Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen

Part 3

Chapter 33,994 wordsPublic domain

Er wollte davon stürzen. Aber im nächsten Augenblick kam wieder diese Scham vor sich selber. „Ich will mich nicht fürchten,“ sagte er fast störrisch. Dabei stemmte er den Fuß in den Erdboden des Fußwegs wie ein Ringer, der einen Halt gegenüber dem Gegner sucht. „Ehe ich mich fürchte, will ich wissen, warum ich mich fürchte.“

Indem sah er etwas Weißes durch das Dickicht schimmern und ein Mensch arbeitete sich, halb kriechend an den Weg heran, auf dem Suriyagoda stand.

Es war Wogiswera, der Arzt und Schulmeister unten im Dorf.

Verwirrt sah der Mönch ihn an, als er herantrat und sich tief verneigte.

Ehe er das tat, legte er vorsichtig eine Art Grabstock und ein in weiße Baumwolle gehülltes Bündelchen beiseite. Nach der Begrüßung richtete er sich schnell auf und nahm Stock und Bündelchen wieder an sich. So schritten sie schweigend den Pfad abwärts weiter, Suriyagoda zu sehr mit der Scham über sich selber beschäftigt, um den anderen zu fragen, Wogiswera zu bescheiden, um den Mönch, dem man Ehrfurcht schuldet, anzureden.

Mit einer Art Ingrimm wiederholte Suriyagoda sich immer wieder: „Wovor habe ich mich denn nun gefürchtet! Ist in allem das Göttliche und alles im Göttlichen -- woher dann die Furcht? Wie stehts wohl mit meinem Glauben! Schlecht stehts! Du Narr, du Narr nach beiden Seiten hin!“

Er lachte kurz auf.

Wogiswera warf ihm einen scheuen Seitenblick zu. Er war ein Mann, fast doppelt so alt als der Mönch. Früher selber Mönch gewesen, war er vor langen Jahren, kurz ehe Suriyagoda in Mihintale in den Orden trat, in die Fesseln der Liebe gefallen, hatte geheiratet und Kinder gezeugt und erwarb sich jetzt seinen Unterhalt mit Unterrichten der Kinder des Dorfes und mit dem Heilen von Krankheiten.

Von Natur redselig, fiel ihm nichts schwerer als das Schweigen. So benützte er den Augenblick, wo Suriyagoda auflachte und sagte:

„Es ist schwer, Herr, es ist schwer.“

Der Mönch sah auf. Sein Blick blieb auf dem weißen Bündelchen Wogisweras hängen.

Unvermittelt fragte er:

„Was hast du denn da in dem Bündelchen?“

Sofort begann Wogiswera:

„Seht hier, es sind Kräuter darin; Heilkräuter für meine Frau. Sie ist krank, schwer krank und fünf Kinderchen! Es ist schwer. Ein gutes Weib, Herr! Das beste Weib der Welt. Ich will euch erzählen, wie sie krank wurde. Sie war guter Hoffnung, müßt ihr wissen. Da bekommt sie neulich Verlangen auf Zucker, weißen Zucker. Schickt den Diener hin. Weil ihr der zu lange bleibt, tritt sie selber in die Gartenpforte, um nach ihm auszusehen. Da sieht sie ihn, am Zucker naschend. Um ihn nicht zu beschämen -- bedenkt, Herr, um ihn nicht zu beschämen, bückt sie sich schnell zur Erde, als ob sie da was zu schaffen hätte. Und dabei ist das Unglück gekommen. Sie war immer schwach und zart. Jetzt diese Last! Fünf Kinderchen und kein Weib im Hause, nur Unruhe und Geschrei. Ach, Herr, wenn ihr wüßtet, wie oft ich an den Klosterfrieden zurückdenke.“

„Möchtest du wieder in den Orden zurücktreten?“

„Ach, wie gern Herr! Aber kann ich! Jetzt sind es tausend Fäden, damals war es einer, ein einziger. Ich hätte ihn zerreißen können -- so!“ Damit nahm er einen dürren Grashalm und zerriß ihn zwischen den Fingern. „So leicht ist es im Anfang, der Lust zu widerstehen. Je später, je schwerer.“

In diesem Augenblick drang der Ton der Klosterglocke von oben her zu ihnen, tief dunkel, dröhnend, die letzte Tagesstunde anzeigend.

