Chapter 9
Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.
Also Anna hätte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande bewahrt blieb. Und das Mädchen wußte natürlich nun alles, empfand Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.
Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrückte die Gewißheit, daß Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern gehalten hatte, als er sie ins Unglück riß.
Wer sagte ihr, daß Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte sie zeit ihres Lebens verbunden sein.
Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.
Alle seine Fehler, seine Roheiten drängten sich plötzlich in ihr Bewußtsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich verloren.
Sie kam sich wie besudelt vor.
Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Küche der Nachbarhäuser sehen.
Jene Köchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper Geschäftigkeit auf dem Fensterbrett den Mörser handhabte, wie oft mochte sie in seinen Armen gelegen haben.
Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht vielleicht alle schon mit seinen Zärtlichkeiten bedacht?
Es war ihr, als sähen alle zu ihr herüber, in ihr Fenster hinein, höhnisch, vertraut: Wir gehören zusammen, Fräulein.
Sicher sprach man jetzt überall von ihrer Schande. Würde Anna schweigen, Anna, die sicher noch ihren alten Haß hegte?
Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen. Hieß das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?
Mochte Beuthien doch das Mädchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, für sich, für das Kind, oder sterben.
Es war das erste Mal, daß der Gedanke an den Tod ihr kam.
Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.
Natürlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber nachher, hat man es nicht mehr ertragen können, dann weinen sie ihre Heuchelthränen.
Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung in die Alster, und alles ist gut.
Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.
Sie kühlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.
Bei dem Blinken des Wassers mußte sie immer an die Alster denken.
Ein Sprung in die Alster.
Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr vor Augen. Sie schüttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf. Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.
Als die Mutter sie so müde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas in die Luft zu gehen. Sie müsse sich Bewegung machen, auch des Kindes wegen.
Lulu wehrte ab.
Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte sie begleiten, meinte die Mutter.
Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein, nickte Lulu.
"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.
XXV.
Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen, als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nächste dazu".
Frau Caroline stellte sich völlig auf den Standpunkt der Moral. Sie verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich für eine anständige Frau geziemte, und hätte sicher an beiden kein gutes Haar gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre sittliche Entrüstung etwas gemildert hätte.
Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu über die Achseln angesehn gefühlt. Nun rückte sie jener gegenüber gar in den Rang einer Schwiegermutter auf.
Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior würde es nun heißen.
Meine Schwiegertochter Lulu.
Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht nannte Lulu sie gar Mama.
"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glück, daß noch alles so gut abläuft."
Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden Kräfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wußte sie, daß sie sterben würde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah wiederholt an der Zimmerdecke Mäuse.
Das bedeutete den nahen Tod.
Therese wollte sonst nicht für abergläubisch gelten. Kartenlegen, Besprechen und anderen Altweiberunsinn belächelte und verspottete sie. Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her ehrfurchtsvollen Schauder abgenötigt. So weit erstreckte sich ihre Aufklärung nicht. Daß der Tod entfernter Personen sich oftmals ankündigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren, geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis für erwiesen.
Die Tante, der sie ihren Traum erzählte, hatte erst ein ganz bestürztes Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn" auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an dergleichen Vorbedeutungen glaubte.
Hermann gegenüber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal, gesprächsweise machte sie doch Andeutungen.
"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand, streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und gesund, Resi."
Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, sagte er wiederholt "Unsinn, Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.
Das sagte ihr genug.
Aber sie blieb ruhig und heiter.
Sie hätte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, daß sie den Tod so ruhig erwarten könnte. Kein Zagen, kein Graun.
Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen wiederkommen zu können erklärte, war ihr auf einmal so bange geworden, so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als würde sie ihn nie wiedersehen, als müßte sie ihn mit Gewalt zurückhalten.
Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese würde die "Krisis" überstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare Vorstellung davon zu machen.
Vielleicht würde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewußtsein gekommen sein, wenn nicht ihre persönlichen Angelegenheiten sie gar so sehr in Anspruch genommen hätten.
Die geschäftlichen Obliegenheiten lagen thatsächlich fast allein auf ihren Schultern, da Fräulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.
Dazu kamen die Heiratsgedanken.
Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die "leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.
Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mädchen, die in ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren. Sie stand ja als so nahe Verwandte des Sünders mitten in der Aktion, und von je her war sie nie glücklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit dazu gehörte."
Als künftige Schwiegermutter der ins Unglück geratenen, bewahrte sie natürlich allen Ausfragern gegenüber die nötige Zurückhaltung, und half durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier abenteuerlicher Gerüchte um diesen pikanten Vorfall zu weben.
