Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Aus der Schneegrube
Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und Weltanschauung“ herausgibt.
Wilhelm Bölsche
Aus der Schneegrube
14. bis 18. Tausend
Dresden 1923 Carl Reißner
Vorrede.
Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen lachender Frühling -- und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann nur ein Stück Eiszeit dauert?
Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.
Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?
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Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt und klärt.
Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.
„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten, verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen, wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“
Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine Quell leise summend und plätschernd hindurch.
Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet ....?
Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903
Wilhelm Bölsche.
Inhalts-Übersicht.
Weihnachtsstimmung. -- Kennt die moderne Weltanschauung noch ein Weihnachten? -- Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls. -- Sternenfriede. -- Die Erfüllung unserer Ideale S. 1-6
Zusammensturz einer Welt -- und Schönheit. -- Die Entstehung des Schmerzes. -- Ist Liebe ein Hemmnis? -- Die Kraft der Ideal-Schau S. 7-15
Sturmtag am See. -- „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ -- Der unergründliche Ratschluß. -- Christi Stellung in der Natur. -- Der Triumph der Dichtung S. 15-23
Herber Frühling. -- Auferstehung in der Geschichte. -- Auferstehung durch Dichterkraft S. 23-29
In der Schneegrube. -- Der Drache. -- Gott-Natur. -- Die Natur als Minotaurus. -- Ein Versöhnter. -- Vom Geiste des Pessimismus in unserer Zeit. -- Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. -- Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. -- Die Stufen des Gesetzes und der Liebe. -- „Auge um Auge,“ ~A.~ = ~A.~ -- Die Herrschaft über die Naturgesetze baut das Liebesreich. -- Naturwende. -- Das optimistische Weltprinzip S. 29-57
Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. -- Was Darwin wollte. -- Eine Kosmogonie Goethes. -- Der Entwickelungsbegriff stammt nicht aus dem Darwinismus. -- Darwin und die Geologie. -- Die Steinkohlenwälder. -- Die Archäopteryx. -- Pithekanthropus. -- Was heißt „Wechsel der Verhältnisse“? -- Darwin und die Teleologie. -- Die Idee eines „Kosmos“. -- Darwin berührt nur den „Weg“, nicht das „Ziel“. -- Die natürliche Zuchtwahl in unserm Ideenleben. -- Was wirklich not tut S. 57-92
Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. -- Die Pflanzen als Eroberer. -- Der Acker von Hilversum. -- Hugo de Vries. -- Variation und Mutation. -- Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer Arten. -- Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. -- Auf der Suche nach einem Entwickelungsgesetz. -- Die Geschichte des Axolotl. -- Sprung oder Entwickelung? -- De Vries führt zu Darwins Idee über den Zweck zurück. -- Die Teleologie in der Ontogenie. -- Möglichkeit einer Weltteleologie S. 132-152
Die Zeit-Frage. -- Die Krakatau-Explosion und ein botanisches Ergebnis. -- Treubs Entdeckung. -- Wie das Leben die Erde erobert hat. -- Im Erdinnern. -- Die Angst vor den Millionen. -- Ein Experiment Buffons. -- Werners Wasserweisheit. -- Hutton als Zeit-Forderer. -- Goethe als Geologe. -- Lyell und Hoff. -- Die Biologie mischt sich ein. -- Die Rechnung erreicht die Milliarde. -- Thomsons exakte Rechnung mißlingt. -- Sehr viel Zeit als Resultat S. 152-172
Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. -- Weismann schreibt sein Testament. -- Äußere und innere Zuchtwahl. -- Von Nägeli bis zu Roux. -- Wo Weismann resigniert S. 173-183
Rückblick auf Haeckel. -- Persönliche Erinnerungen. -- Vogt. -- Ein Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. -- Darwinismus und Sozialdemokratie. -- Vorträge über Darwinismus bei Arbeitern. -- Die „Freie Bühne“. -- Die Gründung der Gesellschaft für „Ethische Kultur“. -- Was ist Wahrheit? S. 183-191
Was wollt ihr gegen Darwin setzen? -- Vielleicht den Spiritismus? -- Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. -- Das redende Kästchen. -- Entlarvung des Schwindels. -- Der Geist Abila. -- Grauen vor einer Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ S. 191-217
Was wir dagegen wirklich brauchen. -- Ein Mann wie Fechner. -- Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. -- Die echten offenen Möglichkeiten S. 217-230
Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. -- Das 19. Jahrhundert in seiner Stärke. -- Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. -- Geschichtlicher Rückblick. -- Der Triumph des Werkzeugs. -- Die Idee der „Kultur“. -- Der Mensch erobert sich selbst. -- Der Himmel auf Erden. -- Aber die Kehrseite. -- Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“. -- Der Mensch als Spiegelplättchen. -- Die tote Maschine als das Absolute. -- Das Individuum als Nichts. -- Der „Normalmensch“. -- Anprall gegen die Kunst. -- Man weiß mit dem Ästhetischen nichts mehr anzufangen. -- Das Künstlergenie als angebliche Störung des Normalen. -- Triumph der Lombrosos. -- Die Kunst zeigt sich selbst ergriffen. -- Experimente des Naturalismus. -- Höhepunkt und Sturz des falschen Prinzips. -- Die Kunst als Retterin S. 230-270
Waldeinsamkeit. -- Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder. -- Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. -- Vom ewigen Pfingsten des Geschehens. -- Pfingsten in der Entwickelung. -- Der Mensch als das Genie der Natur. -- Er steht im Aufmerksamkeitsfelde. -- Entlastungen im Automatischen S. 270-278
Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. -- Vom Pfingsten der Kunst. -- Im Trüffel-Lande. -- Die Höhlen des Vezère-Tals. -- Was der Mensch noch gesehen hat. -- Verschollene Tiere. -- Phantasie-Tiere. -- Wie der Mensch stilisiert. -- Der Tintenfisch von Mykenä. -- Der Altar von Pergamon. -- Bakairi-Kunst. -- Urwurzeln von Realismus und Idealismus. -- Wie weit der Mensch zurückgeht. -- Als Zeitgenosse des Mammut. -- Als Zeitgenosse des Alt-Elefanten und des Süd-Elefanten. -- Der Mensch in der Auvergne bei Dinotherium und Hipparion. -- Die gefälschten Tierbilder. -- Das erste Mammut-Bild. -- Zweifel -- Jetzt die neuen Höhlen -- Wandgemälde. -- Echte Darstellungen des Mammut S. 278-312
Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird. -- Virchows Stellung zum Naturbegriff. -- Ein Zeitalter Virchows? -- Seine Größe. -- Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. -- Die Kehrseite der Medaille. -- Imponderabilien der Naturforschung. -- Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. -- Der Salto mortale des Idealisten. -- Individuelle Tragik. -- Verhängnisvolle Folgen S. 313-327
Dubois-Reymond als Parallelgestalt. -- Voraussetzungen und Folgen des „~Ignorabimus~“. -- Der Standpunkt Johannes Müllers. -- Sturz der Lebenskraft. -- Der entscheidende Irrtum bei Dubois. -- Zusammenbruch des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. -- Das wahre Ziel S. 327-346
(Friedrichshagen. Weihnachten.)
Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über dem schwarzen Kiefernforst herauf.
Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen im unsichtbaren Innern.
Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?
Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch, der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt -- dann wird diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System als heimatloser Fremdling landet.
Was will vor solcher Perspektive bestehen!
Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf, geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert -- wir Eintagsfliegen zwischen Äonen der Zeit und Siriusweiten.
Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige Menschenkind in seiner Krippe liege -- und daß die ewige Liebe von hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...
Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.
Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die Brücke?
Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann, mit diesem schwachen Menschenauge!
Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß: wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte -- als ganz kleines Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere Einheit.
Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.
Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.
Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten, urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.
Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe, daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!
Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn -- die alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes. Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt der Grieche -- Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als Weihnachtsfest.
Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.
Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so werden mußte.
Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort? Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien werden sich nie verleugnen können.
Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind, menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen, winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.
Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was wir ja auch nicht wissen, schließlich!) -- milliardenmal müssen sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn nennen, wie sie wollen, finden werden.
Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags -- sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.
Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen, ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert, kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen schafft.
Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht und damit auf die gleiche Grundlage weist, -- es hat eine tiefste Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am Weihnachtsbaum.
Stille Nacht, heilige Nacht.
Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und „Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz, das Gesetz des oberen Geistesstockwerks -- der Glaube an den endlichen „Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie silberner Staub.
Friede auf Erden!
Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?
Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!
Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß -- zu groß über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...
Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten, die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.
Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden, geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.
Willst Du der Macht, die +diese+ Ideale sich erfüllen konnte, Schranken setzen?
In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde, dem vereisten See.
Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt der tiefste Sinn all aller Sterne mit.
* * * * *
(Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.)
Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung, nachträglich, verspätet.
Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie schwarz wie die Masten einer Totenflotte.
Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der See liegt.
Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.
Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.
Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von intensivem Grün, -- grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes Grün.
Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.
Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu sagen gelernt hat, normaler Art.
Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch einmal zu denen zurückwirft.
Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.