Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Die in den Kopfzeilen der gedruckten Fassung dargestellten kurzen Zusammenfassungen wurden als Randnotizen beibehalten. Diese wurden an den Anfang des betreffenden Abschnitts gestellt.
Die Anmerkung Nr. 38 auf S. 238 (Nr. 16 in der gedruckten Ausgabe) zum Kapitel ‚Antike Gastmähler‘ wurde im Original fälschlicherweise doppelt aufgenommen, wodurch sich die Nummerierung der nachfolgenden Endnoten verschiebt. In der vorliegenden Ausgabe wurde die überzählige Endnote aber entfernt, wodurch die korrekte Zuordnung der Anmerkungen wiederhergestellt wurde.
Die gedruckte Ausgabe ist in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
Das Caret-Zeichen (^) steht vor einer hochgestellten Zahl.
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Theodor Birt
Aus dem Leben der Antike
THEODOR BIRT
Aus dem Leben der Antike
2. Auflage
1 • 9 • 1 • 9
QUELLE & MEYER-LEIPZIG
Alle Rechte vorbehalten Copyright 1919 by Quelle & Meyer in Leipzig Einbandzeichnung von Paul Hartmann
Ohlenrothsche Buchdruckerei Georg Richters Erfurt
Meinen Jugendfreunden
Rudolf Ballheimer in Hamburg
Ludwig Martens in Berlin
Richard Gaede in Danzig
die im Leben nun bald fünfzig Jahre mit mir Schritt gehalten, in treuer Gesinnung zugeeignet.
Vorwort.
Antikes Leben! ein unerschöpflicher Gegenstand! Bisher habe ich ihm drei größere literarische Versuche erzählenden und kulturgeschichtlichen Inhaltes gewidmet, Bücher, die wie langgezogene Bilderfriese in sich Einheiten bilden und darum vielleicht wie Bilderfriese ermüden. Daneben tritt dies vierte Buch, das zusammenhangslos und in Auswahl sein Schlaglicht nur auf dies und jenes, auf antikes Reiseleben, Frauenleben, Kinderliebe, Verkehr auf dem Büchermarkt u. a. wirft: Einzelbilder in engem Rahmen, von denen ich hoffe, daß sie das Nähegefühl steigern und das Leben der Vergangenheit mit noch größerer Deutlichkeit vor das Auge stellen.
Zum Teil sind diese Aufsätze schon vor dem gegenwärtigen Weltkrieg, zum Teil aber erst während des Krieges entstanden, und man wird sich also nicht wundern, daß den letzteren der Einfluß der großen Zeitereignisse, in denen wir heute stehen, deutlich anzumerken ist. Denn kein Schriftsteller kann sich diesem Einfluß entziehen, und die Antike mit dem Leben der gegenwärtigsten Gegenwart zu vergleichen, war mein ständiges Augenmerk. Daher habe ich auch von der „Laus“ gehandelt; denn auch sie ward für uns Ereignis.
Eben darum könnte man mir vielleicht verargen, daß ich in dieser Zeit des Entbehrens und der Ernährungsnöte, wo fast nur noch der Gauner einen vollbesetzten Tisch hat, auch über „antike Gastmähler“ rede. Ich hab’s gewagt. Die Erinnerung an frühere gesegnetere Stunden darf uns nicht kränken; denn auch der Erblindete zehrt gern von der Erinnerung an das, was er einstmals mit gesunden Augen gesehen und genossen hat.
Als Leser dieser Blätter denke ich mir gern jeden Gebildeten, der sich darüber klar ist, daß es nicht nur unterhaltsam, sondern daß es auch immer noch heilsam ist, die Kulturhöhe des sogenannten klassischen Altertums zu kennen und in das eigenartig bunte Treiben im alten Rom der Cäsaren sich zu vertiefen, um daran, was wir heute sind und haben, zu messen. Um diesem Leser zu dienen, ist jeder gelehrte Apparat vermieden und von mir streng in den Anhang verbannt worden, wo die „Anmerkungen“ Nachweise, aber auch allerlei Zusätze und Exkurse im Verborgenen bringen. Vielleicht findet der Anhang gleichwohl das Auge des Fachmanns, des Schulmanns und Gelehrten: dann hat auch er seinen Zweck erreicht.