Unwillkürlich blieben beide stehen und lauschten. Beide zählten die Schläge, einen nach dem andern.

Nachdem der letzte Schlag verklungen war, begann Wogiswera wieder:

„Seht, Herr, es ist im Leben gerade wie hier. Ein Schlag ist wie der andere, -- einfach ein Schlag. Zählt ihr aber mit, so bekommt eben ein Schlag Sinn und Wert aus dem andern. Was ist der letzte Schlag anderes wie der erste? Ein Schlag schlechthin. Habt ihr aber vom ersten Schlag ab mitgezählt, so ist es der höchste Schlag, den es schlägt. So ist es im Leben, Herr. Es ist eines wie das andere, ein Schlag schlechthin. Zählt man aber mit, so bekommt eines aus dem anderen Sinn und Bedeutung und je länger man mitzählt, um so höher wird der Wert. Man muß sich nun fügen. Es ist zu spät jetzt. Bin ich mehr als der Buddha! Er verließ +ein+ Söhnchen, kann ich fünf verlassen?“

„Habt ihr fünf Söhne?“ fragte Suriyagoda zerstreut.

„Das nicht Herr. Ich meine nur so. Fünf Kinderchen.“

Er schwieg und Suriyagoda verfiel wieder in sein Grübeln.

Plötzlich begann er:

„Fürchtest du dich nicht im Djungel?“

Wogiswera schüttelte den Kopf. „Nein, Herr. Ich kenne den Schlangenzauber und ich kenne den Elefantenzauber, und der Elefantenzauber ist so stark, sagen sie, daß er für die Bären mit hilft.“

„Er glaubt,“ dachte Suriyagoda. „Darum fürchtet er sich nicht.“

Indem stießen sie auf den Hauptweg, der nach rechts hin zum Kloster hinauf, nach links hin zum Dorf hinabführte.

„Hier geht euer Weg, Herr,“ meinte Wogiswera, bergauf zeigend. „Ich muß mich eilen. Es ist schon fast dunkel.“

Dabei legte er Stock und Bündelchen abermals schnell beiseite, kniete nieder und verabschiedete sich von dem Mönch. Wie urplötzlich alles eigenen Willens beraubt, wandte der sich sofort zur rechten und stieg den bekannten Weg zum Kloster hinan, während der andere halb springend bergab eilte.

Im Kloster angelangt, begab Suriyagoda sich sofort, ehe er noch seine Zelle betreten hatte, zum Abt, jetzt fest entschlossen, alles rückhaltlos zu beichten. Seinen Plan, das Kloster und den Orden ohne vorherige Ankündigung zu verlassen, mußte er doch beichten.

Der Abt saß in seinem hohen, luftigen Gemach, das durch die spärliche Beleuchtung noch größer aussah, auf einem sehr niedrigen Stühlchen, das Suriyagoda sich nicht erinnerte, je bei ihm gesehen zu haben. Es war so niedrig, daß Suriyagoda, als er vor ihm niederkniete, fast in gleicher Höhe mit ihm sich befand.

Der Abt hatte ein Palmblatt-Manuskript vor sich und schien darin zu lesen oder doch darüber nachzudenken. Das Licht stand hinter ihm, so daß sein Gesicht im Dunkeln war, während auf Suriyagodas Gesicht voll der Schein der Flamme fiel.

Es war weder Neu- noch Vollmondtag. Trotzdem, als der Mönch seine Bitte aussprach, heute beichten zu dürfen, gab jener durch Schweigen seine Zustimmung.

In innerer Hast begann Suriyagoda, weit ausholend, aber Jahre zusammendrängend. Er erzählte vom Fakir, der ihm die große Liebe prophezeit habe, vom Palmblattfächer, vom alten Abt. Dann, wie ein vulkanischer Ausbruch, stoßweise, unzusammenhängend rang sich aus ihm das Bekenntnis seiner inneren Kämpfe, dieses schreckliche Ringen zwischen Verstand und Gemüt, das ihn zu entmannen drohe. An den heutigen Fluchtversuch dachte er gar nicht mehr; er wäre auch zu erschöpft gewesen, noch von ihm zu sprechen.

