Aus dem Reiche des Buddha: Sieben Erzählungen

Part 11

Chapter 113,893 wordsPublic domain

Ruhig, ohne Gedankenqual wog sie beide Möglichkeiten auf ihre innere Wahrscheinlichkeit hin ab. Was für Beweise gab es eigentlich für die Existenz jener Menschheits-Ideale? Waren sie nicht schließlich auch nur bedingt, Produkte unseres Gehirns und als solche hin- und herschwankend mit der Tätigkeit dieses Gehirns, gleich Schatten, die mit der Beleuchtung schwanken. Wie anders hatte sie vor Jahren auf diese Ideale geblickt, als jetzt. Wie war das aber möglich, wenn es sich um etwas wahrhaft Göttliches handelte? Sie hielt innerlich Umschau. Sie sah nirgends einen Halt, nirgends eine Sicherheit. Der wahre Glaube war nie in ihr gewesen. „So wäre ich vielleicht Irrlichtern gefolgt, Phantomen, und das Wahrhafte, die Sicherheit läge allein im Entsagen? Wie sicher muß derjenige leben, der allem entsagt hat!“ Es überkam sie plötzlich wie Klarheit, daß eine Frau, die aus dem Schutz ihrer Familie heraustritt, nur den Weg der Sicherheit, das heißt des Entsagens gehen dürfe. Ihr war, als ob sie den Grund für die Wirrnisse ihres Lebens erkenne, weil sie vorwärts gegangen wäre, zugegriffen hätte. „Ich bin schon weit auf dieser Bahn vorgegangen,“ dachte sie. „Wie wäre denn jetzt noch Abhilfe zu schaffen? -- Dadurch, daß ich allem entsage, auch meinem Kinde; daß ich stehenden Fußes zurückkehre, von wo ich gekommen bin und ein Leben der Wunschlosigkeit beginne.“ Sie nickte still. „Das wäre wohl für alle das Beste, auch für Savade. Wie einfach sich alles gibt, wenn man den Mut hat zu entsagen. Ja, wenn --.“

In Batavia angekommen mietete sie sich in einem jener Hotels in der Nähe des Königsplatzes ein. Sie hatte von ihrem Zimmer die gewaltige Aussicht auf die Bergriesen der Preanger Landschaft. Auch von ihrem Zimmer in Lamondts Haus hatte sie diese Aussicht gehabt.

Sie saß den ganzen Tag in einer Art Unentschlossenheit. Zum Abend endlich nahm sie einen Wagen und fuhr hinaus zu ihrem früheren Hause. Sie ließ in weitem Bogen um dasselbe herumfahren, aber sie konnte doch gut Lamondt erkennen, der Arm in Arm mit Dora im Garten spazieren ging. Sie fühlte einen wehen Schmerz am Herzen, aber sie konnte sich nicht enthalten, wieder und wieder hinzusehen. Sie staunte, wie sehr Dora sich in diesen zwei Jahren entwickelt hatte. Sie sah aus der Ferne fast wie eine Dame aus.

In ihr Hotel zurückgekehrt, setzte sie sich an den Schreibtisch. Sie schien immer noch unentschlossen. Endlich brachte sie folgenden Brief zu Papier:

„Mein Herr!

Sie wissen, daß der oberste Gerichtshof mir endgültig das Recht auf unsere Tochter zugesprochen hat. Ich bin heute hier angelangt, um meine Rechte, wenigstens in gewissem Sinne, geltend zu machen. Denn da ich meine Tochter wahrhaft liebe und ihr Glück höher stelle als das meinige, so bin ich entschlossen, ihr die freie Wahl zu lassen, ob sie es vorzieht, mit ihrer Mutter zu gehen, oder bei Ihnen zu bleiben. Ich bitte Sie, zu diesem Zweck das Kind morgen nachmittag gegen 4 Uhr in dieses Hotel zu schicken, damit ich sie fragen kann. Denn deswegen bin ich selber von Holland hergekommen und das ist das Einzige, was ich mir ausbedinge. Ich hoffe, daß Sie mit ebenso ehrlichen Waffen kämpfen, als ich es zu tun entschlossen bin.