+Marburg a. L.+, 24. Januar 1918.
Der Verfasser.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört.
+Marburg a. L.+, 20. Mai 1919.
Der Verfasser.
Inhaltsübersicht.
Die Römerin 1
Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter zum Sohne. Keuschheit. Lose Eheverhältnisse. Energie der Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. Organisation der Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. Frisur. Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.
Antike Gastmähler 20
Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung. Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten. Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der Eßwaren. Import. Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. Nachwirkung auf unsere moderne Ernährung. Der Koch und seine Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der ~scissor~. Essen mit den Fingern. Mundtücher. Brot. ~Analecta.~ Zwei Bibelstellen erläutert. Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.
Auf der römischen Heerstraße 48
Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. Maueranschläge. Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst. Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches Fuhrwesen. Das Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren. Fußwandern und Pilgern. Die Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle. Vergleich der modernen Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; im Winter der Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert.
Die Laus im Altertum 83
Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas bei Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. Reinlichkeit der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die griechischen Frauen. Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. Anders in der älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren damals und heute.
Der Mensch mit dem Buch 99
Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des Papiers. Seine Haltbarkeit. Umfang der Rollen. Buchteilungen. Ausstattung. Bibliothek. Bildliche Darstellung von Schreibenden und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten lesen. Anfangs beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.
Verlagswesen im Altertum 122
Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb der erhabenen Dichtwerke. Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten Autors.
Woher stammen die Amoretten? 134
Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde. Kinderscharen in den Häusern der Reichen seit der Alexandrinerzeit. ~Deliciae.~ Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege. ~Deliciae~ sind „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst. Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest. Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte ~deliciae~. Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker. Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck.
Seneca 165
Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den lateinischen Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen. Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare. Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung. Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina zurückgedrängt; Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild. Schrift gegen den Aberglauben.
Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi 189
Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. Sardi venales. Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.
Witzliteratur und Gesellschaft in Rom 203
Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. Togatkomödie. Pasquille: Catull gegen Caesar, Vergil gegen Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und Lydia-Ode. Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. Proben aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont. Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die Satire. Religiöse Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter. Völkerhaß in der Gegenwart.
Anmerkungen 235
Die Römerin.
Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des +Mannes+. Der Mann ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische +Tugend+ selbst ist männlich; denn sie heißt ~virtus~ (französisch ~vertu~), leitet sich also von ~vir~ her. So wie ~iuventus~ die Eigenschaft des Jünglingsalters (~iuvenis~), ~senectus~ die Eigenschaft des Greisenhaften (~senex~), so war ~virtus~ zunächst nichts weiter als die Eigenschaft, ein reifer Mann, ~vir~, zu sein. Dieser Eigenschaft zu gleichen, erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann steht in der Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, triumphierend und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche gilt sogar von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich ~Roma~, als wäre sie ein Feminin[1]; allein wenn Rom statuarisch als weibliche Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, wie jeder Mann, einen +Genius+ hat, den man göttlich verehrte. Der „Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius ist männlich[2].
Wer sich nun aber mit dem Wirken dieses Genius, mit römischer Kultur andauernd beschäftigt und durch Bauwesen, Rechtsleben, Verwaltung und Krieg, Kunst und Religion forschend hindurchgeht, in dem regt sich bald laut und lauter die unausbleibliche und dringliche Frage: wo ist die +Frau+? und warum wird von ihr geschwiegen? Sei es auch nur der schönen Abwechslung wegen: wir haben ein Verlangen, ihr zu begegnen. Im Ernst: was wäre heute und seit Ewigkeit alle Tatkraft des Mannes ohne sie? Was ist unsere heutige Kultur ohne die Frauen? und was war ohne sie Rom?