Der Abt saß regungslos. Man hätte ihn für einen Schlafenden halten können, wenn das Auge nicht voll, aber mit eigenartiger Starrheit auf einen Lichtreflex gerichtet gewesen wäre, den die hinter ihm stehende Flamme auf dem Metallbeschlag des kleinen Schreines, der die heiligen Schriften enthielt, spielen ließ. Es war wie ein mildes aber starkes Sprühen, ein Licht-Wogen. Wie ein mächtiges Auge leuchtete es aus der Tiefe des dunklen Zimmers heraus.

Als der Mönch geendet, herrschte langes Schweigen. Der Abt starrte unentwegt in den glänzenden Lichtknauf vor ihm. Endlich begann er leise und eintönig:

„Ich höre dieses und du, Bruder, höre auch. Es ist, als ob die Glocke die letzte Tagesstunde verkündet. Ein Schlag, noch einer -- noch einer -- zwölf Schläge. Jedes ein Schlag schlechthin. Zählt man aber mit, so erhält ein Schlag aus dem andern Wert und Sinn -- ja so ist es: Wert und Sinn einer aus dem andern.“

Weit aufgerissenen Auges starrte Suriyagoda den Sprecher an. Dessen Augen hingen immer noch starr am Lichtknauf. Tiefer noch als sonst lagen die harten Furchen des mageren Gesichtes. Die Lippen bewegten sich lautlos, gleichsam mechanisch den letzten Worten nachschwingend.

Plötzlich ging es wie ein Erwachen durch seine Züge. Das Auge, bisher gleichsam auf eine Unendlichkeit eingestellt, nahm Leben an. Er seufzte leicht auf und alles schien vorüber. Mit seiner gewöhnlichen milden Freundlichkeit blickte er auf den zu seinen Füßen knieenden Mönch. Er nahm jetzt einen höheren Sitz und es lag fast wie ein schelmisches Lächeln auf seinen Zügen, als er sagte:

„Bruder, müssen wir nicht alle durch eine große Liebe gehen? Der eine nennt sie Weib, der andere Kind; der eine Geld, der andere Ehre, und noch ein anderer nennt sie Gott. Aber alles dieses, mag es heißen wie es will, es ist ja nichts als die Liebe zum eigenen Ich. Denn: ‚Nicht um der Gattin willen ist die Gattin lieb -- um des Selbstes willen ist die Gattin lieb.‘“ Und an diese Worte aus den Upanishaden anschließend fuhr er fort:

„Nicht um des Göttlichen willen ist das Göttliche lieb -- um des Selbstes willen ist das Göttliche lieb. Was aber ist das Selbst? Ist, Bruder, dir wohl ganz klar geworden, was das Selbst ist? Ist, Bruder, dir wohl das Verständnis aufgegangen, daß das Ich wesenlos ist, wie die Flamme sich selbst unterhaltend durch die Nahrung, die es in jedem Augenblick heranreißt. Ist aber, Bruder, dieses Verständnis dir nicht ganz klar aufgegangen, daß das Selbst wesenlos ist; geht es dir wie jenen, die am Tage vor dem Vollmond zweifelnd fragen: ‚Ist der Mond wohl heute schon voll? Ist der Mond wohl heute noch nicht voll?‘, nun so hast du eben um solche Einsicht, um solche Erkenntnis, um solches Wissen, um solche Weisheit unermüdlich zu ringen. Aber es ist ja so, Bruder! Weil man sich selber nicht kennt, deswegen liebt man sich selber. Und weil man sich selber liebt, deswegen liebt man Gott. Hat man aber sich selber erkannt, hat man begriffen: ‚Von Anfangslosigkeit her brenne ich, mich selber unterhaltend, durch die Kraft meines Wollens‘ -- Bruder, was soll da noch der Gott? Es ist ja alles klar geworden!“ Bei den letzten Worten machte er eine leise Bewegung mit der Hand, die aber den Eindruck machte, als umschriebe er das ganze Weltall.

Suriyagoda hatte regungslos zugehört. Nach den letzten Worten erhob er sich schweigend. Vor der Tür seiner Zelle, da wo das Weib die Blumen hingelegt hatte, nahm er Platz. Die Nacht war mondlos aber sternklar und wie leises Seufzen kam es aus dem Dunkel des nahen Waldes, wenn der Nachtwind durch die Bäume ging.

