Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen
Part 7
Es war damals eine einzige Idee, die mich beständig quälte und mich fast zum Wahnsinn brachte, die Idee: „Es muß doch einen Zweck haben, wenn der Mensch derartiges leidet.“
Manchmal war mir, als ob ich jemanden auf der Straße anhalten, ihn fragen müßte: „Weißt du, warum du leidest, warum du dich freust? Weißt du überhaupt, warum du da bist?“
Denn hat es einen Zweck, daß man derartiges leidet, so muß es doch auch einen Zweck haben, daß man da ist.
Hat es aber einen Zweck, daß man da ist, so muß man doch von einem Gott auf seinen Platz gestellt sein. Ist man von Gott auf seinen Platz gestellt, so müßte man doch auch in ihm stets einen letzten Rückhalt haben.
Aber ich nehme meinen Fall. Ich stelle mir vor, ein Gott sagte: „Dir ist diese deine Sünde vergeben“ oder: „Hinab mit dir in die unterste Hölle! Das edelste Wesen hast du gemordet durch deine Selbstsucht -- sei verdammt für immer!“ Das eine wäre so nichtssagend für mich wie das andere. Deswegen bliebe doch alles wie es ist. Im allerletzten Grunde bin ich ja doch mir selber verantwortlich.
Ist aber der Gott gerade da, wo es darauf ankommt, nutzlos, weshalb sich dann mit diesem transzendenten Ballast schleppen? Weshalb schleppen andere sich mit ihm? Weshalb schleppt im Grunde genommen alles sich mit ihm? Denn der Philosoph, der über ein Transzendentes spekuliert, glaubt ja genau so, wie der Kirchengläubige, mag er sein Transzendentes auch mit den geistreichsten und unverfänglichsten Namen benennen.
Monatelang irrte ich ruhelos von einem Ort zum andern. Eines Tages trat ich, es war in München, in eine Buchhandlung. Unter den dort ausliegenden Neuheiten fiel mir zufällig ein Buch über den Buddhismus in die Hände. Er hatte als Leitspruch den Satz:
„Über alle Gabe siegt der Wahrheit Gabe.“
Das zog mich an. Ich kaufte und begann zu lesen.
Irgend ein deutscher Gelehrter sagt von sich, er sähe es als eine Gnade des Schicksals an, daß sein Vater ihm schon als reiferen Knaben Kant’s „Prolegomena“ in die Hand gegeben habe. Ich muß offen gestehen, daß ich diese Gnade nicht recht zu würdigen weiß. Aber ebenso würde wohl jener Gelehrte es nicht verstehen, wenn ich hier sage, daß ich es für eine Gnade des Schicksals ansehe, daß er mir gerade in dieser Zeit dieses Buch in die Hände gab. Ich lernte begreifen, langsam, langsam, in jahrelangem geduldigem Nachdenken, aber ich lernte schließlich, und ich lernte vergeben -- mir selber vergeben. Ich begriff, warum ich mir selber vergeben durfte.
Die Dankbarkeit für diese Liebesgabe des Buddha trieb mich, die Spuren dieses Einzigen zu verfolgen. So schiffte ich mich bald darauf nach Indien ein, habe mit eigenen Augen und in stiller Ehrfurcht alles betrachtet, was diesen größten aller Menschen, diesen reinsten, wirklichsten Menschen angeht und bin nun hier in Lanauli geendet. Hier fahre ich bisweilen zu den Felsentempeln von Karli, um die stolze Säulenhalle zu bewundern. Bisweilen fahre ich auch zum gegenüberliegenden Gebirgszug, um die Felsenhöhlen von Bhaja und Bedsa zu besuchen, aus deren kahlen Wänden noch die jugendliche Kraft rücksichtslosen Entsagens spricht, wie sie den ersten Zeiten des Buddhismus eigen war. Meist aber sitze ich unter einem dieser mächtigen alten Bäume, die einzeln in dieser merkwürdigen Landschaft stehen. Und wenn der Monsunwind in den Zweigen rauscht und die Sonne hinter den Bergen im Westen sinkt, dann genieße ich immer wieder das köstlichste aller Gefühle: Dieses gesicherte Ruhegefühl, hervorgegangen aus dem bewußten Loslassen von der Welt und ihren Gütern.
