Chapter 2
Sie war immer in Bewegung und meistens in unnötiger. Sie war überall und nirgends, bald in der Küche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden aus dem Wege räumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" müde war.
Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam sie.
Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen".
"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch. Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.
Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie, die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.
Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem Trottoir lagen.
Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen "rumzupatschen" brauchte.
Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte, besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".
Das war lange her.
Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte sich überflüssig in deren Gesellschaft.
Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre ein Alter?
Zu den achtzehnjährigen Backfischen allerdings paßte sie nicht mehr. Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen zu rechnen, war es doch noch zu früh.
Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muß sich schon zufrieden geben. Man muß froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.
Was war das doch für ein Gerede damals gewesen, mit dem hübschen Reisenden von Rosinsky und Söhne. Weil sie höflich gegen Herrn Bellermann war, sollte sie natürlich Heiratsabsichten haben. Als ob es nicht ihre Pflicht gewesen wäre, im Beginn ihrer Geschäftsthätigkeit sich mit Kunden und Lieferanten auf möglichst guten Fuß zu stellen.
Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der, bald jener, den sie ködern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person, sondern von ihrem Geschäft zu reden. Als ob sie nicht immer noch ansehnlich genug sei.
Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Müller und Lenze, der großen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mußte sehen, daß Herr Pohlenz auf die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die Alster, als daß sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten, kalten Händen schauderte ihr.
Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht hatte. Zwar nahm sie es damals für Scherz und nahm es auch noch dafür. Aber gesetzt, er hätte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den Pomadenhengst mit den Leichenhänden.
Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese Heiratsgedanken? Sie mußte über sich selbst lachen.
Sie füllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein längliches Stück Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.
Sie hörte am schweren Auftreten, daß männliche Kundschaft sie beehrte.
Es war der junge Beuthien, der sonntäglich gekleidet vor der Tonbank stand.
Er bat um einen neuen Halskragen.
"Welche Nummer, Herr Beuthien?"
Ja, wenn er das wüßte, lachte er. Seine Kragen wären ihm zu eng geworden. "Dat kniept all bannig".
Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er paßte sie unbeholfen an. Da er sich nicht entschließen konnte, half sie ihm und legte eigenhändig einen Kragen um seinen Hals.
"De paßt", empfahl sie.
Als er gewählt hatte, mußte sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen widerspenstigen Hornknöpfe durch die neuen steifen Knopflöcher zu drücken. Seine großen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.
Sie hatte Mühe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn höher, und sie bewunderte seinen braunen kräftigen Hals.
Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestüm zu Werke, so daß das Halsband riß.
"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mör".
Verlegen besah er den Schaden. Aber es ließ sich nichts daran ändern, und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.
Sein verlegener Aerger rührte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu reparieren.
Sie nötigte ihn in die Stube. Zögernd folgte er und nahm mit etwas umständlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, während sie ihr Nähzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.
Ein Blick auf die Straße zeigte ihr, daß im Parterre gegenüber Lulu Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.
"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und ließ die Rouleaux herunter, um jener einen Einblick zu versperren.
Beuthien schien ihre Bemerkung überhört zu haben.
Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee anzubieten.
"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den Kuchenteller zu.
Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig, als er mit seinem Kaffee.
Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und stillte ihre Neugier.
Als er gesprächig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten Se woll gliek?"
"Ja", antwortete er scherzend. "Wülln Se min Fru sin?"
"Da föhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.
"Un mit söß", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.
Schwerfällig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, daß er ein wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rücken der linken Hand langsam über die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.
Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurückgab griff er nach ihrer Hand und legte den Arm um ihre Taille.
"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreißend. "So wiet sünd wi ja woll noch nich".
Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flüchtende zu erhaschen.
"Nichts für ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spaß muß sind, sagt der Berliner".
"All wo's hin gehört", sagte sie pikiert.
"Na, denn nich", brummte er gekränkt und fragte, was er schuldig sei. Aber sie wollte für die kleine Mühe nichts haben.
"Se föhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versöhnlich gestimmt.
"Na, dann besten Dank und fröhlich Fest".
Er gab ihr die Hand, und sein kräftiger Druck zwang ihr ein leises Au ab.
Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner kräftigen Finger längst verzogen hatten.
V.
Therese und Mimi waren spät nach Hause gekommen, hatten die Vorwürfe der Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes Veilchensträußchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.
Beim Frühkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten aus. Sie hatten sich "himmlisch" amüsiert, wie Mimi versicherte. Hermann sei "zu nett" gewesen. Sie wußte, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen loben hörte.
Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Torte bei Homann, hatte man zu Fuß den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurücklegen müssen, da alle Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters überfüllt waren. Auch dort hatte man nur mit Mühe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales erwischen können. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnügler schnell von der Straße in die Lokale, und auch der große Saal des Ludwigschen Etablissements war bald überfüllt.
Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfänglicher der Musik des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rücksicht auf das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natürlich ein Straußischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche Art von Trübsinn und Verstimmung.
Wie immer zog das hübsche Mädchen die Blicke der näher sitzenden Herren auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrüßte man von weitem. Hermann, um nicht aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswürdigkeit verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluß des Konzertes, die Mädchen zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo man vorzüglich aß und vor allen Dingen ungestört genießen konnte. Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu entledigen.
