Aus der Schneegrube

Part 7

Chapter 73,488 wordsPublic domain

Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige der Forschung längst fest eingeführt war.

Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, -- in diesem Falle das Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, -- und das würde in Einklang mit der Geologie sein.

Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.

Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.

Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die +dessen+ Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi; der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.

Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit dem ganzen Darwin nichts.

In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100 Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin, hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran ändern.

In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet, auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.

So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher, -- nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren Eiskappen.

Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.

So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert. Punkte gegen eine Erde!

Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der Welt Unverrückbares zu offenbaren.

Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt +nur+ wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig +da war+.

Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.

Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei. In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze. Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest für das ganze Altbuch der Paläontologie.

Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin gelöscht, -- durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört, erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein. Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.

Was heißt hier „fordern“?

Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und Trilobitenkrebse.

Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen. Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste daran, -- so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond gekrochen ist.

Es gibt aber noch mehr Lücken.

Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm bedroht, -- auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer Versteinerungen auffällt.

Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens bestimmter Arten sind es aber +nicht+, die der Darwinismus +sucht+!

Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, Degenerationen und Aufschwung. Aber grade +die+ Spur ist verwischt -- +wegen+ der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen könnten.

Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.

Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat diese Ironie geschaffen.

Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An Wunder glaubt aber +hier+ niemand, bloß an +Lücken+ der +Überlieferung+.

Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, doppelt lehrreich, daß sich nun +dennoch+ -- in Umkehrung des eigentlich Selbstverständlichen -- darwinistische Züge in der Geologie +haben+ aufweisen lassen.

Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die nachträgliche Existenz immer wieder so vieler +neuer+ Tier- und Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.

Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.

Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein +absolutes+ Muß der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung ~Ceratodus~ (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung ~Lingula~ (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?

Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.

Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.

Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein Stück wenigstens mit.

Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.

Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.

Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen neu ausgefüllt, aber dann von einer im +ganzen höheren+ Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.

An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch rein nirgendwo rütteln können.

Versucht worden ist ja jeder Ausweg.

In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch genug haben, -- die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden kann. Und das eben ist das Bezeichnende.

Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt, daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen. Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln, einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.

Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch überhaupt irgend etwas gibt!

Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.

Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb: es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen Gorilla und Mensch.

Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.

Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist nicht um ein so billiges zu erkaufen!

Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den niederen, älteren spräche.

Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.

Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie, mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.

Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an Lyells Sätze dabei.

Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.

Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.

Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.

Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.

Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.

Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens in der hergebracht einfachen Form.

Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr raunen, +was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich wissen+?

Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!

In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch hinter dem Vorhang arbeiten sehen.

Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns zurück.

Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses dunkelsten Gewebes +außerhalb+ der Naturgesetzlichkeit zu suchen. Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich genug Entwickelung.

Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.

Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen, daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren, kaum erst in seinem Umfang hier und da +geahnten+ Spiel der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern +auch+ hängt, -- in seinen +Rätseln+ hängt.

Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.

Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal reden wird, viel reden wird zu Darwin, -- nicht in dem kleinlichen Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst eigentlich +erfüllte+.

Unvermerkt wird dabei freilich auch der +Begriff+ „Verhältnisse“ selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren: -- eine Erweiterung.

Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.

Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.

Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin -- und er geriet auf die Selektion.

Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen. Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch anknüpft an das Wort Selektion.

In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend beeinflußt und +umgestaltet+ habe.

Zerstört, sagen die einen.

Erst vollendet, die andern.

Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein nachgezittert.

Ist die Sache wahr?