Wie erschrak sie, als Mutter Behn früh morgens, um sechs Uhr, mit der ängstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.
"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."
"Meine Güte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts passiert?"
Die Gemüsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hürt? Behns ehr Lulu is furt."
Ein Dienstmädchen aus der Gärtnerstraße wollte "man bloß mal auf'n Augenblick einsehen".
"Nu is se ja woll utrückt", meinte sie. "Wat'n Upstand."
Auch der alte Beuthien kam ganz verstört.
"Line, Line, wat'n Stück--wat'n Stück."
Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hörte sie.
Fräulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glühenden Wangen immer neben der Wittfoth.
"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.
"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die Schürzen gesäumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig sein."
Damit schüttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.
Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.
"Dod?" fragte die Wittfoth.
Beuthien gab mit dem Daumen über die rechte Schulter hinweg die Richtung an: "In'n Kanal."
"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muß ich mich erst mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."
Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.
"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll. Was sie nu wohl wieder hat."
Damit haftete sie über den Korridor, steckte aber im Vorübereilen den Kopf durch die Thür des Arbeitszimmers:
"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und man ja nicht zu breit, hören Sie?"
XXVI.
Der alte Behn saß in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die Ellbogen aufgestützt, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
Schon geraume Zeit saß er so da.
Es war eine schwüle Luft in dem kleinen Raum.
Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich vielfarbig in den Kristallflächen des Tintenfasses und des Briefbeschwerers.
Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die Fensterscheiben flog, war das einzige Geräusch in der drückenden Stille.
Draußen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedämpfte Stimmen, ein Geräusch, als würde ein schwerer Gegenstand transportiert.
Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.
Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.
Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flüsternde Sprechen, das Klingen der Korridorthür, und wieder die dumpfe Stille.
Noch immer saß Behn in unveränderter Stellung, wie schlafend.
Da wurde leise die Thür geöffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn rief nach ihm.
Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des Mannes, aber er rührte sich nicht.
Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.
"Johannes!"
Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten Fäuste, und der große starke Mann schluchzte wie ein Kind.
"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.
Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schämte er sich seiner Thränen.
Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch, den Tintenwischer, die Sandbüchse, tastete an sich herum, als suche er etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der geduldigen Frau.
"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte Zimmer eintreten wollte.
Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie die Eltern die beste Stube betraten, mit flüchtigem Blick einen Teil des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.
Sie beugte sich nachher zum Schlüsselloch hinunter, sah aber nichts, als den breiten Rücken des Vaters.
Ihre Gedanken waren in großer Erregung. Lulu tot. Unfaßbar schien es ihr.
Es war das erste Mal, daß der Tod Paula so nahe trat.
Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thränen abgepreßt. Seine Augen waren noch rot und heiß vom Weinen, eine trockene, stechende Hitze in den Lidern.
Jetzt, nach dem ersten Gefühlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem Recht.
Paula hätte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter wollte es nicht leiden.
Wenn der Vater sich doch nur mal rühren wollte, dachte sie, am Schlüsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen konnte.
Ob wohl viele Kränze kommen würden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen Pomp eines Begräbnisses vor sich.
Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nächsten Sonntag war.
Ob man ihn wohl feiern würde?
Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf eingeladen. Clara würde ihr eine Papeterie schenken, das wußte sie schon.
Wie häßlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag würde.
Plötzlich fuhr sie vom Schlüsselloch zurück. Die Thür ward hastig aufgestoßen, und der Vater, blaß, zitternd, trat schnell heraus.
"Water, flink, Water", ächzte er.
Minna stürzte aus der Küche und stieß unsanft mit Paula zusammen.
Doch der alte Behn war schon in der Küche, ehe die Mädchen recht begriffen, was er wollte.
Die Stirn gegen die Wand gestützt, kämpfte er mit einem erstickenden Würgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrücken den kalten Schweiß von Stirn und Backen wischend.
So traf ihn der Briefträger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt durch die nachlässig geschlossene Thür in die Wohnung gelangt war.
Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.
"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.
"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Briefträger. "So gewitterig heute."
Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.
"Is di beter, Johannes?"
Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.
"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung för dat Klaveerstimmen."
Der Briefträger, noch ohne Ahnung von dem Unglück, das die Familie betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Straße, durch ein Mädchen des Nachbarhauses.
Er hatte auch für Frau Caroline Wittfoth einen Brief.
Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut. "Briefträger!"