Helene Savade.“

Noch nie in ihrem Leben war Helene so sehr in Verlegenheit gewesen, womit sie ihre Zeit hinbringen solle, als am folgenden Tage. Nach der Reistafel, die um 1 Uhr gehalten wird, legte sie sich etwas nieder. Gegen 3 Uhr hielt es sie nicht länger. Sie kleidete sich an und machte trotz der ungewöhnlichen Zeit einen Spaziergang. Vielleicht traf sie bei ihrer Rückkehr ihr Kind schon bei sich an.

Als sie wieder am Hotel ankam, sah sie tatsächlich einen Wagen im Hof stehen, der ihr der Lamondts zu sein schien. Klopfenden Herzens schritt sie schnell ihrem Zimmer zu. Sie fühlte, in der Ruhe hätte sie dieses alles gar nicht aushalten können. Das energische Sichbewegen gab ihr Kraft.

Im Vorzimmer saß die Dienerin, die mit ihrer Tochter gekommen war. Helene schritt schnell vorbei ohne abzulegen. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer und flog ihrem Kinde entgegen. Aber ihr geschärfter Instinkt ließ sie schon aus der Umarmung Doras eine Unsicherheit herausfühlen. Schon in diesem Moment witterte ihr ahnendes Mutterherz, welche Antwort sie auf ihre große Frage erhalten würde. Aber sie konnte dieses nicht gleich mit dem Verstande erfassen, sich klar machen. Es stand wie etwas Ungeheures, Unbestimmtes vor ihr, an dem sie nicht hoch blicken konnte, das sie noch nichts anging.

So begann sie, nachdem die Liebkosungen und die einleitenden Fragen abgetan waren, in völliger Ruhe:

„Dora, mein Liebling, Dein Vater hat Dir gesagt, weshalb Du hast hierher kommen müssen.“

„Ja, Mama.“

Helene hatte den Arm um die Taille ihres Kindes geschlungen und sah liebreich in das zarte Gesicht mit den dunklen Augen. Es waren Lamondts Augen. Sie fühlte, daß in diesem jugendlichen Herzen kein Zug zu ihr, der Mutter hin bestand. Sie fühlte das Steife, Unnachgiebige der jungen Glieder. Sie fuhr fort:

„Hast Du schon Deinen Entschluß gefaßt, mein Kind? Willst Du lieber mit Deiner Mutter gehen, oder lieber bei Deinem Vater bleiben?“

Weinend erwiderte Dora:

„Ach, Mama, wenn wir doch alle drei zusammen bleiben könnten.“

„Du weißt ja, mein Kind,“ sagte Helene sanft, „daß das nicht möglich ist. Geliebtes Kind,“ fuhr sie nach kurzem Schweigen mit etwas zitternder Stimme fort, „ich will Dich nicht quälen. Ich weiß. Ich sehe. Aber um eines bitte ich Dich herzlich, mein Kind: Sag mir, weshalb Du Dich entschlossen hast, Deine Mutter zu verlassen?“

Und in der vollen, unbarmherzigen Aufrichtigkeit des Kindes erwiderte Dora:

„Weil Du Dir einen neuen Papa genommen hast. Papa hat sich keine neue Mama genommen.“

Wie in sich zusammengesunken stand Helene regungslos. Einen Augenblick schien es, als ob sie den Mund öffnen, auf die Worte ihres Kindes reagieren wollte. Dann drehte sie sich langsam um und verließ lautlos, wie in Gedanken das Zimmer.

Geängstigt blickte ihr Dora nach, aber sie rief nicht, sondern ließ ihre Mutter gehen. Sie wußte nicht, wohin dieselbe wollte, und wartete daher auf ihre Rückkehr, um Abschied zu nehmen. So saß sie wohl an zwei Stunden. Die javanische Dienerin im Vorzimmer schlief längst den Schlaf des Gerechten. Jetzt ging die Sonne unter. Es wurde dunkel. In ihrer Angst begann Dora zu weinen. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Denn daß sie ihre Mutter nie wiedersehen würde, wenn sie sie jetzt nicht noch einmal sähe, war ihr klar. Plötzlich ertönten laute Schritte draußen und Lamondt riß heftig die Tür auf. Mit einem „O, mein Kind!“ schloß er seine Tochter fest in die Arme. Es lag in diesen Worten die ganze Welt von Angst und Qual, die er in diesen Stunden um sein verloren geglaubtes Kleinod ausgestanden hatte.

