Aus dem Morgenlande: Altes und Neues
Part 9
Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem Wohle der Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für die spätesten Geschlechter niedergelegt.
Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist, folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden, die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat, sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.
Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward, dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde. Die Regionen des sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der Feldfrüchte angefüllt.
Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“ dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen, nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und Weise, in welcher jedes von den drei Thoren -- mehr ließ derselbe etruskische Ritus nicht zu -- bei der Gründung seiner künftigen Stelle nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb tragen durch das Wort ~portare~ ausgedrückt wird, so leitete man das Wort ~porta~ für das Thor von jenem Zeitworte ab.
Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin -- und zwar in den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Verbindung bringen zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.
Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt- und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am Landungsplatze angepflockt lag.
Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg, und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse führenden nächsten Seitenweg.
So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte, gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet, zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete +Nâbut+ der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.
„~Es-salam aleïk~“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu, indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein Segen!“
„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf. Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung -- das bekannte Backschisch -- für meine Vermittelung zukommen lasset.“
Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher zu prüfen.
Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen Königs sprang mir sofort in die Augen.
Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten -- meine ganze Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden -- stürzte ich über Stock und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu rücken.
Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier, den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige, deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr 4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von +On+ in der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen Inschriften den vorher genannten König +Usortisen+ I. als Urheber preist.
Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.
Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte von Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in höchsteigener Person „+die Ausspannung der Meßschnur+“, d. h. um nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.
Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte, sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade, um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig Jahrhunderten voranging.
Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet, die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am... Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“
„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden: den Freunden, den..... des königlichen Hauses und den (sonstigen) Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“
„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte die Ausschachtung des Erdbodens.“
„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“
„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes..... aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“
Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle.
Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten, also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht. Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an deinem Gotteshause zu vollziehen.“
Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten, seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit sofort in Angriff nehmen zu lassen.
Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze. Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen war, ging seine Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge] um.“
Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.
Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen, seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.
Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen. Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte +Meßschnur+ und der +Pflock+ bilden dabei die Hauptsache.
Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet, so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der Kirche auf einem Felsen.
Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage zu schaffen.
Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen, um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben, des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat, Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts verloren haben.
Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G. Schweinfurth (in Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte. Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“
Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem seines Thrones verlustig gegangenen +Chedive Ismaël+ Pascha kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand, Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in Ägypten.“
Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit +einem+ Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und abzublättern imstande war. Bekanntlich ist das ganze Nilthal derart mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.
Der Grundstein war es daher im Altertum +nicht+, welcher bei der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle spielte, sondern der +Aufriß des Baugrundes+ auf dem Erdboden mit Hilfe der +Meßschnur+ und des +Holzpflockes+, wobei die +Erdhacke+, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes, die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse +Gestirne des Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung+ des zukünftigen Gebäudes dienten.
Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches, welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige +Usortisen+ I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus mit der Überschrift: „+Über die Ausspannung der Meßschnur und das Einpfählen des Pflockes+“ zu thun in der Lage war.
Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu richten.
Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter erkennen, mitten unter den zahlreichen Darstellungen, fast durchweg mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.
In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus, als auch in Nubien -- ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden Zeugen an -- tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.
Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin, welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel übrig. Es handelt sich um die Göttin +Chawi+, die treue Behüterin aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden, der heiligen Bücherei. Sie wird als „+die erste Schreiberin+“ und als „+die Königin der Bibliothek+“ tausendfältig gepriesen. Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen Überlieferungen der Vorzeit verfahre.