Wir wollen nicht schön färben. Wir wollen nur kennen lernen. Ein flüchtiger Aufriß! Sei denn der Versuch gemacht, den Zeitgenossinnen des Scipio, Caesar und Trajan, der Römerin des großen Altertums einmal etwas näher zu treten.
[Randnotiz: Heldinnen. Stellung der Mutter.]
Wer die stolzen Römerinnen von heute in der Geselligkeit, im Korso oder auch im Negligé des Alltags gesehen hat, mag sich von +jener+ ein Bild machen: oft sinnfällig schön, aber früh alternd; dazu sprühend energisch, beredt, leichtgläubig und ihren starken Trieben ganz ergeben, träge und wild wie Panther. Die alte Sage hat aus den Römerinnen Heldinnen gemacht. Aber das galt vornehmlich nur für die große alte Zeit: Clölia, die sich aus Feindeshand befreit; jene Frauen, die sich das Haupt scheren und aus ihren schönen Haaren Stricke flechten, damit die Verteidiger der Stadt ihren Bogen mit Sehnen bespannen können (daher der Tempel der ~Venus calva~). Als Camillus gegen Brennus und die Gallier ficht, opfern die Römerinnen sogar ihren Goldschmuck, damit der Staat Geld hat (ein Vorbild für alle Zeiten), und dies wurde ihnen ewig gedankt; denn in der Stadt, wo sonst niemand mit Wagen fuhr, erhielten die Frauen seitdem das Vorrecht, zu den Gottesdiensten fahren zu dürfen[3]. Im Grunde aber war dem Römer das Mannweib doch unbehaglich; schrecklich wie ein Gespenst erschien die Fulvia, die Gattin des Mark Anton, die Urheberin des Perusinischen Krieges; denn diese Fulvia ging selbst in Waffen und hetzte die Legionen gegen Octavian auf. Sympathischer immerhin Agrippina, die mit ihrem Gatten Germanicus bei den Legionen am Rhein steht und dort im gefährlichen Augenblick den Feldherrn selbst vertritt, persönlich zur Rheinbrücke eilt und durch energisches Kommando den verhängnisvollen Abbruch der Brücke verhindert, damit die Truppen sich vor den Germanen des Arminius noch über den Strom retten können; eine echte Soldatenfrau und in allem gewaltig (~ingens animi~); dem Kaiser Tiberius ist aber diese Agrippina eben deshalb verhaßt gewesen.
Vor allem nun aber die Römerin als +Mutter+! Sie ist es, die die Knaben, und wenn der Vater früh starb, auch noch die Jünglinge im Hause hütet und ihr zukünftiges Schicksal auf dem Herzen trägt[4]. In Gedichten ist die Mutter zwar nie verherrlicht worden, und es verrät eine Engheit der Ausdrucksfähigkeit, daß der Naturlaut verwandtschaftlicher Zärtlichkeit im Altertum so selten zum Ausdruck kommt. Wohl aber kennen wir +Cornelia+, die greise Mutter der Gracchen. Es ist die Niobe Roms, die all ihre Söhne bis auf zwei durch frühen Tod verlor; nun erheben sich diese beiden Söhne zu Führern im gräßlichen Ständekampf, und die Mutter fleht zu ihrem Gajus umsonst, daß er warte, eine kurze Frist warte, bis sie tot sei. Sie muß beide, sie muß auch Gajus, den herrlichen, in den Straßen Roms verbluten sehen. Großartiger noch die Sagengestalt der +Veturia+, wie Plutarch sie schildert. Ihr einziger Sohn Coriolan, der starke Held, wird vom Volk beneidet, geschmäht, gekränkt, entweicht aus der Stadt zum Landesfeind, den Volskern, und bedrängt Rom nun grollend und siegreich mit Heeresmacht. Alle Hilfe versagt. Da tun in der Not sich alle Frauen Roms zusammen und dringen in Veturia, und Veturia, die Mutter, zieht selbst ins Feldlager des Feindes hinaus, eine seltsame Gesandtschaft, und überrascht den Sohn. Sie hat seine Frau und seine Kinder mitgebracht. Aber der Sohn sieht nur sie, hört nur sie, die Mutter; sein verfinstertes Herz erschrickt vor dem eigenen Haß, und in langer stummer Umarmung und in Tränen hinschmelzend löst sich ihm auf einmal alle Qual der Erbitterung. Wie tief, wie wahr diese Allmacht der Mutter! Aber sein Schicksal ist entschieden. Veturia selbst entscheidet es, da sie ausruft: „Kind, wie kann ich noch fürder für dich beten, wenn dein Heil den Untergang Roms bedeutet?“ Er gibt den Kampf auf. Die Volsker töten ihn. Sie hat das Vaterland vor ihrem Sohn gerettet. Sonst stünde heute Rom nicht. So die Dichtung.
