Aus dem Durchschnitt

Chapter 4

Chapter 43,689 wordsPublic domain

"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.

"Aber die"?, meinte Mimi.

Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brünette, die unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht die Achseln zucken, worauf ein breites, spöttisches Grinsen das sinnliche gutmütige Gesicht der anderen keineswegs verschönte.

"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi entdeckt und ihr mit erstaunt in die Höhe gezogenen Brauen einen verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verständnisvolles Lächeln folgen ließ. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.

"Um Gotteswillen, Fräulein, erzählen Sie nichts," bat sie ängstlich. "Mein Vater schlägt mich tot."

"Sein Sie ohne Sorge", tröstete Mimi. "Eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus".

Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch. Schöne Seelen finden sich".

"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kühlung fächelnd, hinzu und entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.

Ein semmelblonder, überhöflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in singendem, sächselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und Hermann mußte wohl oder übel ebenso höflich gewähren.

Da Lulu ohne Tänzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer. Sie war höchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte sie keinen Verrat mehr zu befürchten.

Hermann, selbst ein guter Tänzer, hatte selten eine so gute Tänzerin gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.

Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie selbst auch.

Sie sah vorteilhaft aus und wußte sich lebhaft und zwanglos zu unterhalten.

Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar auf.

"Suchen Sie jemand, Fräulein", fragte er.

"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.

Einen Augenblick vergaß Hermann über Lulu Mimi und den Semmelblonden, bis sie beim Anschließen vor ihm zu stehen kamen und er sich über die singenden Komplimente des Sachsen ärgerte, um so mehr, als Mimi in heiterster Laune auf das fade Geschwätz einging.

Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenüber, die befremdet diese Veränderung bemerkte.

Auf einmal ging ein Flüstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich hier und da ein Mädchenkopf nach dem Eingang des Saales.

"Der schöne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.

"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tänzerin.

Lulu war ganz blaß geworden und schien seine Frage überhört zu haben.

Mimi aber wandte sich lächelnd um.

"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.

"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurück.

"Der schöne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nähe des Saaleingangs.

"Ach", rief Hermann. "Gewiß, das ist also der schöne Wilhelm? Na, jeder nach seinem Gusto. Die Damen müssen's wissen."

"Aber sind Sie nicht wohl, Fräulein?" wandte er sich erschrocken an Lulu.

"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch wie zur Kühlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen, Herr Heinecke?"

Sie hatte seinen Arm fahren lassen.

"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.

"Laß man, Cäsar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl wieder werden."

Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus sofort Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen. Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen Freude, der Erfüllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe zu sein.

Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?

Sonderbar. Oder----

Ein überlegenes Lächeln flog über sein hübsches Gesicht. Die vielen begehrlichen Mädchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen Platz zu verändern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespräch mit der Freundin.

Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mädchen zu, ließ Lulu fast unbeachtet und forderte Lene Kröger zum Walzer auf.

Lulu biß sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurück. Sie war kreideweiß geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nähe, und sie war froh, sich setzen zu können.

Lene Kröger hatte mit einem jungfräulichen Erröten Beuthiens Arm genommen, vergebens bemüht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese unerwartete Aufforderung geschmeichelt fühlte. Mit zusammengekniffenen Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.

Lene Kröger galt früher für die beste Tänzerin in diesen Kreisen, eine Schwester von ihr war sogar Solotänzerin beim Ballett der Zentralhalle.

Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie graziös die hagere, eckige Person sich zu wiegen verstand.

Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!

Beuthien schien kein Ende finden zu können. Und wie die Lene lachte. Er sprach in einem fort mit ihr.

Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurück. Mit einer kurzen, nachlässigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung schleuderte Beuthien das lange Mädchen förmlich auf seinen Sitz zurück.

"Der tanzt aber", stieß Lene hochatmend hervor und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu.

Lulu war dem Weinen nahe. Mühsam bezwang sie sich.

"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.

"Na nu, was kann ich denn dafür?" fragte Lene unschuldig.

Lulu schwieg.

"Kind, sei doch nicht pütscherig", lachte die gutmütige Brünette. "Er wagte sich nur nich ran."

Das log sie allerdings, und Lulu brummte:

"Unsinn."

"Er kommt noch, paß auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut tanztest."

"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekränkte hastig ins Wort.

"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht Dich schon".

Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinländer.

"Mein Gott, was ist das? Rheinländer?" fragte Lulu bestürzt. "Den kann ich nicht."

"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.

Und da war er auch schon.

"Mein Fräulein."

Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militärisch vor Lulu auf.

Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.

Was fiel ihr ein?

Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das Blut strömte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hörte kaum die Musik.

Zum Glück trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloß sich den promenierenden Paaren an.

"Auch'n bischen hier, Fräulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt denn das?"

"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.

"Nettes Mädchen", lobte er. "Rank und schlank. Schröder heißt sie?"

"Kröger", berichtigte sie.

Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem Rhythmus des Rheinländers, und sie überließ sich aufatmend seiner Führung.

"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr während des Tanzes.

"Meinen Sie?"

Er hob sie statt einer Antwort mit kräftigen Schwunge vom Boden, so daß sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es schien ihm Vergnügen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht", keuchte sie.

Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so daß sie die Zähne zusammenbiß.

"Hoch geht's hier her, Fräulein. Das ist mal nicht anders."

Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefühl kämpfte ihre Scham nieder.

"Wenn der Alte das wüßte", ängstigte er sie.

"Um Gottes Willen", flüsterte sie, als ständen Aufpasser hinter ihnen.

"Der Segen", meinte er bezeichnend.

So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er ließ Lulu nicht von sich und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.

Sie, überglücklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer gesprächiger und munterer. Sie ließ sich von ihm mit Bier traktieren, er lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und eine gemütliche Vertraulichkeit stellte sich ein.

"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem Tisch vorüber ging, wo die Drei sich gütlich thaten.

"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"

"Gewiß", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht. Ich kenne meine Pappenheimer."

Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflächlich und war nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen Droschkenkutscher in solcher Intimität auf dem Tanzboden zu treffen, denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer noch, und Hermann mußte nachgeben.

Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnügen. Es wollte ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und "Häringsbändigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war chokiert, daß Mimi an solchen "Herren" überhaupt Gefallen fand und sie auf gleiche Stufe mit ihm stellte.

Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer in dem Mädchen, das ihn überraschte. Seine Leidenschaft hätte Kuß auf Kuß gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg gegangen wäre.

Einen Handkuß hatte er während eines Walzers sich erlaubt, und er war ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu bringen. Welche Tanzwut!

Endlich hatte er sie zum Gehen überredet. Als er ihr in der Garderobe behilflich war, kostete es ihm Mühe, sich in Gegenwart der Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nähe und das Veilchenparfüm, das ihrem schwarzen Jäckchen entströmte.

"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.

"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."

"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der Heldenthat vom Feldweg drängte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.

Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.

Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.

Mimi sah ihm erschrocken zu.

Er stürzte in den Saal zurück und kam blaß und verstört wieder. Das Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstück und einiges Silbergeld, fünf bis sechs Mark, wie er schätzte.

Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln, bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts übrig, als sich vorläufig in den Verlust zu fügen.

Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafür keinem Pfennig.

"Haben Sie Geld bei sich, Fräulein?" fragte er zögernd.

Sie errötete heftig.

"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.

Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte. Was half es, man mußte es versuchen. Unmöglich konnte man den weiten Weg von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuß gehen.

Lulu war erfreut über diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu verpflichten.

Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstücken abzuzählen.

"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein Portemonnaie und wog es protzig in der Linken.

"Bitte nehmen Sie", drängte er Hermann ein Zehnmarkstück auf. "Wir sehen uns ja wieder."

Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefälligkeit an, aber um nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.

Das war ein unerfreulicher Schluß des Tages. Es war keine Aussicht vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das Vergnügen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte, stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust, da hieß es, bis zum nächsten Ersten sich sehr einschränken. Es ging so schon bis hart an die Grenze seiner pekuniären Kräfte, seine Liebe kostete ihm viel.

Mimi wurde in der Pferdebahn müde und gähnte ein paar mal herzhaft. Hermann konnte nicht über seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi zu nennen. Er war mit einmal sehr ernüchtert, und Mimi kam ihm, wie sie sich schläfrig in die Ecke des Wagens drückte, sehr unvorteilhaft vor.

Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren Dank für den "wunderschönen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen wieder auf.

Ach was, dachte er. Es war doch schön. Der Kuß zwischen den Hecken fiel ihm ein.

"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den Griff der Ladenthür berührte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen hatte.

Eine Sekunde sah sie ihn verständnislos an. Er umfaßte sie, und halb müde, halb in gutherziger Aufwallung, ließ sie es geschehen, daß er sie küßte.

XI.

Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil Pohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, im Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einer Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth angehalten.

Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen, daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte.

Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf der Reinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden.

Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend, mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich werden würden".

Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung nicht unwert erschien.

Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige" anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt, daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen würden.

Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".

Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte, mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt, sie wisse die Ehre zu schätzen.

Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit überstehen würde.

Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige, welcher".

Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.

Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck.

Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.

In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer?

Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich überlegen.

Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulatives Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten keinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichen Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von Müller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.

Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen betätigte.

"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit. Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie die Wittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser Knirps, dieser Pomadenhengst.

"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.

"Na, na!" neckte Therese.

"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.

Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.

Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte, war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.

So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die Entscheidung stellen.

Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihre Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.

Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn sein.

Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.

Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert. Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann gegenüber benehmen?

An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie auf Hermann gemacht.

War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf.

Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich.

Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen mußte.

Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang mußte er sich erklären. Was dann?

Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden Glieder war. Liebe war das nicht.

Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken.

Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr nicht gebrochen.

Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf, und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann.

Ob das Liebe war?

Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichts Unentbehrliches zum Heiraten.

Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt, wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.

"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."

Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und lese es nicht nur.

Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer.

Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen.

Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was Therese gerade so "reizend" an ihm fand.

Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das vielleicht nicht mehr so auf.

Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen.

XII.

Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit genommen.

Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur.

Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.

Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin, das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal etwas anderes und besseres als Stine und Mine.

Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.

Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm jemals geben würde.

Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf aus.

Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene Überfeinerung rächen wollte.

Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung des Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun und Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er bestimmte.