Chapter 6
Die ausgeladene Höflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald erklärt und begründet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun spielte der glückliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitän und Schiffsvolk eingeschlossen, zu traktieren.
Hinter der Gloriole des liebenswürdigen Schwerenöters verschwand selbst in Theresens Augen die komische Figur des vertrösteten Freiers. Selbst sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi erklärte, man könne sich doch oft sehr in einem Menschen täuschen.
Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale, vielgewundene Este zu einer genußreichen zu machen. Die fetten, im schönsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache, wechselnde Reize: Breite Deiche, mit üppigem Pflanzenteppich behangen: großblättriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige Schafsgarbe mit ihren weißen Blütenkronen, dazwischen gestreut, wie eine Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blüten der Butterblume. Auf grasreichen Wiesen weidende Kühe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der freundlichen obstreichen Gärten, kichernde rotwangige Landmädchen, die Kußhände und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.
Ein jüdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende Geschäfte zu machen pflege.
Und in der That verriet das saubere behäbige Aussehen der einzelnen Höfe sowohl, als der ganzen Dörfer, deren Rückseite sich oft bis hart an das schilfumrauschte Ufer des Flüßchens erstreckte, gediegenen Wohlstand.
Selbst Hermann verlor während der Fahrt seine Mißstimmung. Hoffte er doch auch, sich in Buxtehude mit den Mädchen verabschieden zu können.
Doch er sah sich getäuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch Hermann schließlich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute Miene zum bösen Spiel machen.
Schwer genug ward es ihm. Eifersüchtig sah er, wie Herr Pohlenz seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich geschmeichelt fühlte.
Allerdings war sie dann später zartfühlend genug, Herrn Pohlenzens taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns ältere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und wählte seinen Platz so, daß er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so daß Hermann auch jetzt noch nicht zur ungeschmälerten Freude an Mimis Gesellschaft kam.
Und so blieb es. Auch für den Rest des Tages war Mimi die Königin, der alles huldigte, und das hübsche Mädchen spielte die ihr zugewiesene Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.
Auf der Rückkehr nach Hamburg änderte sich das Wetter. Ein leichter Regen fiel, ohne jedoch die fröhliche Gesellschaft vom Deck zu vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajüte. Die meisten, erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine Gemütlichkeit zu stören. Sie fanden genügenden Schutz hinter der Kajütenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die empfindlichere Therese einhüllen konnte.
Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine Trennung.
"Sie sind meine Gäste, Sie müssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst fidel."
Und man blieb zusammen, hörte einige Musikstücke in Hornhardts Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf ein Glas Bier zu Mittelstraß, einem beliebten Restaurant, und schloß endlich zu später Stunde mit einer Tasse Melange in Görbers Café.
XVI.
Einige Tage später sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe Wittfoth, hier mit neidischer Geringschätzung, dort mit selbstbewußtem Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer Vertiefung in den Gegenstand, als wäre nun die natürliche Ordnung der Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.
Und man sprach nicht mehr von einem Gerücht. Es war eine Thatsache. Der alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens" den nötigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach kurzem schamhaftem Sträuben, unter Hinweis auf ihr vorgerücktes Alter, ja gesagt.
"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glück nicht im Wege sein."
So ungefähr lauteten die Schlußworte der kleinen Frau.
Hiermit war denn auch über den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder unschlüssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache schon mehr für die Ablehnung entschieden hatte.
Für vierzigtausend Mark jedoch konnte man über Kleinigkeiten schon hinweg sehen.
Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch über allerlei hinweg sähe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.
Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das Bestechliche, was für Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Täuschung hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, daß auch persönliche Neigung zu Grunde lag.
Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hörte, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der Verschmähte.
Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte, wußte er, was er wollte.
"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten Hochachtung und Wertschätzung kann ich mich der Einsicht nicht verschließen." So oder ähnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes an die Wittfoth.
Natürlich wollte er jetzt nicht länger Stadtreisender bei Müller und Lenze bleiben. Aber bis zur Lösung seines Kontraktes mußte er noch seine Geschäftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekränkten, Verschmähten gegenüber treten, eine Rolle, in welche er sich mit vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden würde.
Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth bedeutend erleichterte.
Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach geworden. Schon immer hatte er sich bemüht, dem hübschen Ladenmädchen der Witwe näher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenüber stets kühl bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.
Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wußte, welcher Wind dieses Wetterfähnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja selbst das Leben nur vom kaufmännischen Standpunkt. Was kostet das?
Was Mimi Kruse anbelangte, so wußte er jetzt, daß er sie sich "leisten" konnte, daß seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie nicht "kaufen?"
Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit einem Geschäftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie einmal ausführen zu dürfen, erzählte von seinen Zukunftsplänen, ließ durchblicken, daß er möglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer Tante erwarten könnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, daß sie "mit Vergnügen" seine Einladung annahm.
Von jetzt ab kam Herr Pohlenz häufiger, zur Verwunderung Frau Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren über die Veranlagung zu diesem Geschäftseifer des Stadtreisenden blieb.
Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust, den Verlust seines "ganzen Lebensglückes," wie er es damals nannte, ertrug, und war entrüstet über Mimi.
Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit diesem Gecken an, weil er Geld hatte.
Was würde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden sollte, an der sie nur vergnügte Gesichter um sich sehen wollte, so würde sie Hermann schon jetzt die Augen öffnen. Aber nachher sollte er auch keinen Augenblick länger über Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.
Dem Mädchen selbst wagte sie keine Vorwürfe zu machen. Es war ihr peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrüstete spielen wollte, sähe es nicht aus, als ob sie sich über den Entgang der vierzigtausend Mark ärgerte? Wie Neid, Mißgunst?
Nein, sie ließ der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit Mimi fertig würde. Im Grunde wäre es ja nur ein Glück, wenn er diese Person nicht bekäme.
"Stich hält sie doch nicht," schalt sie bei sich.
Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mißvergnügte Tage. Mimis freies Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit gegen Pohlenz, über den sie doch sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoß, hatten ihn tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflächlichen Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen. Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine Entschlüsse.
Dieser faden, beschränkten Krämerseele sollte er weichen?
Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert zurück, und glaubte, Mimi durch Vernachlässigung strafen zu können. Aber diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu sehen, sich auszusprechen. Doch wann würde er sie bei der Tante einmal sprechen können, ohne Störung?
So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.
Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht käme?
Das beste wäre, er spräche sich gleich brieflich mit ihr aus.
Und so schrieb er denn:
Liebes Fräulein!
Die Gefühle, die mich beseelen und die ich nicht länger zum Schweigen verurteilen kann, drücken mir die Feder in die Hand. Habe ich nötig, das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiß es, schon lange kein Geheimnis mehr sein kann?
Mein ganzes Benehmen gegen Sie muß Ihnen längst bewiesen haben, wie unaussprechlich ich Sie liebe, und daß es das höchste Ziel meines Strebens, das Glück meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen nennen zu dürfen.
Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehört Ihnen, hochverehrtes, inniggeliebtes Mädchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfällt.
Verschmähen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie namenlos glücklich
Ihren hoffenden
Hermann Heinecke.
Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großen Bestürzung. Nun ward es ernst.
Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.
Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guter Mensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen.
Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.
"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte.
"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.
"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.
"Das nicht," war die Antwort.
"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth.
"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."
"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so schlimm?"
"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.
"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig. "Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi.
Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:
Geehrter Herr Heinecke!
Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können, so gerne ich dieses auch möchte.
Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen
Ihre Mimi Kruse.
Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen befleckt.
Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige vergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert. Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder.
"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken", fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute."
Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.
Herrn Volksschullehrer Hermann Heinecke p. Adr.: Frau Ww. Thielemann Hierselbst. Raboisen 27, III.
XVII.
Das große Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch für alle die Straßen, durch welche die teilweise glänzende Korsofahrt nach und von dem Rennplatz ihren Weg nahm.
Auch in der Gärtnerstraße waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stühle und Schemel vor ihre Ladenthür auf das Trottoir gestellt, für sich und die beiden Mädchen.
Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war ausgeblieben. Er hatte sich überhaupt lange nicht bei der Tante sehen lassen, zu deren und Theresens großer Verwunderung. Nur Mimi wußte, warum er nicht kam.
Sie fühlte keine Reue über ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefühl zur Ruhe gelegt, als hätte sie etwas Rechtes, etwas Großes gethan.
Am nächsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefühl der Neugier: Was wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?
Pohlenzens Bemühungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell schoß das neue Verhältnis unter dem befruchtenden Segen der vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grün der alten Beziehungen zu Hermann überwuchernd und erstickend.
Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.
Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen würde? Sie wünschte es beinah. Es wäre pikant. Auf jeden Fall würde sie an der Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.
Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann hätte sich das nicht leisten können, hätte auch wohl kaum zu fahren verstanden.
Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mögliche Begegnung zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.
Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfältig beobachtete sie die Insassinnen der vorüberrollenden Equipagen und Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlässig zurückgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.
Pohlenz hatte ihr ein neues Kostüm geschenkt, in dem sie ohne Frage gefallen würde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.
Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und geschmeichelt hatte der überaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin. Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden früher von ihr gelesener Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brünette Pohlenz mit dem großen Panamahut, dem weißen Röckchen, eine seiner feinen Cigaretten rauchend, eigenhändig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im neuen Kostüm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurück.
Da fuhr Hermann vorüber in einer gewöhnlichen Droschke, etwas krumm, vornübergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr blaß aus, wie übernächtig. Auch die drei Herren neben ihm waren keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.
Wie gewöhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie möchte sich nicht darin unter diese eleganten Equipagen mischen.
Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen, neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser sehen zu können. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu begegnen.
Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja nicht unbekannt, daß ihre Bildung keine lückenlose war, ihr Charakter nicht ohne Schwächen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwächen. Vom Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine vollkommene Frau hätte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schön geträumt, Mimi allmählich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden guten Anlagen zu wecken.
Der Traum war aus.
Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung und überredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorüberfahren zu sehen. Er malte sich eine Begegnung aus: Kühler, höflicher Gruß von seiner Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation. Männliche Gefaßtheit. Sie errötend, dann erblassend, mit dem bekannten schnippischen Wurf ihres hübschen Köpfchens die Sache schnell und geringschätzig abthuend.
Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben zu sollen. Mimi würde sich wohl noch besinnen, er müsse ihr Zeit lassen. Sie wäre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.
Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und glaubte, nicht für ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blaß, traurig, weinend in ihrem engen Stübchen sitzen, das ihm immer ihrer so wenig würdig vorgekommen war.
Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht länger hingeben, seitdem ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.
Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine Beschönigungen. Warum sich belügen? Sie war eine Kokette, seiner nicht wert. Er mußte sie vergessen.
Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der heftigste Schmerz in ihm.
Mimi sah auch entzückend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostüm gesehen. Es musste ganz neu sein und schien ihm über ihre Verhältnisse zu gehen. Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?
Mimi trug ein enganschließendes, taubengraues Kleid von vornehmer Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmückte die anmutig volle Büste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weißem Taubenflügel saß kokett auf dem hübschen Blondkopf.
Und nichts von Trauer, Gedrücktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem frischen, lebhaften Mädchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose, genußfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer Lebenslust.
Er mußte sich zusammennehmen, damit der aufwühlende Schmerz ihm keine Thränen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaßten Sieger. Er trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nähe zu kommen.
Die Tribüne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen aus dem Derby zusah. Er grüßte hinauf, ohne von den ganz von der Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruß zu erhalten. Nur von Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.
Es fiel ihm auf, wie blaß das Mädchen aussah, fast leidend.
Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flüchtig am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals seine eigenen Gedanken über sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mädchen, das sicher auch andere Vergnügungen nicht verschmähen würde, wenn es sich nicht für zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzböden zu besuchen.
Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere Ansicht über Lulu. Er hatte immer nur geringschätzig über sie sprechen hören.
Was stimmte ihn nun auf einmal so günstig für das Mädchen? Wie Mitleid überkam es ihn. Sie hatte so bedrückt, so unglücklich ausgesehen.
Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknüpfend an jenes Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhältnisses zu Beuthien allerlei romantische Vermutungen aufreihend.
Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme chez nous, mit vertauschten Rollen.
Es that ihm wohl, eine Leidensgefährtin in Lulu zu haben, wenn auch nur in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefühls befriedigter Rache.
Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine herzlose, oberflächliche Kokette, eine käufliche Dirne.
Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem Knopfkrämer.
Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und Spielen.
Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.
Da ward ihm ein Gruß.
Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmännische Gespräche mit derben Witzen würzend.
Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslänge überragte, von Hitze und Biergenuß gerötet, stieß ihn ab. Lulus Geschmack war ihm unverständlich.
Und doch, was wollte er denn?
Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kräfte, vor denen die Weiber Respekt haben.
XVIII.
Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in frischer Luft, am besten.
So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst übte.