Während dessen war Frau Savade aus den Pforten des Hotels hinausgewandert. Es lag wie ein Nebel auf der Welt, auf ihr, auf ihrem Denken. Nur durch diesen Nebel hindurch fühlte sie gleichsam wellenweise das ungeheure Weh, das sie soeben betroffen hatte.

Nachdem sie einige Zeit planlos das Europäer-Viertel durchwandert hatte, geriet sie in die javanische Vorstadt, wo diese zierlichen, sauberen Bambushäuschen aus Kokos, Areka und Bananen hervorlugen, Bilder des Friedens und der Anspruchslosigkeit.

Vor einer dieser Hütten blieb Frau Savade wie in Gedanken stehen. Die Türen des kleinen Hauses standen weit offen. Niemand war darin, auch niemand in der Nähe zu sehen, nur ein kleines Ding, das noch auf allen Vieren herumkroch, saß im Garten dicht am Rande des denselben durchfließenden Kanales.

Helene konstatierte dieses alles, als ob sie selber dabei interessiert wäre. Sie wunderte sich nicht einmal, daß sie jetzt in ihrem Schmerz Interesse für derartiges habe. Sie wurde immer nachdenklicher. „Auch dieses kleine Wurm,“ dachte sie, „hat eine Mutter. Auch diese Mutter wird ihr Kind lieben, wie eben Mütter ihre Kinder lieben, und doch macht ihr der Gedanke an das einsame Kind und den Kanal, in dem es jeden Augenblick ertrinken kann, sicher keine unruhige Minute. Mich aber würden diese Gedanken Tag und Nacht jagen und mich keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen. Mein Gott, sind denn alle diese Erlebnisse, diese Quälereien, diese Freuden nicht schließlich erst durch uns selbst geschaffen? Schließlich geht doch der Lebensfaden von uns allen nur geradehin von Geburt zum Tode. Und was alles machen wir daraus! -- So will ich denn alles fahren lassen und mich in mich selber zurückziehen. Wenn ich mein Kind in Wahrheit liebe, was macht’s dann aus, ob es an der Seite des Vaters oder der Mutter gedeiht.“

Bei diesem Gedanken schien ihr Geist wieder in die Wirklichkeit zurückzuschnellen. „O!“ stöhnte sie leise. Jetzt erst fühlte sie klar und ungemildert die Größe des Schmerzes, den sie vorhin erlebt hatte. Den Kopf tief zur Erde gesenkt schritt sie vorwärts.

Mit der inneren Klarheit kam aber auch die Frage: Was nun tun? -- Zu ihrem Manne zurückkehren? In seiner Liebe, seinem Vertrauen Ersatz für die verlorene Kindesliebe suchen? -- Sie lächelte bitter. Sie dachte an Lamondts Brief. -- Warten und nach einigen Jahren an ihr Kind noch mal die gleiche Frage richten? -- Sie lächelte wieder. Diesmal hatte sie eine klare Antwort bekommen. Wenn dann auch die Erwachsene aus Pflichtgefühl mit ihr ging, vielleicht auch aus Mitleid, was hatte sie davon. Sie wollte Sicherheit, Wahrheit. Einen Augenblick durchzuckte sie auch der Gedanke: „Weshalb habe ich mein Kind damals hingegeben. Ich konnte nicht hoffen, es je wieder zu bekommen. Ich hätte bis zum letzten Atemzug wie eine Löwin darum kämpfen sollen.“ Aber gleich dachte sie: „Was sollte mir das Halbe. Ich wollte ja das Ganze. Ich wollte ein Kind, das mich in Wahrheit liebt. Ich wollte sicher sein, daß sie mich in Wahrheit liebt. Und jetzt! Und jetzt! Was ist jetzt sicher? Was ist jetzt wahr?“

Wie suchend ließ sie ihre Augen umherschweifen. Eine entsetzliche Angst überkam sie. Unwillkürlich schlug sie die Hände ineinander und weinerlich, fast wie ein Kind, begann sie:

„O Gott im Himmel! Ich weiß ja nicht, ob ich richtig bete, aber ich muß jetzt zu dir beten, ich muß ja! O hab’ doch Erbarmen mit mir Armseligen. Ich kann nicht mehr. Ich bin so müde. Gib mir doch nur ein wenig Ruhe.“ Sie legte den Kopf an einen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.

