Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Part 9

Chapter 92,014 wordsPublic domain

Hie und da kam Vater Wachter auf Besuch, um zu sehen, wie sein Sohn wirtschafte, und er konnte sich nicht genug wundern, was Johannes in den wenigen Jahren aus dem vernachlässigten Gute gemacht hatte. Er mußte bekennen, daß sein Sohn sein Wort gehalten und ein rechter Bauer geworden sei. Die sorgfältig geführten Bücher ergaben aber auch, daß die Rendite mit dem äußeren Ansehen des Hofes im Einklang stand. Mit Stolz erfüllte es ihn, als er hörte, wie, von seinem Sohne ausgehend, eine Hebung der allgemeinen landwirtschaftlichen Zustände in Haldenburg angestrebt wurde, und er prophezeite Johannes gerade in dieser Hinsicht noch einen besondern Erfolg. Er meinte, so hartgesottene Anhänger des Althergebrachten können diese Bauern doch nicht sein, daß sie nicht merken sollten, daß diese wohlgepflegten Wiesen nicht mehr und besseres Futter liefern, als die schlechten daneben; daß diese glatthaarigen, wohlgeformten und gutgenährten Kühe nicht leistungsfähiger seien und auf dem Markte einen größeren Wert repräsentieren, als andere mit allen möglichen Fehlern behaftete, und daß diese kraftstrotzenden, sauber in Ordnung gehaltenen Obstbäume nicht einen weit größeren Nutzen abzuwerfen imstande seien, als jene Serblinge, die über und über mit Schmarotzern bedeckt seien. Wenn sie es aber sehen, so müsse der erste Schritt der sein, daß sie es auch so haben wollen.

Wie recht der alte Wachter mit seiner Voraussage hatte, zeigte sich in der Tat immer mehr. Die Sticheleien, denen Johannes und seine sechs Anhänger im Anfang ausgesetzt waren, hörten nach und nach auf. Man gewöhnte sich daran, sie ihren eigenen Weg gehen zu sehen, und ließ sie gewähren. Als dann aber so nach und nach die Erfolge ihres veränderten Vorgehens sich bemerkbar machten, wurde mancher stutzig und fing an zu fragen, was die Ursache dieser oder jener Erscheinung sei. Bereitwilligst wurde natürlich immer Auskunft gegeben, und gewöhnlich tat man bei solchen Erörterungen auch des Lindenbühls Erwähnung, als Ausgangspunkt der verschiedenen Anregungen und Belehrungen. So begannen denn die Haldenburger Bauern doch einzusehen, daß man die Ansichten Johannes' etwas mehr beachten müsse; denn es seien eben unzweideutige Beweise vorhanden, daß er mit seiner Methode zu ganz andern Resultaten gelange, als sie mit ihrem alten System. Verfehlt wäre es jedoch, zu glauben, daß diese guten Leute jetzt ihren Irrtum und ihr Unrecht offen bekannt hätten. Nein, nur zu hinterst in ihrem Gewissen begann das Gefühl, nicht ganz im Recht zu sein, langsam aufzutauchen. Aber noch ein anderes Gefühl machte sich geltend, und das war der Neid. Diese beiden Regungen hielten sich eine Zeitlang die Wage und ließen einander nicht vorwärts kommen. Zuletzt zeigte sich aber doch der Neid als stärker, und namentlich als man sah, daß Johannes nicht zürnte, sondern gerne jedem Bescheid gab, der sich an ihn wandte, wollte jeder so viel als möglich von seinen Kenntnissen profitieren.

Manche der vielen wichtigen Fragen, die da zu erörtern waren, ließen sich indessen nicht nur so im Vorbeigehen behandeln, und man sah ein, daß da größere Zusammenkünfte nötig wären. Immer häufiger sprach man deshalb wieder von dem Projekt einer landwirtschaftlichen Vereinigung und bedauerte lebhaft, daß man das vorige Jahr der Sache so feindselig begegnet sei. Indessen ließe sich vielleicht auf die Angelegenheit zurückkommen. Und als sich einmal eine günstige Gelegenheit bot, frug einer den Johannes, wie es eigentlich mit der Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins stehe, ob er nicht glaube, daß man noch einmal einen Versuch wagen sollte, das Entgegenkommen werde jetzt gewiß ein besseres sein, als das erste Mal.