Und das ist die Liebesgabe des Buddha. Mögen viele davon kosten. Denn irgend eine Schuld, die im Begreifen nicht sich selber verzehrte, die gibt es nicht.
Helene van Hoeven.
Frau Lamondt hieß vor ihrer Verheiratung Helene van Hoeven. Sie war in Holland in der Stadt Utrecht geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits aber war eine echte Javanin gewesen, und auch bei Fräulein van Hoeven zeigten sich noch Spuren malayischer Abstammung. Ihre Hautfarbe hatte einen leichten Stich ins Gelbliche und der Oberkiefer war etwas stark entwickelt, was aber nur beim Lachen hervortrat. Im übrigen hatte sie ein angenehmes Gesicht, an dem aber durchaus nichts auffallendes war, ausgenommen etwa die grauen Augen mit ihrem festen, klaren Blick. Aber selbst diese fielen nicht jedem auf, sondern nur solchen, welche fähig waren zu sehen. Und ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen Fräulein van Hoeven nicht zu denjenigen Personen rechneten, von denen sich erwarten ließ, daß sie später mal eine Lebensgeschichte haben würden.
Als Helene heiratete, war sie noch sehr jung, kaum 18 Jahr. Aber niemand dachte, daß das in diesem Falle viel schaden könnte. Denn sie heiratete jemanden, mit dem sie von Kindheit auf gespielt hatte und mit dem sie auch jetzt fast den ganzen Tag zusammen zubrachte: nämlich den jungen Lamondt. Daß sie sich heirateten, war von jeher selbstverständlich gewesen, also dachte man, käme es auf ein paar Jahre früher oder später nicht an.
Der junge Lamondt war ein seltner Mensch, ansehnlich, klug in seinem Geschäft, bescheiden und von einer ungewöhnlichen Gutherzigkeit.
Da die Familie viele Beziehungen nach Java hatte, so siedelten die beiden gleich nach ihrer Verheiratung nach Batavia über, um dort jenes äußerliche Glück zu suchen, welches die Ergänzung zu ihrem innerlichen Glück bilden sollte.
Ob freilich Frau Lamondt so ganz glücklich war, wie es junge Frauen stets sein sollten, das wußte sie wohl selber nicht. Sie war noch zu jung, und was das schlimmste war, ihr Mann war nur wenig älter wie sie. Sie wußten wohl beide nicht recht, was sie aneinander hatten. Zum vollen, dauernden Glück gehört aber das Bewußtsein vom Wert des Gegenstandes, dem wir unser Glück verdanken. So könnte es wohl sein, daß sie trotz aller gegenseitigen Liebe doch jenes einzige, wahre Glück der Liebe, jene vergeistigte Liebe nicht kennen gelernt hatten.
In Batavia bewohnten sie ein geräumiges Haus außerhalb der Stadt und hatten mehrere Diener, wie alle dortigen Europäer. Verkehr mit der Gesellschaft hatten sie wenig. Lamondt brachte fast den ganzen Tag in seinem Kontor in der Stadt zu, und so lebte die junge Frau in völliger Einsamkeit sich selbst überlassen.
Das wäre in Europa nicht so schlimm gewesen, weil hier die Arbeiten in der Häuslichkeit den Einfluß der Einsamkeit aufheben oder doch schwächen. In Indien aber fällt dieser Faktor fort. Die Dienerschaft macht hier alles, und die Hausfrau widmet den Tag der Hauptsache nach dem Nichtstun; denn das Bewegen des Schaukelstuhls kann man kaum eine Tätigkeit nennen.
Nun war es freilich der jungen Frau Lamondt nicht gegeben, in dieser, gerade in Holländisch-Indien so beliebten Weise ihre Tage zuzubringen. Sie begann nach Beschäftigung zu suchen, und da das Haus nichts bot, so stieß sie auf diejenige Beschäftigung, auf die sie auch in Europa, nur etwas später, gestoßen wäre, weil ihre Natur es forderte: die Beschäftigung mit sich selbst, das Nachdenken über sich selbst. Mit einem Wort: Sie begann zu philosophieren.