Als sie das Gesicht hob, traf ihr Auge gerade den nackten Sonnenball, der wie eine blutrote Kugel, von lodernden Wolkenfetzen umgeben auf der Erde stand. Er erschien ihr wie etwas Tröstendes und zugleich Drohendes. Starr blickte sie hinein. Plötzlich sagte sie: „In der Nähe von Utrecht liegt das Kloster zum Heiligen Herz. Die Ordnung ist streng, die Lage entzückend. Dort wird Ruhe sein.“

Sie ging schnell vorwärts, wie einer, der durch einen Entschluß gefaßter geworden ist.

In diesen Gegenden folgt die Dunkelheit fast unmittelbar dem versinkenden Sonnenball. Ehe sie zurück in das europäische Viertel kam, war es bereits ganz Nacht. Eben ging sie an einem javanischen Bambushäuschen vorbei. Gleich einem Kasten war es rings verschlossen. Nur durch einen Spalt in der Tür fiel ein Lichtschein. Aus dem Inneren aber tönten die Klänge des Gamelang, melancholisch, geheimnisvoll. Kein anderer Laut regte sich innen. Es war, als ob die ganze Hütte zu Musik geworden, ins Tönen geraten sei.

Helene blieb lauschend stehen. Sie hatte den Gamelang immer so gern gehört. Seine monotone Musik hatte etwas Beruhigendes. „Da sitzen sie jetzt,“ dachte sie, „und lauschen regungslos diesen Klängen. O, sie sind wie die Könige. Ein wunschloses Herz ist ein großes Ding.“ Lange stand sie in Gedanken. Endlich sagte sie leise: „Es ist so! Ich bin falsch gegangen.“

Auf der Brücke, die über den großen Kanal führt, blieb sie wieder stehen. Ihr Auge traf drüben eine Villa, in deren hell erleuchteten Räumen Leute sich bewegten. In diesem Moment fiel wieder ein Gedanke an Lamondts Villa und an ihr Kind in ihr Herz wie der Sonnenstrahl in das unbedeckte Auge. Sie zuckte körperlich zusammen. Ein Gefühl jener großen Öde überkam sie, die ein Mensch nicht ertragen kann. Heimlich, kühl kroch der Gedanke hoch: „Ich kann ja gar nicht mehr leben.“ Sie lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf das Geländer, wie einer, der in Ruhe über etwas nachdenken will. Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß sie das Wasser unter sich fixiere, das in der Dunkelheit als gleichmäßig schwarze Fläche dalag. Matt bis ins innerste Herz hinein dachte sie: „Der Weg bis zum Kloster zum Heiligen Herz ist weit. Sollte nicht da unten auch schon Sicherheit sein für mich? Aber was dann mit meiner Tochter? Wird sie nicht denken, sobald sie anfängt zu denken, daß ich in Verzweiflung fortgegangen bin? Wird sie nicht grübeln? Wird sie nicht über mein Schicksal jammern? Wird Lamondt dieses Grübeln nicht fühlen? Wird mein Tod nicht abermals ein Glück zerstören?“ Heftig schlug sie sich auf den Mund: „Schäm’ dich, Heuchlerin!“

Das verlöschende Feuer ihrer Energie flackerte noch einmal hoch auf. Es überkam sie wie eine machtvolle Sucht, vor sich selber die Probe auf die Wahrheit ihrer Gefühle abzulegen. Mit kräftigem Ruck schwang sie sich auf die breite Brüstung. Oben kam ihr der Gedanke: „Werde ich nicht sofort wieder hochtauchen?“ Das Wasser war ihr Element. Sie lächelte fast. „Die Probe aufs Exempel!“ sagte sie leise. Ihre Augen glänzten. Sie war ganz Leben. Mit der rechten Hand raffte sie fest die Kleider zusammen, so daß sie sich eng um die Füße schnürten. Mit der Linken fuhr sie tief in den Busen. So stürzte sie kopfüber hinab. Es war nicht jener schwere, plumpe Fall, sondern man meinte zu hören, wie der Körper den Wasserspiegel durchschnitt.