So saß er, kreuzbeinig, den Körper gerade aufgerichtet, die Hände verschlungen, das Auge fest nach innen geschlagen, die ganze Nacht. Als er zum ersten Male aufblickte, glänzten die Dagobas von Anuradhapura bereits im ersten Schein des neuen Tages. Jetzt schoß hinter ihm der Sonnenball hoch und übergoß alles ringsum mit seinem Licht.

Suriyagoda erhob sich still, schüttelte einmal kräftig sein Gewand, ordnete es frisch und begab sich zum Abt. Wieder vor ihm niederknieend bat er um die Erlaubnis, von heute ab ohne Fächer lehren zu dürfen.

Der gab still lächelnd seine Zustimmung. Er wußte: „In dieser Nacht ist dieser Bruder durch seine große Liebe hindurchgegangen, ist im Licht aufgetaucht, wird im Lichte bleiben.“

So war es mit Suriyagodas Erwachen.

Nala, der Schweiger.

Diese Geschichte fängt an wie ein Märchen:

Es war einmal ein Mann, der lebte in der heiligen Stadt Kandy und dazu garnicht weit vom Tempel des heiligen Zahnes. In der Gesetzes-Gasse hatte er einen Laden und ernährte sich schlecht und recht.

Als dieser Mann fühlte, daß es mit ihm wohl bald zu Ende gehen könnte, sprach er zu seinem Sohn: „Nala, mein Sohn, du weißt, deine Mutter und Geschwister haben uns schon verlassen und sind weiter gewandert, (er meinte: sie sind gestorben und haben eine neue Wiedergeburt erlebt.) Auch meine elende Körperform, dieser Haufe Sankhāra steht im Begriff sich aufzulösen und sich zu neuer Form wieder zusammen zu schließen; denn das Nirvāna ist mir noch fern. Nun habe ich viel geschwankt, ob ich mein Hab und Gut dem Tempel zum heiligen Zahn vermachen oder dir hinterlassen soll. Als ich dich aber neulich deswegen befragte, und du antwortetest: ‚Wie es dir beliebt, Vater,‘ da sah ich, daß du die glückselige Gabe der Nachdenklichkeit besitzest und daß du das Geld nicht dazu verwenden wirst, nur noch mehr zusammen zu häufen. Darum will ich dir alles hinterlassen, nicht um dich träge zu machen, sondern um dir das Leben der Nachdenklichkeit zu erleichtern. Denn es ist schwer, nachdenklich zu sein, wenn man sein tägliches Brot erjagen muß. Aber heilig und teuer mußt du mir zweierlei geloben: Erstens beherzige stets den Satz des Buddha: ‚Wer nichts Liebes hat, der hat auch nichts Leides‘ und zweitens: stelle nie eine Frage an ein Weib.“

Der Sohn versprach heilig und teuer, es sein Leben lang wie ein Gelübde zu halten.

Darauf fuhr der Vater fort: „Dieses habe ich von dir verlangt, weil ich dir all mein Gut hinterlassen habe, wo es doch viel verdienstlicher für mich wäre, und mir bessere Wiedergeburt sichern würde, wenn ich es dem Tempel schenkte. Denn du weißt, mein Sohn, daß im Tode die Wege von Eltern und Kindern sich trennen, und daß niemand mit uns geht als unsere Tat. Jetzt gebe ich dir aber einen guten Rat, den du befolgen magst oder nicht: führe nicht diesen Handel fort, den ich führe. Mein Karma war es, Weib und Kinder zu haben; darum mußte ich Handel treiben, um sie zu ernähren. Am makellosesten lebt aber der Mensch, wenn er von der Erde lebt. So kann er andere am wenigsten schädigen.“

Auch diesen Rat versprach der Sohn zu befolgen.

