Aus der Schneegrube

Part 18

Chapter 183,532 wordsPublic domain

Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder, was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete, ein Geist Heochios führe den Apparat.

Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war Heochios ein wirklich erschienener Geist.

Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei dem ich nicht den geringsten Grund habe, ~mala fides~ vorauszusetzen, die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem „Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.

Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen.

Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen und Telepathie.

Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben Gedankenlesens -- Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt -- gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt Führende.

Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt worden sind.

Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“ (Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen also und ohne Auge und Ohr.

Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche anstellte.

Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.

Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte Skepsis.

Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.

Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu geleiten.

Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort „Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.

Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden ausschlagen müßte.

Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.

Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann begleitet.

Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare glatt emporgeknotet, -- der Herr Gemahl ein kleiner Berliner Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein Glas Bier erbat.

Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand, Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln, die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.

Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark „mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.

In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen, bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu kommen.

Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben, um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.

Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige -- allerdings bewußt täuschende -- Quelle dieser Geisterstimmen sei. Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.

Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen, denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“

Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s Aussage überraschend zu gelingen pflegte.

Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“

Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte Stimmung dauernd zu zerstören.

Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.

Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!) zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.

Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.

Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.

Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit einer lesbaren Schrift zu bedecken.

Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete „Werner“.

Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses „Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.

Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.

Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer -- und mit dem Mut kamen verstärkte Wunder.

Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.

Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen, die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.

Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, -- übrigens keine einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und Bewegungen der Füße hervorbringen können.

Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.

Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.

Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen: „Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei Geistermanifestationen niemals.“

Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von „unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst vorsorglich auf das Klavier.

Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach, es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.

Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin, daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß, der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“

Damit schloß der erste Akt der Sitzung.

Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen jedes auffallende Licht abzuschließen.

Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen sollten, hinderte mich an der Durchführung.

So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber die +Gelegenheit+ zu einem solchen auch diesmal so günstig war (der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte überraschen dürfen.

Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete eine „Dunkelsitzung“.

Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß werde der Tisch nun endlich emporfliegen.

Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft, -- sehr merkwürdig!“

Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.

Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am Stuhl -- wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.

An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.

Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.

Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört, unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl wir andern erst später erfuhren, was.

Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße unsres Freundes O. dort zusammentraf.

Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.

O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß, durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.

So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster Blüte nebeneinander.

Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der Scherz hinzu -- der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.

In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.

Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.

Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes Radikalmittel.

Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.

Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater, Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....

Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.

Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener Meisterschaft eingeübt.

„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“ (Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind raten, und sie riet entsetzlich schlecht.

Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein Herkules sei.

Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das Licht der Welt erblickt.

Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.

Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben Fieber gestorben.“

Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der Galle zusammen.

Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben, in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern lesen und dann glauben lernen.

Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“

Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.

Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend deutlich durch.

Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes, einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat am gelben Fieber gestorben.

Wir hatten genug und gingen nach Hause.

So weit meine alten Aufzeichnungen.

Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.

Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“, die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, -- und die sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren Möglichkeiten ...

* * * * *

Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen, das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.

Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die verschiedensten Deutungen zulassen würden.

Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen. Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige Tatsachen, -- in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.

Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als +Palladium+ verteidigt haben -- und die doch, +mit+ dem und +trotz+ dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging -- und die uns so das Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“, die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.

Ein solcher Mann war Fechner.

Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.

Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine +Macht+, -- trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm „fertig“ zu sein glaubten.

Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder aufgelegt worden, -- überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.

Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten, schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek, das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis war.

Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf, sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen +muß+.

Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit Zend-Avesta gemacht.