Die Wittfoth hatte den fröhlichen Berichten der Mädchen nichts entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wußte nicht den rechten Ton zu finden und begnügte sich, eine große Zufriedenheit zu erheucheln, daß sie doch einmal einen ruhigen, ungestörten Nachmittag ganz für sich allein gehabt hätte. Zuletzt aber mußte sie doch wenigstens so viel verraten, daß der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.
"Der schöne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.
"Ist er eigentlich so schön?" meinte Therese, während die Tante, ohne auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abräumte, mit mehr Geklapper, als sonst ihre Art war.
Mimi erklärte Beuthien für einen ganz ansehnlichen Mann. Für Köchinnen, setzte sie hinzu, und ließ durchblicken, daß ihre Ansprüche höher gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zügen und lobte dagegen das ehrliche, gutmütige Gesicht seines Vaters.
Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich früh auf den Weg, und Nichte und Tante blieben allein.
Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern gewünscht hatte. Man sah und hörte ihm an, wie glücklich ihn die Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, überreichte, anscheinend wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weiße und bestimmte die übrig bleibende tiefrote für "Fräulein Kruse".
Auch ein Buch, von dem er dem Mädchen gesprochen hatte, lieferte er ab: Rückerts Liebesfrühling.
"Liebesfrühling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was auf einbilden", meinte die Wittfoth.
Sie stand dem Verhältnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmädchen nicht blind gegenüber. Es amüsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei, die zu nichts Ernstlichem führen würde. Keinem würde das Herz dabei brechen, am allerwenigsten dem Mädchen. Uebrigens wollte sie gelegentlich mit Hermann darüber reden.
Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blätterte mechanisch darin.
"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die Nähmaschine.
"Und Du?" fragte Hermann.
"Du weißt, ich schwärme für Gedichte".
"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll Liebe."
Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kümmerlichen Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Töpfen auf dem Fensterbrett standen.
"Werft doch die elenden Stöcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts darnach."
"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.
Sie hatte wieder ihre gewöhnliche, gelbblasse, kränkliche Farbe.
Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwächlich vorgekommen, wie in diesem Augenblick.
"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde. Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."
"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.
"Luft und Licht sind Euch beiden nötig ", eiferte er. "Also steckt die Nase man mal hinaus."
Er reichte ihr die Hand zum Abschied.
"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger Betrübnis.
"Meine Freunde warten", erklärte er.
"Kommst Du bald wieder?" bat sie.
Er versprach es.
"Adieu, liebe Tante", rief er über den Korridor in die Küche hinein, wo die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.
Therese gab ihm das Geleit bis an die Thür. Lange sah sie ihm nach.
Auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt, las sie im Liebesfrühling, brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der Sache zu sein.
Sie wußte ja, das Buch war eigentlich für Mimi bestimmt.
Mimi und Gedichte!
Was waren der alle schönen Gefühle und erhabenen Gedanken. Was war ihr überhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfähige Kurmacher.
Mimi war ein gutes Mädchen, aber leicht und oberflächlich. Und anspruchsvoll war sie.
Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverständlich gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krösus.
Therese hatte tausend Gründe gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.
Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie an. Er galt ihr für gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem unwissenden, früh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mädchen.
"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins Zimmer tretend.
"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.
Bei Behns drüben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die Familie kehrte von einer Ausfahrt zurück.
Die Wittfoth stürzte ans Fenster.
"Die können's. Immer nobel."
Fräulein Lulu verließ als letzte etwas langsam den Wagen.
"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."
Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon, schwieg.
"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl seit acht Tagen keine frischen Strümpfe angezogen."
"So?" zweifelte Therese.
"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.
"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mädchen.
"Na, jedenfalls würd' ich mich schämen, mit solchen Strümpfen auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."
VI.
Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen, etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.
Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein.
Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.
Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus zurückgekehrt.
Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter, arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen.
Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.
"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach seiner Art."
Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der wollte er höher hinaus.
Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte für seine Lulu einen "Herrn".
Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied "Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem Dienstmädchen, teilte.
Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.
Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog.
Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen, eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes machten sie jedem Manne interessant.
Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.
Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie, der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen ihrer überdrüssig geworden.
Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch keine so große Eile.
"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.
"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god".
"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern is man krütsch".
"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn wesen."
"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.
Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.
Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft eröffnet hatte.
Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.
Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.
Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien.
So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna, das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines siegesüberdrüssigen Don Juans.
Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie.
Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe auszugleichen.
Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte die gekränkte Eitelkeit.
Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu einer fast krankhaften Leidenschaft.
Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf.
Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.
Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch.
Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna, er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen lassen, wie jede andere Lise.
VII.
Früher als sonst stellte sich der Frühling ein. Dem späten, aber immer noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Sträuchern im März schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im April zuversichtlich heraus.
Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grüner Hauch über Busch und Baum. Es gab schon einzelne heiße Tage, an denen der Ueberzieher lästig wurde, und man an die Sommergarderobe dachte.
Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth öffnete ihr die Thür ihres Kellergewölbes. Mit der zunehmenden Wärme stand diese den ganzen Tag auf. Fräulein Mimi hatte dann ihren beständigen Sitz hinter der Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden konnte.
Die Dienstmädchen, die jetzt durch die immer geöffnete Thür bequem "mal vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzärmeligen Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.