Einige Zeit danach starb der Alte. Der Sohn betrauerte ihn in gebührlicher Weise, weil er aber ein guter Sohn war, so tröstete er sich mit dem Gedanken an die Vergänglichkeit alles Entstandenen. Dann nahm er alles, was sein Vater ihm hinterlassen hatte, und kaufte sich oben am Berge auf der anderen Seite ein Häuschen mit einem Stück Land und lebte dort einsam, aber friedlich. Wenn er in die gewaltige Ebene zu seinen Füßen sah, in der die fernen Felsrücken Schiffen im Ozean glichen, und die Ströme Silberadern, dann war ihm so froh, so ruhig zu Mut. Tag für Tag dachte er: „Wie herrlich ist dieses Leben. Wer nichts Liebes hat, der hat auch nichts Leides.“

Eines Tages nun sah er in seinem Garten ein Vögelchen, das war nicht bunt und schillernd wie die anderen, sondern einfach schwarz und weiß gefärbt und wippte mit dem Schwänzchen, daß es ein Vergnügen war, es zu sehen.

Nala dachte: „Was bist du denn für ein kleiner Patron?“ und blieb behutsam stehen, um es nicht zu stören. Da begann das Vögelchen eilig zu tippeln und nach Insekten zu schnappen, immer von einem Ende des Gartens zum anderen. Dann blieb es wohl ein Weilchen stehen, so recht keck breitbeinig und sah zutraulich zu Nala hin. Mit dem Schnabel bearbeitete es sein Gefieder, so weit es nur kommen konnte, und am drolligsten sah es aus, wenn es oben am Hals herumpickte. Dann breitete es einen Flügel aus und trat kräftig drunter, dann den anderen. Wenn es aber sein Füßchen nahm und sich am Kopf kratzte, erst eine Seite, dann die andere, so konnte Nala kaum vor Lachen an sich halten.

Als es so ein paar Stunden gejagt und sich vergnügt hatte, flog es zwitschernd davon.

Am nächsten Morgen, Nala sitzt ruhig in seinem Garten und schaut in die Ebene hinab, ist plötzlich das Vögelchen wieder da und beginnt dasselbe Spiel.

So ging es nun alle Tage, Woche für Woche. Sein erster Blick, wenn er morgens in den Garten trat, galt dem Vögelchen. Und wenn es da war, so hielt er sich sorgsam in der Seite des Gartens, in welcher es gerade nicht jagte, oder er hielt sich gar im Hause, um es nicht zu stören. Wenn es im Eifer ganz nahe an ihn herankam, so pflegte er zu sagen: „Sieh doch einer den frechen kleinen Kerl.“ Und wenn er sich nicht in den Garten traute, um es nicht zu stören, so meinte er schmunzelnd: „Hier heißt es auch: Wem’s Haus gehört, der scher’ sich raus!“

So ging es viele Wochen. Eines Tages aber blieb das Vögelchen aus. Nala wartete und wartete, aber vergebens. Ebenso am nächsten Tage und an den folgenden: Das Vögelchen kam nicht. Da wurde er traurig, das Essen schmeckte ihm nicht, und die Sonnen-Auf- und -Untergänge sagten ihm nichts mehr.

„Was mag dem Vögelchen zugestoßen sein?“ dachte er. „Ist es mir untreu geworden, weil es einen besseren Jagdgrund gefunden hat? Ist es von einem Habicht oder einer Schlange gefressen worden? Ist es in eine Schlinge geraten?“ Eine Möglichkeit war ihm so schmerzlich wie die andere. Da merkte er, daß er etwas Liebes hatte, darum hatte er jetzt dieses Leid.

„Wie recht hat doch der Erhabene“, dachte er, „wenn er sagt: ‚Wer nichts Liebes hat, hat auch nichts Leides.‘ Ich muß mich sorgfältiger hüten.“ Im stillen aber wartete er immer noch auf das schwarz-weiße Vögelchen mit dem wippenden Schwänzchen und musterte alles Gefiederte ringsum.

Da sah er eines Tags, wie ein Sperling sein Junges fütterte. Das saß auf einem spitzen Ast, und das Alte hielt sich mühsam flatternd vor ihm, bis es das Futter in den aufgesperrten Schnabel hineinbefördert hatte. Das wiederholte sich wieder und wieder.

Nala sah nachdenklich. „Wie wundervoll!“ dachte er. „Nicht genug, daß diese Mutter sich die Nahrung entzieht und gibt sie dem Jungen, läßt sie sich auch die Mühe nicht verdrießen, ihm flatternd die Nahrung zu geben. Sie sagt nicht: Du, komm herunter von deinem spitzen Ast, Du machst mir die Arbeit zu schwer! Wundervoll, fürwahr!“ Das machte, sein Herz war voll von Liebe wegen des Vögelchens.