Es ist aber ein großer Unterschied, ob jemand mit 18 oder mit 25 oder gar mit 40 Jahren anfängt zu philosophieren. Die Anlage zur Nachdenklichkeit war Frau Lamondt angeboren. Diese Anlage wäre überall zum Durchbruch gekommen, aber in Europa wahrscheinlich erst auf Grund der Lebens-Erfahrungen, das heißt der Püffe und Enttäuschungen, die wir hienieden zu kosten bekommen. Jetzt, in Indien in dieser Einsamkeit wurde diese glücklich-unglückselige Anlage gleichsam künstlich, wie in einem Treibhause zur Reife gebracht. Es fehlte hier der reale Hintergrund, der den Resultaten ihres Philosophierens als natürlicher Maßstab dienen konnte.
Außerdem wollte es der Zufall, daß sie den Philosophien in die Hände fiel, die eine fortschreitende Hebung, Vervollkommnung des Menschengeschlechtes lehren und die Verpflichtung jedes Einzelnen, an dieser Hebung mitzuarbeiten.
Diese Theorie wirkt auf gewisse Gemüter wie der Weingeist auf das Gehirn. Auch Frau Lamondt wurde berauscht und in diesem schillernden Gespinst klangvoller Hypothesen und hochgeistiger Argumente gefangen genommen. Sie hatte irgendwo Beethovens stolze Worte gelesen: „Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten.“ Das tönte ihr im Ohr wie der Klang einer silbernen Glocke.
Eines Tags begann sie, ihrem Manne gegenüber diese Gedanken zu entwickeln. Der lachte sie gutmütig aus. „Laß Du die Welt nur, wie sie ist. Man beißt sich bei so was nur die Zähne aus, und es bleibt doch alles beim Alten.“
Sie erwiderte hitzig: „Wenn jeder so denken wollte wie Du, so würde die Welt wohl in einem kläglichen Zustand sein.“
„Das weiß ich nicht, Tutti. Mir gefällt sie so ganz gut wie sie ist, und für die Zeit, in der wir drauf sind, reicht’s schon aus.“
Er küßte die junge Frau herzlich. Es war Zeit, ins Kontor zu gehen. Im Hinausgehen rief er ihr scherzend zurück: „Ich will vor allem mal die Lamondt’sche Welt verbessern. Wie die große dabei fährt, das kümmert uns gar nichts. Hörst Du, Tutti, gar nichts!“ wiederholte er übermütig. Er warf ihr eine Kußhand zu und stieg in sein Wägelchen.
Frau Lamondt versuchte es noch öfter, ihren Mann für diese Fragen zu interessieren, aber stets mit dem gleichen Erfolg. So fing sie an, bei solchen Gelegenheiten sich ernsthaft über ihn zu ärgern. Sie übersah ganz oder wußte es wohl nicht, daß er tatsächlich seine Pflicht erfüllte und nach allen Seiten hin gutes tat, so weit es an seinem Platz nur möglich war. Sie übersah, daß auch das idealste Streben in keinem Fall mehr tun kann. Sie begann auf ihren Mann herab zu sehen seiner prosaischen Ansichten wegen.
Auch unter den wenigen, mit denen sie hier verkehrte, war niemand, der Verständnis für ihren Gedankengang gehabt hätte. Sie begann bei diesem und jenem zu fühlen. Denn erhabene Gedanken, die noch nicht zur Tat umgesetzt sind, drängen zur Mitteilung durch das Wort. Sie verlieren hierdurch zwar an Kraft, gewinnen aber an Verdaulichkeit. Was sie an Nähreinheiten einbüßen, wird aufgewogen durch die größere Assimilierbarkeit des Restes, eine Eigenheit, von der nicht nur der Beschenkte, sondern auch der Geber profitiert.
Aber überall fand Frau Lamondt Abweisung. Als sie endlich einsah, daß es besser sei, gar nicht über solche Dinge zu sprechen oder doch nur notgedrungen, war sie bereits der Gesellschaft ein wenig zum Gespött geworden. Sie merkte es und zog sich von da an nur noch mehr in sich zurück und in ihre Phantasie-Welt, die dadurch immer mehr Macht über sie gewann.
