Part 4
»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux in Paris geboren worden.«
»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau ist eine von den ersteren.«
Madame Picard.
Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der Genfer Gesellschaft -- vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen kann -- zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.
Die Frau des Compagnons.
Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty -- denn diesen Dichternamen führte der Mann -- in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.
Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: »Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »=s'il vous plait=.« Madame wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.
Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.
Vertrauliche Unterredung.
Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam -- Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang -- also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld haben.«
Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften Ehemanne.
»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, _bleibt_ er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, ist Ihr Mann denn unsichtbar?«
»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht guter Mann.«
»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«
Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr Leon -- aber das ist auch etwas Anderes -- er ist ein junger Mann und in Paris erzogen worden -- wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, er hätte sich geändert -- er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und gediegener.«
Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das ernstlich gemeint habe -- kennen Sie denn die Franzosen nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge -- es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«
Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«
»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«
»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.
Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen hoch.«
»Und Herr Leon auch?«
»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten -- werden Sie mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«
»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«
»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«
»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«
»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«
»Und sie lieben sich noch immer so?«
»Wo möglich noch mehr.«
»Ach, welches Glück! Und die Engländer -- sind sie eben so zärtlich?«
»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller legt.«
»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und --«
»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«
Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«
»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden -- was thut man nicht, um den zu erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag -- ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten -- die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme -- mich aber würde er zu Bette finden.«
»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was antwortete Herr Hölty?«
»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«
»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«
»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.
»Was, es ist ja kaum halb neun!«
»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht -- man muß nicht immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, -- pflegen Sie sich recht -- ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe -- nochmals guten Abend.«
»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät gekommen sind.«
Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so toller, je später und -- belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges -- es war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie auch noch hören -- das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und -- weniger schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette singen möge.
Herr Leon.
Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und -- füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen -- unsere kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben -- Madame Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« -- »Das muß ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt mitangehört -- Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal -- sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den Familien hervor.« -- »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters bekommen -- die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon -- wie die jungen Leute sind -- hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen -- auch nimmt er sich ungemein in Acht -- widerspricht ihr nie.« -- »Das wird auf Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. -- »Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei seiner Mutter -- da ist's billig, daß er belohnt werde.« »Sehr wahr -- ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«
Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete Persienne blickend -- zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen -- er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann weiter.