Aus der Schweiz

Part 6

Chapter 63,698 wordsPublic domain

Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu -- Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau und der -- war es jetzt ganz erwünscht, -- sie fürchtete sich beinah etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause -- da wird er sich ausnehmend freuen.« -- »Sie sind ausnehmend gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.

Ungewißheit.

»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen hatte.

»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie befördern.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« -- »Ist es möglich? Wer, wer denn?« -- »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« -- »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor Freude.

»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen -- denken Sie, wenn Herr Picard --«

»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen -- ich weiß nicht, was ihn zu mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier -- man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon sagen wollte -- er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet --« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte sie.

Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. »Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« -- »Meinen Sie, Madame?« -- »Allerdings.«

»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.

»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.

Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen -- die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«

»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.

»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«

»Das ist wohl kein Zweifel.«

»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«

»Alles kein Zweifel.«

»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen -- wollen? Warten wir's ab -- es ist eine völlige Novelle -- Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische Vertraute -- Madame Hölty spielt sie mit möglichster Natürlichkeit.«

»Und wie wird das Ende sein?«

»Ueberall wo anders würde es zu einem -- komischen oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein Ende giebt.«

»In der That?«

»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.

Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen Garten.

»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«

»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir eine Erklärung zu schreiben -- überdies würde ich sie auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich hinzu.

Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.

Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt -- es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden -- die kommen sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.

Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.

Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.

Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch nicht wieder gesungen habe.

Unvermuthet.

Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn Leon.

»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«

»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.

»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«

»O, das allerbeste.«

Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller Erwartung.

»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.

Verliebt -- Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe -- wollte er sie zur Vertrauten machen -- das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.

Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und will heirathen.«

»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.

»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«

Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte -- er war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken gekommen?«

»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden -- meine Mutter willigt ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, -- wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«

Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber Madame Picard?«

»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«

Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist allerliebst -- die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.

»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet oder nicht.«

»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß -- es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das Ideal unserer guten Madame Hölty -- nun, der Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann unwiderruflich verurtheilt.

Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner Braut hören.«

Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.

Tagebuch in Schwyz.

Den 9. September 1849.

Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends. Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen. In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue, tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene« dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her, ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die Stätte einer Verwüstung und einer solchen -- das weckte mich aus meinem Stumpfsinne -- ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses Unheils sichtbar -- mir gefiel's -- es war ein herb Gefallen.

Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht Tagen hatte er noch einen Gast gehabt -- Herrn Fritzsche aus Berlin. Der war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben, d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren.

Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung, eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal -- derselbe reine, sonnige Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender.

Den 10. September.

Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein Elegant von Schwyz, Musiker, -- wird bei der nächsten Kirchweihe den Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper, an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts -- die Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun, wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern, eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind jetzt noch proscribirt -- die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben, sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle -- sollte man meinen. Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein Aufruhr gegen die jetzige Regierung -- welche noch nicht eingesetzt war. Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's auch kommen -- im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt, geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen. Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann -- so gelassen, überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache.

Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt, »ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand.

Den 11. September.

Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß -- wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch -- wir sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco kauften.

Nachmittag.

Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.

Den 12. September.

Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß -- o Süden und Schönheit!

Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah -- drei Jahre sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint denn die Frau so?« -- »Weil sie aus Italien zurück soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder -- in den Himmel.«

Ein Haus wird gebaut -- nicht für uns! Und warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein -- ich will dir ein Wiegenlied singen.

Abends.

Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?