Als am nächsten Morgen die Leiche unterhalb antrieb, hielt die rechte Hand noch krampfhaft die Kleider umklammert. Die Nägel der Linken aber hatten sich so tief in die rechte Brust gegraben, daß sie nur mit Mühe zu lösen waren.

So starb Helene van Hoeven, weil sie die Wahrheit falsch gesucht hatte. Denn wer die Wahrheit im Bejahen, im Verlangen, im Zugreifen sucht, der sucht sie falsch. Wer sie aber so sucht, der gleicht dem Menschen, der das Messer bei der Schneide faßt: er verletzt nur sich selber.

Valmikas Hängen.

Diese Geschichte heißt auch „das Stundenglas“. Denn wie dieses mit der Breite einsetzt und die Spitze in der Mitte hat, so pflegten die Alten, wenn sie der Jugend diese Geschichte erzählten, mit der Breite einzusetzen und zum Anfang zuzuspitzen; und zwar so:

„So war nun die junge Königstochter des blinden alten Rishi Valmika Frau und lebte mit ihm in seiner Klause.“

Wenn dann die Jungen fragten: „Wie kam denn das?“ so antworteten sie:

„Weil sonst der alte Rishi die ganze Familie mit seinem Fluch getroffen hätte, zu Asche verbrannt.“

„Und wie kam das?“

„Weil die junge Prinzessin ihm die Augen ausgestochen hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil sie sie für glänzende Kiesel gehalten hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil sie so tief im Ameisenhaufen steckten.“

„Und wie kam das?“

„Weil die Ameisen einen Haufen über Valmika erbaut hatten.“

„Und wie kam das?“

„Weil er so lange regungslos in Selbstversenkung gesessen hatte.“

„Und wie kam das?“

„Weil er ein gewaltig großer Rishi war, ein mächtiger Rishi.“

Und wenn die Alten nun so bei der Spitze angekommen waren und die Jungen noch staunten, wie jemand ein so mächtiger Rishi werden könne, daß er mühelos ein ganzes Königshaus verfluchen könne, fuhren jene dann weiter fort:

Die Prinzessin lebte nun mit dem alten blinden Rishi Valmika mitten in einem großen Walde in einer Hütte; die unter einem gewaltigen Feigenbaume stand und bei der eine kleine, krystallklare Quelle vorbeifloß. Ging man aber mit dieser Quelle ein Stück mit, so wurde sie größer und größer und schließlich zu einem Wasserfall, unter dem der blinde Alte und sein junges Weib täglich badeten.

Frühmorgens, noch ehe die Sonne aufgegangen war, lernte die Königstochter vom Alten die Mantras dann ging sie in den Wald, um Wurzeln und Kräuter zu suchen, dann besorgte sie alle Arbeit im Hause und abends ging sie mit ihm zum Bade.

Eines Tages nun, als sie ihm die dürren, welken Glieder wusch, regte sich inniges Mitleid in ihr, und sie dachte:

„Ich will Indra bitten, daß er ihm die Jugend der Glieder und das Licht der Augen wiedergibt.“

Weil aber da, wo sich wirkliches Mitleid regt, Götter die Bitten erfüllen, so erfüllte Indra ihre Bitte und überall, wo sie ihn mit ihren Händen wusch, da wurde der Alte jung und voll und als sie ihm zuletzt die Augen wusch, da wurde er wieder sehend und beide standen und sahen einander an. Weil er aber ein großer Rishi war, so dachte er: „Es ist ein Weib; ich will mich nicht betören lassen“ und wendete sich ab.

Nun war aber die Königstochter gewohnt, gleich nach dem Alten zu baden. So stieg sie auch heute, nach ihrer Glaubenstat, in schicklicher Weise ins Bad.

Als Valmika aber hörte, daß sein Weib im Bade war, da überkam ihn die Neugierde. Verstohlen blickte er hin und sah die jungen Glieder und verfiel auf der Stelle in Liebe. Denn auch ein Rishi, wahrt er seine Sinne nicht, kann wohl in Liebe fallen.

