Part 2
Mochte das sein -- ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was ich wollte -- Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: =Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous connaître.= Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »=Maintenant monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.=«
Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod -- er werde mir daher das Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus.
So weit hatte ich es gebracht, -- vergaß er darum? Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er.
Und fort wollt' er auch -- nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige an.
Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende -- was lag ihm am Leben?
Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu sehen -- er brachte mir's. Es war kein schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend -- nein, es gehörte keiner Kokette -- ich hatte der Frau Unrecht gethan -- wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen.
Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich Loos, und Mauricy -- wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes unter.
In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen.
Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt -- nun, als ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« -- sein schönes Lächeln zeigte sich -- »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder ernst: »=Mon mariage sera avec la mort, madame.=« Dann stand er auf, bot mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer.
Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher Eindruck.
Was uns anfänglich auch etwas verstörte -- wir waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: =Madame, je viens vous dire, que je suis mort.=
Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde. Schwerlich lebt er noch.
Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die heißt:
Der schwarze Ring.
Ich bin fern von meinem Hause, Ich bin fern von meinem Land; Ich bin einsam und verlassen, Ungeliebt und unbekannt. Aus den Stunden unsers Glückes Blieb mir nur ein einzig Pfand: Dieser Zeuge meiner Freuden Ist der Ring an meiner Hand.
Fremde öffnen mir die Pforten, Fremde schenken mir den Wein; Wenn ich traure, trauert Niemand, Wenn ich weine, ist's allein. Einen Freund nur hab' ich mit mir, Einen Freund aus unser'm Land: Dieser Zeuge meiner Thränen Ist der Ring an meiner Hand.
Ich bin krank und werde sterben, Aber dich vergess' ich nicht; Bis die müden Augen brechen, Bist du meiner Seele Licht. Deine letzte Gabe nehm' ich Mit mir in das Bett von Sand: Denn der Zeuge unser's Liebens Ist der Ring an meiner Hand.
Von Genf nach Baden.
Den 2. August 1849.
Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück -- das genügt meinem Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt -- sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch -- entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt. Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden =Campagne du Port=. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche Leidenschaft -- aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne -- wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir unaufhörlich aufgefordert: »=Messieurs et mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!=« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen wir mit tragischer Freude -- denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben -- ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten -- ich schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »=Les Génevois ont beaucoup de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du Sonderbund.=« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist: »=Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.=« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten -- »=you can't make any impression upon them=.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer.
Den 3. August.
Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, daß auf den Tapeten Tankred und Clotilde, Rinald und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen, =l'Industriel=, kommt pünktlich an; wir fahren heute unter einem Zelte. Mit uns sind ein Engländer mit zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas verblichene Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer. Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare sind unverkennbar. Schweizer. Einer von diesen, klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem Hut, giebt uns Erläuterungen. Links ist Granson mit seinem erhaltenen Schlosse, rechts im Freiburgischen Estavayer -- Otto von Granson und die schöne Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in der ganzen Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne scheinen silbern die Alpen des Tessins. Schlösser des Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber beide Cantone haben verboten, ihm noch welche zu verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und werden da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn sie nicht länger die schönsten Schlösser bewohnen können?« So mein Gewährsmann in der blauen Blouse. Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im Sonderbundskriege, der vorletzten großen Begebenheit der Schweiz, auf Handelswege durch den »Industriel« den Freiburgern Schießbedarf zukommen lassen -- Waadt legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und zwingt ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen Staatsdiensten zu fahren. Auf waadtländisch heißen die Neufchateller Aristokraten und Jesuitenfreunde. Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen Wein aus Neufchatel. Die Stadt gekrönt mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und geräumig das Gymnasium. Vorher haben wir noch in das Val-de-Travers und in den Tunnel gesehen, durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders als bisher in den See zu fließen. Am Lande fallen Kutscher über uns her. Wir sollen nach Basel, und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin wir wollen -- nach Biel. Aber nicht im Coupé -- darauf hat bereits die verblichene Familie Beschlag gelegt. Im Innern mögen wir nicht -- wir nehmen für zehn Franken einen =char-à-côté=. Der Omnibusführer findet das unerhört; er zeigt auf uns: »die Leute da nehmen einen eigenen Wagen, weil sie nicht im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne seine Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem Oertchen St. Blaise und dem Sanct Blasisee hindurch an den Bieler See. Da ist links auf malerischer Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine -- rechts unter malerischer Felshöhe am See Neuville. Ich laufe durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer; Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein Kahn wiegt sich im Rohre; das Städtchen hat sechs Thürme, einen immer spitzer als den andern; der See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin im Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von St. Jean. Rousseau hat guten Geschmack gezeigt, als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen Schilderungen nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich gucke auch in ein Sommerhäuschen; da überrasch' ich einen Herrn, der sich gebadet hat und wie eine Leiche in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, ich erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen und komme zum Kaffee zurück in das Gasthaus. Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in Bern gefahren und »die Fru« gleich wiedererkannt hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht aus einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben in Genf eine leere Kiste stehen lassen, die nach Bern gehört -- wir fragen den Mann, ob er sie mitnehmen wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans Bezahlen geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann verlangt drei Franken -- die ganze Kiste ist nur zwei werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist ganz kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. Vor uns her fährt mit einem Kutscher und einem Passagier ein anderer =char-à-côté=. Als wir aus Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende Kutscher sich um, ruft unserm Etwas zu, beide Chars halten, beide Kutscher springen ab, der vordere Kutscher wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern Char, macht auf: »=Vite, faites-moi place pour ce jeune homme=« -- seinen Passagier. Wir starren ihn an -- »=Mais, monsieur= --« -- »=Eh, parbleu! faites; il faut qu'il soit à Bienne avant le départ de la diligence.=« -- »=Eh bien, qu'il aille à Bienne, mais pas dans notre voiture.=« -- »=Mais si, dans votre voiture, il-y-a trois places.=« -- »=Nous les avons prises.=« -- »=Eh non, vous n'avez payé que deux -- je veux la troisième. Rangez-vous.=« -- »=Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à vous?=« -- »=Parbleu, si elle est à moi! Je veux conduire ce jeune homme à Bienne. Vous rangerez vous?=« -- »=Pas du tout. Nous avons pris la voiture et nous la garderons.=« -- »=Eh, ne faites donc pas tant de façons -- en quoi ce jeune homme peut-il vous gêner?=« -- »=Mais assurément il nous gênerait et même beaucoup. Enfin nous ne voulons pas.=« -- »=Oh, quels gens! quels gens!=« Er schwingt sich auf den Kutschersitz, nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in seinen Arm, und fort geht's, während unser bisheriger Kutscher dasteht und uns nachschaut. Sein Trinkgeld ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner zu kutschiren, den zu befördernden Burschen zwischen uns einzuschieben und so von Neuville aus einen Char zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir nach Mornex fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, hielt, fragte zu uns herein: »Wollen Sie zwei Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus -- da standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern -- die wollten zwei Personen vorstellen. Nun, jetzt kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der Herr-Kutscher ist ganz geschmeidig geworden, seit wir beharrlich waren -- erklärt uns die Eile des jungen Menschen -- zum Begräbniß der Schwester soll er. Das thut uns sehr leid, aber darum können wir doch nicht -- der Kutscher sagt zustimmend: »=N'en parlons plus.=« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände vor uns hatten. Es ist ein beliebtes =On-dit= in der Schweiz, daß ein Engländer einst in einem =char-à-côté= um den ganzen Genfer See gefahren sei, ohne den See einmal gesehen zu haben. In Biel empfängt uns ein Omnibuskutscher und verspricht uns für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem wir ganz allein fahren sollen. Wir treten an das glückselige Fuhrwerk hinan -- da steht unser junges Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser Kutscher es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn fahre. Der Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: »Ja, ich habe Sie allein fahren wollen, denn ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen würden; nun diese zwei Personen gekommen sind, können Sie nicht allein fahren -- nein, das geht nicht -- ich bin ein Omnibus -- ich fahre Alles.« Der junge Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen Verdienst nicht schmälern; es ist mir nur des Prinzips wegen.« -- »Eben des Prinzips wegen würd' ich uns nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher wiederholt: »Ich bin ein Omnibus -- ich fahre Alles.« Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, aber erst müssen wir essen -- wir sterben Hungers. Im Speisesaale sitzt die verblichene Familie. Der Vater kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz im Coupé sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu theuer?« -- »Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer nur einen Frank mehr, als der im Innern und für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier Franken abverlangt.« -- »Entschuldigen Sie, hier hat die Person fünf und einen halben zahlen müssen.« Es ist klar -- die Gesellschaft hat für uns Beide mitbezahlt -- die Kutscher in Neufchatel und Biel scheinen sich das Wort gegeben zu haben, an diesem dritten August zu prellen. Wir verschlucken ein Beefsteak und eilen hinab -- da sitzt das junge Ehepaar auf den beiden Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, nachdem ich so lange seitwärts gefahren -- dazu ist mein Kopf zu müde -- wir wollen wieder abladen lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler dringend, das junge Ehepaar in Biel zu lassen -- »am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« Das will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler Kutscher aber macht am Wagenschlage so eindringliche Vorstellungen über die Rücksichten gegen das Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf heraussteckt und frägt: »Madame, können Sie nicht gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist Nein. »Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber wir wollen's versuchen.« Wir versuchen's, es geht, und wir schwatzen recht angenehm bis Solothurn. Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen ich es aufrichtig beneide -- den allernachgiebigsten Magen. Des Morgens braucht es kaum zu frühstücken, des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und nie ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch einen Spaziergang machen, um Eßlust zu finden! Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben immer Hunger, Morgens, Mittags und Abends auch noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern Despoten zu befriedigen, können immer erst nach dem Beefsteak an den Mondschein denken. Glückseliges junges Ehepaar, in deiner poetischen Bedürfnißlosigkeit! Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu Abend zu speisen, kommt unser einzelner Engländer vom Morgen. Er setzt sich langsam neben mich, unterhält und amüsirt sich langsam, spricht aber beileibe kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem er sich lange genug so amüsirt hat, steht er langsam auf, sagt uns langsam, er werde morgen nach Schinznach fahren, bietet uns langsam guten Abend und schreitet langsam aus dem Saale.
Den 4. August.
Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht recht darauf gehen -- ich benutze den Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten -- Petrus nach der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir -- das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.
Den 5. August.