Johannes wollte aber zuerst nichts mehr davon wissen, er sagte: »Ich habe an einer Niederlage gerade genug und bin nicht nach Haldenburg gekommen, um mich öffentlich zum Narren halten zu lassen. Ich hatte lediglich Euer Wohl im Auge, als ich vor einem Jahr die erste Versammlung einberief. Statt dieses anzuerkennen, hat man mich sogar noch schlechter Absichten geziehen, und nun soll ich mich dieser Gefahr von neuem aussetzen?«

Erst als man von allen Seiten in ihn drang und selbst seine Freunde ihn eines befriedigenden Erfolges versicherten, beschloß er endlich, nochmals die Zusammenberufung einer Versammlung zu wagen, hatte dann aber auch die Freude, die Sache vollständig gelingen zu sehen. Der Besuch war nicht nur ein sehr großer, sondern viele der anwesenden Bauern erklärten sich auch gleich bereit, dem Verein beizutreten.

Johannes, der nun schon aus Erfahrung wußte, daß man so einen aufflammenden Eifer möglichst gut auszunützen suchen müsse, legte der Versammlung einen Statutenentwurf vor, und als die verschiedenen Paragraphen durchberaten und angenommen waren, wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten, wobei natürlich Johannes als Präsident hervorging. So wurde in einer Sitzung in Haldenburg ein landwirtschaftlicher Verein gegründet, der über 30 Mitglieder zählte. Selbst einige der Dorfmagnaten waren dem Verein beigetreten. Sie mochten darauf rechnen, auch hier eine Rolle spielen zu können.

Nun ging es in Haldenburg rasch vorwärts mit dem Fortschritt in der Landwirtschaft. Ein Cyklus von Vorträgen über die verschiedensten Gebiete der Landwirtschaft, sowie einige Kurse sollten den Bauern Gelegenheit geben, sich grundlegende Kenntnisse zu verschaffen, mittelst denen es ihnen möglich sein sollte, aus ihren Betrieben einen größeren Nutzen zu ziehen.

Die Mitglieder des Vereins suchten nicht nur aus Büchern und Zeitschriften zu erfahren, wie man anderwärts vorgehe, oder diese oder jene Neuerung sich zunutze mache, sondern sie tauschten auch ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen gegenseitig aus, was von großem Nutzen war; denn unter den verschiedenen Verhältnissen, namentlich in Bezug auf Boden und Klima, verändern sich ja bekanntlich die Resultate der landwirtschaftlichen Tätigkeit oft um ein beträchtliches, so daß die Beobachtungen, die an Ort und Stelle selbst gemacht werden, immer die beachtenswertesten sind.

Der gemeinschaftliche Bezug von Dünger, Samen und andern landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln hatte sich schon vorher bewährt. Es wurde deshalb diese Institution in die Vereinstätigkeit aufgenommen und stetig erweitert. So wurde der genossenschaftliche Sinn bei den Haldenburgern trefflich genährt, bald wurde eine Viehzuchtgenossenschaft gegründet und die Sennerei, die schon früher genossenschaftlich betrieben wurde, besser eingerichtet und nach den Anforderungen der Neuzeit umgestaltet.

Allen diesen Maßnahmen war es zu verdanken, daß nicht nur die Erträge beträchtlich erhöht, sondern auch die Produkte bedeutend verbessert wurden, so daß sie an Ansehen gewannen und marktfähiger wurden. Während man früher von Haldenburg nie etwas gutes erwartete und daher der Absatz ein äußerst schlechter war, stellten sich jetzt Käufer ein, welche gute Ware suchten und auch dementsprechend bezahlten. So sah man sich jetzt auch für seine Mühe entschädigt und arbeitete mit viel größerer Lust. Der Aufschwung bedeutete also direkten und indirekten Nutzen.