Da er nun jung, sehend und verliebt geworden war, so ließ Valmika durch seine alte Rishi-Kraft die kleine Hütte aus Baumrinde, in der er bisher mit seinem Weibe gelebt hatte, verschwinden und an deren Stelle einen schönen Palast entstehen, in dem es von Dienern und Dienerinnen wimmelte und in dem Tag und Nacht Geigen und Flöten und zahllose andere Wohllaute tönten.

Hierbei aber hatte er jenen mächtigen alten Feigenbaum, unter welchem die kleine Hütte stand, gleichfalls vom Erdboden weggezaubert.

Als nun die Gottheit dieses Baumes, ihrer Behausung beraubt, nackt und hungrig, jammernd und wehklagend im Walde umherirrte, fragten die anderen Gottheiten nach dem Grunde ihres Schmerzes.

Als sie nun erzählt hatte, daß der Rishi Valmika, weil er sich in sein Weib, die junge Königstochter verliebt hätte, sie heimlos gemacht habe, da empfanden zwei Dämoninnen Mitleid mit der Gottheit dieses Feigenbaums und sagten: „Wir wollen Dir helfen, daß die ganze Herrlichkeit wieder dahinschwindet, so schnell wie sie gekommen ist.“

Von dem Tage ab lauerten sie auf Valmikas Weib, ob sie etwas an ihr fänden. Denn sie war vollkommen keusch und züchtig, weswegen es eben geschehen konnte, daß sie wahres Mitleid empfand; weswegen es eben geschehen konnte, daß Indra das Gebet für ihren Gemahl erhörte.

Als sie nun eines Tages ihr Bild im Wasser sah, dachte sie:

„Wie schön muß ich sein, daß ein so großer Rishi wie Valmika, alles vergißt und in Liebe an mir hängt.“

Sofort freilich kam ihr die Reue und die Furcht vor diesem schlechten Gedanken und sie versuchte, ihn schleunigst zu verneinen. Aber eine der beiden Dämoninnen, welche der Gottheit jenes Feigenbaumes ihre Hilfe versprochen hatte, hatte bereits die Rauhigkeit, welche sich mit diesem schlechten Gedanken am Herzen der jungen Königstochter gebildet hatte, benutzt, um ihre Krallen einzuschlagen. So kam es, daß sie, anstatt diesen schlechten Gedanken zu verneinen, ihn noch einmal bejahte. Und sofort krallte sich die andere Dämonin gleichfalls ein.

Weil sie nun damit Macht über sie bekommen hatten, gesellten sie sich zu ihr in Gestalt ihrer beiden Kammerfrauen, stiegen mit ihr ins Bad und kamen beide genau in der gleichen Gestalt wie die junge Königstochter heraus.

Als nun Valmika wie immer sein Weib nach dem Bade erwartete, trat sie ihm dreifach entgegen und jede der drei herzte und küßte ihn ebenso feurig, ebenso innig, ebenso ehrlich wie die beiden anderen.

Da merkte Valmika, daß er von Dämoninnen überlistet war und wollte sie durch seinen Zauberspruch zu Asche brennen, um so wieder zu seiner geliebten Gemahlin zu gelangen.

Als er aber seinen Spruch sprach, dem sonst nichts auf Erden widerstand, blieb alles unversehrt, ja die drei machten es nur noch ärger, indem jede von ihnen ihn unter den zärtlichsten Liebkosungen aufs inständigste bat, nur sie allein als sein echtes Weib anzusehen.

Als nun Valmika sah, daß er seine Rishi-Macht verloren habe und durch die Verdreifachung seines Glückes um all sein Glück gekommen sei, begann er bitterlich zu weinen und betete in seiner Not zu Indra, ihm zu helfen.