Lamondt selber war zu harmlos, als daß er dieser Geistesrichtung seiner Frau irgend welche Bedeutung beigemessen hätte. Der Gedanke, daß eine Entfremdung zwischen ihnen eintreten könne, wäre ihm etwas unfaßbares gewesen. Seinem Gefühl nach gehörten sie beide zusammen von jeher und für immer.
Nach zweijähriger Ehe beschenkte Frau Lamondt ihren Mann mit einem Töchterchen. Lamondt’s Glück war grenzenlos. Dieses Ereignis brachte eine tiefe Änderung in den Verhältnissen zustande. Beide liebten ihr Kind abgöttisch und sich gegenseitig in dem Kinde mit jener stillen, sanften Liebe, die dem gleichmäßig-milden Licht der Planeten zu vergleichen ist, während jene erste Liebe dem scharfen Funkeln der Fixsterne gleicht.
Die nachfolgenden Jahre waren die sonnigsten im Leben der Frau Lamondt. Denn ein nachdenklicher Mensch hat nicht viel Sonne, weil er fast ständig unter der Wolke seines eigenen Denkens wandelt. Ihre hochragenden philosophischen Ideen hatten sich gewissermaßen auf das Kind niedergeschlagen und dort Form angenommen. All ihr Können, all ihr Wissen, all ihre Sorgfalt wollte sie auf das Kind konzentrieren und dasselbe in geistiger wie leiblicher Beziehung zur denkbar höchsten Entwickelung bringen. Manchmal verirrten sich ihre Gedanken so weit in die Zukunft, daß sie sich mit ihrer Tochter vereint wirken sah zum Besten der Menschheit, zu ihrer Veredelung, Hebung.
So mochten vier Jahre vergangen sein, da bekam Herr Lamondt eines Tags Besuch von einem Freunde aus Holland. Es war ein Herr Savade, ein Marine-Offizier, dessen Schiff für einen Tag Batavia anlief.
Er suchte Lamondt in seinem Kontor in der Stadt auf. Der freute sich kindisch. Aber nachdem er ihn umarmt und geküßt und das nötigste gefragt hatte, sagte er:
„Weißt Du, heute ist Posttag. Dieses hier (er zeigte auf einen Stoß Briefe) muß fort. So kann ich hier nichts mit Dir anfangen. Geh’ zu meiner Frau raus und vertreib der die Zeit. Sie wird sich freuen. Und ein Mädel haben wir auch.“ Sein Auge glänzte. „Nun, ich sage nichts weiter. Du wirft ja sehen.“
Savade lächelte. Lamondt umarmte ihn noch einmal. „So bald ich irgend kann, komm’ ich auch: In einer Stunde ist Postschluß“ rief er dem Davonfahrenden nach.
Savade kannte Frau Lamondt nicht. Er hatte Lamondt während dessen Lehrjahren in Rotterdam kennen gelernt. Lamondt hatte aber viel von seiner Zukünftigen gesprochen und ihm ihr Bild gezeigt; denn sie waren wahre Freunde geworden, trotzdem Savade wohl an zehn Jahre älter war als Lamondt.
In der Villa Lamondt’s angekommen, mußte Savade einige Zeit im Empfangszimmer warten. Es war noch etwas früh am Vormittag. Aus langer Weile musterte er die kleine Bibliothek, die in einem Schränkchen in der Ecke stand. Zu seinem Erstaunen fand er hier eine Reihe philosophischer Bücher. „Potz tausend“, dachte er, „hat sich Lamondt in Java das Philosophieren angewöhnt! Er hatte doch in Rotterdam, weiß Gott! keine philosophische Ader.“ Er lachte leise. „Oder sollte vielleicht die Frau -- das wäre ja ganz etwas seltenes.“ Erwartungsvoll blickte er nach der Tür, in der Frau Lamondt vermutlich erscheinen mußte.
Gerade in diesem Moment trat sie ein. Sie trug ein langes, faltiges Musselin-Kleid von weißer Farbe, das mit einem gelben Seidengürtel zusammen gehalten wurde. Die Füße waren einheimischer Sitte gemäß mit Sandalen bekleidet. Der javanische Sarong, den viele holländische Damen bis zum Mittag tragen, sagte ihrem Geschmack nicht zu.
