürt. Er dachte sich weder von Schlangen noch von Affen schrecken zu lassen und malte sich mit Wollust die fabelhaften Blumen, Bäume, Vögel und Schmetterlinge aus, die in solchen gesegneten Ländern gedeihen mußten.

Es ging indessen schon gegen Abend, und ein stummer Diener trug eine angezündete Lampe herein. Vor dem hohen Fenster, das auf eine tote Hintergasse schaute, stand neblige Dämmerung. Die Stille des vornehmen Hauses, das ferne schwache Wogen der großen Stadt, die Einsamkeit des hohen kühlen Zimmers, in dem er sich wie gefangen fühlte, der Mangel an jeder Beschäftigung und die Ungewißheit seiner romanhaften Lage verbanden sich mit der zunehmenden Dunkelheit der Londoner Herbstnacht und stimmten die Seele des jungen Menschen von der Höhe seiner Hoffnungen immer weiter herab, bis er nach zwei Stunden, die er horchend und wartend in seinem Lehnstuhl hingebracht hatte, für heute jede Erwartung aufgab und sich kurzerhand müde in das vortreffliche Gastbett legte, wo er in kurzem einschlief.