Da man nun zu jemandem, dem man einmal eine Wohltat erwiesen hat, immer Zuneigung hat, so war Indra wohl bereit, ihm beizustehen. „Aber,“ sagte er, „es gibt hier nur eine Hilfe: Daß Du mit Deinem Spruch jene beiden zu Asche brennst, das kannst Du nur, wenn Du Deine Rishi-Kraft wiederbekommst. Da Du sie aber durch die Liebe verloren hast, so kann ich sie Dir nicht wiedergeben; denn die Liebe steht auch über mir, dem Gott. So gibt es nur eine Hilfe für Dich: daß Du Deiner Liebe völlig entsagst. Dann wirst Du Deine alte Kraft wieder bekommen und jene beiden Dämoninnen durch Deinen Spruch zu Asche brennen. Daß Du aber Deiner Liebe völlig und für immer entsagt hast, dafür gibt es nur +ein+ Zeichen: nämlich daß Dein Spruch wieder wirkt.“

Als Gott Indra ihm diesen Bescheid gegeben, wurde Valmika wohlgemut. Er dachte: „Hab’ ich nur erst jene beiden Unholdinnen verascht, die Liebe zu meinem Weib soll dann schon wiederkommen.“

So ging er in eine leere Klause, setzte sich kreuzbeinig zur Erde, schlug das Auge nach innen, die Hände ineinander und versuchte, alle Liebesgedanken für sein Weib, die in seinem Herzen lebten, im Denken auszutreiben.

So saß er Stunde für Stunde, Tag für Tag, ohne daß ein Erfolg sich zeigte.

In seiner Not betete er wieder zu Indra.

Der ließ sich noch einmal erbitten, und da Götter die gleiche Kraft haben wie gute Menschen -- denn sie sind ja vor Zeiten gute Menschen gewesen --: die Kraft, in den Herzen anderer die Gedanken zu lesen, so sprach er zu dem betrübten Valmika:

„Freund, Dein Entsagen ist ja gar kein Entsagen. Du entsagst, um danach mehr zu gewinnen. Soll Deine alte Kraft wiederkommen, so mußt Du wirklich ehrlich, für immer entsagen.“

Da meinte Valmika traurig:

„Erhabener, was soll mir dann noch meine Rishi-Kraft?“

Indra aber erwiderte lachend:

„Freund, ich weiß es nicht. Da mußt Du einen anderen fragen.“

Und verschwand.

Da dachte Valmika:

„Kann ich mein Weib befreien, so kann ich sie nicht mehr lieben. Kann ich sie nicht befreien, so kann ich sie auch nicht lieben; denn ich kenne sie ja nicht. So wäre es am besten, ich risse diese Liebe ernsthaft aus meinem Herzen um meinetwillen.“

So ging er wieder mit Macht ans Meditieren. Aber immer, wenn er nahe am Ziel war, zerstörte ihm der Gedanke „Hab’ ich erst meinen Spruch und sind jene beiden verascht, wie will ich mein Weib umarmen!“ alles.

So saß er Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat in einem beständigen Hängen zwischen Lieben und Entsagen. Und weil er so unbeweglich saß, so begannen die Ameisen wieder über ihm zu bauen. Und heute sitzt Valmika wieder in seinem Ameisenhaufen so tief wie damals, als die Prinzessin ihm die Augen ausstach, weil sie sie in der Tiefe für glänzende Kiesel hielt.

Wenn die Alten so weit erzählt haben und die Jungen voll Neugierde fragen:

„Wird er denn immer so hängen?“ so antworten die Alten:

„Entsagt er wirklich, dann nicht; entsagt er nicht wirklich, dann ja.“

Sind aber die Frager schon verständiger, so fügen die Alten wohl etwas über das Buddha-Wort hinzu:

„Ist dieses, wird jenes; ist dieses nicht, wird jenes nicht.“

„Oder aber sie fügen etwas hinzu über das Unbefriedigende aller Lust und über den Segen des Entsagens. Aber, fügen sie meist hinzu, Entsagen ist hier eben Entsagen. Einem Weib entsagen, um es zu gewinnen, das ist kein Entsagen, und der Welt entsagen, um ewiges Leben zu gewinnen, das ist kein Entsagen. Darum übt Euch im Entsagen, dieser Welt wie jener Welt. Denkt wohl an das Wort des großen Lehrers: ‚Elend ist Sterben bei dem, in dem Verlangen ist.‘“

Das ist die Geschichte von Valmikas Hängen.

Der heilige Kreis.