Freilich wäre es ein Irrtum, zu glauben, daß sich die günstige Veränderung, welche so viel Gutes mit sich brachte, so glatt vollzog, wie sie eben geschildert wurde. Da galt es anzukämpfen gegen eine ganze Menge von Vorurteilen und Scheingründen. Die Gutgesinnten bildeten noch lange die Minderheit. Viele wollten sich durchaus vom Alten nicht losmachen, obwohl eigentlich mancher keinen andern Grund dafür angeben konnte, als seine Engherzigkeit, seinen Hochmut und die Lust am Streiten.

Die größten Schwierigkeiten traten ein, als der landwirtschaftliche Verein es als seine Aufgabe erkannte, sich auch mit Angelegenheiten zu befassen, welche die Gemeinde angingen, wie z. B. Weganlagen, Alpverbesserungen, eine neue Waldordnung u. s. w. Alles dies waren Projekte, die nicht mehr länger aufgeschoben werden durften, wollte man nicht auf halbem Wege stehen bleiben.

Johannes sah zwar voraus, daß enorme Schwierigkeiten zu überwinden seien, bis man in dieser Beziehung ans Ziel gelange, aber jetzt, da er nicht mehr allein dastand im Kampfe, schreckten ihn die Hindernisse nicht.

Mit wohlberechneter Klugheit trat er nie für etwas ein, das er nicht vorher wohlerwogen und ausgedacht hatte. Bevor er einer Verbesserung das Wort redete, berechnete er immer die Opfer, die dafür zu bringen seien und den Nutzen, den man nach der Ausführung erwarten durfte. So konnte er der Opposition mit ziffernmäßigen Belegen gegenübertreten, und dieser Umstand half manchmal allein schon der Sache zum Durchbruch.

Als einige kleinere Projekte dieser Art wirklich zur Ausführung gelangten und man allgemein das Gute anerkennen mußte, gewann Johannes immer mehr Achtung und Ansehen, und er wurde sogar in den Gemeinderat gewählt.

Dieses Ereignis war ein schwerer Schlag für den Bürgerzopf; denn so etwas war noch nie erhört worden in Haldenburg, und manches alte Bäuerlein, das sich nicht mehr in die neue Zeit hineinfinden konnte, meinte, die Vorfahren würden sich noch im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, wie man ihre heiligsten Ueberlieferungen mißachte.

Von jetzt an ging es rasch vorwärts im neuen Kurs. Der Stein war nun einmal ins Rollen gekommen und niemand vermochte ihn aufzuhalten. Die notwendigsten der geplanten Verbesserungen wurden nacheinander durchgeführt, andere, weniger dringende, wurden einstweilen noch zurückgelegt, da man bei den mißlichen Verhältnissen, in welche die Gemeinde durch die fortwährend schlechte Verwaltung nach und nach gekommen war, nicht zu viel auf einmal wagen durfte.

Der allgemeine Aufschwung hatte eine bedeutende Verkehrssteigerung zur Folge, welche sich hauptsächlich durch vermehrte Ab- und Zufuhr geltend machte. Auch hatte man durch Entwässerung eines großen Sumpfgebietes in der Ebene drunten mehr Kulturland gewonnen, dessen Erträge ins Dorf heraufgeführt werden mußten. So war es zur dringlichen Notwendigkeit geworden, einen bequemeren Zufahrtsweg zu schaffen. Es gehörte denn bald auch der berüchtigte »Haldenburgerstutz« der Vergangenheit an. An einer Biegung der neuen Straße wurde ein Felsblock aufgestellt, den man beim Bau derselben ausgegraben hatte, und darauf ist der Spruch eingemeißelt:

»Rastlos vorwärts mußt du streben, Nie ermüdet stille steh'n, Willst du die Vollendung seh'n.«