[Randnotiz: Keuschheit. Lose Eheverhältnisse.]
Nur die Gelegenheit erzeugt das Außerordentliche, und die Tapferkeit gedeiht nicht im Frieden. Aber auch für das Ideal der Keuschheit, die die eigentliche ~virtus~ des Weibes ist[5], suchte man die Belege in alter Vorzeit: es ist Lucretia, die durch Selbstmord, es ist Virginia, die durch ihren Vater vor Schande gerettet wird. Gleichwohl war es Sitte gerade der alten Zeit, daß der Mann, der vom Lande heimkommt, zuvor durch einen Boten bei seiner Frau sich melden läßt. Die augusteische Zeit weiß das Jahr -- 154 v. Chr. -- anzugeben, wann aus Rom die alte Keuschheit entwichen sei[6].
Es ist dasselbe bei allen Völkern, und auch bei uns Germanen. Das Wunschbild geschlechtlich lauteren Lebens (im Sinne der Monogamie) wird in die fernste deutsche Urzeit projiziert. Unsere Gegenwart, die Großstädte voran, belehren uns jedoch eines ganz anderen, und so bedenklich wie heute stand es damit schon dereinst im deutschen Mittelalter, im Bauernstand wie im Adel und selbst am deutschen Kaiserhof. In der Dichtung aber ist das Ideal, das der Volksseele lieb und heilig ist, zu allen Zeiten unverrückbar lebendig und findet in gewissen mittleren Kreisen der Gesellschaft, die durch Erziehung, Einsicht und maßvolles Temperament sich dazu eignen, eine segensreiche Verwirklichung.
Nicht anders stand es in Rom. Eigenartig ist hier nur, daß auch die Bande der +Ehe+ selbst sich lockerten.
Die rohe altrömische Rechtsauffassung der Ehe, wonach der Vater die Tochter wie eine Ware an den Schwiegersohn weggibt, war unter dem humanen griechischen Kultureinfluß bald zurückgetreten. Daraus, daß die Frau ursprünglich in Rom Eigentum des Mannes war, mag sich die später noch herrschende Sitte erklären, daß Mann und Frau trotz so mancher Feste, an denen man sich sonst gegenseitig beschenkte, sich nichts schenken durften. In der Folgezeit kann nun aber eine Verlobung nicht mehr ohne die persönliche Einwilligung der Braut geschlossen werden; auch nimmt die Frau nicht mehr wie früher den Namen des Mannes an. Das war die +Emanzipation+ der +Frau+. Auch der priesterliche Segen (~confarreatio~) tritt mehr und mehr bei der Hochzeit zurück, und die Ehe ist nur Zivilehe (Form der ~coemptio~). Dabei ist es allerdings nur der Bräutigam, der der Braut den eisernen Verlobungsring gibt, nicht auch umgekehrt. Und diese Ehe war +Schriftehe+; das Dokument des Ehevertrags erschien so wichtig, daß es auf keiner Abbildung von Hochzeitspaaren so leicht in der Hand des jungen Ehemanns fehlte. Das Wichtigste an diesem Vertrag ist, daß die Frau das Recht auf ihr Vermögen behält. Ihr Geschäftsträger verwaltet es abgesondert.