Er mußte noch ein zweites Mal rufen, bevor Fräulein Frieda erschrocken erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen balancierend.
Beide ausgestreckten Hände zur Höhe der Ohren erhebend, bedeutete sie ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.
"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.
"Unser Fräulein is tot."
"Fräulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"
"Schwindsucht", flüsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles Verbrechen.
Mit bedauerndem Kopfschütteln entfernte er sich.
Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.
Fräulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das Gewünschte zu finden war, und holte die Wittfoth.
Frau Caroline erschien, verweint, mit geröteter Nase, das Taschentuch in der Hand.
"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzählte sie auf den fragenden Blick der Käuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hände voll zu thun. Ich weiß auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."
"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehört hatte. "Mit so'n Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."
"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sögg Se den Unnerrock rut."
XXVII.
Zwei Tage später hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.
Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel vier Kränze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kränze frisch besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf den Blättern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblüten und dem dunklen Grün der Kranzgewinde.
Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.
Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen, das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wäscheschatzes, in der Hand.
Nachdem sie alles Nebensächliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu kommen pflegte, überwunden hatte, die Störung ihres Hauswesens, die Beeinträchtigung des Geschäftes, die Wahl eines Trauerkostümes, ob Crépe oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.
Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag zurücklegte, den Fräulein Frieda öffnete.
Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur eine schwarze Moiré-Schürze angelegt, die Frau Caroline für diesen Zweck noch in letzer Mintute dem Schürzenkasten entnahm.
"Der Leute wegen."
Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu entfernen.
"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fräulein", flüsterte sie aus der Droschke heraus dem Mädchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock kommt, wissen Sie ja Bescheid."
Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rötliche schillerndem Cylinder.
In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt, damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.
Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wäre.
"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt Unglück. Gewöhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade Zahl, das ist besser."
Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die Schwächen seiner Tante zu schonen.
War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschüttert. Er hatte alle seine freie Zeit der Tante zur Verfügung gestellt und ihr alle Vorbereitungen und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.
Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufällige Entdeckung, daß er dem Herzen der Verstorbenen näher gestanden haben mochte, als sie ihn hatte merken lassen.
Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem Nähkörbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat, ein Geschenk, das er ihr ungefähr vor einem Jahre gemacht hatte.
"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklärte die Tante. "Und noch etwas für Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es zum Geburtstag haben."
Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkränzte Monogramm Hermanns.
Gerührt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begräbnis noch in die Wohnung der Tante zurückzukehren.
Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus dem Behnschen Hause den reichgeschmückten Sarg hinaus.
Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen überströmte die Straße, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.
In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Straße hinauf.
Nur wenige, flüchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens. Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begräbnis.
Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.
Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenüberhäuftem Sarg aus, der Zauber des Gräßlichen, der Reiz des Unglücks umstrickte die Seelen.
Der Wind warf den Staub unter die Menge, über den Sarg, über die Kränze, trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief herabhängenden Trauermäntel der Pferde wie Segel auf.
Die zwölf Träger, in ihren althergebrachten Pompgewändern, mit weißer Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zügel, und der Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor über den linken Arm tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung setzte.
Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine plötzliche Verkehrsstörung wieder zum Halten zwang.
Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.
Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglücklicher Zufall, ließ das leichte Gefährt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoßen. Das zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker stand in größter Verlegenheit bei dem gestürzten Fuchs, der wild ausschlagend, alle Bemühungen, ihn aufzurichten, vereitelte.
Daneben stand, blaß, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der Angst den kühnen Sprung von ihrem gefährlichen Wagensitz gewagt hatte.
Hermann hatte aus seinem Coupé heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen vermeint.
Schnell zog er sich in den schützenden Versteck des tiefen Fonds zurück. Keine Erinnerung hätte ihm heute peinlicher sein können als diese. Sie brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmütige Stimmung. Die Augen schließend, träumte er in der langsam über das stoßende Pflaster holpernden Droschke von jenem Frühlingsabendgang zwischen den Weißdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Küssen.
Mit schrillem Mißklang intonierte in einer Nebenstraße eine Drehorgel einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.
Hermann schrak aus seinem Brüten auf.
Wie gemein waren diese Klänge.
Ein Straßenjunge sang im höchsten Diskant zu den Melodien des Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis zur nächsten Straßenecke hörte Hermann den Gesang des Bengels.
Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehört? War es damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.
Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie, summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im Walzerrhythmus:
"Meine Liebste ist in Bremen, Ist 'ne Selterwasserdirn."