Da sann Nala hin und her, vom Morgen bis zum Abend. Nachts schlief er. Endlich sagte er sich: „Es ist doch besser, ich nehme ein Weib. Es scheint mir nicht gut, sich der Natur zu widersetzen. Meine beiden Gelübde kann ich doch halten. Es ist nicht verboten, sein Weib zu achten und zu ehren, und fragen will ich sie nimmer.“

Als er so entschlossen war, setzte er sich vor die Tür an die Straße. Er dachte: „Vielleicht kommt die Rechte hier vorbei.“ Es kam aber nur ab und zu ein Lastträger oder ein altes Weib mit einem Korb auf dem Kopfe. Die sagten nichts als: Guten Tag! und gingen vorüber.

Da er nun einsah, daß es so unmöglich ging, spazierte er hinunter in die Stadt. Er war aber schüchterner Natur und wagte kaum ein Weib anzusehen.

Nahe vor der Stadt kam er an einer einzelnen Hütte vorbei. Vor der saß ein Mädchen und hatte vor sich auf einem schwarzen Brettchen ein Zuckerrohr, ein Stück Büffelhorn und ein Stück Elfenbein liegen.

Nala blieb stehen und besah sich alles. Für sein Leben gern hätte er gefragt, was das bedeute, aber er durfte ja nicht.

Als er ein Weilchen schweigend gestanden hatte, begann das Mädchen: „Was stehst Du denn da und fragst nicht, was das bedeutet?“

„Ich darf keine Fragen stellen“, sagte Nala.

„Weshalb denn nicht?“ lachte sie.

„Weil ich es meinem Vater gelobt habe.“

„O, so bist Du Nala aus der Gesetzesgasse!“ Das Mädchen lachte laut.

„Ich wohne nicht in der Gesetzesgasse“, sagte Nala. „Ich wohne oben am Berg auf der anderen Seite und habe dort ein hübsches Häuschen.“

„Schadet nichts. Ich weiß schon, Du bist Nala.“ Dabei lachte sie, daß alle Zähne zu sehen waren.

Wieder hätte er von Herzen gern gefragt: „Weshalb lachst Du denn so?“ aber er durfte ja nicht. Da begann sie auch schon:

„Die Leute sagen, daß Du niemals ein Weib irgend etwas fragen dürftest. Wie willst Du aber jemals eine Frau bekommen, wenn Du nicht fragen darfst, ob sie Dich will?“

Nala bekam einen gewaltigen Schreck. Wahrhaftig! Daran hatte er noch garnicht gedacht. Er kratzte sich hinterm Ohr und sah das Mädchen bestürzt an.

„Nun“, meinte sie, „vielleicht wird es nicht so schlimm. Schließlich findest Du auch so schon eine, wenn Du recht suchst. Aber wenn Du doch mal nicht fragen darfst, so will ich dir erklären, was das Brettchen hier zu bedeuten hat: Das Zuckerrohr bedeutet: Süß muß mein Liebster sein wie Zuckersaft. Das Büffelhorn bedeutet: Stark muß er sein wie ein Büffel. Das Elfenbein bedeutet: Edel und klug muß er sein wie ein Elefant.“

„Himmel“, dachte Nala, „wenn die Weiber alle so anspruchsvoll sind, wie soll dann selbst ein Mann, der fragen darf, zu einer Frau kommen?“ Daß die Dirne ihn aber so ausgelacht hatte, das verdroß ihn sehr. Er sagte sich: „In Kandy bekommst du nie und nimmer ein Weib. Sie werden dich alle auslachen.“

Da kehrte er denn betrübt zurück, verschloß sein Haus und wanderte nach Norden zu. Er wollte so wandern, bis ihm der Zufall ein Weib zugeführt hätte. So wanderte er Tag und Tag, und wenn die Karrentreiber auf der Straße ihn frugen: „Wo willst Du hin?“ so sagte er: „Ich weiß nicht.“ Dann lachten sie und meinten, er wäre nicht recht bei Troste. Er aber dachte: „Lacht ihr nur!“ Um keinen Preis wollte er jedem Hans auf der Landstraße erzählen, daß er nach Norden zöge, um ein Weib zu suchen.

