Aus dem Durchschnitt

Chapter 3

Chapter 33,658 wordsPublic domain

An der Ecke gegenüber, beim Gastwirt Tetje Jürgens, der unter dem Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frühstückskeller" seit Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflüglern. Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen "Stehseidel" weiter.

Es war Frühling, sonnenwarmer Frühling.

Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten, glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem Wintergetränk zum sommerlichen Trunk kühlen Augustinerbräus bewerkstelligen.

Im Winter pflegte er allabendlich in dem geräumigen, gemütlichen Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen Steifen zu trinken.

Einmal in der Woche hielt er eine längere Skatsitzung ab.

Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saßen die Frauen und Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche Brauselimonade, während sich die Männer und Väter im Gastzimmer beim Spiel erhitzten.

Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem Mittwoch war in den hintern Sälen großes Tanzvergnügen. Da sprachen die Köchinnen und Dienstmädchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum Abendbrot.

Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar, geführt von sonntäglich geputzten jungen Burschen.

Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde an der Thür absetzend, drängten sich zu einem kurzen Rundtanz in den Saal. Hausknechte traten im Vorübergehen ein, Kutscher ließen ihre Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluß im Saal vor, oder sie nahmen von den draußen stehenden die erste beste mit hinein. Es gab immer neugierige oder schüchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie vor einem Bienenkorb. Ein beständiges Kommen und Gehen.

Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes Mädchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem über alles geliebten Walzer entgegeneilte.

Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise geschmückt.

"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgäste an.

"Ne, ne, lat man", sträubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden unschlüssig nach.

Ein hübsches Dienstmädchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weißer Schürze mit Spitzenlätzchen, nickte ihm im Vorübergehen wie einem alten Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluß zu bestimmen, und er folgte ihr schnell.

Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor Tanzlust, Neid und Eifersucht.

Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthür gedrängt und kam nun mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen zurück.

"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz.

"Du? Dummes Gör! Töf, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter.

Die Kleine wurde etwas bestürzt.

"Es war man bloß Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein".

Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt.

"Wie gemein", sagte sie naserümpfend.

"Ach Du", warf ihr die Kleine verächtlich über die Schulter zu.

"Daß Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen, die am nächsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend.

"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende Frau.

Lulu, die es hörte, errötete.

"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unerträglich hier", sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, daß man an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte.

Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spöttisches Echo an jenem Tisch ungezogener Grünschnäbel.

"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand auf.

Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten, ließ sie gewähren.

Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedrängt. Jenes hübsche Dienstmädchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr vorüber.

"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Briefträger nach. Aber Marie hörte nicht.

Lulu, entrüstet über den Stoß, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien, eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal zurückkommen. Von neuen Ankömmlingen am Weiterschreiten gehindert, mußte sie ihn herankommen lassen. Sie berührten sich im Vorübergehen, aber er sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen.

Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurück.

Ihre Lampe war nicht gefüllt, und sie ließ ihren Aerger an Anna aus.

"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das Mädchen.

"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange der verdutzten Ungehorsamen.

Ohne ein Wort zu wagen, erfüllte die Gemaßregelte Lulus Befehle.

Diese plötzliche Energie des sonst so gleichmütigen, phlegmatischen Fräuleins imponierte ihr so, daß sie verstummte. Nur in der Küche ballte sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde später vor Wut in Thränen aus.

Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten Unmutes ihre Gemütsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf keinen guten Fuß mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores" gelehrt zu haben.

Daß die Geschlagene die Züchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.

Es war ihr, als hätte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen anderen Mädchen gerächt, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens Umgang und Freundschaft genossen.

Sie lachte einmal im Genuß dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf. Am liebsten hätte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gör. Sie hätte sie knuffen mögen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.

Anna hatte eigentlich die ihr zugefügte Schmach mit einer Kündigung beantworten wollen, besann sich aber mit Rücksicht auf die gute Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.

Im Stillen nährte sie von jetzt an einen glühenden Haß auf Lulu, der sie so viel als möglich aus dem Wege ging.

Zwei Tage später war Lulu im Laden der Wittfoth zufällig Zeuge, wie jenes Mädchen, Beuthiens Tänzerin, erzählte, daß sie am Mittwoch mit dem jungen Fuhrmannssohn getanzt hätte.

"Das is aber'n Flotten", schwärmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".

Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzählte sie weiter, im Ottensener Park. Leider aber hätte ihre Madam großen Kaffee, und so könne sie nicht fort.

"Und er bat mir doch so herzlich", schloß sie bedauernd.

Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park.

Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten verwirklichen könnte. Sie war wie besessen von der Idee.

Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein würde. Allein getraute sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Mädchen, eine Mäntelnäherin in einem großen Altonaer Konfektionsgeschäft, irgend einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen.

Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme für ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach.

Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter Aufregung dem Sonntag entgegen.

VIII.

Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tänzer getroffen. Er hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte seinen Gruß kokett erwidert.

"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre Freundinnen drängten sich neugierig an sie.

"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen," erzählte sie.

"Das lügst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.

"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."

Ungläubig trennte man sich.

Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschönen Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreißen hatte sie schon Mut, aber wenn man sie dort sähe, es ihrem Vater hinterbrächte?

Sie suchte mit Beuthien näher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spülen der Droschken oder bei sonstiger Beschäftigung, so blieb sie keck stehen und redete ihn an.

Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Bürste nach ihr gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schürze naß gemacht," schalt sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nächsten Tag dachte sie, ob er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.

Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen dreizehnjährigen Lümmel von Jungen, einen Schüler der Mittelschule. Aber Bernhard Prüßnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."

Beuthien amüsierte sich über das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl, daß jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.

"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem Reinigungswerk auf der Straße zusah.

"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die hat's faustdick hinter den Ohren."

Er lachte.

"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer Pause, in der sie mit anscheinend großem Interesse beobachtete, wie er das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen ließ, es waschend und schmierend.

"Gewiß, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.

"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, paßt mir immer auf."

"Dann bring sie mit," scherzte er.

Lulu war entrüstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld überbrachte.

"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"

"Das kannst Du thun," antwortete Paula möglichst gleichgiltig. "Dann sag' ich Papa, daß Du Anna geschlagen hast."

Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."

Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorübergehen: "Paula, ist es wirklich wahr, mit Beuthien?"

"Was denn?"

"Ach Du weißt ja, was ich meine."

"Ich lüg nicht so wie Du."

Zu jeder andern Zeit wäre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung geblieben. Diesmal hörte Lulu sie kaum.

Eine halbe Stunde später war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter dem Rücken der Schwester auf die Sache zurückkam. "Wenn Du's Vater sagst, hau ich Dich," flüsterte sie.

Jetzt hätte Lulu gar zu gerne die gehörige Antwort gegeben, aber um die Mutter nicht aufmerksam zu machen, mußte sie auch diese angenehme Eröffnung stillschweigend entgegennehmen.

Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester höchst gleichgiltig. Ihr jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wäre obendrein unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuß, konnte sie ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.

Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlüssel nicht zu vergessen. Man wolle recht vergnügt sein, und es würde voraussichtlich spät werden.

"Dat is doch nett von Lene Kröger, dat se noch an Di denkt," meinte Mutter Behn. "Se war immer so'n lütt anghänglich Deern. Wat schenkst Du ehr denn?"

Lulu entschloß sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade, die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.

IX.

Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei kleinen Aufmerksamkeiten gegen das hübsche Mädchen, obgleich er sich mit Rücksicht auf Therese immer noch Zurückhaltung auferlegte. Sein gutes Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die Geliebte länger als fünf Minuten alleine zu sprechen.

Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben, sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzählen, wenn er ihr eine Blume oder ein Fläschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich genötigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht zurückzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des Verliebten den für Mimi bestimmten Gegenständen noch irgend einen kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, daß er sie auszeichnen wollte.

Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den häßlichen grünen Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden müssen. Ein solches Wertstück konnte er ihr unmöglich öffentlich überreichen, ohne die Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen entschuldigt.

Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbündeten der goldenen Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine höchst annehmbare Partie, ein Verehrer, den man warm halten mußte. Sie fand ihn schon ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so übel.

Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den beiden Mädchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit störend empfand, war ihm der lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmädchen seiner Tante.

Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.

Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer gerührt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.

Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem Rathausmarkt die Pferdebahn verließen, um eine Droschke erster Klasse anzurufen. Mimi, entzückt über Hermanns Gentilität, strahlte vor Vergnügen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefährts zurückgelehnt, wie eine Dame durch die Straßen rollte.

Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Büste kam in dem straff anliegenden schwarzen Jäckchen, das sich wirkungsvoll von dem schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schönsten Geltung. Eigenhändig hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch gesteckt. Ein leichtes Strohhütchen, nur mit weißen, duftigen Spitzen garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.

Hermann, der auch seine kleinen Schwächen besaß, hatte Mimis Vorliebe für das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war nun alle paar Minuten beschäftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit seinen bismarckfarbenen Händen--er trug mit Vorliebe diese Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten gewiß in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine Ladenmamsell.

Unterwegs entschloß man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnügen bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem eine halbe Stunde weiter elbabwärts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurückkehren und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschließen.

Aber ein Blick in den Vergnügungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf Hermanns Vorschlag, dem nächstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park, einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fühlen und ohne Furcht gesehen zu werden, der höchste Vorteil einer großen Stadt, unter die Tänzer mischen durfte.

Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der Umweg war ihnen willkommen.

Es war schon dämmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und Knicks, oder auf schmalen Fußsteigen an Wiesenrändern, ohne einen Menschen zu treffen.

Mimi war sehr aufgeräumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung. Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Gräben zu drängen, kitzelte sich mit langhalmigen Gräsern unter die Nase und trieb allerlei Kindereien.

Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hübsch vor.

Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine eigentümliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren Narrheiten.

Gab es eine passendere Gelegenheit für ihn, sich auszusprechen? Forderte ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen würden?

Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des Weges genötigt, hinter ihr.

"Sehen Sie, die blühen schon," rief sie plötzlich, stehen bleibend, und zeigte auf einen schwankenden, überhängenden Weißdornzweig, an dem die ersten Knospen sich erschlossen hatten.

Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.

Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem Zweig.

Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken, jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen Kuß auf den Mund.

Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht, und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.

Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen. Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem Gesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte, zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war.

Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit hinweg zu kommen.

"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen, peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".

"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.

"Ganz gewiß", beteuerte sie.

Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus.

"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.

"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glücklich, sie ihre gute Laune wieder gewinnen zu sehen.

"Sind Sie mir böse"? fragte er, sich ihr nähernd.

"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fürchte sie eine neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.

Nun wurde auch Hermann ärgerlich. Hatte sie sich nicht frei und ausgelassen genug benommen, daß er auch seinerseits sich wohl vergessen konnte?

"Wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Kruse", sagte er verletzt, "so bringe ich Sie bis zur nächsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren so vergnügt, und ich bitte Sie um Verzeihung".

Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet. Er hätte freilich den Kuß unterwegs lassen können, aber so tragisch war doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer für den Rest des Abends zu entledigen?

"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur Antwort.

"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lüftete den Hut.

Sie zögerte und bohrte die Spitze ihres weißen Spitzenschirmes in den tiefen weichen Sand.

"Sie sind abscheulich!" stieß sie plötzlich hervor. Sie zog die Unterlippe unter die Oberlippe, und Thränen standen ihr in den Augen.

Sofort war er gerührt.

"Aber liebes Fräulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.

Zum Schein sich sträubend, mit der behandschuhten Rechten eine große Thräne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schämte sich, und ein noch halb mit dem Weinen kämpfendes Lachen förderte einen drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.

Dieser komische Laut gab Anlaß zu erneutem Lachen, und der Friede war geschlossen.

Sie hätte sich jetzt noch einmal von ihm küssen lassen, aber er ging sittsam neben ihr her.

Der Umweg erwies sich größer, als Hermann ihn geschätzt hatte, und es herrschte völliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den bebauten Weg einbog, der nach dem erwähnten Tanzlokal führte. Die Straßenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen Lampen.

X.

Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Früher bei den kleinen Bürgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der jungen tanzlustigen Welt.

Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum größten Teil aus Näherinnen, Schneiderinnen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die sonst in St. Pauli, der fröhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres Feld für ihre Thätigkeit fanden.

Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche unter lichtdämpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grün angestrichenen Pfählen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden Drahtbögen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.

In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grünen Anstrich versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populäre Musikstücke vor.

Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermüdeten Ankömmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die gedämpften Klänge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es war voll drin, und sie mußten eine Weile stehen, bis sie an einem Seitentisch Platz fanden.

Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den tanzlustigen Paaren.

Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen schmächtigen Tänzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.

Er war erstaunt.

"Ist das nicht die von drüben?" fragte er Mimi.

Sie folgte seinem Blick.

"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"