Frau Lamondt kannte Savade ebenso, wie er sie kannte, das heißt aus den Erzählungen Lamondts.
Als die gegenseitige Begrüßung vorüber war, begann Savade direkt:
„Ich sehe mit Erstaunen diese Kollektion philosophischer Autoren --“.
Er hielt erwartungsvoll einen Augenblick inne.
„Es sind meine Bücher.“
„O!“
Er konnte das Erstaunen nicht ganz verbergen. Sie sah noch so kindlich aus.
„So schwere Lektüre“, meinte er.
Sie glaubt ein wenig Spott aus diesen Worten zu hören. Etwas abweisend erwiderte sie:
„Der Mensch ist nicht dazu da, um sich das Leben möglichst leicht zu machen.“
Er sah sie aufmerksam an. Einlenkend begann er wieder:
„Verstehen Sie mich nicht falsch, gnädige Frau. Ich verehre die Philosophie als das Höchste auf der Welt und schätze jeden hoch, der sie hochschätzt.“
Freudig blickte sie zu ihm auf. „Wirklich, lieben Sie die Philosophie?“
„Ich liebe sie, so lange ich denken kann. Ich könnte nicht leben ohne Philosophie. Philosophie repräsentiert mir den menschlichen Verstand in seiner edelsten, reinsten und dabei naturgemäßesten Form, naturgemäß, weil es Funktion des Verstandes ist, von außen nach innen, das heißt auf sich selbst zu, in sich selbst hinein zu gehen. Und das nennt man eben Philosophieren.“
„O, wie selten man diese Liebe findet!“
„Ja, wirklich, wie selten! Ich habe mit Lamondt oft darüber disputiert, aber er wollte nie etwas von Philosophie wissen.“
Die junge Frau seufzte etwas.
„Aber,“ fuhr Savade heiter fort, „vielleicht ist Philosophie für einen Ehemann just nicht so notwendig. Ich dächte, wirklich zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört sie nur bei solchen, die entschlossen sind, allein durch’s Leben zu gehen. Ihnen muß sie jene Stütze ersetzen, die in der Ehe einer dem andern liefert. Sie muß der Einsamkeit ihren Stachel nehmen und muß lehren, den Gedanken an einsames Sterben nicht zu fürchten.“
„Meinen Sie nicht, daß sie noch höhere Zwecke zu erfüllen hat?“
„O, das ist nur die uns zugewandte, beschränkte Seite. Aber da ist noch jene andere, uns abgewandte, auf die ganze Menschheit zugewandte Seite.“
Er brach ab und trat wieder zu dem Bücherschränkchen. Er nahm einzelne Bände heraus und betrachtete sie fast zärtlich.
„Kant, Fichte, Schelling. Gerade meine Lieblinge. Und hier sogar der göttliche Plato.“
„Haben Sie den auch gelesen?“ fragte Frau Lamondt eifrig.
„Ich habe die Morgenstunden eines ganzen Jahres auf diese Lektüre verwandt. Es war eine erhebende Zeit.“
„Segelten Sie auch auf der hohen See des Schönen?“
Er nickte ihr freundlich, fast vertraulich zu, ohne zu antworten. Diese Stelle aus dem „Gastmahl“ hatte ihm auch stets besonders gefallen.
„Ich sehe mit Vergnügen, daß der Pessimismus hier nicht vertreten ist.“
„Nein,“ antwortete sie schnell, „der Pessimismus hat hier keinen Platz. Ich glaube an die Menschheit und an ihre Ideale als an mein Evangelium. Ich kenne kein höheres Evangelium.“
„Ja, was wäre das Leben ohne diese höchsten Ziele, ohne diese Ideale. Sie sind das menschlichem Verstand faßbar gewordene Göttliche in uns, wenn wir die Höhe dieser Ideale fühlen.“
Ein merkwürdiges Leben begann in den Augen der Frau ihm gegenüber aufzuleuchten. Er sah es und dachte: „Sie ist der Philosophie wahrhaft ergeben. Wie selten!“ Er wußte, daß die meisten, Männer wie Frauen, mit der Philosophie nur kokettieren.
