Aus dem Durchschnitt

Chapter 8

Chapter 83,772 wordsPublic domain

Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.

Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger noch überbieten zu müssen glaubte.

Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine Wahrnehmung zu.

Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die Achsel.

Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt von ihm, die Terrine hinaus.

"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.

"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und schloß die Thür.

Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante noch aufgefundenen Rumflasche.

Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch.

Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.

"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens vielleicht noch 'n bischen zu feurig."

Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen Augen.

"Nu Musik", meinte sie.

"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben."

Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.

"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seine Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische und Stühle zusammen und rollte den Teppich auf.

Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann den Spreewalzer zu spielen.

Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens. Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen Räumen reizten.

Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen.

Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit quälend.

XXI.

Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser stellte er den Erfolg seiner Kur gewöhnlich schon in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.

Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof gegeben.

Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefühl, als wäre ein Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich aber schon am nächsten thöricht. Wie lange konnte sie es denn noch verbergen? Ueber kurz oder lang mußte es zu Tage kommen, selbst wenn die Mutter blind wäre.

Wilhelm wich ihr gänzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annäherung versucht, ihm auf der Straße aufgepaßt. Aber er hatte es ja so leicht, sie von seinem Bock aus zu übersehen, sie, schneller fahrend, hinter sich zu lassen.

Wollte er sich von ihr zurückziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr getrieben?

Ihr schwindelte bei dem Gedanken.

Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu können.

Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen Uebersichergehenlassen.

Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemächtigte sich ihrer eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.

Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verändertes Wesen nicht entgehen, die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens nicht verborgen bleiben.

Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend, beobachtend verhielt.

Lulu, mit der Feinfühligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der Mutter wohl an, daß diese sie erraten hatte.

Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?

Es drängte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob immer wieder Einsprache, unterstützt durch die Feigheit.

Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuß gestanden, daß sie nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfühlen, Verständnis, erwarten und beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegönnt, und sollte sich nun so vor ihr demütigen.

Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos beklagte, daß Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.

"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafür kaufe."

Im Grunde aber ärgerte sich die Kleine sehr über Beuthien, dessen Benehmen sie sich nicht zu deuten wußte. Sie hatte sich etwas darauf eingebildet, daß er sie bisher überhaupt beachtet hatte. Es war ihr heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er über sie hinweg, wie über jedes andere Schulmädchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich verschüchtert zurückzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer Entdeckungen.

"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequält. "Was geht Dich Beuthien an."

Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu können, daß diese keine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Beuthien hatte.

Um so größer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drängte sich das Geständnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurück. Und doch, irgend jemand mußte sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es nicht mehr tragen.

Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das Mädchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstützig."

Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schämte sie sich denn nicht, sich so gemein mit dem Dienstmädchen zu machen?

Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung aus der Hand nahm.

Frau Behn war ihrer Sache gewiß geworden und konnte nicht länger schweigen.

Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.

Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach in Thränen aus.

"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.

Lulu schwieg. Die Mutter schüttelte sie heftig am Arm.

"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"

Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mußte sie sich schelten lassen?

Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau plötzlich über die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten Groll der Mutter die Riegel öffnete. Sie bebte vor Zorn.

"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."

Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.

"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.

"Was ist gemein?" Die Mutter rückte ihr fast auf den Leib. "Was ist gemein? Du, Du!"

Ein tiefes Erblassen, ein röchelndes Nachatemringen, ein unsicheres Umhertasten mit den Händen, und schwer sank Lulu an dem neben ihr stehenden Stuhl hin zu Boden.

Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"

Sie riß die Thür auf und rief nach Minna und nach Wasser.

Das Mädchen brachte das Verlangte erstaunt.

"Is Fräulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmächtige auf den kleinen Lederdivan betten.

"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Füer nich utgahn, hörst Du?"

Und Minna sah nach dem Herdfeuer, während Frau Behn der sich erholenden Lulu sanft über Stirn und Scheitel strich.

"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."

Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesöhnt, hatten sich wieder gefunden.

XXII.

Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem, unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost erwacht.

Frau Caroline war sehr besorgt.

Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.

Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben. Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer an.

Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.

Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.

"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht. Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."

Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu, den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.

"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter. "Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."

"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."

"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett. Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."

Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen Frau nicht zu reden war.

Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur Korpulenz.

Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.

Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu Flecken vergrößern.

Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl schnell zu Ende gehen.

Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben würde.

Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.

Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.

Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.

"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder rauskriegen. Sei man ruhig."

"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch die schönsten Tage.

Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren unfreundliche, fast herbstliche Tage.

Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen, gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.

Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.

Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.

So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte, namentlich mit Lulu.

Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.

Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal etwas von ihr gehört.

Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt, hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.

Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie daran.

Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie jetzt übrig gehabt haben.

Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.

Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei, seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht: wenn du nun stirbst?

Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen, und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe Stimmung aufkommen ließ.

Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.

Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie, um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.

"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."

"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.

Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."

"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.

"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge ja wohl alles zu Grunde."

"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht mehr dauern", tröstete Therese.

"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht, lege ich mich auch noch hin."

Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven und Glieder der Tante beruhigt.

XXIII.

Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn sofort seine Kur und reiste zurück.

Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die Begrüßung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzählen, die Frau hatte in ihrem Brief mit genügender Ausführlichkeit berichtet.

Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Straße hinausgestarrt, das untrügliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm, als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"

"In ehr Stuv, Johannes."

"Ik will se nich sehn", stieß er hervor. "Nich vor Ogen."

Wie tief auch die Geschichte an ihm fraß, so war es doch fast mehr noch die soziale, als die moralische Seite, worüber er nicht hinwegkommen konnte.

Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen, den ehemaligen Schulkameraden überflügelt zu haben, er, der Umhertreiber und Thunichtgut von damals, den fleißigen, ordentlichen Musterschüler.

Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel aufgestellt worden, wie oft hatte es geheißen. Das wird noch mal ein tüchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.

Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und Umsicht, während Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.

So waren sie allmählich auseinander gekommen. Jeder mied den andern, geniert durch das Mißverhältnis der Lebensstellungen.

Nun mußte so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.

Wilhelm mußte seine Pflicht gegen Lulu erfüllen, da gab es keinen Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es ward ihm schwer, furchtbar schwer.

Er hatte sich für Lulu einen andern gewünscht, als diesen Kutscher, diesen Liebling der Dienstmädchen.

Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?

Wenn der Bursche sich nun weigern würde, sein Vergehen zu sühnen, was dann? Unmöglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber so weit würde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann und würde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.

Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.

Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang, wie einem furchtsamen Schuljungen.

Und er hätte doch im Zorn die Straße hinunterstürmen und alles kurz und klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan hätte, wenn er beim Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wäre.

Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen Stockwerk über der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeöffnete Stallthür, Wilhelm beschäftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.

Der Anblick des Sünders weckte seinen Grimm. Am liebsten hätte er sich gleich auf ihn gestürzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen, ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.

Heftig stieß er oben die Thür auf, gegen die rasselnde Schutzkette.

Tante Tille, in altmodischer weißer Haube, die sie nur des Nachts ablegte, ein Butterbrot in der Hand, öffnete ihm.

"Meine Güte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se sünd fort?"

Er fragte nach Beuthien.

"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.

Der alte Beuthien saß auf dem kleinen, abgenutzten Roßhaarsofa vor dem mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und ließ sich es anscheinend gut schmecken.

Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich möbliert, in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die großgeblümten, mit selbstgehäkelten Spitzen eingefaßten Kattungardinen und der niedrige, braune Kachelofen gaben dem Raum etwas höchst gemütliches. Der frisch gescheuerte Fußboden zeugte von größter Reinlichkeit. Auch die beiden billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels, fügten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der abgeblätterten Vergoldung und dem großen Spliß in der untern linken Ecke des Glases, störte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.

Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu einer imponierenden Erscheinung aufrichten.

Erstaunt empfing ihn Beuthien.

"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.

"Sünd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurück.

"Ja, wat is?"

Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloß die Thür wieder. "Wat is, Behn?"

Kurz, heftig, stieß Behn seine Anklage heraus.

Beuthien war starr.

"Din Lulu?"

Einen Augenblick saßen sich die beiden Männer stumm gegenüber.

Beuthien stand auf.

"He sall kamen, gliek."

Behn hielt ihn zurück.

"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.

"Ne, ne, he sall man kamen."

Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wußte er sofort, was seiner wartete. Aber er war nicht feige.

Er grüßte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.

"Segg em dat sülfst", sagte sein Vater.

"He weett't woll all", bebte Behn, wütend über Wilhelms Ruhe.

"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemütlich zu werden.

"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fäusten.

Wilhelm wich nicht zurück.

"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.

Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend, der aber schleuderte sie heftig zurück.

"Du büst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der kreideweiß wurde.

"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden. "Woans hest Du Din Fru kregen?"

"Dat is wat anners", keuchte Behn.

"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."

Wilhelm erklärte, er wüßte was recht wäre, aber er könnte seine Pflicht nicht thun.

"Wat?" rief Behn.

"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.

"Du kannst nich?"

"Ne, ik kann nich."

"Is se Di nich god nog mehr?" höhnte Behn bitter.

Wilhelm zögerte lange mit der Antwort.

"Ik häw all 'n Kind", stieß er endlich hervor.

XXIV.

Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frühere Behnsche Mädchen, war die Mutter seines Kindes.

Behn hatte es übernommen, dieser ihre älteren Rechte auf Wilhelm abzukaufen.

Er fand das Mädchen in einem Keller bei Hökersleuten einquartiert, in einem engen, dumpfigen Raum. In einem großen Wäschekorb lag das erst vierzehn Tage alte Kind, häßlich, klein, eine Frühgeburt.

Anna schämte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hörte, um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.

Lulu, der hochmütigen, gönnte sie ihr Unglück. Sie trug ihr noch immer die Mißhandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten? Nie!

Aber schließlich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe zufrieden zu stellen.

Die Rücksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das ohne sorgfältigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.

Welch ein Vermögen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch gezählt, zehn Hundert Markscheine.

So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier bekommen, als Wilhelm war.

Dieser war froh, daß alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn durchaus heiraten, so war ihm Lulu natürlich lieber, als Anna.

Lulu erfuhr durch ihre Mutter, daß Beuthien sie heiraten werde.

"Vadder hätt sik vel Möh geben", setzte die einfältige Frau hinzu. "Dusend Mark hätt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."

"Für Geld?" rief Lulu.

"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie. Und dann erzählte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte mit Anna.