Dieses sollte der Wahrspruch werden für die Weiterentwicklung Haldenburgs, und wer heute dorthin kommt, der muß bekennen, daß das rastlose, unermüdliche Vorwärtsstreben auch zu einem schönen Erfolge geführt hat; denn Haldenburg kann mit seinen geordneten Verhältnissen, unter denen Landwirtschaft und Gewerbe blühen, den umliegenden Gemeinden als Muster dienen. Die Geschichte seines Aufschwungs aber beweist, wie wichtig es für ein Gemeinwesen ist, wenn Männer in ihm wirken, denen das öffentliche Wohl am Herzen liegt, und die mit Energie und Tatkraft in umsichtiger Weise für dasselbe einstehen, wo immer es notwendig ist.

Unsere Bauern aber mögen aus vorstehender Schilderung die Lehre ziehen, wie notwendig es ist, daß bei der Ausbildung junger Landwirte nichts versäumt wird. Echte und rechte Bauern sind notwendig, Männer, die imstande sind, mit Energie und Intelligenz den althergebrachten Ideen und Ansichten die Stirne zu bieten und einzutreten für einen gesunden Fortschritt, durch welchen die Hebung der Landwirtschaft sich vollziehen soll.

In der Voraussetzung also, daß Johannes Wachter nicht nur allein für Haldenburg so nutzbringend gewirkt habe, sondern auch vielen andern seiner Berufsgenossen als leuchtendes Beispiel diene, nehmen wir von ihm und dem Lindenbühl Abschied.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist, abgesehen von der Titelseite, in Frakturschrift gedruckt.

Im Rahmen der Transkription wurde die Stellung der Satzzeichen bei wörtlicher Rede (jedoch nicht bei Zitaten) in ",«" und ".«" vereinheitlicht.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 3: "Schäferhüte" geändert in "Schäferhütte" (am wärmenden Feuer in einer kleinen Schäferhütte)

Seite 8: "bekommrn" geändert in "bekommen" (zu glauben, wir bekommen keinen Platz)

Seite 22: Komma verschoben von "Bauern," nach "vor," (schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich)

Seite 24: "Verarbeituug" geändert in "Verarbeitung" (durch bessere Verarbeitung der Milch)

Seite 32: "," eingefügt (freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus)

Seite 39: "Fuhrmaann" geändert in "Fuhrmann" (die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften)

Seite 39: "Kegelspliel" geändert in "Kegelspiel" (lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt)

Seite 39: "und und" geändert in "und" (die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit)

Seite 44: "Gespäche" geändert in "Gespräche" (Bei Gelegenheit solcher Gespräche hielt dann auch Elise)

Seite 44: "Gegestand" geändert in "Gegenstand" (über diesen Gegenstand zu reden kam)

Seite 54: "Grünfutrer" geändert in "Grünfutter" (Grünfutter ist gut fürs liebe Vieh)

Seite 56: "Nachberinnen" geändert in "Nachbarinnen" (da dachten sogar einige der Nachbarinnen, daß so ein)

Seite 57: "Blumenstraße" geändert in "Blumenstrauße" (noch mit einem hübschen Blumenstrauße beschenkt hatte)

Seite 61: "verkockenden" geändert in "verlockenden" (keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt)

Seite 62: "nnd" geändert in "und" (für den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen)

Seite 62: "Einnahmsqunelle" geändert in "Einnahmsquelle" (zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten)

Seite 77: "Flnr" geändert in "Flur" (einen Spaziergang durch Wald und Flur machten)

Seite 90: "kömmerte" geändert in "kümmerte" (nicht gerade luxuriös aussah, kümmerte ihn nicht so viel)

Seite 92: "." eingefügt (anderer zu kritisieren. Hauptsächlich aber gedachte er)

Seite 99: "Gfühl" geändert in "Gefühl" (noch ein anderes Gefühl machte sich geltend)]