Eines Tages sah er ein Stück von der Landstraße entfernt einen schönen See liegen, der gar lockend aussah mit dem Kranz schattiger Bäume ringsum. Er ging darauf zu und war gerade im Begriff sich behaglich am Ufer hinzustrecken, da hörte er einen Schrei und sah ein Mädchen von einem Baum stürzen. Schnell sprang er zu. Es war nichts böses geschehen, aber ein Knöchel war verrenkt.

Nala setzte sich neben das Mädchen und wartete, bis sie ausgejammert hatte, denn sie gebärdete sich, nicht als ob sie einen Knöchel verrenkt, sondern als ob sie beide Beine gebrochen hätte.

Als sie endlich still geworden war, fing sie an, sich zu wundern, daß er immer noch nichts sagte. „Weshalb sagst Du denn nichts? Weißt Du denn, wie ich auf diesen Baum gekommen bin?“

„Nein.“

„Nun, so frag’ doch!“

„Ich darf nicht fragen. Es ist ein Gelübde.“

„Lieber Himmel! Was für ein böses Gelübde“, sagte das Mädchen mitleidig. „Wie machst Du es aber, wenn Du den Weg verloren hast und weißt nicht wohin?“

„Es ist nicht so. Ich darf nur ein Weib nichts fragen.“

„O, das ist es“, lachte sie. „Weil Du doch nicht fragen darfst, so will ich es Dir von selber erzählen, wie ich auf diesen Baum gekommen bin. Aber wie heißt Du eigentlich?“

„Ich heiße Nala.“

„Und ich heiße Katha. Du darfst nicht denken, daß das mein richtiger Name ist, aber die Leute rufen mich so, so magst Du es auch tun. Also siehst Du, von diesem Baum sagen die Leute im Dorf, wenn ein Mädchen bei Tage hinaufklettert und alle Beeren ißt, ohne von einem Menschen gesehen zu werden, -- Du mußt wissen, hier baden viele Leute --, so ist der erste Jüngling, den sie nachher trifft, ihr Zukünftiger. Wird sie aber dabei von jemandem überrascht, so ist alles verloren. Das böse ist nun, ich hatte gerade die letzte Beere gepflückt und mein Leib ist voll wie eine Tonne, da kommst Du dazu und verdirbst mir alles. Wie ich Dich sehe, erschrecke ich, trete fehl und falle runter.“

„Das tut mir entsetzlich leid,“ sagte Nala und blickte sie ganz bekümmert an. „Aber was bin ich für ein Dummkopf,“ rief er plötzlich, sich vor die Stirne schlagend. „Ich habe Dich ja gar nicht auf dem Baum gesehen, sondern erst, als Du runterfielst.“

„So? Bist Du ganz gewiß?“

„Ganz gewiß! Verlaß Dich drauf. Deine Hacke war mindestens eine Handbreit vom Baum, als ich Dich sah.“

„Bin ich denn kopfüber gefallen, Nala?“

„Wahrscheinlich doch, Katha.“

„Hab’ ich denn sehr albern ausgesehen beim Hinunterfallen?“

Nala sann nach, während sie ihn scharf fixierte. „Besinn’ Dich ja!“ mahnte sie.

„Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Du warst so schnell unten.“

„Hast Du schon ’mal ein Mädchen vom Baum fallen sehen?“

„Nie in meinem Leben.“

Nach einem Weilchen begann sie: „Wenn Du sicher bist, Nala, daß meine Hacke schon aus dem Baum heraus war, so kann ja alles noch gut werden. Aber was ich für ein Dummkopf bin,“ rief sie plötzlich, sich vor die Stirn schlagend. „Wenn Du mich nicht mehr auf dem Baum gesehen hast, so...“ Sie stockte.

„Wahrhaftig, Katha, Du hast recht.“ Er stockte auch.

„Ich muß jetzt nach Hause,“ sagte sie und wollte sich erheben. Sie hatte aber ihren kranken Knöchel vergessen und schrie laut auf vor Schmerz.

„Du lieber Himmel, wie soll ich nach Hause kommen?“ jammerte sie.

„Ich trage dich hin“, sagte er entschlossen.