Part 8
Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn die Zuverlässigkeit der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der neutralen Mächte bestahl[122]. In wichtigen Fällen sicherte man sich deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, die sich unsichtbar machen läßt[123]. Am schlimmsten stand es damit in den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den Tyrannen[124]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.
Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.
[Randnotiz: Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.]
In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[125]. Indem sie sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger las die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.
Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher Berichte, der ~acta diurna~, wie man sie nannte[126], die unter den späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400 Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte, schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren, und der Inhalt der „~acta~“ mag also ledern genug gewesen sein. Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (~acta senatus~) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht denkbar[127]. Die geistvollsten und besten Männer, die der römische Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt der ~acta diurna~; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[128]. Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.
[Randnotiz: Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. Winterstille.]
Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese Fragen sind voll berechtigt. Und doch -- den Hauptnachteil des antiken Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.
Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht verlieren? Man mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[129]. Die kühnen Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber nicht ausführen können.
Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[130], den wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ zurückgehalten[131]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[132]. Cynthia, des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, aber Gottlob ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie reist nicht, und der Liebende ist glücklich.
[Randnotiz: Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.]
Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars[133], der im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach Tunis warf[134]. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet, kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte, heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius, der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia, die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse fassen[135]. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916 erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte durchschnitten[136]. Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton.
Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben. In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es ging, vertrank den ganzen Monat Dezember[137], rechnete sein Soll und Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen -- bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen; es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin prächtig geschmückt und mit Spezereien angefüllt. So trieb es hinaus, indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben.
Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird.
Die Laus im Altertum.
Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint, die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel.
[Randnotiz: Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und Fischern.]
Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus in der Kulturgeschichte“[138]. Da werden ungefähr alle Zeiten und Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht: eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja, auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war[139].
Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll, auf griechisch ~phtheir~[140], auf lateinisch ~pediculus~ heißt.
Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht, das auf ihm nistet.
Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten geworden ist -- denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen denken? --, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie angedichtet worden, und da lesen wir: der Dichter der Iliade, der weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute, und geben nun das berühmte Rätsel auf:
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt; erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; die +nicht+ gefangen sind, die eben haben wir!
Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die Arbeit!“[141] Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika[142]; wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war.
Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eine andere Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind, daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat[143]. Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches griechisches Leben.
[Randnotiz: Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der Städter.]
Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil: ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage?
Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf den Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen und dann irgendwie die Sprungweite gemessen[144]. So heißt es noch anderswo bei demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die Flöhe in den wollenen Bettdecken[145]. Ja, auch Schaben und Wanzen fehlen da nicht und sitzen im Haus am Mauerwerk fest[146]. Insonderheit der Reisende fürchtet sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen[147]. Aber Läuse? Nein! Die Weiber ziehen sich in naturwüchsigstem Gebaren bei Aristophanes aus und an und reden dabei die natürlichsten Dinge. Läuse fehlen. Auch eine Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr umständlich hergeht; Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu finden; sie finden sich nicht[148]. Der bäuerische Volksmann Dikäopel sitzt frühmorgens einsam in der leeren Volksversammlung, wartet, daß die anderen Bürger kommen, und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft sich die Haare und tut sonst noch, was wenig anständig ist; aber er laust sich nicht.
Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“ fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als Ersatz.
Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die Fabeldichtung nicht hinab.
Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk, die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen fechten“[149].
Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen bedeutsamen Stelle das Programm der ganzen klassischen Literatur aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.
[Randnotiz: Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.]