In dem trat Lamondt ein.
Er war nie schlechter Laune, aber heute war er offenbar besonders heiter. Er drückte dem Freunde noch mal die Hand. „Willkommen in meinem neuen Heim,“ sagte er treuherzig. „Wenn Du wüßtest, wie viel Glück unter diesem Dach wohnt.“ Es schien ihn etwas wie Rührung übermannen zu wollen und schnell in einen burschikosen Ton überschnellend rief er aus:
„Savade, alter Junggeselle! Warum heiratest Du nicht!“ Damit trat er auf sein Weib zu und küßte sie. Plötzlich sah er sie genauer an!
„Na nu, Tutti, Du hast ja heute mal ordentlich Farbe. Woher kommt denn das?“
Wie geärgert wandte sie sich etwas zur Seite.
Savade antwortete statt ihrer: „Wir haben uns über Philosophie unterhalten, etwas lebhaft.“
Lamondt lachte lustig. „O, nun wird mir alles klar! Also immer noch das alte Steckenpferd.“
„Lamondt,“ fiel Savade mit künstlicher Ernsthaftigkeit ein, „versündige Dich nicht an der heiligen Philosophie.“
„O, ich weiß! Du gehörst ja auch mit zur Gilde. Nun, schon gut, alter Freund. Im übrigen sehe ich, ist das Essen fertig. Aber,“ unterbrach er sich schnell, „hast Du denn schon unser Mädchen gesehen?“
Savade verneinte.
Lamondt sah lachend seine Frau an: „Vor Philosophieren keine Zeit gehabt.“
Er klatschte in die Hände, und nach einem Weilchen trat die Wärterin ein, das Kind an der Hand führend. Lamondt nahm die Kleine in die Arme und herzte sie, als ob er einen langen Durst stillen müßte. Jubelnd schwenkte er sie hin und her und hielt sie dem Gast dicht vor’s Gesicht. „Da, sieh’ mal Du! Ist das noch nichts?!“
Savade versuchte zu schäkern, aber das Kind wandte sich ab. „Sie ist etwas scheu“ sagte Frau Lamondt entschuldigend.
Nachdem man sich zu Tisch gesetzt hatte, begann Lamondt:
„Wundere Dich nicht über unseren einfachen Tisch. Es geschieht auf Wunsch meiner Frau. Und ich füge mich, wie immer.“ Er klopfte ihr kosend auf die Hand, „Du mußt wissen, sie hieß schon als Mädchen unter ihren Gespielinnen der spartanische Jüngling.“
„Ich freue mich schon auf die schwarze Suppe,“ rief Savade lustig.
„Nun, so schlimm kommt es nicht. Aber Du wirst ja sehen.“
„Was können Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen, gnädige Frau?“
Frau Lamondt erwiderte lächelnd:
„Zweierlei kann ich vorbringen. Erstens liebe ich diese holländische Manier nicht, bei einer Mahlzeit, die man mit dem harmlosen Wort ‚Reistafel‘ bezeichnet, Eier-, Fleisch- und Fisch-Speisen schwersten Kalibers auf einander zu häufen, so daß man schließlich nicht mehr von ‚Reistafel‘, sondern nur noch von ‚Fleischtafel‘ reden kann. Zweitens halte ich Essen für ein notwendiges Übel, für eine Last. Und welcher verständige Mensch sucht nicht das Vergnügen. Ich denke aber, am leichtesten ist das Vergnügen zu vermehren durch Verminderung unser Lasten und Unannehmlichkeiten.“
„Sie wären der Freundschaft Epikurs wert, gnädige Frau.“
„Und Sie, mein Herr, fürchte ich, wären ihrer nicht wert, weil Sie schmeicheln.“
„Nicht doch, gnädige Frau! Was schmeichelhaft ist, muß nicht immer Schmeichelei sein. Ihre Worte enthalten tatsächlich die Quintessenz der epikuräischen Philosophie. Dieser seltene Mann machte es sich zur Lebensaufgabe, der Lust nachzustreben, aber dadurch, daß er sich von der Last aller unnötigen Bedürfnisse befreite. Der Lust wegen lebte er von Brot und Wasser. Und wenn er etwas Käse dazu tat, so nannte er das „Ein sich gütlich tun.“ Aber das war jene Lust, die mit der unsrigen nur im Namen zusammenfällt.“
„Um Gottes willen, Savade, sei still!“ fiel Lamondt mit komischem Entsetzen ein. „Wenn ich von jetzt ab Brot und Wasser bekomme und nur an Sonn- und Feiertagen etwas Käse dazu, so weißt Du, wer schuld ist.“
Alle lachten.