Bedeutsamer aber erscheint noch, wie leicht der Vertrag lösbar war. Flüchtiges Mißfallen, schon die üble Laune genügte, die Lösung der Ehe herbeizuführen. In den vornehmen Kreisen wurde schon im ersten Jahrhundert v. Chr. die +Ehescheidung+ gang und gäbe, und die Laxheit steigerte sich noch in der Kaiserzeit. So war Ovid dreimal vermählt, Pompejus fünfmal, und so in hundert Fällen. Auch Ciceros Tochter Tullia heiratete dreimal. Und nicht etwa nur der Gatte war es, der der Frau den Abschied gab[7]: von Paula Valeria meldet Cicero in einem Brief, soeben werde ihr Mann aus der Provinz zurückerwartet, sie aber vollziehe vorher rasch und ohne Grund zur Klage die Ehescheidung; ihr genügte als Grund, daß sie den Didius Brutus heiraten wollte. Die strenge Forderung der Gesellschaft ging freilich dahin, daß die einmal geschiedene Frau ganz ebenso wie die Witwe sich nie wieder verheiraten dürfe; nicht etwa erst die christlichen Kirchenväter haben das gepredigt, und ~univira~, d. h. „die im Leben nur einen Mann hatte“, blieb ein Schmuckwort und Ehrenwort auf den Grabsteinen der Römerinnen. An den geschiedenen Mann dagegen wurde die gleiche Anforderung keineswegs gestellt.
[Randnotiz: Energie. Mangelnde Tierliebe. Emanzipation.]
Aber wir brauchen uns nicht zu besorgen. Die Römerin wußte sich schadlos zu halten; denn sie besaß die urwüchsige Energie ihrer Rasse. Die griechische Ehefrau lebte still eingezogen[8]; die römische bewegte sich, von Dienern gefolgt, frei auf der Straße; sie erscheint bei den Gastmählern sicher und stolz unter den Männern, und sie herrscht im Haus. „Der Römer herrscht über die Welt, die Frau herrscht über den Römer,“ so sagte Cato. In den römischen Lustspielen, dem Volksstück der Togatkomödie, kam das, wie wir noch erkennen, besonders lebendig zum Ausdruck, und wir können nicht genug beklagen, daß sie für uns verloren ist. Die handfeste Jungfrau, die ihren Mann steht; die Frau scheltend und wetternd im Haus; schallende Ohrfeigen: wehe dem Gatten, der zu spät nach Hause kommt! Derb und frisch war das alles gezeichnet. „Das Weib liebt oder haßt, ein drittes gibt es nicht,“ lautet eine Sentenz, die übrigens ebensogut auch modern sein könnte. Es gibt zu denken, wenn uns von zwei Schwägerinnen, die in einem Haus zusammenwohnen, rühmend hervorgehoben wird, daß es ihnen gelang, friedlich miteinander auszukommen: es ist die Gattin und die Schwester Trajans. Denn auch die Schwestern sind auf die Liebe neidisch, die ihr Bruder vergibt. Aber nicht nur die Liebe, auch der +Ehrgeiz+ ist allmächtig, vor allem in den Müttern. Für den Sohn wird alles gewagt, und eine Agrippina geht durch Ränke, Blut und Verbrechen, bis sie den jungen Sohn zum Kaiser gemacht hat. Es war Nero, der Knabe! Vespasia, die Kleinstädterin in dem dörflichen Gebirgsnest Reate, hat zwei Söhne; auch sie will hoch hinaus mit ihnen, und der eine, Sabinus, wird wirklich Stadtpräfekt Roms, der andere gar wiederum Kaiser der Welt: es ist Vespasian, der sich nach seiner armen Mutter Vespasia so nennt und in seinem Namen den ihren verewigt hat.