Aus dem Durchschnitt

Chapter 5

Chapter 53,607 wordsPublic domain

Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher Gegend sich sicher fühlten.

Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause jeden Verdacht nieder zu halten.

Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte.

So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.

Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender, nachgiebiger.

Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden.

"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.

"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten.

Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner Tochter nicht vertragen können."

Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande, kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein Angriff drohen.

Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.

Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen.

"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach.

Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen zu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachten Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.

Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz, der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.

Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt.

"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.

"Kostet das was?"

"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."

Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter die Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen.

"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht tanzen.

Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand heftig am Ellbogen zerrte.

"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."

Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier vermutet hatte.

Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes.

Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese, der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."

Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie.

XIII.

Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch häuserlosen Straße in seine Droschke aufgenommen. Es war ein verabredetes Rendezvous, und da Lulus Börse gerade gut gefüllt war, wollte man längere Zeit zusammen bleiben.

Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straßen fuhren, wo eine unliebsame Begegnung zu befürchten war, saß Lulu tief zurückgelehnt in dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf die Straße vermeidend. Erst weiter draußen wagte sie, das Verdeck des Coupees zurückschlagen zu lassen.

Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drüber hinaus, auf einer menschenleeren Feldstraße stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun pflegte, mit ihm, an seinem Arm hängend, neben dem gemächlich bummelnden Braunen her.

Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen, oder in die Droschke zurückzuschlüpfen.

Beuthien wußte in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen durfte, einzukehren.

Lulu war zu allem bereit.

Es war ein wunderschöner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne lästig zu sein, über den grünen, vielversprechenden Saaten.

Lulu war sehr heiter.

Die stille, wohlthuende Ruhe hier draußen wiegte alle ihre Bedenken ein.

Auch Beuthien war aufgeräumt. Er ließ bald ihren Arm fahren und legte vertraulich den seinen um ihre Hüfte. Und sie ließ sich seine derben Scherze und zeitweiligen Zärtlichkeiten gefallen.

Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die jedoch mit ihren grünen Holzstäben und grüngestrichenen Tischen und Bänken etwas Trauliches, Einladendes hatten.

Der Wirt, ein ordinär aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron, brachte zwei Gläser Bier dorthin, fuhr einmal träge mit seiner unsauberen blauen Schürze über den bestaubten Tisch und suchte eine Unterhaltung anzuknüpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, daß er bald davon abstand.

Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiß und braun gefleckter Hühnerhund blinzelte mit müden Blicken aus den triefenden, von Fliegen gequälten Augen aus seiner Hütte zu ihnen herüber.

Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch des nahen Hühnerstalles wurde ihnen lästig.

Lulu sah sich nach einem andern Platz um.

Hinter dem Garten zog sich ein spärliches Wäldchen an dem Rand einer Wiese hin, größtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glänzenden weißen Stämmen hervorhoben.

Ein halbvermorschtes Brett führte über einen ausgetrockneten Graben in das Holz hinein.

Nach einigem Zaudern, aus Rücksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit aufgeschürztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.

Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift, hatten Beeren gesucht, Kränze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloßen Füßen in dem kühlen, schlammigen Wasser der Gräben und Pfützen gewatet.

Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.

Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf, und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.

Sie drängte sich vor ihn.

Uebermütig faßte er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so schnell, daß sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.

Sie schrie auf und riß sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen sie einen Augenblick unter Gelächter und Gekreisch um einander herum.

"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie rangen mit einander. Seine Kräfte, mit denen er bisher nur gespielt hatte, gebrauchend, hob er sie plötzlich hoch vom Boden und nahm sie wie ein Kind auf den Arm.

Zappelnd bemühte sie sich, wieder festen Fuß zu fassen. Aber er zwang sie.

"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er sprach überhaupt während dieser ganzen Balgerei nur platt.

"Laß mich", keuchte sie.

Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heißen, verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig, schwer atmend, ließ sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.

XIV.

Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom Geschäft zurückzuziehen, es seinem Sohn zu überlassen. Er hatte keine rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.

Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot war, also seit ungefähr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante der Verstorbenen ihm die Wirtschaft führte.

Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann würde er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde, und der jungen Schwiegertochter, die natürlich das Regiment beanspruchen würde, ärgerliche Tage haben.

Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man älter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da Freunde dem noch immer rüstigen Mann oft, teils im Scherz, teils im Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem Gedanken vertraut gemacht.

Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht daran glaubend, daß noch einmal etwas daraus werden könnte.

Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem Glatteis gestürzten Braunen, gänzlich die Lust am Geschäft verlor, hing er doch ernstlicher solchen Zukunftsträumen nach.

Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie Frau Caroline Wittfoth. Das wäre noch eine Partie.

Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu. Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.

Das gute Geschäft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl daraus. Wenn er die zehntausend Mark, über die er nach Wilhelms Abfindung noch verfügen konnte, in dies Geschäft steckte, wäre das Geld gut angelegt. Und es würde ihm ein guter Fürsprecher bei seiner Werbung sein.

Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluß gekommen war, es mit Frau Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie fängst du das an?

Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht hätte, der das zu behaupten wagte.

Aber dennoch war es so.

Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam über die Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der Lage befinde," nicht hinaus.

Die Negendank störte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer Taubheit schon von seinen Heiratsplänen munkeln hören und war der entschiedenste Gegner solcher "Verrücktheit".

So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als Schreibpult benutzt hatte, und öffnete der Klopfenden. "Dat togt so bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, daß er sich einschloß.

Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jürgens, sein guter Freund, hatte einen klugen Einfall.

In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war leichter, als durch Tetje Einladungskarten für Beuthien und die Wittfoth zu erlangen.

Wie alljährlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die Gesellschaft ins Grüne führen, und da müßte es doch eigen zugehen, wenn sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annäherung finden würde.

Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm freudig die Einladung an, die ihr in unauffälliger Weise von Tetjes Frau überbracht wurde, als diese ein Paar Kindersöckchen für ihr Jüngstes kaufte.

So was wäre ihr lange nicht geboten, wann käme sie mal ins Grüne, meinte die Geschmeichelte.

Nebenbei war sie glücklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mädchen eingeladen hatte, zurücktreten zu können. Sie hatte eine unüberwindliche Furcht vor dem Wasser.

In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fähnchen geschmückten Breaks fuhr die vergnügte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon früh morgens um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, größtenteils junge Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kästen mit ihren Instrumenten vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das Festprogramm schloß auch einige Konzertvorträge ein.

Es machte sich von selbst, daß die paar älteren Leute in der Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige Witwe, zusammengeführt wurden.

Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen sich ein Sträußchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.

"Kieck, wo stuhr se sik höllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jürgens sie beim Einsteigen gehänselt.

Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer, etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weißen Piquéweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er sich etwas einbildete.

Die Fröhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und sie steigerte sich während der Fahrt unter dem Einfluß des heiteren, sonnigen Wetters, das einen schönen Festtag versprach. Gesang und allerlei Neckereien würzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beängstigender Deutlichkeit vor Augen schwebte.

Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.

Eine festlich geschmückte Tafel unter hohen Bäumen, mit freiem Blick auf eine buschumsäumte Wiese, empfing die Gesellschaft.

Herr Bierwasser, als Präses, begrüßte die Festgenossen mit einer wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefühlen, die die Brust eines jeden beseelen müßten, wenn er der Bedeutung dieses Tages gedächte.

"Vor fünf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und Festgenossen, vor fünf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen zum ersten Mal das Licht der Welt."

Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.

"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des Tages Last und Mühe."

Bravo! Bravo!

"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine verehrtesten Gäste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe hoch!"

"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze Gesellschaft, stehend, die Gläser in der begeistert erhobenen Rechten.

Es war zu schön.

Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was möchte sie für ihr Leben gern.

Unter den Bäumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt. Ein Chocoladenautomat und einer für Cigarren, ein Elektrisierapparat und einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, während ein benachbarter Gelegenheit gab, das Körpergewicht vor und nach dem Festmahl zu bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer Jüngling witzelte.

Die Wittfoth stellte fest, daß sie in einem halben Jahr fünf Pfund zugenommen hätte. Wovon, wüßte sie nicht. Appetit hätte sie gar nicht, und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht fände sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.

"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jürgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten all fett werden, würden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".

Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem Sonnenschirm.

Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und stellte noch manchen jüngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen großen Händen war ihnen allen überlegen.

Die Frauenzimmer drängten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln in allen Nerven schien ihnen Vergnügen zu bereiten. Das war ein Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.

Winchen Studt, eine achtzehnjährige blasse Schönheit mit Stumpfnase, ließ sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit Chocolade füttern. Sie war eine wichtige Persönlichkeit heute, denn sie sollte noch etwas vortragen.

Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeräte und eine Bergbahn.

Namentlich die letztere übte eine große Anziehungskraft auf die Damen aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male unter Gekreisch hin und her.

Es war zu schön, wirklich zu schön, wie sie alle Augenblicke versicherte.

Und dann später das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht Zithern vorgetragen, erntete den größten Beifall. "Entzückend" spielte Herr Cäsar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.

Die größte Bewunderung aber fand Herr Süß für den Vortrag des beliebten Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".

In allen Gesangvereinen sprach man von dem phänomenalen Baß des Herrn Süß.

Wie Orgelton und Glockenklang Ertönet unseres Süß' Gesang

hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.

Auch Winchen Studt, im weißen Kleid mit Rosaschärpe, deklamierte "Des Sängers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verständnis und Gefühl. Besonders der Schluß verursachte den Empfindsameren unter den Hörern eine leise Gänsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen: "Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch," mit bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des "Sängers."

Einen solchen Genuß hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.

"Wer hätte das dem Mädchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze, die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Süß seine, die war ja woll was für Pollini."

Als man den Saal verließ, wartete draußen eine neue Ueberraschung der Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bäumen angebracht und gewährten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins "Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herüber: "Das ist der Tag des Herrn."

Den Schluß des Festes machte ein Tänzchen, das jedoch mit einer Polonaise im Freien, durch das "stickendüstere" Gehölz eröffnet wurde. Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus weißem Papier.

"Wi sünd Hanseaten," erklärte Tetje.

Wie schön war das alles, wie wunderschön.

Sonne, Mond und Sterne, Ich geh mit meiner Laterne. Aber so ein kleines Licht Leuchtet in die Ferne nicht.

Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, geküßt. Aber es war bemerkt worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der Promenierenden.

Das führende Paar nahm im Übermut den Weg durch einen trockenen Graben. Das war ein Gespringe und Gehüpfe, ein Gekreisch und ein Gelächter.

Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Böschung hinunter. Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.

Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab, o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrängenden. Endlich nötigte er mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und weiter ging's unter Lachen und Scherzen.

Nein, so was Schönes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht allein mit diesem Urteil.

Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.

"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal furchtsam.

"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.

Längst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Träume noch immer die Lampions wie große Leuchtkäfer huschten.

"Nein, was ich mich gestern amüsiert habe, sagen kann ich es nicht," sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht Wochen später, sprach sie noch mit derselben Wärme von diesem wundervollen Tag, und je weiter er zurücklag, desto geneigter war sie, ihn als einen der schönsten ihres Lebens zu preisen.

XV.

Auch für Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amüsanter gewesen.

Hermann hatte sich frühzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen Gruß mit dem Taschentuch nachwinken zu können.

Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der Landungsbrücke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der Pferdebahn dorthin begeben.

Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere Gesellschaft. Ein mittelgroßer Herr mit breitrandigem Panamahut, weißem Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr aufgeräumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die Herren lüfteten die Hüte und gaben mit übertriebener, geckenhafter Höflichkeit den Weg frei.

"Ah, Fräulein Kruse," rief plötzlich der Herr in Weiß überrascht und mit schlecht verhehlter Verlegenheit.

"Fräulein Saß, Sie auch?" wandte er sich an Therese.

"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.

Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die Begrüßung wurde intimer, man schloß sich aneinander an und wurde nicht müde, über diese zufällige Begegnung geistvolle Betrachtungen anzustellen.

Hermann wäre lieber mit den Mädchen allein geblieben. Er sah voraus, daß Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein würde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft anschließen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.

Auch Therese war anfänglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berührt. Sie gönnte sie ihr ohne Neid und hätte nicht ungern gesehen, sie würde so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, daß Hermann mehr auf ihre, Theresens, Gesellschaft angewiesen wäre. Sie sah dem Eifersüchtigen schon den Mißmut an.

Seit Hermanns offenem Geständnis der Tante gegenüber, hatte Therese sich an den Gedanken gewöhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukämpfen, ein leises feindliches Gefühl gegen Mimi zu besiegen.

So ließ auch dieser Erfolg der hübschen Freundin bei der männlichen Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es schmerzlich empfand, auch hier wieder zurückstehen zu müssen. Erst als sie, um nicht ganz übersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft treffenden Bemerkungen und witzigen Einfälle aufmerksam wurde, fand auch sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.