Aus dem Durchschnitt

Chapter 7

Chapter 73,654 wordsPublic domain

Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz nahm.

Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.

Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm. Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie befürchtete.

Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und die Geängstigte beruhigt.

Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten.

Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der nach dem Schauplatz seiner That geführt wird.

Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er, als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.

Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen schloß und sich erblassend zurücklehnte.

"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der Pferdebahn zurückfahren."

Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun.

Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über die welligen Felder hinweg.

Ob er hinüber sah?

Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.

Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes Ungetüm, schwebte.

Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.

Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu. Mühsam beherrschte sie sich.

"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.

Lulu schrak zusammen.

"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."

Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte.

"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das frischt ihr auf."

Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen.

Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm allein gefahren.

Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer letzten Unterhaltung zu regen.

Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer, wie durch ein Vergrößerungsglas.

Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte, drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.

Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.

Wie garstig!

Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm, wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf.

Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt, infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete.

Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine erregende Wirkung nicht verfehlt.

Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes für sich allein benutzen zu können.

Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken anblitzte.

"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."

Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn nicht auf die Dauer reizten.

Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes.

"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.

Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward plötzlich eifersüchtig.

Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise von anderer Seite drohen könnte.

Wenn Beuthien sie verließe?

Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafter Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau, Kutschersfrau.

Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen? Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?

Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen alles Widerwärtige absperren.

Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen, wie es ging.

Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer "brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich hinstarrte.

Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt. Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten, von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte.

Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen, höhnischen Blick aus.

Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.

XIX.

Fräulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn Emil Pohlenz bekannt und kündigte ihre Stellung bei der Wittfoth.

"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was zu verheimlichen."

"Es war vorauszusehen", betätigte Therese. "Wenn sie sich leiden mögen, kann man sich ja nur darüber freuen."

"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi, bekommen wir schon wieder."

"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschäft recht tüchtig."

"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heißt, vergeßlich ist sie doch man, und nachräumen muß man ihr alles."

"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein häßlicher Husten, der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quälte, unterbrach stoßweise Theresens Worte.

"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau Caroline. "Mich ärgert man bloß, daß das dumme Ding solch Glück hat. Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine auch man bloß. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n Teller bringt."

"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende hätte ich noch Onkel Pohlenz sagen müssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."

"Mich amüsiert man, daß wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.

"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, für sie war ja das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.

Und doch war sie ebenso liebebedürftig, hatte ein ebenso empfängliches Herz, wie Mimi und die so viel ältere Tante.

Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger, sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.

Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein für allemal auf Liebesglück verzichtet, wenigstens sich mit dem begnügt, das auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.

Sie hatte, fast zu frühzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nächstem Geburtstag angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem Taschenbuch zur Zierde gereichen.

Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen Arbeiten ungewohnten Finger geschickt.

Wenn sie ihn doch öfter erfreuen könnte, für ihn arbeiten, sich ihm nützlich erweisen.

Als er neulich einmal, ärgerlich über seine saumselige Wirtin, der Tante einige Strümpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die Arbeit abnehmen zu dürfen, und hatte sich in dieser fraulichen Thätigkeit für den Geliebten glücklich gefühlt.

Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gönnte sie ihn doch nur einer Würdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall gefunden.

Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften wegen, zu welchen auch ein rücksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die kränkliche Freundin gehörte, aber für Hermann schien sie ihr doch nicht die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie bedenklich.

Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja nicht mal fürs Lesen Interesse, und die Bücher waren nun doch einmal Hermanns Rüst- und Handwerkszeug.

So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, daß Mimi durch ihre Verlobung mit Pohlenz das Verhältnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen hatte.

Hermann, dieser liebenswürdige, gescheute, feine Mensch, würde gewiß bald ein anderes Mädchen finden, das ihn besser zu schätzen wüßte und ihn Mimi vergessen machte.

Sie billigte es, daß er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermißte. Wenn Mimi erst aus dem Hause wäre, würde ja wieder alles anders werden. Er würde sich wieder, wie früher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie belehren und fördern. Wie freute sie sich darauf.

Die Tante hatte der Verlobten etwas spöttisch gratuliert und allerlei Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekränkt ausrief: "Aber nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thränen ausbrach.

"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.

"Mimi vergißt uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns hätte sie ihr Glück nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert hätte, oder Du, Tante hättest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muß uns ewig dankbar sein."

Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte, sie würde Zeit ihres Lebens an die schönen Jahre zurückdenken, die sie in diesen Räumen verlebt hätte.

"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer verlassen hatte.

Mimi errötete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre Brauen.

"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."

"Das muß jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen verlangen", versetzte Therese auf dies Geständnis. "Eine Ehe ohne Liebe denke ich mir entsetzlich."

"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--"

"Dann werden Sie auch gewiß glücklich mit ihm," unterbrach Therese sie schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht daran denken."

"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz sagt auch, mit dreitausend Mark möchte er nicht heiraten."

"Das kommt nun auf die Ansprüche an", meinte Therese.

"Natürlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen, wenn er nur will."

"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."

"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe, Sie besuchen uns denn auch mal."

XX.

Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll auch was davon haben", sagte sie.

"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese ein.

"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."

Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.

Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck.

"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau. "Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."

"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."

"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.

"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.

"Neegen Stück."

"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "Denk Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."

"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage.

"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte, meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da könnte sie sich mal ordentlich "rausessen".

"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in dieser Hinsicht etwas empfindlich.

"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll Hosten, de geföllt mi nich."

"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante. "Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt schicken."

"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft möt se hebben."

"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel", setzte er hinzu.

"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärte Therese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht."

"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt."

"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich sein. Ich sag nichts mehr."

Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, die Vorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige Zugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnet bleiben.

Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens den Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift: Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung der Inhaberin geschlossen.

Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.

Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daß Hermann zugesagt hatte, zu kommen.

Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten.

Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte. Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.

Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten.

Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der Zuckerschale.

Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab, von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner, Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die Tante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchem Zierat behangen hatte.

Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte. Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes "!Viel Glück und Heil!"

Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte besorgen müssen.

Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit Spitzen und Schleifen garniert.

Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe.

Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene parfümierte Couvert.

"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von der kleinen Elfenbeinkarte ab.

"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer.

Therese beobachtete ihn still.

Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen würde.

Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. Der Cigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige Flaschen Löwenbier zur Hand.

Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen und Küchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten Unterhaltungsstoffes.

Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig andere Pflichten.

Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich, Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du."

Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in eine kreiselnde Beweglichkeit.

"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander.

Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung, in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten.

Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg.

Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt, griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann besonders vom Glück begünstigt wurde.

Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig.

Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu den Damen zurück.

Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich, hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging.

Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.

Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt.

Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens, neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch, zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt des Mundschenken übertragen worden.

Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.

Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich, mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret die Frauen, sie flechten und weben".

Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. Wilhelm Beuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ die Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.

Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un Leev, un mit Gottes Segen."

"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander klangen.

Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken.