Part 28
Aber wenn die Riesen sich klein machen -- das ist nun so -- dann werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab, als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, -- in dem Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über einen gestürzten Baumriesen hinweg, -- sie waren groß im Verhältnis zu ihm und die Menge sah es und schloß danach.
Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder Faser gehörte.
Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten des Menschen, die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.
Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner, der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.
Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger herabgesunken.
Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte. Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er mußte sich anderswo helfen.
Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht +viele+ Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in seinen Kruken hege: ~Ignorabimus~ steht gewiß nicht darauf.
.... Und dabei: -- was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch hinter diesem Abfall!
Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.
Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt zeitlich zurück.
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Was ist das Leben?
Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.
Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.
Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.
Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.
Was lebt da?
Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter jenem Satze markiert.
Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den Glockenblumen begreifen würde -- nicht physiologisch, aber aus einer eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener Dinge ohne Antwort.
Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die mit Bildung prunkt.
Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl. Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg. Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot, hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.
Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das Fragezeichen gerannt.
An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern, wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein „~Ignorabimus~“ +fiel+. Es schadet aber heute überhaupt nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.
Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend, wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden ~Pour le mérite~ unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter, Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag geben soll.
In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum Verhungern.
Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris sah es noch schlimmer aus.
Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes, rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier gerade den Kern nicht.
Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.
Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat, der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.
Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres Jahrhunderts -- viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.
Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe, sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen Denkens, scharf wie wenige.
Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt. Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue Wort.
Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.
Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe „Leben“ Johannes Müller.
Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch ganz Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren, einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah, ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.
Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.
Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte nach noch eine durch und durch religiöse Natur.
Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.
Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke, Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung +innerhalb+ des +naturgesetzlichen+ Zusammenhanges der Welt zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher Arbeitsteilung -- für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen ernsthaften Riß.
So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist, ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.
Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, -- das Leben.
Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort ausspricht.
Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip, das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben wir ihm also danach seinen Namen: -- die „Lebenskraft“. Im Büchlein vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen „Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius, so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.
Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung, Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur geschichtlich zu begreifen war.
Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war, schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht. Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt, als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches Grundprinzip der lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.
Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession, eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie veränderte.
Lebens-+Kraft+ lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens+kraft+“ taufte, hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer „Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft, die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im Sinne bloß eines Gradunterschiedes.
Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit dem Zuge der Zeit gegangen waren, -- einer Zeit, die dem einfachen mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.
Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch ins Leben selber hineinzuarbeiten, -- gewisse Vorgänge dieses Lebens aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, -- eben als Lebenskraft.
Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber von hier weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache Wort-Konsequenz.
Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle Hypothesen auf ihn allein einstellt.
Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat Müller stets für diese Konsequenz erzogen.
Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.
Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen Schritt in der Konsequenz weiter tat.
Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.
Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis, wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv -- die Dinge rein mechanisch immer angesehen -- glatt so durchkomme.
Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.
Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der „Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung definierbar war, das gehörte also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte ~eo ipso~ nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes, als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens. Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig +ernst+ genommen wurde.
Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch reinlich.
Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über Müller lief.
Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft. „Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie; das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang. Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring geschlossen habe.
Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft schlechthin, -- wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!
Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte Reminiszenzen erwachten.
Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas +mehr+ umfaßt.
Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!
Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“; sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“
Wo war das jetzt?
Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden, von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben. Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ Dort war ~A~ = ~A~. Hier ~B~ = ~B~. Aber niemals wurde ~A~ = ~B~. Und nun diese grenzenlose Kalamität: wir +dachten doch+ ....! „Und dennoch spukt’s in Tegel,“ heißt es im Faust.
An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie. Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken. Folglich ist hier ~A~ nicht gleich ~A~. ~A~ = ~A~ ist aber der Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier „unter den Hufen der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr lösen. ~Ignorabimus!~ Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. Folglich sind wir große tragische Nichtweiterkönner, die sich mit Stoizismus, grandios deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren Gedanken-Dolch stürzen müssen.
Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu -- Mir.
Es gibt eine +noch viel einfachere+ Antwort.
Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken -- und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht ~A~ gleich nicht ~A~ und damit der Unsinn Weltregent.
Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff. Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition, sondern ihr verkündet: ~Ignorabimus~. Was ist das für eine Manier!
Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz. Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding, das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. ~Ignorabimus.~
Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.
Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich +dann+ allerdings nicht verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.
Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.
Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.
Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.
Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis uns +niemals+ zu einer +Welt+anschauung führen kann, denn mit einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.
Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung, dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer ausnutzten und ausnutzen in jenem +reaktionären+ Sinne einer Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.
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So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.
Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen Natur-Definition, mit der der +ganze+ Mensch mit all seinem Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und befriedigenden Welt-Anschauung.
Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es +ist nichts+ mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas +abziehen+ sollen.
Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas +aufzugeben+, sich an etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.
Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie +etwas mehr+ gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und überbietet.
Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen gegen das Alte heute noch nachschleift: daß wir fortan in einer kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben eroberten Weltanschauung hausen sollten.
Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein +Stück+ Natur bloß setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge, anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen haben, was uns bewegt.
Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht plötzlich tot.
Einerlei woher wir stammen: wir +sind+ Menschen. Kunst, Sitte, Liebe, Ideale -- das alles +ist+, so gut wie Logik ist.