„Wie schmeckt Dir das?“ fragte Lamondt, auf die gebratenen Eierpflanzen zeigend, die so appetitlich aussahen und so prächtig dufteten.
„Vorzüglich! Es könnte den Appetit auf Fleisch benehmen.“
„Nicht wahr!“ fiel Frau Lamondt eifrig ein. „Das ist gerade das, was ich immer sage, und Lamondt glaubt es nicht.“
„Liebste Tutti, was habe ich davon, wenn es riecht wie Fleisch, aber kein Fleisch ist. Hast Du schon je von einem gehört, der sich vom Bratenduft genährt hat? Aber Du brauchst nicht zu denken, Freund, daß ich mich über unsere Küche beklage. Sie ist tatsächlich bekömmlich, und wir finden jederzeit Leute, die fähig sind, ihr vorzustehen.“
Nach den Eierpflanzen kam der Reis, locker und weiß, in hochgehäufter Schüssel. Dazu der Brotfrucht-Kurry. Den Nachtisch machten die Früchte: Bananen, Mangos und Mangustinen, jene köstlichste Tropenfrucht, die das Auge und den Gaumen in gleicher Weise entzückt.
„Das schmeckt wie parfümierter Schnee“, meinte Savade, während er sorgsam die schneeweiße Frucht aus ihrer purpurnen Schale nahm.
„Ja, es ist eine herrliche Frucht. Und doch geht mir ein ganz feiner Mango über die Mangostine.“
„Java ist ein gesegnetes Land,“ fiel Frau Lamondt ein. „Es ist das Paradies der Vegetarier. Es ist so leicht hier, naturgemäß zu leben.“
„Ja, für einen, der kein Kaffee-Geschäft hat,“ meinte Lamondt und begann von seinen Sorgen und Lasten zu erzählen.
Nach beendeter Reistafel empfahl sich Savade, um am Abend zum Diner wieder zu erscheinen. Am nächsten Morgen früh lief sein Schiff weiter nach Samarang, Surabaya und dann in die Molukken-See. Batavia wurde nicht wieder angelaufen. So galt es, die kurze Zeit des Beisammenseins auszunutzen.
Er fuhr mit der Bahn zurück zum Tandjong Priok, um auf seinem Schiff Toilette für den Abend zu machen. Nach Batavia zurückgekehrt hielt er nach einer Gärtnerei Umschau, um den üblichen Blumenstrauß für die Dame des Hauses zu erwerben. Das war aber in Batavia leichter gesagt als getan, weil hier jeder seinen Privat-Garten besitzt. Endlich wies man ihn in die Chinesenstadt. Sein Riksha-Kuli wußte hier Bescheid. Er setzte ihn in einer Straße ab, in der einige Chinesen-Weiber dürftige Sträußchen feil hielten. Für ein Paar Cent erstand er eines, froh überhaupt etwas bekommen zu haben.
Als er gerade mit dem Handel beschäftigt war, bat ihn ein grauhaariger Chinese, ein Krüppel, um eine Gabe, indem er sich schweigend in ehrfurchtsvoller Weise verneigte. Savade aber sah über ihn hinweg, nur in seinen Kauf interessiert. Es war sonst nicht seine Art, einen Bettler vergeblich bitten zu lassen. Erst als er schon wieder ein Weilchen in seiner Riksha saß, kam ihm plötzlich dieser bescheidene Alte wieder vor Augen. Er erschrak innerlich. „So habe ich für diesen stillen Bettler nicht eine Kupfermünze übrig gehabt“ sagte er mißbilligend zu sich selber. Er behielt ein unbehagliches Gefühl, bis er an Lamondt’s Villa anlangte.